Montag, 13. Juli 2015

Veni, Video, Vici – Warum erfolgreiche Politik mehr gute Bewegtbilder braucht

Dies ist ein Gastbeitrag von Christian Minaty. Er ist Blogger, Diplom-Politologe und Internet-Unternehmer. Freiberuflich betreibt er die Politik-Blogs Turnschuhe & Krawatte (junge Politiker) und Kanzlerkino (politische Promis und Videos). Christian Minaty beschreibt, warum Videos mit politischem Inhalt oft nicht funktionieren und fügt gelungene Beispiele an, wie angeblich langweilige Politik z.T. Millionen Views und Tausende Kommentare pro Video einsammeln kann.

Screenshot
YouTube-Channel der Bundesregierung
Die Bundeskanzlerin ist seit Anfang Juni bei Instagram: Angela Merkel ist damit nun auf einigen der wichtigsten Kanälen der Social-Media-Sphäre vertreten. Auch wenn auf dem Account vorerst nur Bilder und noch keine Kurzvideos wie etwa auf den Instagram-Kanälen von US-Präsident Obama zu sehen sind, verzeichnet Merkels neuester „Staatssender“ allein in den ersten Wochen Tausende Likes und Kommentare. Mit dem YouTube-Channel der Bundesregierung hat die Kanzlerin zudem bereits einen erfolgreichen Video-Kanal etabliert.

Hat da jemand etwas von Politikverdrossenheit gesagt? Die Bürger gieren nach Informationen und wollen fast schon 24/7 Politik konsumieren. Es passiert ja derart viel Hochpolitisches, dass der Stoff so schnell nicht ausgeht. Social Media ist das Beste, was der Politik passieren konnte. Der Homo politicus mag interessante politische Inhalte, nur professionell rübergebracht müssen sie sein. Ein gutes Politikvideo ist oft genauso spannend wie ein fiktiver Polit-Thriller im Kino.

Screenshot
YouTube-Channel der Landesregierung Rheinland-Pfalz
Jetzt kommt das große Aber. Denn bei Top-Politikern wie Angela Merkel mögen Videos noch ein Selbstläufer sein. Die CDU-Chefin ist so bekannt, dass sie automatisch viel Traffic zieht. Doch selbst bei der Kanzlerin gibt es zahlreiche Videos, die bei der 500er-Views-Marke herumdümpeln. Bei einzelnen Abgeordneten, bei Unternehmen mit ihren Government-Relations-Abteilungen oder den Landesregierungen sieht es videomäßig oft sehr viel düsterer aus. YouTube-Hits funktionieren hier meist nur mit massiver Bewerbung. Doch auch das ändert nichts daran, dass Politikvideos vielfach lieb- und vor allem planlos zusammengezimmerte Machwerke sind.

Da darf es keinen wundern, wenn nur wenige Nutzer ihre kostbare Zeit in Videos mit drögen Reden, arg werbliche Imagefilme oder merkwürdige Erklär-Filme investieren wollen. Natürlich liegt das auch an den Anbietern. Facebook und Google machen viel Geld mit der Bewerbung von Videos. Wer also kein saftiges Budget in die Bewerbung pumpt, muss davon ausgehen, dass eigene Videos nicht ganz vorn in dem täglichen Video-Tsunami mitschwimmen und prominent angezeigt werden. Das erklärt jedoch nicht, dass gut gemachte Politikvideos auch ohne teure Bewerbung in sozialen Netzwerken mit organischem Wachstum durchstarten.

„Wie bekommen wir nur mehr Reichweite?“, „Wir brauchen unbedingt mehr Views“, „Wir müssen noch intensiver testen, was die User wirklich sehen wollen!“ – solche und ähnliche Sprüche werden Mantra-mäßig in Parteigremien, Abgeordneten-Kaffeekränzchen und Behördenkonferenzen aufgesagt. Alle suchen das perfekte Video, alle wollen, dass es superviral wird und billig soll es auch noch sein. Dabei liegen die Voraussetzungen, wann ein Video erfolgreich wird, längst auf dem Tisch! Mut zum Top-Inhalt heißen die Zauberwörter. Etwas anderes zählt nicht. Da helfen auch noch so viel Hochglanz, teure Agenturen oder die besten Kameras nicht.

