Samstag, 24. Januar 2015

Social Media im Bürgerschaftswahlkampf: Wie nutzen die Kandidaten Twitter?

Dies ist ein Gastbeitrag von Dr. Jan-Hinrik Schmidt und Christoph J. Beyer vom Hans-Bredow-Institut Hamburg. Er ist der Auftakt einer Reihe von Analysen und Ergebnissen eines Forschungsprojektes zur Hamburger Bürgerschaftswahl 2015 in Zusammenarbeit mit Prof. Thorsten Faas (Universität Mainz), dem Portal PolitikTweetsHH und dem Hamburger Wahlbeobachter. 
 
Logo des Hans-Bredow-Institutes
Wahlkämpfe bieten der Wissenschaft die Möglichkeit, Instrumente und Inhalte der politischen Kommunikation besonders fokussiert zu beobachten: In einem relativ kurzen Zeitraum buhlen Parteien und Kandidierende gleichzeitig um Aufmerksamkeit für ihre Themen und Ideen, und der Erfolg lässt sich anschließend auch mit einem sehr simplen Indikator beurteilen, nämlich dem Stimmenanteil bzw. der Wahl in das Parlament (oder eben nicht). Den derzeit laufenden Wahlkampf zur Hamburgischen Bürgerschaft begleitet ein Forscherteam vom Hans-Bredow-Institut für Medienforschung in Hamburg gemeinsam mit Prof. Thorsten Faas von der Universität Mainz - in Zusammenarbeit mit PolitikTweetsHH und diesem Blog. Ziel der Wissenschaftler ist insbesondere, den Stellenwert von sozialen Medien im Kommunikationsrepertoire der Kandidat/innen zu ermitteln. Dabei werden in den anstehenden Wochen – bis zur Wahl am 15. Februar, aber auch darüber hinaus – eine Reihe von Datenerhebungen und kleinen Teilstudien durchgeführt, über die in lockerer Folge auch hier berichtet werden soll.

Tortendiagramm
Zum Auftakt stellt dieser Text einige erste Befunde zur Verbreitung von Twitter vor: Grundlage ist die Liste aller Kandidierenden zur Hamburgischen Bürgerschaft, d.h. der 887 Personen, die sich auf insgesamt 19 Wahlvorschläge (auf der Landesliste und auf Wahlkreislisten) verteilen . Darunter sind 295 Frauen (33%) und 592 Männer (66,7%). Ihr Durchschnittsalter beträgt Anfang 2015 47,5 Jahre, wobei jeweils etwa ein Viertel (24,5%) bis 35 Jahre alt bzw. 58 Jahre und älter sind. Für diese Personen wurde von Dezember 2014 an bis zum 5. Januar 2015 geprüft, ob sie ein identifizierbares Twitter-Profil besitzen. Die Ergebnisse wurden zudem zwischen dem 5. und 12. Januar mit der Social-Media-Analyse-Plattform Pluragraph.de abgeglichen, um strittige Fälle zu klären, Accounts zu verifizieren und die Vollständigkeit zu prüfen.


Infografik
Twitternutzung nach Alter und Geschlecht
Auf diesem Weg konnte insgesamt 241 Kandidierenden ein Profil zugeordnet werden. Hinzu kommen 12 weitere (im folgenden nicht berücksichtigte) Profile, bei denen derzeit entweder nicht zweifelsfrei geklärt werden kann, ob sie tatsächlich zum/zur Kandidat/in gehören, oder die explizit nur für private oder geschäftliche, nicht aber für (wahlkampf-)politische Zwecke genutzt werden. Zudem haben wir in dieser ersten Bestandsaufnahme nicht überprüft, ob die betreffenden Personen den Account auch aktiv nutzen, also Tweets zur Bürgerschaftswahl absetzen.  Der Anteil von Kandidat/innen mit Twitter-Profil liegt somit bei 27,2 Prozent. Er liegt unter den Frauen (mit 24,4%) etwas niedriger als unter den Männern (28,5%), doch der Unterschied ist statistisch nicht signifikant. Anders der Zusammenhang mit dem Alter: Je jünger die Kandidat/innen, desto höher die Chance, einen Twitter-Account zu haben. 35 Prozent der unter-50-Jährigen, aber nur 16 Prozent der Älteren nutzen den Microblogging-Dienst.

Infografik
Twitternutzung nach Partei

Wie ist der Anteil der Twitterati bei den jeweiligen Parteien?  

Betrachtet man nur die neun Wahlvorschläge, die mindestens 20 Kandidat/innen enthalten, erkennt man teils deutliche Unterschiede: Bei den Piraten ist Twitter (erwartbar) deutlich stärker verbreitet; hier haben etwa drei Viertel der Kandidat/innen einen Account. Auch die neuen Liberalen, die PARTEI und die SPD liegen mehrere Prozentpunkte über dem Durchschnittswert; Bündnis 90/Die Grünen immerhin noch leicht darüber. Unter den Kandidat/innen von Die Linke, CDU und FDP betragen die Anteile hingegen nur jeweils etwa 20 Prozent, und bei der AfD nur etwa 12 Prozent.

Das Hamburgische Wahlrecht sieht eine Landesliste sowie Wahlkreislisten vor. Von den Personen, die für einen der „großen“ Wahlvorschläge antreten und nur auf einer der insgesamt 17 Wahlkreislisten kandidieren, nutzt etwa jede/r Fünfte (20,8%) Twitter, von den Kandidierenden auf den Landeslisten etwa jede/r Dritte (34,9%), und bei denjenigen Personen, die auf beiden Listen antreten, liegt der Twitter-Anteil bei 38,7 Prozent. Dabei gilt: Je höher der Listenplatz, desto größer die Chance, die betreffende Person auch auf Twitter zu finden. Der Zusammenhang ist bei den Kandidierenden auf Wahlkreislisten noch etwas stärker (pearson’s r = ,202) als bei den Landeslisten (pearson’s r = ,178), und in beiden Fällen statistisch signifikant.
Balkendiagramm
Twitternutzung nach Wahlkreis

Wo liegen die Twitter-Wahlkreise Hamburgs?


Abschließend noch ein Blick auf die Verteilung unter den Kandidierenden in den einzelnen Wahlkreisen: In Rotherbaum/Harvestehude/Eimsbüttel-Ost sowie Hamburg-Mitte liegt der Anteil der Kandidat/innen mit Twitterprofil auf den jeweiligen Wahlkreislisten deutlich über 40 Prozent, und in vier weiteren Wahlkreisen knapp an oder über der Marke von einem Drittel. Umgekehrt beträgt in sechs Wahlkreisen der Anteil unter den Kandidierenden weniger als 20 Prozent; in Harburg liegt er sogar nur bei 7,4 Prozent.

Diese Befunde geben einen ersten Einblick in die Social-Media-Aktivitäten des Hamburger Wahlkampfs. Sie sind zugleich als Momentaufnahme zu verstehen, da in den Wochen bis zum Wahltag weitere Kandidat/innen eigene Twitter-Profile anlegen. Diesen zeitlichen Aspekt werden wir in einer weiteren Analyse berücksichtigen, aber auch u.a. die Facebook-Nutzung, die kommunikativen Aktivitäten im Verlauf des Wahlkampfs sowie die „Twitterrepertoires“ der Kandidierenden näher untersuchen.


Anmerkung: Alle Twitter-Accounts der Kandidierenden gibts auch in einer praktischen und abonnierbaren Twitterliste. Mit einem Klick können sie in Echtzeit den Wahlkampf verfolgen, ohne allen Kandidierenden einzeln folgen zu müssen oder auf Twitter ein Profil anzulegen. 

Ach ja, das Hashtag zur Wahl lautet #hhwahl.


Autoren:
Dr. Jan-Hinrik Schmidt
Dr. Jan-Hinrik Schmidt ist wissenschaftlicher Referent für digitale interaktive Medien und politische Kommunikation am Hans-Bredow-Institut für Medienforschung (Hamburg).








 

Christoph J. Beyer
Christoph J. Beyer studiert Soziologie (Master) an der Universität Hamburg und arbeitet als studentischer Mitarbeiter am Hans-Bredow-Institut für Medienforschung.














Sonntag, 18. Januar 2015

Facebook im Bundestag: Wie aktiv sind die Abgeordneten?

Kurz nach der letzten Bundestagswahl präsentierte ich an dieser Stelle die aktuellen Nutzungszahlen der 631 Bundestagsabgeordneten in den verschiedenen sozialen Netzwerken. In den vergangenen Monaten ist einiges passiert: Politiker verließen den Bundestag, neue rückten nach, Facebook-Profile wurden gelöscht oder in Fanseiten umgewandelt, neue Profile angelegt - Lange Rede kurzer Sinn: Zeit für eine neue Bestandsaufnahme Anfang 2015.

Und da ich oft gefragt werde: Wie aktiv nutzen denn Politiker dieses Facebook überhaupt, habe ich meine Weihnachtsferien nicht auf der Skipiste, sondern auf den Facebookprofilen der Parlamentarier verbracht und gemeinsam mit Karsten Dietel einmal nachgezählt. An dieser Stelle vielen Dank an Karsten Dietel für die tatkräftige und spontane Unterstützung der Analyse.


Die nackten Zahlen  

 

Visualisierung in Ringen
Facebooknutzung im Bundestag visualisiert
583 der 631 Abgeordneten haben ein eigenes Facebookprofil.
92,4 Prozent der Bundestagsabgeordneten sind bei Facebook angemeldet.
Dies entspricht einer Steigerung von 1,4 Prozentpunkten zum Jahr 2013. 

357 von 631 Abgeordenten nutzen ein persönliches Profil.
56,6 Prozent der Bundestagsabgeordneten kommunizieren über private Profile.
Dies entspricht einem Rückgang von 5,8 Prozentpunkten.

445 von 631 Abgeordneten haben eine Fanseite.
70,5 Prozent der Bundestagsabgeordneten haben sich für die Nutzung einer Fanseite entschieden.
Dies entspricht einer Steigerung von 6,5 Prozentpunkten.

Einen Überblick über alle Facebook-Fanseiten der Bundestagsabgeordneten liefert das Social-Media-Analyse-Portal Pluragraph.de hier. 



Die aktivsten Facebook-Fraktionen sind die Linke und die SPD, knapp gefolgt von Bündnis 90/Die Grünen. Bei SPD, Linken und CDU/CSU gibt es nun mehr Fanseiten als Privatprofile. Einzig in der Grünenfraktion nutzen noch mehr Abgeordnete Privatprofile als Fanseiten. 

Die Facebook-Nutzung nach Fraktionen 

 

Logo CDU/CSU-Fraktion im Bundestag
CDU/CSU-Bundestagsfraktion 

287 von 311 Abgeordneten haben ein Facebook-Profil = 92,3%
171 von 311 Abgeordneten nutzen ein persönliches Profil = 55,0%
206 von 311 Abgeordneten haben eine Fanseite = 66,2%







Logo SPD-Bundestagsfraktion SPD-Bundestagsfraktion

190 von 193 Abgeordneten haben ein Facebook-Profil = 98,4%
106 von 193 Abgeordneten nutzen ein persönliches Profil = 55%
159 von 193 Abgeordneten haben eine Fanseite = 82,4%




Logo Linksfraktion im Bundestag   

 Linksfraktion  

  62 von 64 Abgeordneten haben ein Facebook-Profil = 96,8 %
  42 von 64 Abgeordneten nutzen ein persönliches Profil = 65,6%
  43 von 64 Abgeordneten haben eine Fanseite = 67,2%







Logo Fraktion Bündnis 90/Die Grünen im Bundestag  Bündnis 90/Die Grünen-Bundestagsfraktion  

  60 von 63 Abgeordneten haben ein Facebook-Profil = 95,2%
  40 von 63 Abgeordneten nutzen ein persönliches Profil = 63,5%
  37 von 63 Abgeordneten haben eine Fanseite = 58,7%



Da einige Abgeordnete sowohl eine Fanseite als auch ein persönliches Profil pflegen, sind die beiden Zahlen nicht einfach summierbar. Aus diesem Grund habe ich diese Zahlen auch unabhängig von einander ausgewiesen.  

Wie aktiv sind die Abgeordneten? 


Um uns dieser Antwort zu nähern haben wir uns alle über 800 Facebookprofile des Parlamentarier mit eigenen Augen angesehen. Hierzu haben wir im Zeitraum vom 28.12.2014 bis 30.12.2014 jedes Profil besucht und geschaut ob und wann das letzte Posting dort veröffentlicht wurde.

Für die Kategorisierung der Aktivität haben wir zwei Zeitpunkte erfasst:

- Aktiv in den vergangenen 10 Tagen
- Aktiv im letzten Monat

Und wir waren sehr überrascht.


Von den 631 Bundestagsabgeordneten waren in den vergangenen 10 Tagen:

aktiv: 502 
nicht aktiv: 81

Dies entspricht einer Quote von 86 Prozent aktiver Abgeordneter.

Da der Untersuchungszeitraum in die (Nach-)Weihnachtszeit fiel, waren möglichweise mehr Politiker aktiv als in einem anderem 10-Tages-Zeitraum im Jahr. Meist gesehenes Motiv: Abgeordnete/-r vor/neben/hinter einem Weihnachtsbaum verbunden mit Weihnachtsgrüßen für die Fancebookfreunde und -fans.



Betrachtet man nun die Aktivitäten der Politiker in den vergangenen vier Wochen, erhöht sich der Aktivitätsgrad nochmals erheblich:

aktiv: 556
nicht aktiv: 27

Dies entspricht einer Aktivitätsquote von 95,4 Prozent. 

Das bedeutet, dass innerhalb dsr letzten Monats (Dezember 2014) fast alle Facebooknutzer im Parlament diesen Kanal auch für eigene Aktivitäten wie Postings von Texten, Bildern und Videos genutzt haben.



Die meisten Bundestagsmitglieder (bzw. deren Teams) haben also begriffen, das erfolgreiche Social-Media-Kommunikation Kontinuität und Aktualität verlangt.

Dies ist zum einen wichtig, um dem Facebook-Algorithmus postiv zu beeinflussen, dass die Seite aktiv betrieben wird und somit zu einem höheren Mase auch den Fans angezeigt werden kann und muss. Und zum anderen sollte die Kommunikation mit den Wählern und Sypathisanten kontinuilerlich erfolgen, damit diese auch immer wieder mit Inhalten versorgt und so an den Politiker digital gebunden werden. Nichts ist schlimmer und langweiliger als eine unaktuelle und schlecht gepflegte Facebookpräsenz. 


Eine Analyse des Aktivitätsgrades der Fraktionen und nach Privatprofilen und Fanseiten erfolgt gerne auf Anfrage der Fraktionen oder von Pressevertretern ;) 

Aktuell fehlt hierfür leider die Zeit.


Montag, 29. Dezember 2014

Wie twittert die Hamburgische Bürgerschaft? - Politik-Tweets aus Hamburg gestartet

Im Februar wählt Hamburg sein neues Landesparlament und somit auch den neuen Senat. Der langsam beginnende Wahlkampf wird 2015 noch stärker als bei der letzten Wahl 2011 auf Twitter stattfinden. Bereits heute hat sich mit #hhwahl ein Hashtag für alle Informationen rund um die Wahl etabliert, über 40 Prozent der Bürgerschaftsabgeordneten nutzen bereits Twitter für die politische Kommunikation und die Hamburger Parteien als auch die Fraktionen sowieso.

Logo PolitikTweetsHH
Verteilung Twitter-Nutzung nach Fraktionen:
SPD: 21 twitternde Abgeordnete (33,8 Prozent)
CDU: 11 twitternde Abgeordnete (40,7 Prozent)
Grüne: 6 twitternde Abgeordnete (42,8 Prozent)
FDP: 5 twitternde  Abgeordnete (55,5 Prozent)
Linke: 6 twitternde Abgeordnete (75 Prozent)
1 fraktionsloser twitternder Abgeordneter

Um so schöner, dass es seit Anfang Dezember 2014 eine Webseite gibt, die die Aktivitäten der Bürgerschaftsabgeordneten auf Twitter analysiert und präsentiert: Politik-Tweets aus Hamburg (PolitikTweetsHH)

Was ist Politk Tweets aus Hamburg und wer steckt dahinter?


Bereits seit einigen Jahren betreibt der Berliner Web-Entwickler Thomas Puppe mit Bundestwitter.de eine Plattform, die die Twitter-Aktivitäten der Bundestagsabgeordneten analysiert.

Mit PolitikTweetsHH möchte er nun untersuchen wie sich die Politiker auf Landesebene im Wahlkampf verhalten. Dabei interessiert ihn besonders, wie sich das twittern zwischen Bundes- und
Landespolitik unterscheidet. Bereits zur Landtagswahl in Niedersachsen programmierte er eine Webseite, um den Wahlkampf zu begleiten. 

Bisher orientiert sich PolitikTweetsHH noch stark an den Funktionalitäten von Bundestwitter. In Zukunft sollen vor allem Themen und Interaktion noch stärker gewichtet werden. Also: Worüber unterhalten sich die Politiker
untereinander und mit den Bürgern?

Die Seite hat keine konkrete Zielgruppe, die ersten Erfahrungen zeigen aber das bisher insbesondere Journalisten, Politiker und Forscher das Angebot intensiv nutzen. Aber ebenso können auch Bürger die Webseite nutzen, um sich über ihre Kandidaten und Abgeordneten zu informieren.

Funktionen und Analysen 

 

Erfolgreichste Tweets der Woche

 

Screenshot
Startseite PolitikTweetsHH
Auf der Startseite werden die erfolgreichsten Tweets aller twitternden Bürgerschaftsabgeordneten der vergangenen sieben Tage angezeigt. Die Basis für die Bewertung sind hierbei die Anzahl der Retweets und Favs. Aktuell kommt der beliebteste Tweet von Christiane Schneider (Die LINKE), dieser hat allerdings keinen direkten Hamburg-Bezug. Der erfolgreichste Tweet mit Hamburg-Bezug wurde aber ebenfalls von der LINKEN-Politikern versendet.

Unterhalb der Top Tweets gibt es zusätzlich den Live-Stream aller aktuellen Tweets der Abgeordneten.

Zudem bekommt man auf der Startseite einen Überblick über die Top Themen (und verwendeten Hashtags) der Abgeordneten, die Followerentwicklung der letzten Tage und die aktivsten Twitterati aus der Bürgerschaft. Die meisten neuen Follower hat aktuell FDP-Spitzenkandidatin Katja Suding gewonnen, am aktivsten waren Robert Bläsing (FDP), die grüne Spitzenkandidatin Katharina Fegebank und Anne Krischok (SPD). Wie viele politische Tweets darunter sind wird in dieser Übersicht allerdings nicht differenziert. Eine Unterteilung macht auch wenig Sinn, da auch #nurderhsv-Tweets eine (sport-)politische Botschaft vermitteln können bzw. das Bild des Poltikers in der Öffentlichkeit durch solche Tweets eine weitere Facette erhält. Jeder private Tweet ist somit auch ein politischer Tweet.

Livestream 

 

Verlaufskurve als Screenshot
Tweetentwicklung der letzten 90 Tage
Auf der Unterseite Livestream kann man alle aktuellen Tweets der Abgeordneten verfolgen. Zudem zeigt eine Grafik die quantitativen Aktivtäten der twitternden Parlamentarier der letzten 90 Tage als Verlaufskurve an. Mit Hilfe eines Mouse-Over auf die Kurve erhält man die Zahl der gesendeten Tweets für jeden Tag.  

 

Politiker

 

Die Kategorie Politiker hält eine ganze Reihe von interessanten Features bereit. Zentral werden hier alle Politiker mit Twitter-Account dargestellt. Man kann für jeden Politiker die Anzahl der Tweets, die Quote für Tweets pro Tag, die Followeranzahl, die Anzahl der Personen denen der Politiker folgt (Freunde) und den Twitter-Startszeitpunkt einsehen. Durch einen Klick im rechten Frame kann man die Liste nach all diesen Kategorien auch sortieren. Somit erhält man Übersichten über die Politiker die Twitter am längsten nutzen, die meisten Tweets versenden oder welche Politiker wiederum den meisten anderen Twitterati folgen.

Screenshot
Politiker-Unterseite Matthias Albrecht (SPD)
Zudem lassen sich die Kategorien auch für jede Partei einzeln anzeigen. Das ist sehr hilfreich, wenn man z.B. wissen möchte welcher CDU-Politiker am längsten bei Twitter dabei ist, welcher grüne Abgeordnete am meisten twittert und welcher SPDler den meisten anderen Twitterati folgt. Sehr sehr spannend. 

Mit einem Klick auf den Politiker-Namen erhält man zudem eine ausführliche Analyse der Twitter-Aktivitäten des Politikers. Am Beispiel vom Matthias Albrecht (SPD) erfährt man z.B. das er seit April 2008 twittert, 1,1 Tweets am Tag versendet, die meisten Tweets am Mittwoch um 15.00 Uhr versendet, 5 Prozent seiner Tweets Fotos enthalten, sein Topthema im Dezember #22direkt ist und mit welchen anderen Abgeordneten er über Twitter im Dialog steht.    

Zusätzlich bietet die Politiker-Unterseite auch noch personalisierte Informationen zu den erfolgreichsten Tweets, den neuesten geposteten Fotos, die Tweets, die vom Politiker favorisiert wurden und die neuesten versendeten Links.

Themen

 

Screenshot
Top Themen PolitikTweetsHH
Auf der Themen-Unterseite erhält man einen wunderbaren Überblick über die wichtigsten Themen pro Monat. Dabei wurden alle Tweets der Abgeordneten die einen #Hashtag enthielten erfasst und gezählt. Im November 2014 dominierte z.B. das Thema #hhbue, vor #Hamburg und #Kobane. Also das Hashtag zur Bürgerschaft, vor dem Namen der Stadt und einen außenpolitischen Thema. Unter den Top 10-Themen des Jahres 2014 finden sich aber auch #annewill, #Lindenstraße, #BRAGER oder #PromiShoppingQueen. Aha.

Mit einem Klick auf das jeweilige Hashtag erhält man zusätzliche Informationen zum Thema: Wie hat sich das Thema im Zeitverlauf entwickelt? Welche Parteien und Politiker twittern über das Thema in welcher Relation? Welche Fotos wurden zum Thema getwittert und eine Übersicht über die aktuellen Tweets zu diesem Thema. Sehr hilfreich für Recherchen. 

Reports 

 

In der Kategorie Reports bietet Thomas Puppe eine ganze Reihe spezialiserter Analysen an:

Wie folgen sich Parteien gegenseitig: Das Feature gibt einen Überblick über die Verbindungen der Abgeordneten untereinander. Am Beispiel der LINKE bedeutet dies, das die Abgeordneten der Linken 12 Mal von CDU-Abgeordneten gefolgt werden. Das kann sowohl bedeuten, das 12 CDU-Abgeordnete einem Linken folgen, aber auch das 4 CDUler jeweils 3 Linken-MdHB folgen. Daher entstehen auch die relativ großen Zahlen. Wenn man mit der Maus auf die jeweilige Partei geht kann man auch sehen, wie das Verhältnis von folgen und gefolgt werden aussieht.

Die letzten 24 Stunden im Zeitraffer: Das Feature zeigt grafisch auf, wann und von welcher Partei am vergangenen Tag getwittert wurde. Ein nettes animiertes Spielzeug. Mehr nicht.

Die neuesten Tweets auf einer Karte: Auf der Google-Map kann man sehen von welchem Ort aus die twitternden Parlamentarier in den vergangenen 31 Tagen Tweets abgesetzt haben. Die Tweets werden dabei mit Hilfe der Geolocation-Angabe von Twitter getrackt.

Screenshot
Retweets im Verhältnis zu Followern
Retweets im Verhältnis zu Followern: Wie viele Retweets erhält ein Politiker und welcher Politiker erhält relativ die meisten Retweets und schafft somit im Verhältnis zu seinen Followern ein größere Reichweite als andere Accounts? Diese Fragen beantwortet dieses Feature. Aktuell sieht man deutlich das vor allem LINKE-Politikerinnen sehr viele Retweets im Relation zu ihren Followern erhalten. Sowohl Christiane Schneider, Kersten Artus als auch Cansu Özdemir werden mit einem großen Punkt dargestellt. Mit einem Mouse-Over über die Punkte erhält man weitere Informationen zu den Politikern. 

Seit wann twittern die Abgeordneten: gibt einen schönen Überblick über die Entwicklung von Twitter in der Hamburger Landespolitik. Bereits seit März 2007 ist Twitter-Veteran Hansjörg Schmidt (SPD) dabei, seit Dezember 2014 hingegen ist Thilo Kleibauer (CDU) erst unter die Twitterati gegangen. Die meisten Neuanmeldungen gab es im Jahr 2011. 

Als bisher noch versteckten Report gibt es eine Übersicht über die Hamburger Follower der Abgeordneten. Nicht uninteressant zu sehen, welcher Politiker die meisten potentiellen Wähler hinter sich vereint und welche Follower wiederum die wichtigstgen Multiplikatoren des Politikers sind. So kommen bei Robert Heinemann (CDU) 44 Prozent seiner Follower aus Hamburg, bei Cansu Özdemir (LINKE) hingegen nur 9 Prozent. Dafür hat sie 47 Prozent türkische Follower. Das zeigt, dass eine große Followerschaft noch gar nichts über die Reichweite im eigenen Wahlkreis bzw. der eigenen Stadt aussagen muss. Bei den Politiker-Followern mit den meisten eigenen Followern sind ziemlich oft Nico Lumma, BILD Hamburg und die Hamburger Morgenpost dabei.

Für alle Entwickler stellt Thomas Puppe auf dieser Seite zudem noch die PolitikTweetsHH-API zur Verfügung, um die Daten und Analysen für weitere Projekte zu nutzen.
   

Ausblick


Zur Bürgerschaftswahl wird es ein erweitertes Angebot bei PolitikTweetHH geben. Neben den bishiergen Abgeordneten werden zudem alle twitternden Kandidaten aller antretenden Parteien auf der Webseite abgebildet werden.

Der Fokus der Erweiterung soll auf folgenden drei Punkten liegen:
1. Filtern von Wahlkampfthemen: Welche Themen spielen eine Rolle? Wer äußert sich dazu (und wer nicht)?
2. Interaktion: Wer wird von Bürgern angeschrieben? Antworten die Politiker auch auf Tweets? Streiten sie untereinander via Twitter? Wer schafft es, seine Tweets gut weiter zu verbreiten? Und wer sind die twitternden Multiplikatoren?
3. Ortsbezug: Man kann seinen Wahlkreis auswählen und sich über die Politiker informieren, die tatsächlich als Direktkandidaten in seinem Wahlkreis zur Wahl stehen.

Auch Dank dieses Analyse-Tools freue ich mich schon auf den Hamburger Bürgerschaftswahlkampf.

Eine abonnierbare Twitterliste aller Bürgerschaftsabgeordneten gibt es hier.

Disclaimer: Ich bin Unterstützer von Bundestwitter und unterstütze Thomas Puppe auch beim Projekt PolitikTweetsHH.

Montag, 22. Dezember 2014

Best Practice in der Politik: Wie Lars Castellucci auf Facebook Millionen Bürger mit Fakten erreichte

Dies ist ein Gastbeitrag von Robin Mesarosch. Er ist Mitarbeiter des SPD-Bundestagsabgeordneten Prof. Dr. Castellucci aus Wiesloch und u.a. für dessen digitale Öffentlichkeitsarbeit und demokratiepolitische Themen zuständig. Er verantwortete auch das hier beschriebene Best Practice-Beispiel zur erfolgreichen Nutzung von Facebook in der politischen Kommunikation.  

Screenshot
Erfolgreiches Facebookposting von MdB Prof. Castellucci (SPD)
Virale Facebookposts sind meistens Aufnahmen von süßen Tierbabys, virtuosen Künstlern oder Menschen, die offenkundig etwas furchtbar Bescheuertes tun.
Fakten-Grafiken von Politikern – insbesondere von deutschen – waren bislang selten bis niemals Ausgang eines Social-Media-Hypes.

Am 10. Dezember stellte ich eine Grafik mit fünf Fakten über Flüchtlinge auf die Fanpage des Bundestagsabgeordneten Prof. Dr. Lars Castellucci. Nur Text und ein Verlauf im SPD-Corporate-Design, mehr nicht. Inzwischen zeigt der Zähler eine Reichweite von 1.984.000 Personen an (Stand 22.12.2014). Der Post wurde insgesamt 15.343 Mal geteilt. Zum Vergleich: Der am meisten geteilte Post der Bundeskanzlerin erzielte 5.525 Shares. Sie hat über 900.000 Fans, unsere Fanpage knapp 2.000.

Beachten muss man auch die Screenshots, die nicht in der Statistik auftauchen. Derart entspannt mit dem Urheberrecht ging auch der diesjährige Comedypreisträger Ingmar Stadelmann um, auf dessen Fanpage der Screenshot unserer Grafik nochmal 6.347 Mal geteilt wurde. Die tatsächliche Reichweite der Information liegt aktuell also zwischen zwei und drei Millionen Personen.

Das Außergewöhnliche an dem Post ist nicht die Reichweite. Da gab es schon höhere Zahlen. Das Außergewöhnliche ist, wie viele Menschen ein Post erreicht hat, der nur aus einer SPD-farbigen Grafik mit viel Text voller Zahlen und ohne Bild besteht. In diesem Beitrag möchte ich zeigen, warum unser Post nicht trotz, sondern gerade wegen seiner handbuchwidrigen Konzeption erfolgreich war und was man daraus lernen kann.

Foto:
MdB Prof. Castellucci (SPD) zu Besuch im Flüchtlingsheim Walldorf
Ziel des Posts war: Er sollte Menschen mit Argumenten versorgen, die in einer auf beiden Seiten hochemotional geführten Einwanderungsdebatte - „Gutmenschen“ gegen Nazis -  nicht mehr sprachfähig waren, ihre zuwanderungsfreundliche Position zu verteidigen.
Für einen selbst reicht es ja vollkommen aus, wenn man dieses vage Bauchgefühl hat: „Da fliehen Menschen, die von Krieg, Tod und Folter bedroht sind – lasst uns ihnen helfen, wir können es.“ Es ist aber überaus unbefriedigend, wenn man von einem Einwanderungsgegner ein Argument um die Ohren gehauen bekommt und nichts erwidern kann. Das liegt oft daran, dass gerade Rechtspopulisten mit ihrem sehr kreativen Verständnis von Wahrheit Fakten frei erfinden, auf die sie dann alles stützen. Wer nicht sofort mit den tatsächlichen Fakten kontern kann, droht schnell das Streitgespräch zu verlieren, fühlt sich unwohl oder ist im schlechtesten Fall sogar verunsichert.

In den zahlreichen Reaktionen auf den Post habe ich bei sehr vielen Menschen Dankbarkeit dafür gespürt, endlich neue Argumente an die Hand zu bekommen, um ihre Haltung nach außen wirksam vertreten zu können.

Entwicklung Pegida-Facebookseite via Pluragraph.de
Ebenfalls wichtig war uns, nicht vorwurfsvoll den Zeigefinger zu heben oder Leute als dumm oder als Nazis abzustempeln. Sowas hilft keinem. Die lautwerdenden Nazirufe führen nur dazu, dass eine eigentlich sehr heterogene Bewegung wie Pegida eine starkes Gemeinschaftsgefühl entwickelt, radikalisiert und interessant gemacht wird. Auch muss man akzeptieren, dass dort Menschen mitlaufen, die mit rechten Ideologien nichts am Hut haben, sondern ihre eigenen Ängste und Sorgen auf Fremde projizieren. Das ist nicht gut, aber menschlich. Klar dürfen sie nicht zum Maßstab für Politik werden, aber an ihnen sollte man auch nicht die Gesellschaft spalten.

Zuletzt war es nicht unser Ziel, die Pegida-Anhänger selbst umzustimmen. Wir wollten zu einer Versachlichung der Debatte beitragen. Einen Proteststurm hat noch keiner niedergeschrien.

Diese Konzeption leitet sich konsequent aus meinem Verständnis von politischer Kommunikation ab.
Ich bin überzeugt: Menschen darf man nicht über- aber eben auch keinesfalls unterfordern. Das heißt es, Menschen ernst zu nehmen. Es lässt sich noch jeder komplexe Sachverhalt verständlich darstellen und das sollte man auch tun. Bei politischen Forderungen muss es dazugehören, zugrundeliegende Argumente und Gedanken aufzuzeigen. Das ist in keinster Weise nur für Akademiker interessant – im Gegenteil! Gerade Menschen, die politisch weniger belesen und eher analyseschwach sind, profitieren davon und können so für politische Positionen begeistert und überzeugt werden.

Das Design der Grafik spiegelt genau das wieder. Es geht nicht um Effekte oder um tolle Sprüche. Es geht um verständliche Fakten, die uns alle betreffen.

Quelle: Hamburger Wahleboachter für UdL Digital
91 Prozent der MdB besitzen einen Facebook-Account
Ja, Facebook ist ein Ort der Katzenbilder und der gephotoshopten Mittagessen. Es ist aber auch ein Ort, an dem ganz unterschiedliche Leute miteinander debattieren: Arm mit Reich und Jung mit Alt. Das ist keine humanistische Wunschvorstellung, sondern Realität. Politiker allerdings sind selten ein relevanter Teil dieses politischen Diskurses. Dabei waren die Möglichkeiten noch nie so gut, mit den Menschen zu diskutieren, für Positionen zu werben und Informationen zu verbreiten wie heutzutage auf Facebook. Das klappt natürlich nicht, wenn man nur postet „War in XY. Spannende Diskussion.“ oder „Zukunft ist wichtig.“ Wer mitdiskutieren will muss eigene Argumente und Gedanken einbringen. Das ist auf Podiumsdiskussionen so, im Bürgergespräch und auf dem Marktplatz – nur auf Facebook hören viel mehr Menschen zu.

Auch ich mache das in meiner Arbeit noch zu selten richtig. Aber ich fühle mich durch den Erfolg unseres Posts einmal mehr darin bestärkt, dass die Politik Facebook stärker als ein Diskussionsforum denn als Schaufenster begreifen muss. Und dass sachliche Argumente auch die Kraft haben, Katzenbilder zu schlagen. Die vielen Nachrichten von Facebook-Nutzern haben mir das bestätigt.

Mein Appell: Politiker müssen sich auf Facebook ihrer ganz eigenen Rolle bewusst werden. Platte Lebensweisheiten posten Teenager. Politik muss nicht hip, sondern relevant sein. Für einen politischen Diskurs ist Facebook die ideale Plattform. Lasst uns das nutzen.


Autor

Robin Mesarosch
Robin Mesarosch (23) studierte an der HdM Stuttgart Werbung und Marktkommunikation, mittlerweile studiert er Jura in Berlin. In Baden-Württemberg leitete er die Wahlkämpfe eines Landtags- und eines Oberbürgermeisterkandidaten sowie die digitale Kampagne einer Stadtratsfraktion bei der Kommunalwahl. In seiner Schulzeit organisierte er in einer schwäbischen Kleinstadt mit 16.000 Einwohnern die größte Anti-Atomkraft-Demonstration innerhalb einer bundesweiten Campact-Aktion und mobilisierte über 2.000 Schüler für den Bildungsstreik. Als Mitarbeiter von MdB Prof. Dr. Castellucci (SPD) ist er u.a. für dessen digitale Öffentlichkeitsarbeit und demokratiepolitische Themen zuständig. Deutschlandweit feiert er als Poetry Slammer und Moderator Erfolge.



Montag, 15. Dezember 2014

Public Diplomacy 2.0 – Wie können Staaten Social Media für die öffentliche Diplomatie einsetzen?

Dies ist ein Gastbeitrag von Laura Egger. Sie studierte Kommunikationswissenschaft und Rechtswissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Ihre Bachelorarbeit verfasste sie zum Thema Public Diplomacy 2.0. Der folgende Gastbeitrag fasst zentrale Aspekte staatlicher digitaler Public Diplomacy zusammen.

Logo LMU München
Das Tragen von Werten oder vorteilhaften Entwicklungen an die Öffentlichkeit kennt man von Unternehmen und Organisationen, bekannt als Public Relations. Damit bemühen sich diese um Verständnis und Vertrauen in der Öffentlichkeit. Dieses Ziel verfolgen jedoch nicht nur private oder staatliche Einrichtungen, sondern auch ganze Staaten.

Unter staatlicher Public Diplomacy versteht man vereinfacht, das Bemühen, das eigene Land außerhalb der Landesgrenzen positiv darzustellen oder das eigene Handeln zu erklären. In Deutschland ist dies vor allem die Aufgabe des Auswärtigen Amtes

Dabei geht es bei Public Diplomacy nicht um die Kommunikation zwischen Politikern oder Diplomaten, im Sinne klassischer Diplomatie auf Regierungsebene. Vielmehr gemeint ist die Kommunikation zwischen einem Staat und den Bevölkerungen im Ausland. Social Media wie Facebook oder Twitter bieten hierfür seit einigen Jahren neue Möglichkeiten, es entsteht zunehmend eine Public Diplomacy 2.0.
 
Facebook-Posting des Auswärtigen Amtes
Ein Beispiel staatlicher Public Diplomacy ist der Besuch des Außenministers Frank-Walter Steinmeier an der Grenze zwischen Süd- und Nordkorea im Oktober. Dabei sprach er vom Glück Deutschlands, vereint zu sein und wünschte Korea, seine Teilung eines Tages ebenfalls überwinden zu können. Damit trug der Minister eine deutsche Sichtweise und deutsche Werte nach Korea und über die Medien an die Öffentlichkeit. Implizit dabei war eine positive Darstellung Deutschlands, denn im Vergleich zu Korea hat Deutschland seine geteilte Vergangenheit bereits überwunden.

Unverzüglich wurden des Ministers Worte sowohl auf dem zentralen Facebook-Kanal des Auswärtigen Amtes gepostet als auch in englischer Sprache getwittert, die Inhalte wurden mit Vine Videos verlinkt. Hiermit erreichte die positive Darstellung Deutschlands über die Worte Steinmeiers die Nutzer sozialer Medien.
So wie soziale Netzwerke unseren Alltag immer mehr durchdringen, werden sie auch in Zukunft in der Public Diplomacy immer stärker an Bedeutung gewinnen, auch wenn die Kanäle dann vielleicht nicht mehr Facebook oder Twitter heißen werden. Wirklicher Nutzen in und durch die sozialen Medien kann dabei nur erreicht werden, wenn die Kommunikation sich hier – zumindest teilweise – verselbstständigt. Dabei sind emotionale und polarisierende Inhalte klar im Vorteil, denn nur, was die User direkt anspricht, wird auch geteilt. Diese Art von Inhalten ist jedoch schwer von oben steuer- oder gar kontrollierbar.

Humanitäre Hilfe für Syrien
Best Practice Posting Auswärtiges Amt
Um das gewünschte Bild eines Landes im Ausland zu zeichnen oder um bestimmte Informationen außerhalb der Landesgrenzen zu verbreiten, ist ein strategisches Vorgehen jedoch notwendig. Wie ist das aber bei sozialen Medien in der Praxis möglich? Ist es denn nicht vielmehr gerade diese spontane, unkontrollierte Kommunikation, die die sozialen Medien zu glaubwürdigen Kanälen macht und ihnen somit Wirkung verleiht? Staaten, ihre Regierungen und Außenämter müssen sich also ein Vorgehen überlegen, welches einerseits Posts, Tweets und Videos auf Vine oder YouTube dem übergeordneten Ziel der Public Diplomacy unterordnet. An erster Stelle steht also, die positive Darstellung eines Landes und Vertrauen diesem gegenüber zu fördern sowie politische Informationen zu verbreiten. Andererseits ist das Herzstück der Public Diplomacy ebenso der Dialog mit der Öffentlichkeit im Ausland. Hierfür bieten die sozialen Medien in ihrer Grundfunktion optimale Voraussetzungen. Deshalb ist eine starre, strategische Kommunikation in den sozialen Medien zwar noch sinnvoll, wenn es um das Verbreiten politischer Informationen geht, sobald jedoch die Verständnisförderung im Vordergrund steht, muss eine symmetrische Kommunikation möglich gemacht werden. Dies ist nicht gegeben, wenn zum Beispiel Kommentarfunktionen deaktiviert sind. Dann handelt es sich weder um eine effektive Social Media Kommunikation, noch um eine zweiseitige Public Diplomacy. 

Thema: Bangladesh
Best Practice Posting US Department of State
Da sich Public Diplomacy trotz seines öffentlichen Aspekts allerdings immer noch im Spektrum der Diplomatie abspielt, ist ein kontrolliertes, strategisches Vorgehen, welches die positive Darstellung des Landes als großes Ganzes im Auge behält, unabdinglich. Diese Herausforderung des Balanceaktes gilt es kreativ zu meistern, wenn über soziale Medien das Handeln eines Staates kommuniziert werden soll. Gelingt dies nicht, findet in den sozialen Medien keine Public Diplomacy statt, die über politische Information hinausgeht.

Die Facebook-Posts des U.S. Departement of State und des Auswärtigen Amtes sind Beispiele, die in Richtung zweiseitige Kommunikation in der digitalen Public Diplomacy gehen. Beide Posts senden eine Botschaft, die positiv auf das Land zurückfällt, enthalten jedoch Kommentare von (wie es scheint) eigenen sowie auch fremden Staatsangehörigen, die nicht nur positiv und damit eindeutig nicht kontrolliert sind. Um von einer vollkommen symmetrischen Kommunikation zu sprechen, müsste jedoch eine Reaktion von Seiten des Public Diplomacy Akteurs folgen. Außerdem sprechen die beiden Beiträge die Nutzer an, denn sie wurden vermehrt geliked und geteilt. 

