Freitag, 26. April 2013

Bundestagswahl und Barrierefreiheit: So zugänglich sind die Webseiten der Parteien

Logo des Blinden- und Sehbehindertenvereins Hamburg
Logo des Blinden- und Sehbehindertenvereins Hamburg
Gastbeitrag von Heiko Kunert, Geschäftsführer des Blinden- und Sehbehindertenvereins Hamburg e.V. 

Vor einigen Wochen habe ich für den Hamburger Wahlbeobachter-Blog die Webseiten der Hamburger Parteien getestetmit negativem Ergebnis. Wie aber schneiden die Seiten der Bundesparteien im Wahljahr 2013 ab? Sind deren Inhalte für blinde Menschen wie mich oder für sehbehinderte Nutzer zugänglich? Insbesondere für diese Gruppe ist das Internet eine wichtige Informationsquelle. Mithilfe von Screenreader, Sprachausgabe und Braillezeile ist das Surfen ohne Probleme möglich. Aber auch die Webseiten müssen einige Voraussetzungen mitbringen.

Der Test


Christlich Demokratische Union Deutschlands (CDU)
www.cdu.de


www.cdu.de
Screenshot der Webseite der CDU
Die Startseite der CDU ist für mich kaum bedienbar. Es gibt keine im HTML ausgezeichneten Überschriften oder Orientierungspunkte (Landmarks). Auch die Navigation ist nicht zugänglich. Insgesamt ist die Seite sehr grafiklastig. Der Hauptblock mit Themen und aktuellen Meldungen ist vollkommen in Flash dargestellt, hier kommt bei meinem Screenreader – der Software, die mir den Bildschirminhalt zugänglich macht – nur ein einziges Chaos von Schaltern und Textbausteinen an. Das ist für mich wirr und quasi nicht bedienbar. Auch sehbehinderte Menschen, die auf eine freie Skalierbarkeit und Anpassbarkeit angewiesen sind, können cdu.de nur schlecht nutzen. Es gibt nur eines, was mir positiv auffällt: Grafiken verfügen über Alternativ-Texte. 

Fazit: Mangelhaft


Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD)  
www.spd.de


www.spd.de
Screenshot der Webseite der SPD
Dass sich die Webdesigner der SPD mit dem Thema Barrierefreiheit befasst haben, wird schon beim Aufrufen der Startseite deutlich. Mein Screenreader sagt mir an, dass Überschriften und Orientierungs-punkte vorhanden sind. Mit diesen erschließt sich mir die Struktur der Seite schnell und ich kann gezielt Inhalte ansteuern. Die Überschriften haben unterschiedliche Ebenen, so dass ich sofort beim Lesen der Seite weiß, welche Headlines Haupt- und welche Unterüberschriften sind. Es gibt Spunglinks, mit denen ich direkt zur Navigation und zum Hauptinhalt springen kann. Grafiken verfügen – mit einer Ausnahme – über Alternativ-Texte, die allerdings manchmal noch aussage-kräftiger sein sollten. Die Seite ist weitgehend skalierbar und kann an Bedürfnisse sehbehinderter Menschen angepasst werden. 

Fazit: Gut


Freie Demokratische Partei (FDP) 
www.fdp.de


www.fdp.de
Screenshot der Webseite der FDP
Auch bei den Liberalen ist die Strukturierung der Seite sehr gut. Es gibt im HTML ausgezeichnete Überschriften mit unterschiedlichen Ebenen. Und es gibt korrekt angewandte Orientierungspunkte (zum Beispiel für die Navigation, Banner, Hauptinhalt oder Artikel). Es gibt Links, mit denen ich direkt zur Navigation und zum Inhalt springen kann. Grafiken verfügen über Alternativtexte, die sich hin und wieder stärker auf die Grafik selbst beziehen sollten. Einzig zu kritisieren ist, dass es bei der Vergrößerung Schwierigkeiten gibt. Hier zerfällt das Layout.

