Dienstag, 26. November 2013

Kolumne: Wie Social Media ist der Bundestag, Herr Fuchs?

Ein Blog goes Papier. Dank der Fachzeitschrift "politik & kommunikation" gibts meine Postings auch als Kolumne und auf Totholz. In meiner vierten Kolumne in der November-Ausgabe habe ich mir die von mir analysierten Social-Media-Nutzungszahlen im neuen Bundestag noch einnmal genauer angeschaut und erkläre wie sich die Aktivitäten in den verschiedenen Netzwerken verändert haben.

Hier das Blog-Crossposting dieser Kolumne.

Quell: BITKOM
Über zwei Drittel der deutschen Internetnutzer ist in sozialen Netzwerken wie Facebook, YouTube oder Google+ aktiv. Dieses Potential hat die Politik nicht erst im Bundestagswahlkampf erkannt. Aber besonders in den Monaten vor dem Wahltag meldeten noch einmal viele Kandidaten ein Profil an. Für diese Wahl war das aber eindeutig zu spät. So kurz vorher ist es auch für den versiertesten Social-Media-Profi nur schwer möglich, eine schlagkräftige und mobilisierbare Community aufzubauen. 

Kein Wunder, dass sich viele dieser neuangelegten Profile, zumeist waren es Facebook-Fanseiten, bei den Fanzahlen auch im unteren dreistelligen Bereich bewegten. Eine relevante Reichweite im Wahlkreis erzielten nur die wenigsten der kurzfristig eröffneten Profile. Umso spannender ist nun nach der Wahl die Frage:  

Haben die Politiker Social Media in der Breite verstanden? Ist Ihnen bewusst, dass vertrauensvoller und belastbarer Dialog nur durch kontinuierliche und langfristige Kommunikation gerade zwischen den Wahlen erreicht werden kann?

Selbstverständlich ist es wenige Wochen nach der Konstituierung des Bundestages noch zu früh, ein abschließendes Urteil abzugeben. Und trotzdem: Mich interessierte wie die Abgeordneten im neuen Bundestag die Netzwerke nutzen im Vergleich zu denen der abgelaufenen Legislatur.

Mehr als 95 Prozent der Parlamentarier haben bei mindestens einem sozialen Netzwerk einen aktiven Account. Zum Vergleich: Im Januar dieses Jahres waren es noch 86 Prozent, im Juli knapp 90 Prozent. In der deutschen Politik war Social Media also noch nie so verbreitet wie im Herbst 2013.

Diese Zahlen sind durchaus erfreulich. Der Anstieg um fünf Prozentpunkte im Vergleich zum Sommer lässt sich vor allem mit der hohen Anzahl junger Abgeordneter unter den 230 neuen Mitgliedern des 18. Deutschen Bundestages erklären.

Beachtlich ist die Verbreitung von Facebook, Twitter, Youtube und XING vor allem in den „kleinen“ Fraktionen. Bei den Grünen nutzen mehr als 98 Prozent Social Media, bei der Linksfraktion knapp 97 Prozent. Die SPD machte den größten Sprung: Hatten im Juli nur 89 Prozent einen Account sind es nun bereits ebenfalls 97 Prozent. In der größten Fraktion sitzen die meisten Social-Media-Muffel: 25 Abgeordnete (9 Prozent)  der CDU/CSU verzichten bisher auf die Kommunikation im Web 2.0.  Unter den Abstinenzlern befinden sich prominente Politiker wie die Minister Thomas de Maizière und Ronald Pofalla sowie Fraktionschef Volker Kauder. Die Mitglieder der Volksparteien waren bisher eher weniger in den Netzwerken aktiv, da sich diese meist über eine breite mediale Wahrnehmung im Wahlkreis (als Direktkandidat) oder in Berlin erfreuen konnten. Insbesondere die Mitglieder kleinerer Parteien haben hingegen früh die Chancen von Social Media erkannt, um diese als eigene unabhängige Medienkanäle zu nutzen. 
    
Quelle: UdL Digital
Quelle: UdL Digital
Das beliebteste Netzwerk in der deutschen Politik ist und bleibt Facebook; sowohl bei den Wachstumsraten als auch bei der absoluten Zahl der Nutzer liegt das Netzwerk vorne. Insgesamt 574 Abgeordnete und damit 91 Prozent betreiben ein privates Profil oder eine Fanseite. Die stärkste Verbreitung hat Facebook in der Linksfraktion, die meisten Fanseiten gibt’s bei der SPD-Fraktion. Auf keiner anderen Plattform erreicht man so viele Bürger direkt mit seinen Botschaften wie bei Facebook. Über 25 Millionen Deutsche haben ein Profil, davon sind über 19 Millionen täglich dort aktiv. Zudem haben sich mittlerweile die nützlichen Funktionen (Statistische Auswertung, zielgruppengenau Bewerbung, mehrere Administratoren möglich) der Fanseiten unter den Parlamentariern herumgesprochen. Dies führte zu einer zusätzlichen Welle von neuen Fanseiten im Vorfeld des Wahlkampfes. 

