Wahlbeobachter in den Medien

Dienstag, 22. März 2016

Angst vor dem Dialog - Wie Politiker und Parlamente Social Media nutzen (sollten)

Dies ist ein Gastbeitrag von Chantal Schwindenhammer. Sie untersuchte in ihrer Bachelorarbeit an der Friedrich-Schiller-Universität Jena „Parlaments-PR und Social Media. Von einer einseitigen zu einer dialogorientierten Kommunikation mit neuen Partizipationsmöglichkeitendie politische Kommunikation im digitalen Raum.


FSU Jena
Logo FSU Jena
Die Politik ist dazu angehalten, ihre Arbeit öffentlich zu machen (vom Bundesverfassungsgericht in einem Urteil vom 02.03.1977 festgelegt, vgl. auch Kunczik 2010) um ihre Entscheidungen zu legitimieren und im besten Fall das Vertrauen der Öffentlichkeit zu gewinnen. Dazu gibt es vielfältige Möglichkeiten. Eine neuere davon stellt Social Media dar. Durch eine Literatursynopse unterschiedlicher Studien aus dem deutschem und internationalem Raum, lässt sich ableiten, inwiefern Parlamente, Parteien und Abgeordnete sich auf Social-Media-Plattformen präsentieren und ob dort ein Dialog mit den Bürgern gesucht wird.

Grundsätzlich werden Social-Media-Kanäle noch nicht mit einer langfristigen Strategie von deutschen Politikern genutzt. Die meisten Parlamentarier verbreiten Informationen und suchen keinen Dialog, außerdem werden selten sämtliche Möglichkeiten des Social Media ausgelotet. Es werden zwar häufig Links geteilt (67%), doch weder Fotos (18%) noch Videos (3%) sind des Öfteren zu finden (Schultz 2015). Nach Meckel et al. (2013) werden drei Nutzertypen klassifiziert (Abb. 1).


Infografik
Abbildung 1: Politische Nutzertypen bei Social Media (nach Meckel et al. 2013)



Bei den Parteien zeichnet sich dagegen ein zeitbezogenes Bild. Während eines Wahlkampfes steigt die Kommunikation via Social Media stark an, ist allerdings häufig recht trivial und erzeugt keinen Diskussionsbedarf (vgl. Köhler 2015). Auch die Parlamente streben nicht grundsätzlich nach einem Dialog. Hier ist festzustellen, dass Social Media für mehr Transparenz der politischen Arbeit genutzt wird und weniger für eine echte Zusammenarbeit

 
Beispiel 1
Beispiel 1: Heiko Maas (SPD)
Beispiel 1 zeigt einen Bundesminister, der Social Media vorrangig dazu nutzt, Interviews und schon veröffentlichte Informationen weiter zu verbreiten, aber in der Kommentarspalte nicht mit den Nutzern interagiert. Damit ist er der Nutzergruppe der Profis zuzuordnen.

Gründe für diese Zurückhaltung sind schnell gefunden (Abb. 2). Von der Seite der Bürger ist jedoch eine politische Kommunikation in den sozialen Netzwerken nur für die diejenigen von Interesse, die sich auch offline politisch engagieren (vgl. Conroy et al. 2012). Das Vertrauen der Bürger in die Politik lässt sich jedoch durch Social Media durchaus erhöhen, das erfordert allerdings Transparenz, kontinuierliche und dauerhafte Aktivität auf den Plattformen und im besten Falle Interaktion mit den Bürgern. Das bedeutet, dass Politiker und Parlamente nicht nur Postings veröffentlichen, die sie gut darstellen, sondern auch solche, die möglicherweise negative Auswirkungen haben, wozu sie allerdings direkt im Dialog Stellung beziehen können. Zusätzlich erfordert eine erfolgreiche Arbeit mit Social Media mehr als ein Posting pro Monat, damit eine dauerhafte Beziehung mit den Followern entstehen kann. 



Infografik
Abbildung 2: Gründe für Zurückhaltung von Politikern in Social Media

Es gibt aber auch positive Beispiele. Das Europäische Parlament nutzt seine Facebookseite, um mit den Bürgern in Kontakt zu treten, ihre Meinung zu erfragen und auf Kommentare einzugehen. Außerdem sind die meisten Postings mit Bildern oder Videos verknüpft und somit interessanter für die Nutzer (siehe Beispiel 2.1 und 2.2). 

Screenshot
Beispiel 2.1. Video-Beispiel auf Facebookseite des Europäischen Parlaments

Screenshot
Beispiel 2.2. Dialog auf der Facebookseite des Europäischen Parlaments
 

FAZIT


Zusammengefasst sind die gegenwärtigen Social-Media-Aktivitäten der Politik in den meisten Fällen wenig interaktiv und aktionsbezogen, doch es gibt auch Beispiele, die einen interaktiveren Weg gehen. Auf jeden Fall sollten die Chancen für eine verbesserte Verbindung mit den Bürgern nicht ignoriert werden


Autorin: 
 
Portrait
Chantal Schwindenhammer
Chantal Schwindenhammer hat einen Bachelorabschluss von der Friedrich-Schiller-Universität in Jena in Kommunikationswissenschaft mit Wirtschaftswissenschaft im Nebenfach. Ihre Interessen liegen in der Öffentlichkeitsarbeit und in den Kommunikationsstrategien von Unternehmen und Institutionen.
Kontakt:chantal.schwin@gmail.com 











Literatur  


Conroy, M., Feezell, J. T., & Guerrero, M. (2012). Facebook and political engagement: A study of online political group membership and offline political engagement. Computers in Human Behavior, 28(5), 1535-1546.
Köhler, A. (2015). Wahlkampfmotivation statt Bürgerdialog? In M. Kaeding & N. Switek (Hrsg.), Die Europawahl 2014 (S. 257-270). Wiesbaden: Springer VS.

Kunczik, M. (2010). Public Relations. Konzepte und Theorien (5., überarb. und erw. Aufl.). Köln [u.a.]: Böhlau.

Meckel, M., Hoffmann, C., Bucher, E., & Suphan, A. (2013). Politiker im Netz – Treiber und Hürden der Social Media-Nutzung unter Bundes- und Landtagsabgeordneten. Abschlussbericht.

Schultz, K. (2015). Europa goes Facebook – Faktoren für eine erfolgreiche Öffentlichkeitsarbeit der Abgeordneten des Europäischen Parlaments auf Facebook. In R. Fröhlich & T. Koch (Hrsg.), Politik – PR – Persuasion (S. 219-235). Wiesbaden: Springer VS.



Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen