Dienstag, 23. August 2016

Nie wieder Tour-Tagebuch: Facebook Live im politischen Feldexperiment

Dies ist ein Gastbeitrag von Martin van Elten. Er hat den Online-Wahlkampf für verschiedene Gliederungen von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt und seine Spitzenkandidatin 
Prof. Dr. Claudia Dalbert konzeptionell mitentwickelt. 

Am Anfang jeden Wahlkampfs steht die Entwicklung neuer Formate



Grün für Mensch und Tier
Wahlplakat Bündnis 90/Die Grünen Sachsen-Anhalt
Grundsätzlich stehen alle Parteien zu Beginn eines Wahlkampfs vor der Herausforderung neue Formate zu finden, die Wählerinnen und Wähler ansprechen. Dies ist einerseits genauso verständlich, schließlich will man den Menschen vergegenwärtigen, dass der Wahlkampf begonnen hat, wie falsch, da es sehr schwierig ist neue Formate noch während eines Wahlkampfs zu etablieren. Für die grüne Spitzenkandidatin Claudia Dalbert galt es ein zu ihrer Person passendes Konzept für den Wahlkampf zu entwerfen. Dabei hatte jeder Kanal einen Mehrwert: Auf Instagram gab es Einblick auf eher Privates (#Throwbackthursday), auf Twitter wurde man in Echtzeit mit durch den Wahlkampf genommen und auf Facebook gab es neben einer Sharepic-Wahlkampagne jeden Tag ein Live-Video von ihrer Spitzenkandidatinnentour durch Sachsen-Anhalt unter der Marke #ClaudiaDirekt. Die Live-Videos entwickelten sich zu einer reichweitenstarken Alternative zu Tour-Tagebüchern in Form klassischer Blogbeiträge, die auch nach der Wahl ihren Platz in Claudia Dalberts Kommunikation gefunden haben.

Die Entwicklung von #ClaudiaDirekt



Pluragraph.de
Entwicklung Social-Media-Kanäle Prof. Dalbert // pluragraph.de
Bei der Idee Live-Videos von der Tour zu senden stellten sich einige Fragen: Zunächst die schon im Gastbeitrag zu Ministerpräsident Reiner Haseloffs Facebook-Live-Premiere diskutierte Frage, ob Facebook Live oder ein anderer Streamingdienst wie Periscope genutzt werden sollten. Die Entscheidung für Facebook Live fiel dabei schnell wie eindeutig. Zum einen verfügte Claudia Dalbert auf Facebook über eine deutlich größere Anhängerschaft (fast 3 Mal so viel Fans auf Facebook wie Follower auf Twitter) und zum anderen wirkte es so, als ob es gerade in Sachsen-Anhalt kaum eine politische Öffentlichkeit auf Twitter gebe, die nicht entweder Journalisten oder Interessierte sind, die sowieso schon parteipolitisch gebunden sind. Es schien so, dass sich auf Facebook mehr unentschlossene Wählerinnen und Wähler, vor allem über zielgruppenspezifische Werbung, erreichen ließen. So konnte über den Werbeanzeigenmanager die Zielgruppe in etwa auf das (engere) Zweitstimmenpotenzial von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN in Sachsen-Anhalt eingestellt werden.

Prof. Claudia Dalbert
Erstes #ClaudiaDirekt Live-Video von der #GrünTour16
#ClaudiaDirekt wurde als Marke entwickelt, die es als kurze Statements von 30-90 Sekunden und als Sprechstunde gibt. Darüber hinaus ist die Weiterentwicklung zu anderen Live-Formaten denkbar. Die Tour-Statements sind dabei Alternative zu einem klassischen Blog, der von der Tour aufgeführt wurde, aber in der Regel nur wenige Menschen erreicht. Auch beim Vergleich des Aufwands schlägt Facebook-Live das Blog: Ein Live-Video hat im Idealfall einen Aufwand von nur 5-10 Minuten und bietet den Nutzern die Möglichkeit live zu reagieren. Hier geht die Rechnung des geringen Aufwands nur auf, wenn sowieso eine Begleitperson bei Terminen dabei ist, wie etwa bei einer Wahlkampftour oder Sommertour. Ansonsten muss natürlich auch die Arbeits- und vor allem Reisezeit der Begleitperson berücksichtigt werden. So kann sich der Aufwand für ein Live-Video z.B. aus Berlin auf mehrere Stunden summieren. Kommentare gab es überraschenderweise insgesamt relativ wenige und überwiegend positive. Schnell entwickelte sich ein Stammpublikum, das sich die Videos regelmäßig live angesehen hat.