Im Durchschnitt hat jeder Abgeordnete knapp 2800 Fans, die Zahl ist allerdings verzerrt; schließlich hat Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) allein mehr als 400.000 Fans und Peer Steinbrück (SPD) immerhin mehr als 60.000 Fans. Auf der anderen Seite existieren Fanseiten mit niedrigen zweistelligen Fanzahlen wie z.B. bei Hiltrud Lotze (SPD), Jörg Hellmuth (CDU) oder die monothematische Themen-Fanseite von Markus Tressel (Bündnis 90/Die Grünen).

Quelle @twitter_de
Screenshot Liste der twitternden MdB auf @twitter_de
Den Microbloggingdienst Twitter nutzt jeder zweite Parlamentarier, insgesamt aber etwas weniger Abgeordnete als im Juli. Dies hängt damit zusammen, dass die twitteraffinen FDP-Politiker nicht mehr dem Parlament angehören und viele neugewählte Abgeordnete das Netzwerk im Wahlkampf noch nicht für sich entdeckt haben. Hier rechne ich in den kommenden Wochen und Monaten noch mit einem leichten Anstieg der Nutzungszahlen. Im Vergleich zu den Nutzerzahlen in der Gesamtbevölkerung wird Twitter aber in der deutschen Politik überproportional viel genutzt, nur sieben Prozent der Deutschen nutzen das Netzwerk. Dies zeigt sehr deutlich, dass das Netzwerk in Deutschland weiterhin ein klassisches Multiplikatoren-Netzwerk ist, schwerpunktmäßig Kommunikatoren und Multiplikatoren führen hier Dialog miteinander, den „normalen“ Bürger findet man hier bisher weniger. Einen Überblick über alle aktuellen Twitter-Accounts der Bundestagsabgeordneten liefert Pluragraph.de hier.
    
Die meisten Bundestags-Twitterati sind grün: Fast neun von zehn Grünen nutzen die Kommunikation via 140 Zeichen. Im Gegensatz dazu nutzen nur knapp 40 Prozent der Unionsabgeordneten das Netzwerk.
Auch YouTube nutzen die Abgeordneten etwas weniger, das wird sich aber ändern, sobald die ersten Plenarsaal-Reden hochgeladen werden. Die aktivsten Parlaments-Youtuber sitzen ebenfalls bei den Grünen.

Quelle: Wahlportal Google+
Infografik aus dem Google-Wahlportal 2013+ Du
Google+ scheint sich auch in der deutschen Politik zu etablieren. Außer bei der CDU/CSU nutzen in allen anderen Fraktionen gut ein Drittel der Mitglieder dieses Netzwerk. Dies sind doppelt so viele wie noch Anfang 2013. Diese Entwicklung ist auch auf die sehr aktive Begleitung des Wahlkampfes zurückzuführen: Neben einer interaktiven Wahlkreiskarte und einem gut gemachten Wahlportal veröffentlichte Google im Wahlkampf zudem erstmals einen eigenen Leitfaden für Politiker.

Das einzige relevante deutsche Netzwerk ist XING. In der Wahlkampfphase traute sich das Hamburger Portal erstmals auf das politische Parkett und ließ die Nutzer über aktuelle Themen und Statements abstimmen. Jeder vierte Parlamentarier hat hier ein Profil, die stärkste Verbreitung gibt’s bei der Union und den Grünen.

Inzwischen ist der Bundestag ziemlich Social Media – zumindest den Zahlen nach zu urteilen. Jetzt hoffe ich, dass die Abgeordneten dadurch auch anders kommunizieren. Sie sollten in Dialog treten mit ihren Sympathisanten und Kritikern und sie in die täglich Arbeit einbeziehen. Jetzt, nach dem Wahlkampf, müssen sie allerdings nicht mehr nur für sich werben, sondern ihre Politik vor allem erklären. Und den Bürger noch stärker in die eigene Parlamentsarbeit integrieren.

Ich gehe davon aus, das vor dem nächsten Wahlkampf 2017 getitelt werden kann: Jeder Bundestagsabgeordnete nutzt Social Media.

Anmerkung: In der politik & kommunikation ist eine gekürzte Version der Kolumne erschienen. Die Originalkolumne finden Sie hier.  


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