Fazit: Befriedigend


DIE LINKE 
www.die-linke.de/

www.die-linke.de
Screenshot der Webseite der Partei Die LINKE

Die Website der Linken bewegt sich im Mittelfeld der getesteten Angebote.
Alle Inhalte verfügen über Überschriften. Allerdings fehlen Landmarks vollständig. Auch gibt es keine strukturierenden Überschriften, zum Beispiel für die Navigation, diese würden mir das Ansteuern erleichtern. Mit wenigen
Kurztastenbefehlen könnte ich direkt zur Navigation gelangen. Da die struktur- ierenden Überschriften fehlen, muss ich mir zeitaufwändig die Seite vorlesen lassen, bis ich den Bereich finde, den ich suche. Grafiken verfügen fast alle über Alternativtexte. Auch die Anpassbarkeit für sehbehinderte User ist prinzipiell gewährleistet.


Fazit: Ausreichend 

 
Bündnis 90/Die Grünen 
www.gruene.de


www.gruene.de
Screenshot Webseite von Bündnis 90/Die Grünen
Auf der Website von Bündnis 90/Die Grünen finde ich zwar im HTML ausgezeichnete Überschriften, allerdings keine Orientierungspunkte oder strukturierende Überschriften. Einige Grafiken haben keinen Alternativtext, andere Alternativ-Texte sind kryptisch, einige dafür aber auch vorbildlich – ein Beispiel dafür: „Eine Frau zeigt ihren deutschen und ihren kubanischen Pass“. Mit einer solchen Beschreibung wird mir wirklich deutlich, was das Bild, das die sehenden Nutzer betrachten können, zeigt. Dafür zerfällt das Layout, sobald ein sehbehinderter Nutzer die Schrift vergrößern möchte. Auch mit benutzerdefinierten Farbeinstellungen ist gruene.de kaum nutzbar. 

Fazit: Ausreichend


Piratenpartei Deutschland (PIRATEN) 
www.piratenpartei.de 


www.piratenpartei.de
Screenshot der Webseite der Piratenpartei
Die Website der Piratenpartei verfügt über strukturierende Überschriften, eine größten Teils klare Überschriften-Hierarchie und über sinnvoll eingesetzte Orientierungspunkte. Auch Sprunglinks zum schnellen Erreichen von Navigation und Inhalt sind vorhanden. Grafiken verfügen über Alternativtexte, die allerdings nicht immer präzise sind. Die Seite ist für sehbehinderte Nutzer gut skalierbar und kann individuell angepasst werden. 

Fazit: Gut


Zusammenfassung/Fazit:



Die Startseiten von Piratenpartei, SPD und FDP fallen in Sachen Barrierefreiheit positiv auf. Hier wird deutlich, dass beim Erstellen der Seite wichtige Kriterien berücksichtigt wurden. Linke und Grüne müssten noch mehr tun, um ihre Seiten auch blinden und sehbehinderten Nutzern zugänglich zu machen. Bei der CDU sind so gut wie keine Bemühungen hinsichtlich der Barrierefreiheit erkennbar.

Das Ergebnis ist enttäuschend. Das Thema Barrierefreiheit ist immer noch nicht selbstverständlich. Während Behörden und staatliche Einrichtungen schon lange verpflichtet sind, ihre Webangebote zugänglich zu gestalten - siehe BITV 2.0 -, sind Parteien es nicht. Aufgrund ihrer exponierten Rolle in der politischen Willensbildung, sollten sie sich endlich des Themas annehmen. Schon aus Eigennutz: In Deutschland leben ca. 1,2 Millionen blinde und sehbehinderte Menschen, 12% der Bevölkerung haben eine anerkannte Behinderung und unsere Gesellschaft wird immer älter. Bisher schließen die Webangebote der Parteien diesen Teil der Wählerschaft zu großen Teilen aus. 


Hinweis:

Dieser Test vermittelt lediglich einen ersten Eindruck. Es wurden dabei nur die Startseiten berücksichtigt. Außerdem wurden nur einige wenige Aspekte rund um Barrierefreiheit überprüft. Umfangreiche Tests bietet zum Beispiel die BIK-Beratungsstelle des Blinden- und Sehbehindertenvereins Hamburg an. Hier können sich Interessierte auch zum Thema beraten lassen. 

Der Autor

Foto von Heiko Kunert
Heiko Kunert (36) ist Geschäftsführer des Blinden- und Sehbehindertenvereins Hamburg und ist selbst blind. 
Er bloggt auf blindpr.com und im Inklusionsblog der Aktion Mensch.










Anmerkung Hamburger Wahlbeobachter
Auch dieser Blog ist noch nicht zu 100% barrierfrei gestaltet. Dies hat zum großen Teil mit der verwendeten Blogsoftware von blogger.com zu tun. Der Gastbeitrag ist aber Anlaß den Blog zukünftig noch stärker barrierefrei zu gestalten. Für die wertvollen Anmerkungen und Hinweise danke ich Heiko Kunert.  

Paralell zur Veröffentlichung im Blog wurden die Testergebnisse auch in der Süddeutschen Zeitung vom 26.April 2013 veröffentlicht.


Mittwoch, 17. April 2013

Facebook Leitfaden für Politiker und Amtsträger

Facebook ist in der deutschen Politik angekommen. Nach Analysen dieses Blogs nutzen zum Beginn des Bundestagswahljahres 2013 76 Prozent der Bundestagsabgeordneten das soziale Netzwerk für den Dialog mit dem Bürger. Kein anderes Netzwerk wird so intensiv genutzt.

Logo Facebook
471 der 620 Abgeordneten haben ein eigenes Facebookprofil.
76 % der Bundestagsabgeordneten sind bei Facebook angemeldet.



348 von 620 Abgeordenten nutzen ein persönliches Profil.
56,1 % der Bundestagsabgeordneten kommunizieren über private Profile.

226 von 620 Abgeordneten haben eine Fanseite.
36,5 % der Bundestagsabgeordneten haben sich für die Nutzung einer Seite entschieden. 

Einen Überblick über alle Facebook-Fanseiten der Bundestagsabgeordneten liefert das Social-Media-Analyse-Portal Pluragraph.de hier.   


Um Facebook noch besser für die Kommunikation zu nutzen hat Facebook Deutschland seinen existierenden "Leitfaden für Politiker und Amtsträger" nun komplett überarbeitet und gibt auf 22 Seiten umfassende Tipps und Tricks. Neben konkreten Praxis-Beispielen der Bundestagsabgeordneten Manuel Höferlin (FDP), Lars Klingbeil (SPD), Dr. Peter Tauber (CDU) und des Bundestagskandidaten Özcan Mutlu (Bündnis 90/ Die Grünen) geht der Leitfaden auch auf Fragen des Datenschutzes und auf Mythen im Zusammenhang mit Facebook näher ein.   

Der Leifaden kann hier heruntergeladen werden:

Facebook Leitfaden für Politiker



Am 15. April wurde der Leitfaden im Berliner BASE_camp der Öffentlichkeit präsentiert. Im Anschluss daran diskutieren die Politiker und Best-Practice-Geber im Leitfaden über die Nutzung von Facebook im politischen Alltag.

Einige Impressionen von dieser Veranstaltung gibt es hier.

Der Hamburger Wahlbeobachter bei der Vorstellung des Leitfadens im BASE_camp Berlin.










Vorstellung der einzelnen Seiten durch den Hamburger Wahlbeobachter im vollen BASE-camp.







 


In Aktion MdB Lars Klingbeil (SPD)
Diskussion im Anschluss an den Einblick in den Leitfaden. MdB Lars Klingbeil (SPD) in Aktion.


Das Podium im Überblick. Von links nach rechts: MdB Lars Klingbeil (SPD), Eva-Maria Kirchsieper (Facebook), MdA Özcan Mutlu (Bündnis 90/Die Grünen), MdB Dr. Peter Tauber (CDU) und MdB Manuel Höferlin (FDP).


Fotoshooting im Anschluss an die Diskussion u.a. mit Eva-Maria Kirchsieper (Facebook), Lars Klingbeil, Özcan Mutlu, Dr. Peter Tauber (verdeckt) und Manuel Höferlin.








Fotos mit freundlicher Genehmigung von Thomas Lobenwein.

Disclaimer: Der Autor dieser Zeilen und dieses Blogs hat Facebook Deutschland bei der Konzeption und Erstellung des Leitfadens beraten.