Technische Probleme gab es während der Tour nur wenige, Bildaussetzer entstanden vor allem, wenn über W-LAN gesendet wurde, das Mobilfunknetz war selbst in kleineren Orten stabil. Gelegentlich sind die Aufnahmen zu dunkel, es sollte bei der Aufnahme darauf geachtet werden, dass der Ort hell genug ist und es wenn möglich keine bzw. nur leise Hintergrundgeräusche gibt. Die anfängliche geplante Verwendung eines Mikrofons erwies sich nicht als erforderlich, teilweise wurde ein Stativ benutzt. Dieses sorgt zwar für zusätzlichen Aufwand, verbessert aber die Qualität der Aufnahmen deutlich.

Beim ersten Video gab es einige Anlaufschwierigkeiten: Es gab wegen des W-LANs Aussetzer im Video und mit 300 Aufrufen war die Reichweite eher bescheiden. Wichtig war in diesem Moment, dass am Format festgehalten wurde und sich das Format trotz der Anfangsschwierigkeiten etablieren konnte. Zielgruppe von #ClaudiaDirekt sind vor allem Parteimitglieder und Unterstützer*innen; ein Tour-Videotagebuch ist keine Massenkommunikation, sondern dient vorwiegend der Mobilisierung der eigenen Leute sowie der Information der interessierten Öffentlichkeit. Die organische Reichweite während der Tour lag zwischen 157 und 421 Aufrufen; mit 10 Euro gesponserte #ClaudiaDirekt-Videos erreichten sogar über 2000 Aufrufe. Damit erreichen die Videos höhere Reichweiten als Claudia Dalberts Webseite Zugriffe im ganzen Monat März hatte (ca. 1600 Zugriffe).

 

#ClaudiaDirekt gibt es weiter- direkt von Claudia Dalberts Arbeit der Ministerin


Prof. Claudia Dalbert
                         #ClaudiaDirekt Live-Video aus dem Bundesrat
Nach der Landtagswahl gab es weitere #ClaudiaDirekt-Videos. Überraschenderweise war die Verlosung von Claudia Dalberts Wahlkreisbüro-Kaffeemaschine Frau Limon Grün mit fast 1900 Aufrufen ein echter Quotenbringer. Sehr erfolgreich sind auch die #ClaudiaDirekt-Videos aus dem Plenum des Bundesrats, bei denen direkt über die Debatten und Abstimmungen berichtet wird. Die Reichweite ist dabei höher als im Landtagswahlkampf: Das Video aus dem Juli erreichte über 850 Aufrufe und erhielt eine Menge positiver Kommentare, die die direkte Berichterstattung lobten.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Weitere Videoformate auf Facebook: Daumenkino und Imagevideos


Neben Livevideos waren vor allem die Imagevideos, aber auch das Daumenkino erfolgreich. Imagevideos sind zwar in der Produktion aufwendiger, ließen sich aber z.B. günstiger als Sharepics bewerben. Ein Video, dass die Kernaussagen des Wahlkampfauftaktes zusammenfasste, konnte für 1-2 Cent pro Aufruf (je nach Werbeanzeige) beworben werden und über mehrere zielgruppenspezifische Anzeigen mehrere Zehntausend Aufrufe erreichen. 

Als Abschlussmobilisierung wurde für den Wahltag ein kleines Daumenkino erstellt, das mit geringem Werbebudget selbst am Wahltag noch eine beachtliche Reichweite von fast 4700 Aufrufen erzielte. 
 
Dankeschön-Video Prof. Claudia Dalbert
Nach der Wahl wurde ein weiteres Dankeschön-Video für die Unterstützer*innen und Wähler*innen produziert, dass sowohl die Onlinekampagne als auch die Eindrücke aus dem Straßenwahlkampf verbindet. 

Nach Claudia Dalberts Vereidigung als Ministerin gab es ein weiteres Imagevideo, das aus einer animierten Bildershow besteht und organisch über 1600 Personen erreichte. Bildershows bieten einen guten Kompromiss zwischen statischem Content und Videos, vor allem beim Aufwand für Konzeption und Produktion. Die beiden Videos hatten zwar insgesamt einen höheren Produktionsaufwand, dieser wird aber durch den Mehrwert gerechtfertigt, den diese Videos bieten. Sie generieren eine deutlich höhere Reichweite als zum Beispiel ein vergleichbares Fotoalbum und sorgen für Abwechslung in den Formaten. 
 
Autor
 
Portrait
Martin van Elten
Martin van Elten war während des Landtagswahlkampf Praktikant von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Sachsen-Anhalt und arbeitet aktuell als studentischer Mitarbeiter von Prof. Dr. Claudia Dalbert. Er studiert im Masterstudiengang "Parlamentsfragen und Zivilgesellschaft" an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.








Mittwoch, 10. August 2016

Wahlplakate from Hell: Landtagswahlen Mecklenburg-Vorpommern & Berlin 2016

Der Klassiker ist zurück! 

Nachdem ich bereits im letzten Europawahlkampf, bei der Hamburger Bürgerschaftswahl, der Bremer Bürgerschaftswahl und bei den drei Landtagswahlen im März 2016 die schönsten "Wahlplakate from Hell" präsentiert habe, konnte ich eurem Wunsch nicht widerstehen und habe auch wieder zur Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern (04. September 2016) und den Abgeordnetenhaus- & Bezirksversammlungswahlen in Berlin (18. September 2016) einige schöne Motive drüben bei Twitter und Facebook zusammengetragen.

Hier nun alle auf einen Blick:

Berlin


Simon Kowalewski, Piratenpartei Berlin
 
Dr. Manja Schreiner & Torsten Kühne, CDU Berlin

Jan Schrecker, Piratenpartei Berlin
 
Fritz Liebenow, NPD

Thomas Isenberg, SPD Berlin

Christian Friedrich, unabhängiger Kandidat

Michael Konrad, Piratenpartei Berlin-Mitte

Jenny Neubert, Bündnis 90/Die Grünen

Nicola Böcker-Giannini, SPD

Hauke Stiewe, Bergpartei
 
Hauke Stiewe, Bergpartei

Florian Graf, CDU Berlin

Stephan Standfuß, CDU Berlin
  
Piratenpartei Friedrichshain-Kreuzberg 

CDU Berlin
 
CDU Steglitz-Zehlendorf

Bündnis 90/ Die Grünen Friedrichshain-Kreuzberg
 
Bündnis 90/Die Grünen Neukölln
 

Wählerinitiative soziales Spandau
 
Piratenpartei Friedrichshain-Kreuzberg
 
Piratenpartei Friedrichshain-Kreuzberg

CDU Berlin

CDU Berlin
 
Partei für Gesundheitsforschung
 
Partei für Gesundheitsforschung

Die Violetten Berlin
 
Die Violetten Berlin 
 
Die PARTEI Berlin

Menschliche Welt 

 
Graue Panther Berlin
 
DKP Friedrichshain-Kreuzberg
 
Bürgerbewegung pro Deutschland
 
Bürgerbewegung pro Deutschland & Piratenpartei
 

Jusos Berlin 

 
Junge Alternative Berlin
 
AfD Berlin
 
AfD Berlin
 
NPD Berlin


 

Mecklenburg-Vorpommern 


Helmut Holter, Die LINKE

Eva-Maria Kröger, Die LINKE & Mathias Brodkorb, SPD
Das Plakat von Mathias Brodkorb regte bereits 2014 zu weiteren Reaktionen in Form von AdBustings an.

André Bonitz, Achtsame Demokraten (parteilos)
 
Petra Federau, AfD

 Petra Federau, AfD  

Jan Sturm, NPD
 
Piratenpartei Mecklenburg-Vorpommern  
 
Die PARTEI Mecklenburg-Vorpommern
 
Die PARTEI Stralsund
 
FREiER HORIZONT
 
Freie Wähler Mecklenburg-Vorpommern
 
Achtsame Demokraten
 
ALFA Mecklenburg-Vorpommern
 
NPD Mecklenburg-Vorpommern
 
NPD Mecklenburg-Vorpommern 


SharePics

Chris Rehagen, FDP Meckenburg-Vorpommern
 
SharePics from Hell: #PokemonGo goes Landtag MV. via https://t.co/Sgp3aAGoXz #dasjungeMV #ltwmv pic.twitter.com/e0A0hHzRdI


Bonus: Kommunalwahl Niedersachsen


Auch im Kommunalwahlkampf Niedersachsen gibt es einige schöne Exemplare, die euch nicht vorenthalten möchte

Bastian Zimmermann, Die LINKE Wolfsburg
 
Dr. Thomas Thiele, FDP Osnabrück

Annahita Maghsoodi, FDP Osnabrück

Eric Wiegreffe, parteilos
 
CDU Hemmingen
 
Bündnis 90/Die Grünen Hannover

CDU Hannover
Der ursprüngliche Tweet von Wilko Meyer war zwischenzeitlich leider nicht mehr öffentlich einsehbar, nun ist er wieder da ;) 

CDU Helmstedt

CDU Helmstedt
 
CDU Osnabrück 

CDU Niedersachsen
 
CDU/Junge Union Uelzen 

Die PARTEI Hannover

Die PARTEI Braunschweig 
 
Die PARTEI Wolfsburg 
 
Die PARTEI Oldenburg
 
Die PARTEI Celle
Freie Winsener
 
Piratenpartei Braunschweig 
 
Piratenpartei Hannover

Eine Welt Partei Lüneburg
AfD Hannover
Auch das wunderbare realsatire.de sammelt auf seiner Seite Wahlium-Plakate. Sehenswert.  

Habe ich ein Plakat übersehen? Dann freue ich mich sehr auf Hinweise via Kommentarfunktion, Facebook, Twitter oder Email.



Freitag, 5. August 2016

Werden Facebook und Twitter als politische Medien überschätzt?

Dies ist Gastbeitrag von Benjamin C. Sack. Er ist ist wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung „Empirische Politikforschung“ des Instituts für Politikwissenschaft an der Johannes Gutenberg Universität Mainz. Bei vorliegendem Beitrag handelt es sich um die Kurzusammenfassung des Abschlussberichts des Forschungsprojektes „Politische Kommunikation in Zeiten neuer Informations- und Kommunikations- technologie". Das Projekt wurde durch die Bonner Akademie für Forschung und Lehre praktischer Politik (BAPP) gefördert und finanziert.

Uni Logo
Logo Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Was seit Jahren in der öffentlichen Debatte unter dem Stichwort „Politikverdrossenheit“ diskutiert wird, ist innerhalb der empirischen Politikforschung vor allem als Phänomen abnehmender politischer Unterstützung bekannt. Symptome sind etwa nachlassendes Vertrauen in politische Institutionen, zunehmende Wahlmüdigkeit, abnehmende Zufriedenheit mit dem politischen Prozess sowie eine zunehmende Skepsis gegenüber der Demokratie als politisches Ordnungsmodell. Die empirische Evidenz dieser Prozesse ist in Bezug auf alle westlichen Demokratien seit längerem gegeben. Neuerdings wird innerhalb der Forschung diskutiert, ob wir gegenwärtig eine „Krise der Demokratie“ erleben.

Mit der zunehmenden Relevanz des Internets als Informationsmedium wird in diesem Zusammenhang seit geraumer Zeit die Hoffnung verbunden, dass von Politik entfremdete Teile der Bevölkerung reaktiviert und zur politischen Beteiligung (re-)animiert werden könnten. Dies gilt vor allem für die sozialen Online-Netzwerke, die die interpersonelle Kommunikation in den vergangenen Jahren revolutioniert haben. Gerade die nachwachsenden Generationen der „Digital Natives“ werden dabei mit neuen Modellen politischer Beteiligung und politischer Kommunikation in Verbindung gebracht. Als exemplarisch gelten etwa Konzepte wie „Liquid Democracy“, die beispielsweise von der Piratenpartei als Alternative vorgeschlagen und in Teilen parteiintern auch umgesetzt und gelebt werden. Der Zuspruch zu solchen neuen Modellen lässt sich aber auch an der Unterstützung der Piratenpartei ablesen, die auf einem Tiefpunkt angekommen ist. Das Ändern des Profilbildes bei Facebook wiederum gilt mittlerweile als politisches Statement und man kann sich dem subjektiven Eindruck nicht verwehren, dass auch dort zunehmend über Politik diskutiert wird

Umfrage: Beteiligen Sie sich an politischen Diskussionen auf Facebook
Abbildung1: Infografik Munich Digital Institute

Somit steigt das Interesse am Internet im Allgemeinen in Form eines neuen politischen Kommunikations- und Partizipationskanals stetig, und zunehmend werden auch mit den sozialen Netzwerken – im speziellen Facebook und Twitter - die gleichen Hoffnungen verbunden. Social Media fördere den Austausch zwischen Regierten und Regierenden, trüge aber auch zur politischen Diskussion innerhalb der Bevölkerung bei und erleichtere den Informationszugang, so Annahmen und Argumente. Ob das so ist, ob also die politische Kommunikation tatsächlich von den sozialen Online-Netzwerken tangiert wird und wenn ja wie, war die grundlegende Frage eines Forschungsprojekts, das wir im Laufe der vergangenen Jahre an der Universität Mainz durchgeführt haben. Uns hat dabei zum Beispiel interessiert welchen Stellenwert Facebook und Twitter im Vergleich zu traditionellen Medien wie dem Fernsehen, Zeitungen, dem Radio und anderen in Bezug auf die Informationsaufnahme haben oder auch wie sehr sozialen Online-Netzwerken und den darin gewonnen Informationen vertraut wird. Wir wollten erfahren, wie Bürgerinnen und Bürger Social Media nutzen um sich über Politik auszutauschen und in welchem Ausmaß und mit welchen „Freunden“ dies geschieht. 

Diagramm
Abbildung 2: Nutzung verschiedener Medien für Informationen über Politik
 

Hierzu haben wir in den Jahren 2013-2015 einen Teil der bundesdeutschen Bevölkerung fortlaufend befragt. Insbesondere zu Verhalten und Einstellungen in und gegenüber Social Media in Bezug auf die politische Kommunikation. Dabei sind interessante Erkenntnisse zu Tage getreten. Die weit verbreitete Hoffnung, Social Media könnten einen nachhaltigen Einfluss auf die Revitalisierung politisch desinteressierter Bevölkerungsteile haben, konnte bisher nicht erfüllt werden.

Festhalten lässt sich auf Basis der Daten vor allem die niedrige Stellung, die Facebook und Twitter im Vergleich zu etablierten Medien insbesondere in der Nutzung, im direkten Austausch über Politik und der Vertrauenswürdigkeit ausmachen. Dabei lassen sich zwar leichte Altersunterschiede ausmachen - so nutzt die Gruppe der 18-39 Jährigen Social Media häufiger, als die Gruppe der 40-60 und der über 60 Jährigen, und vertraut diesen Kanälen auch mehr – die Unterschiede sind jedoch marginal und Nutzung wie Vertrauenswürdigkeit bewegen sich durchgehend auf niedrigem Niveau.

Diagramm
Abbildung 3: Austausch mit anderen Personen über Politik und das politische Geschehen

Ein ähnliches Bild zeigt die Betrachtung der aktiven Suche und Aufnahme neuer Informationen über Politik bei Facebook. Die Daten zeigen, dass dies für den Großteil der Befragten nur in geringem Maß zutrifft und sich in der Zeit von 2013 bis 2015 daran wenig bis nichts verändert hat. Die allerwenigsten der Befragten nehmen bei Facebook neue Informationen über Politik auf, also Dinge, die sie vorher noch nicht wussten. Und insgesamt nehmen im gesamten Zeitverlauf der Befragung mehr als zwei Drittel der Facebook-Nutzer keinerlei neues Wissen über Politik bei Facebook auf. Ganz ähnlich zeigt sich die Verteilung bei der Frage, ob neue Informationen zu einem Thema aktiv gesucht werden, welches in einem Facebook-Beitrag angesprochen wurde. Äquivalent sieht die Verteilung bei der aktiven politischen Kommunikation aus. Beiträge zum Thema Politik werden selten geliked, seltener geteilt und noch wesentlich seltener selbst verfasst. Von 2013 bis 2015 wurden solche Aktivitäten von 65% bis zu 86% der Befragten selten oder sogar nie ausgeführt. 

Diagramm
Abbildung 4: Vertrauenswürdigkeit verschiedener Quellen in Bezug auf Informationen zur Politik
   
Interessant und bedenklich zu gleich ist jedoch, dass es Tendenzen zu Echokammern und Filterblasen gibt. Andere Facebook-Nutzer können ausgeblendet, aus der Freundesliste entfernt oder blockiert werden. Insbesondere wenn dies aus politischen Erwägungen heraus geschieht, könnten hier die Ursachen einer sogenannten „Filterbubble“ liegen. Dies geschieht inzwischen häufiger – vor allem weil aus Sicht der Facebook-Nutzer zu viele politische Beiträge gepostet wurden: Hier erhöhte sich der Anteil derjenigen, die aus diesem Grund bereits Personen aus der Freundesliste entfernt oder blockiert haben um fünf Prozentpunkte von durchschnittlich 9% im Jahr 2013 auf insgesamt 14% im Jahr 2015. Das zweite Motiv ist, dass ein politischer Beitrag veröffentlicht wurde, der nicht der eigenen Meinung entsprach oder beleidigend war: Hier stieg der Anteil der Facebook-Nutzer, die aus diesem Grund Personen aus der Freundesliste entfernen oder blockieren sogar um sieben Prozentpunkte von durchschnittlich 10% im Jahr 2013 auf insgesamt 17% im Jahr 2015. In diesem Anstieg ist durchaus ein Muster erkennbar, das in der Konsequenz zu Informationsblasen führen kann. Für die anderen beiden Motive nach denen wir gefragt haben zeigen sich keine Veränderungen im Zeitverlauf. 

 

FAZIT  

 

Balkendiagramm
Abbildung 5: Persönliche Facebook-Nutzung
Insgesamt lässt sich somit auf Basis der Daten festhalten, dass der Stellenwert von sozialen Online-Netzwerken wie Facebook und Twitter für den Gewinn politischer Informationen ausgesprochen gering ist. Die Netzwerke rangieren hinter allen anderen traditionellen Medien. Auch im Vergleich interpersoneller Kommunikation liegen etablierte Kreise wie die Familie, Freunde und Kollegen im Stellenwert weit über den sozialen Medien. Zudem wird Social Media in Bezug auf die Bereitstellung von politischen Informationen sehr viel weniger Glaubwürdigkeit beigemessen. Interessant und von demokratietheoretischer Relevanz scheinen jedoch die Befunde zu sein, die sich zur sogenannten „Filterbubble“ ergeben haben sowie zu der Frage, ob sich Nutzer sozialer Online-Netzwerke vielleicht selbst in eine solche Blase manövrieren. Tendenzen sind hier durchaus erkennbar.

Abbildung 6: Persönliche Facebook-Nutzung
Die in Social Media gesetzte Hoffnung durch eine veränderte Art der politischen Kommunikation die Anteile der Bevölkerung, die sich zunehmend mit Politik oder deren Akteuren unzufrieden zeigen und sich in der Folge vom politischen Prozess abwenden zu reaktivieren und wieder einzugliedern scheint sich auf Basis der Daten also nicht zu erfüllen. Informationen werden in erster Linie weiterhin über traditionelle Medien bezogen, diesen wird zudem mehr vertraut und in sozialen Online-Netzwerken wird wenig über Politik gesprochen. Da soziale Medien aber ein sehr junges Phänomen sind und sich im digitalen Zeitalter die Welt in immer kürzeren Abständen komplett zu wandeln scheint steht die Erforschung der politischen Kommunikation innerhalb von Social Media erst am Anfang und fortwährend vor neuen Herausforderungen und Fragestellungen.


Literaturhinweis

Weitere Informationen zu Erhebungsmethode, Frageformulierung, Fallzahlen sind innerhalb das Abschlussberichts verfügbar. Dieser ist als .pdf hier abrufbar.










Autor

Benjamin C. Sack ist wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung „Empirische Politikforschung“ des Instituts für Politikwissenschaft an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Seine Forschungsinteressen liegen in der vergleichenden Einstellungs- und Werteforschung (insbesondere in der politischen Kulturforschung), in der vergleichenden politischen Partizipationsforschung, den Voraussetzungen und Folgen direkter Demokratie und der Untersuchung der Verbindung von politischer Kommunikation und neuen sozialen Medien. 
Kontakt: sack@politik.uni-mainz.de


Donnerstag, 7. Juli 2016

Antworten Bundestagsabgeordnete auf Facebook-Anfragen? - Ein Test!

Dies ist ein Gastbeitrag von Hans Hirsch, er studiert Staatswissenschaften an der Universität Passau und schreibt aktuell an seiner Bachelorarbeit. Seine Erfahrungen mit Facebook-Anfragen an Bundestagsabgeordnete hat er für das Blog hier zusammengefasst.

© Jorge Royan / http://www.royan.com.ar, via Wikimedia Commons
Deutscher Bundestag (© Jorge Royan)
Viel wird über die Online-Kommunikation von Politikern gesprochen und wie sie genutzt werden kann, um interessierte Bürger und potenzielle Wähler zu erreichen. Doch „was passiert eigentlich, wenn ich einen Bundestagsabgeordneten einfach bei Facebook anschreibe?“, diese Frage beschäftigte mich, als ich abends vor dem Laptop saß.

Am Montag, den 06.Juni 2016 sendete ich, von meinem privaten Facebook-Account, 39 Abgeordneten des Deutschen Bundestages folgende Frage:
„Guten Abend, denken Sie, das Integrationsgesetz wird ausreichen, um Flüchtlinge in Deutschland zu integrieren?“
Die Auswahl der Abgeordneten erfolgte dabei nach keinem festgelegten Muster, Parteizugehörigkeit oder Einstellung zum Thema

Auf meine Frage bekam ich innerhalb von einer Woche 19 Antworten. Dies entspricht einer Antwortquote von ca. 48%. 

Innerhalb dieser Gruppe ergab sich, bei der Zeit innerhalb der die Antwort erfolgte, folgendes Bild: 

Antwortverhalten



Säulendiagram via infogr.am
Reaktionszeit der Bundestagsabgeordneten
Die Antworten erfolgten zügig, unterschieden sich jedoch in ihrem Umfang und Qualität. Als Negativbeispiele sind nur zwei Nachrichten (eine davon erfolgte als Auto-Response) zu sehen. Es wurde gebeten sich bei Fragen, per Mail oder telefonisch, an die angegebene Adresse /Telefonnummer zu wenden. Die Möglichkeit seine Fragen zu stellen, wird somit auf die üblichen Kanäle begrenzt und erschwert die Kommunikation zwischen Abgeordneten und Bürgern. Die Präferenz des Nutzers wird dabei außer Acht gelassen und legt Menschen, die hauptsächlich über Facebook kommunizieren wollen, eine Hürde in den Weg. Ein Austausch wird so erschwert oder gar verhindert.

Die restlichen Reaktionen waren durchweg positiv. Manche Antworten waren kurz und knackig, andere sehr ausführlich. Zehn der Antworten beschränkten sich auf wenige Sätze, von denen vier mit weiterführenden Links zu den jeweiligen Positionen der Partei oder des Abgeordneten versehen waren. Die Antworten enthielten meistens ein kurzes Statement: „Ja, ich denke das Gesetz ist gut, weil.“, „Nein das Gesetz reicht nicht aus, weil…“, gefolgt von einer Begründung oder der jeweiligen Position. 

Screenshot Facebook
Antwort MdB Saskia Esken (SPD)
Die anderen sieben Antworten waren ausführlicher und legten detailliert den jeweiligen Standpunkt des Politikers oder seiner Partei dar. Dabei wurden generelle Anmerkungen zum Thema Integration gemacht, genauso wie konkrete Veränderungswünsche und Hintergründe zur Gesetzgebung geliefert.


BEST PRACTICE

Screenshot Facebook
Antwort MdB Lars Klingbeil (SPD)
Unter den erhaltenen Antworten stach die Nachricht von Lars Klingbeil (SPD) positiv hervor. Die Ansprache wirkt freundlich, persönlich und ungezwungen. Außerdem hatte ich nicht das Gefühl, dass die Antwort aus vorgefertigten Antwortbausteinen zusammengesetzt wurde und persönlich, nicht von einem Mitarbeiter, verfasst wurde. Dabei wird vom normalen Politiker-Sprech abgewichen („Moin“, „Bester Gruß. Lk“ und somit die Distanz zwischen Bürger und Politiker abgebaut.

Besonderes Augenmerk sollte jedoch auf die Nachfrage nach der eigenen Meinung („Was denken Sie?“) oder Vorschläge („Hinweise sind noch willkommen“) gelegt werden. Die Nachricht enthält somit nicht nur eine Meinung, sondern signalisiert Dialogbereitschaft und ein offenes Ohr für die Anmerkungen oder Kritik der Bürger. Dieses Element habe ich bei anderen Antworten vermisst und würde mir wünschen, dass sich diese einseitige Kommunikation, mehr in einen Dialog entwickeln würde.

Fazit


Screenshot Facebook
Auto-Response-Antwort MdB Dennis Rohde (SPD)
Insgesamt blieben mehr als die Hälfte der Fragen unbeantwortet. Wünschenswert wäre natürlich ein anderes Ergebnis gewesen. Meiner Meinung nach bieten Facebook-Chats eine Möglichkeit, zur schnellen und unkomplizierten Kontaktaufnahme. Damit sich die Facebook-Kommunikation nicht auf das bloße Teilen und Kommentieren von Inhalten beschränkt, sollten Anfragen neben dem üblichen E-Mail- oder Telefonverkehr, auch über Facebook-Nachrichten beantwortet werden. 

Screenshot Facebook
Lange Antwort MdB Patrick Schnieder (CDU)
Der Austausch zwischen Politikern und Bürgern kann dadurch erleichtert werden und helfen Distanz abzubauen. Die Chatfunktion ist dabei wesentlich persönlicher und vertrauter, als ein gesichtsloser E-Mail-Kontakt.

Politiker und Parteien sollten versuchen ihre Zielgruppe (besonders jüngere Menschen), in ihrem gewohnten Kommunikationsumfeld abzuholen, um dort mit ihnen in einen Dialog zu treten. Der Austausch von Nachrichten über Facebook kann ein Baustein sein, diesen Dialog zu führen und zu fördern. Insbesondere im Hinblick auf die kommende Bundestagswahl, würde ich mir diesen verstärkten Austausch zwischen Politikern und Bürgern wünschen


Tool-Hinweis: 

Das Tool SocialHub Smart Inbox von SocialHub bietet eine Möglichkeit, Anfragen von den gängigen Social-Media-Kanälen (Facebook, Twitter, YouTube, Instagram) in einer Inbox zu vereinen. Von dort aus können die eingegangen Anfragen, mit Hilfe eines Ticket-Systems, bearbeitet und freigegeben werden.


Autor
Hans Hirsch
Hans Hirsch, studiert Staatswissenschaften an der Universität Passau und schreibt aktuell an seiner Bachelorarbeit beim Bundesverband Medizinische Versorgungszentren – Gesundheitszentren – Integrierte Versorgung e.V. Außerdem arbeitet er bei ADVERB – Agentur für Verbandskommunikation im Bereich Social-Media.

Kontakt:
Email: hirsch.hans92@gmail.com 
Twitter: @hHirsch92

Fotonachweis:  Deutscher Bundestag © Jorge Royan / http://www.royan.com.ar, via Wikimedia Commons CC-BY-SA-3.0