Was ist denn nun guter Inhalt? Fesselnder Stoff. Und wie bekommt man den? Es gibt exzellente Beispiele, wie man Politik „richtig“ darstellt und Kommentare, Likes und Klicks sammelt. Im Folgenden eine kleine Liste mit essentiellen Zutaten, auf die ein Politikvideo nicht verzichten sollte:

  1. Story:
Für Reportagen, Features oder Interviews braucht es immer ein durchdachtes Video-„Drehbuch“. Und wenn man eine tolle Story sogar in Serie liefern kann, steigt der Wiedererkennungswert enorm. Das allein macht einen unschätzbaren Vorteil gegenüber anderen Anbietern aus:


Nur eines von zahlreichen erfolgreichen „Action-Filmen“ der Bundeswehr, die mit ihrem YouTube-Kanal und harter Verteidigungspolitik im wahrsten Sinne des Wortes regelmäßig Zehntausende Klicks pro Video einheimsen.

  1. Exklusivität:
Wenn Politiker Dinge verkünden, die schon an einschlägige Blogs durchgesickert oder an anderer Stelle längst offiziell verkündet worden sind, dann braucht man damit drei Wochen später auch nicht mehr um die Ecke kommen. Wer clever ist, prescht zeitnah mit exklusiven Infos voran.


Barack Obama verkündet quasi im Alleingang das erfolgreiche Ergebnis der streng geheim durchgeführten Anti-Terror-Mission gegen Osama Bin Laden. Exklusiver und majestätischer kann eine solche politische Top-Geschichte nicht präsentiert werden.

  1. Aktualität:
Natürlich gibt es auch zeitlose Inhalte, die für ein Video infrage kommen können. Doch generell gilt: Je mehr „Breaking News“-Charakter ein Politikvideo hat, umso besser.


Ein sichtlich verstörter französischer Staatspräsident François Hollande gibt am Tatort der „Charlie Hebdo“ Attentate noch am selben Tag ein kurzes Statement. Das Ereignis bestimmte über Tage und Wochen die politische Agenda. Vor allem in Krisen-Situationen ist Schnelligkeit Trumpf, um dem politischen Gegner oder gar Feinden wie Terroristen keinesfalls die Meinungs- und Deutungs-Hoheit zu überlassen.

  1. Aufmachung:
Im Prinzip sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt: Ein Politikvideo kann eine Diskussion vor Publikum zeigen, eine Rede im Präsidentenpalast, eine „Live“-Szene mitten auf dem Parteitag etc. Auch hier gilt wieder: Je ausgefallener, umso besser. Schreibtisch-Monologe bitte nur, wenn das Thema die Zuschauer vom Stuhl haut (z.B. „Griechenland verlässt die Eurozone“).

Auf dem G7-Gipfel auf Schloss Elmau gönnten sich Barack Obama und Angela Merkel ein Bad in der Menge. Obwohl keine politischen Inhalte in dem Video vorkommen, ist es schon ungewöhnlich, wenn der US-Präsident mit oberbayerischen Dorfbewohnern zusammentrifft. Derartige Hingucker-Szenen brauchen nicht viel Erklärung und laden zum Kommentieren und Teilen geradezu ein.

  1. Emotionen:
Besonders emotionale Momente sorgen für starkes Interesse der Zuschauer. Das kann eine leidenschaftlich vorgetragene Rede sein, ein Wutausbruch im Parlament oder eine hitzige Diskussion in einer Talkrunde.


Beim Staatsbesuch des ägyptischen Präsidenten Abd al-Fattah al-Sisi bei Angela Merkel in Berlin nutzte eine junge Ägypterin nach der Pressekonferenz im Kanzleramt die Gunst der Stunde, um ihrer Wut auf al-Sisi vor laufenden Kameras Luft zu machen. Der nachfolgende Tumult sorgte für hohe Klickzahlen.



Es geht aber auch lustig, wie der legendäre Lachanfall des Schweizer Bundesrats Hans-Rudolf Merz zeigt.

  1. Polarisierung:
Kontroverse Meinungen zu äußern und zielgerichtet zuzuspitzen ist in der Politik extrem wichtig. Denn nur der, der für etwas steht, ist interessant und umgekehrt ist der, der sich hinter Geschwafel und Schachtelsätzen versteckt, für das Publikum einfach nur einschläfernd.


