Montag, 11. November 2013

Kein Anschluss unter diesem Profil? - Ergebnisse der ISPRAT-Studie "Politiker im Netz"

Ein Gastbeitrag von Prof. Miriam Meckel und Prof. Christian Pieter Hoffmann vom Institut für Medien- und Kommunikationsmanagement der Universität St. Gallen. 
Der Gastbeitrag beruht auf den Ergebnissen der ISPRAT-Studie „Politiker im Netz: Treiber und Hürden der Social Media-Nutzung unter Bundes- und Landtagsabgeordneten“.

Logo =mcm institute Universität St. Gallen
Macht das Internet die Politik zugänglicher für die Bürger? 
Führen Soziale Medien zu mehr Austausch zwischen politischen Eliten und Wählern? Läuten Soziale Medien gar eine neue Ära der politischen Beteiligung ein? Viele Hoffnungen verbinden sich mit den Auswirkungen neuer Kommunikationstechnologien auf politische Entscheidungsprozesse. Um die Chancen und Herausforderungen Sozialer Medien in der politischen Kommunikation Deutschlands zu untersuchen, führte die Universität St. Gallen nun im Rahmen eines ISPRAT-Forschungsprojekts eine Umfrage unter deutschen Bundes- und Landtagsabgeordneten durch.

Mitte bis Ende 2012 wurden alle Abgeordneten des Deutschen Bundestages sowie alle Landesparlamentarier zur Teilnahme an einer Online-Befragung eingeladen. 398 Abgeordnete kamen dieser Einladung nach. Gegenstand der Erhebung waren die Motive, Zielgruppen und Inhalte, aber auch die Organisation der Social Media-Kommunikation.  Die Ergebnisse lassen Rückschlüsse auf das interaktive Potenzial der neuen Medien im politischen Betrieb zu – sie zeichnen ein Bild, das wenig Futter für utopische Hoffnungen bereithält:

90 Prozent der befragten Politiker nutzen soziale Medien


Balkdendiagramm
Quelle: statista.de
Zwar bestätigt sich, dass Soziale Medien im politischen Kommunikationsalltag angekommen sind. Nur 10% der Befragten nutzen keine Soziale Medien, über 70% sind dagegen mehrmals pro Woche auf Sozialen Netzwerken aktiv. Die Landesparlamentarier zeigen sich dabei etwas weniger engagiert, als Bundestagsabgeordnete: Im Bund liegt der Anteil regelmässiger Social Network-Nutzer bei 86%, auf Landesebene nur bei 75%. Bei Twitter liegt dieses Verhältnis sogar bei 59% zu 35%. In der Dauer der Internetnutzung (im Schnitt 4 Stunden 20 Minuten am Tag) erweisen sich Bundes- wie Landespolitiker als überdurchschnittlich aktive Onliner.

Aktive Nutzung ist jedoch nicht gleichbedeutend mit interaktiver Nutzung. Ein Blick auf die Nutzungsmotive macht deutlich: Im Vordergrund stehen für die politischen Kommunikationsprofis werbende Ziele und Inhalte. Vor allem im Bund werden Soziale Medien eingesetzt, um 

  • Wähler zu erreichen (94%),
  • politische Botschaften zu verbreiten (87%), 
  • auf politische Erfolge aufmerksam zu machen (83%) 
  • und das eigene Profil zu schärfen (78%). 

Wichtige Inhalte sind entsprechend Berichte über eigene Tätigkeiten (85%) sowie Auftritte (72%), Kommentare zum politischen Geschehen (80%) und selbstverfasste Artikel (79%).

Balkendiagramm




Dialogische Motive treten dagegen in den Hintergrund. Immerhin 74% wollen auch sehen, was ihre Wähler umtreibt. 54% interessieren sich für die Aktivitäten der politischen Gegner. Sich eine Meinung bilden (50%) oder gar das eigene Netzwerk um Rat fragen (33%) sind dagegen klar untergeordnete Nutzungsmotive. Dies spiegelt sich auch in den bevorzugten Inhalten: Reaktionen auf Freunde (39%) oder Fragen an das eigene Netzwerk (19%) spielen hier kaum eine Rolle.

Die Analyse zeigt, dass Eigenwerbung das wichtigste Nutzungsmotiv bildet, mit deutlichem Abstand vor der Aufnahme von Informationen. Entsprechend gehört das Monitoring Sozialer Medien nicht zu den populärsten Applikationen – 53% der Bundestagsabgeordneten nutzen täglich diese Funktion, und sogar nur 25% der Landesparlamentarier. Der häufigste Nutzertyp unter den Abgeordneten ist denn auch der „Profi“: 62% der Teilnehmenden, vor allem Abgeordnete der Volksparteien, gehören diesem Typus an, der selektiv Soziale Medien einsetzt, um Werbung für eigene Belange zu machen, und so Wähler und Unterstützer zu erreichen.





Nur 24% gehören dagegen dem „begeisterten“ Typus an, der Soziale Medien auch nutzt, um Informationen und Links zu teilen, Fragen zu stellen, Aufrufe zu starten oder auch einfach, weil die neuen Medien Spass machen. Besonders häufig findet sich dieser Typus bei den Piraten, am ehesten gehören junge Abgeordnete zu dieser Gruppe. Die insgesamt etwas weniger aktiven und motivierten Landesparlamentarier erweisen sich interessanterweise als etwas offener für eine dialogische Social Media-Nutzung, als ihre Kollegen im Bund. Motive wie  „auf dem Laufenden bleiben“ (76%), „Nachrichten lesen“ (70%) oder „verstehen, was die Wähler umtreibt“ (63%) gehören hier zu den wichtigeren. Die Abgeordneten der Länderparlamente richten sich eher an Parteifreunde und Unterstützer, als an die breite Öffentlichkeit. Dies spiegelt sich auch in den Inhalten: „Reaktionen auf Freunde“ sind auf Landesebene deutlich wichtiger als im Bund.

Eine wirklich interaktive, dialogische Nutzung Sozialer Medien setzt nicht zuletzt voraus, dass die hier ausgetauschten Nachrichten die Abgeordneten tatsächlich erreichen. Die Analyse zeigt, dass 62,6% der Abgeordneten beim Unterhalt ihrer Social Media-Profile auf die Unterstützung von Mitarbeitenden oder Agenturen zurückgreifen. Dieser Anteil ist mit 82% im Bund deutlich höher als auf Landesebene (56%). Das Zurückgreifen auf Unterstützung im Rahmen der Social Media-Nutzung bedeutet jedoch nicht, dass Anfragen und Konversationen ins Leere laufen.  Über 90% der Abgeordneten haben das Gefühl, weitgehende oder vollständige Kontrolle darüber auszuüben, was auf ihren Online-Profilen geschieht. 

Tortendiagramm






Fazit 


Zusammenfassend kann festgestellt werden: Soziale Medien werden aktiv in der politischen Kommunikation eingesetzt. Sie führen durchaus zu einer Reihe von Neuerungen, wie etwa einer stark personalisierten Kommunikation an den Massenmedien vorbei. Utopische Hoffnungen auf eine neue Dynamik des Dialogs und der Beteiligungen sind jedoch – noch jedenfalls – nicht angebracht. Die Abgeordneten erweisen sich als Kommunikationsprofis, die über ihre Online-Präsenz vor allem Eigenwerbung betreiben. Sie greifen dabei gerne auf die Unterstützung von Mitarbeitenden und Dienstleistern zurück. Der aktive Austausch mit der Netzgemeinschaft, die Beobachtung von Diskussionen, die Aufnahme von Anregungen spielt derzeit eine nur untergeordnete Rolle – ist jedoch auf Landesebene populärer als im Bund. Und: Junge Abgeordnete erweisen sich als offener für den wirklichen Austausch im Netz. Grund für Resignation besteht somit mit Blick auf die Zukunft keineswegs.

Autoren:

Miriam Meckel ist Direktorin des Instituts für Medien- und Kommunikationsmanagement und Professorin für Corporate Communication an der Universität St. Gallen, Faculty Associate am BerkmanCenter for Internet and Society der Harvard University, USA, und Gastprofessorin an der Management University, Singapore.

Auf Twitter: @mmeckel






Christian P. Hoffmann ist Assistenzprofessor für Kommunikations-management am Institut für Medien- und Kommunikationsmanagement der Universität St. Gallen. Er ist Dozent an der Hochschule für Wirtschaft Zürich und Forschungsleiter eines Schweizer Think Tanks. 

Auf Twitter: @cphoffmann 






 

Kommentare:

  1. _90 Prozent der befragten Politiker nutzen soziale Medien_
    hier sollte man mal richtig recherchieren wer seine Profile nur pflegen lässt und wer wirklich *selbst* einen Dialog sucht.
    Bisher ist das Social Network für die Meisten nichts anderes als eine neuzutapezierende Wand.

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  2. Lieber borg drone,

    vielen Dank für Ihren Kommentar. Allerdings wirkt dieser als hätten Sie den Gastbeitrag nicht (bis zum Ende) gelesen? Genau das ist doch die Aussage und Erkentniss der sehr gelungenen Studie von Meckel/Hoffmann.

    Genutzt wird Social Media in der Politik, aber nicht unbedingt für den Dialog.

    Martin Fuchs

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