Wenn Russlands Präsident Wladimir Putin vor die Kamera tritt, sehen viele rot. Doch genau das ist es, was dem Polit-Profi lauter Quotenhits beschert. Wie kaum ein zweiter polarisiert Putin mit extrem kontroversen und sehr scharfzüngig vorgebrachten Äußerungen und bestimmt so die weltpolitische Agenda maßgeblich mit.

  1. Originalität:
Jeder will in einem Video möglichst originell rüberkommen, klar, doch nur wenige haben es drauf, sich vom Einheitsbrei abzuheben. Nicht wenigen Politikvideos sieht man den puren Angstschweiß an – man will bloß nicht anecken, bloß keinen Shitstorm beim Wähler erzeugen, nicht zu viel sagen etc. etc. Das kann nicht funktionieren. Wer wirklich erfolgreich sein will, der muss mutig zur eigenen Meinung stehen.


Man kann der griechischen Regierungspartei Syriza und insbesondere Griechenlands Ex-Finanzminister Yanis Varoufakis vielleicht einiges vorwerfen, doch sicher nicht, dass er nicht originell und authentisch auf sämtlichen Videos rüberkommt. Der smarte Ökonom hält die EU schon länger mit seiner Sicht der Dinge, was Euro und möglichen Grexit anbelangt, in Atem. „Varou“ nimmt kein Blatt vor den Mund wie manch anderer Politiker.

  1. Promi-Faktor:
Wer spielt in einem Politikvideo die Hauptrolle? Nur der Pressesprecher oder die Agentur-Mitarbeiterin? Oder die Kanzlerin oder der Minister selber? Das macht einen gewaltigen Unterschied. Ein „Promi“-Video wird meistens zum Selbstläufer. Und wenn man keinen Star zur Verfügung hat, dann müssen wenigstens andere Faktoren stimmen (s.o.), damit das Video durchstartet.


UN Messenger of Peace Leonardo DiCaprio ist ein perfekter Überbringer einer politischen Botschaft. Ihn kennt praktisch jeder, der Schauspieler hat Millionen Fans. Hier sind alle Ampeln auf grün.

  1. Innovation:
Wie man politische Inhalte vorträgt, das ist nicht in Stein gehauen. Trotzdem sieht man oft Sprecher im altbackenen „Tagesschau“-Reporter-Singsang palavern. Lieber nicht. Man kann durchaus neue Wege einschlagen.


Kanzlerinterviewer und Video-Blogger LeFloid geht es zwar eher seicht mit seiner politischen Satire an, doch seine locker-flockig gemachten Videos transportieren sehr oft harte politische Inhalte. Er hat sich mit seinen zigtausenden meist jugendlichen Fans wahrscheinlich eine große eher unpolitische Zielgruppe erschlossen. Ein großer Verdienst. Von daher ein vielversprechender und erfolgreicher Ansatz.

  1. Überraschung:
Ein Magnet für Nutzer sind Politikvideos, in der sich Routine-Situationen plötzlich in etwas Unvorhersehbares wandeln. Überraschende Momente wirken belebend und nehmen Politik ihre Statik und Steifheit.


Beim 25. Jahrestages des Mauerfalls sollte der ehemalige DDR-Dissident Wolf Biermann im Bundestag eines seiner Lieder spielen, griff aber zuvor die Fraktion der LINKEN in der Live-Übertragung scharf an.


Autor:

Christian Minaty (Foto: Johannes Dziemballa)
Christian Minaty, Wahl-Berliner, war unter anderem in den Presse-Teams der Bayerischen Staatskanzlei, im Bundesverteidigungsministerium und bei Microsoft beschäftigt und kennt politische Krisen und tägliche Shitstorms in Orkanstärke aus dem Effeff.

Freiberuflich betreibt er die Politik-Blogs Turnschuhe & Krawatte und Kanzlerkino.de, hält Vorträge und entwirft Ideen für gute Politik, nachhaltige Social-Media-Strategien und Konzepte für Politik-Videos.

1 Kommentar:

  1. Gute Beispiele zum Thema gibt es nicht nur in den USA oder sonstwo in der weiten Welt. Hier der Link zu Videos von Katja Suding, der erfolgreichen FDP-Chefin in Hamburg: https://www.youtube.com/user/SudingKatja Besonders empfehlenswert ist der Clip zum Thema Bildung: https://youtu.be/ofzTFy2LJgQ Viel Spaß!

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