Eine Übersicht über alle aktuellen Social Media Aktivitäten des Auswärtigen Amtes findet sich auf den Webseiten des Auswärtigen Amtes.

Auf Pluragraph.de gibt es zudem eine Übersicht über die Entwicklung der Social-Media-Profile des Auswärtigen Amtes als auch eine Übersicht aller Deutschen Botschaften und deren Social-Media-Aktivitäten. Das Ranking gibt es auch soriert nach Facebook und Twitter
 

Autorin 

Laura Egger studierte Kommunikationswissenschaft und Rechtswissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Ihre Bachelorarbeit verfasste sie zum Thema Public Diplomacy 2.0. Dabei untersuchte die den strategischen Social-Media-Einsatz des Auswärtigen Amtes vor dem Hintergrund der schwierigen Verbindung von dialogisch-interaktiven Kommunikationsformen in den sozialen Medien und hierarchisch geprägter, geplanter und zentral abgestimmter Kommunikation staatlicher Organe. Die methodische Umsetzung erfolgte mittels qualitativer Experteninterviews mit Kommunikationsveranwortlichen des Auswärtigen Amtes.

Dienstag, 9. Dezember 2014

Online-Marketing im Wahlkampf: Wie man mit Online-Kampagnen Wähler adressiert

Dies ist ein Gastbeitrag von Benjamin Birkner und Viktor Zawadzki. Beide haben 2013 die Online-Kampagne zum Bundestagswahlkampf von Bündnis 90/Die Grünen durchgeführt. Damals bestand ihr Auftrag darin, deutschlandweit grünenaffine, wechselwillige Wähler zu mobilisieren. In ihrem Gastbeitrag zeigen sie die neuen Möglichkeiten im Online Marketing, die sich Parteien durch die technologische Weiterentwicklung inzwischen bieten und diskutieren diese am Beispiel der Hamburger Bürgerschaftswahl 2015.


Wahlkampf und Online-Marketing: Je feingliedriger, desto moderner


Logos Die Onlinefabrik & Spree7
Seit den 70er Jahren werben Parteien immer personenbezogener um potenzielle Wähler. Zu Anfang konzentrierten sich die Strategen auf Wohnadressen, bereits in den 90ern standen jedoch bestimmte Konsumenten und Kleingruppen im Fokus. Potenzielle Wähler werden seitdem sukzessive detaillierter identifiziert und datenbankgestützt sowie mit Hilfe von statistischen Modellen individuell angesprochen. Die Kampagnen laufen, nach strategischer und kreativer Planung durch Mediaagenturen und Anbieter von Realtime Advertising-Technologien, automatisiert. Intelligente Algorithmen überwachen die Ergebnisse kontinuierlich und optimieren die Kampagne auf besonders erfolgreiche Profile, Werbeflächen oder -zeiten. Die Zielgruppe kann nach und nach immer exakter mit digitaler Außenwerbung, Radio- und Fernsehspots, Online-Banner sowie Online-Videos oder Social Media-Werbemittel angesprochen werden.

Innovatives Konzept aus Kreation und Technik nötig


Screenshot mit 4 Fragen
Umfragebanner zur Grünen-Kampagne 2013
Ein konkretes Beispiel: Das Ziel für den Bundestagswahlkampf der Partei „Die Grünen“ war, nur parteiaffinen und gleichzeitig noch unentschlossenen Wählern passende Botschaften zu zeigen. Dafür wurde mit einem Online-Umfragebanner auf unterschiedlichsten Websites abgefragt, ob sich der Betrachter bereits für eine Partei entschieden habe. 

Die technischen Merkmale der Personen, die sich unentschlossen zeigten, wurden anonym erhoben und zu einer Schablone verdichtet. Die thematisch auf die Umfelder abgestimmten Wahlkampfanzeigen der Grünen wurden in der Folge nur noch Personen mit passendem Profil gezeigt. Die Umfrage blieb während der gesamten Kampagnen aktiv. So konnte die Zielgruppe immer genauer angesprochen werden.


Am Anfang steht die Mobilisierung


Bei allen technischen Veränderungen ist eines bis heute gleich geblieben: Am Anfang der Kampagne steht die Frage, wie die eigenen Wähler dazu gebracht werden können, ihre Stimme abzugeben. Um dieses Ziel zu erreichen, reicht es nicht länger, nur Botschaften auszusenden. Es gilt, sie persönlich erlebbar und den Mehrwert der politischen Position der Partei deutlich zu machen. Die Interaktion wird dabei zum Gradmesser des Erfolgs – im Online-Bereich kann das beispielsweise ein Klick auf ein Werbemittel oder der Download vertiefender Infos sein.

In der Praxis: Die Hamburger Bürgerschaftswahl 2015


Anfang 2015 findet die Wahl zur Hamburgischen Bürgerschaft statt. Eines der drängendsten Themen ist der Verkehr: Diskutiert wird unter anderem über Bussystem, Ampelschaltungen und Fahrradwege. Das Thema bietet sich für eine moderne Online Marketing-Kampagne einer Partei zur Wahl an, denn im Laufe jeden Tages gibt es viele Möglichkeiten, die eigene Zielgruppe mit relevanten, zur Situation passenden Botschaften anzusprechen und eine Interaktion zu herbeizuführen.

Eine solche Kampagne könnte sich in zwei Phasen gliedern:

        1. Die Recherche: Wer ist wo?


Vergrößern: Teilbares, dynamisches Werbemittel
Media- und Wählerstudien bilden Eigenschaften und Gewohnheiten ab, die die potenziellen Wähler der jeweiligen Partei auszeichnen. Ein Beispiel zum Thema Verkehr: Wer nutzt den öffentlichen Nahverkehr, das Fahrrad oder das Auto? Aus den Antworten lassen sich Rückschlüsse ziehen, welche Wählersegmente tendenziell wo und wie erreichbar sind. In den ausgewählten Gebieten erhält die Zielgruppe die Kernbotschaften direkt auf das eigene Smartphone oder sieht sie auf digitalen Außenwerbeflächen. Um die Wirkung der Werbung zu erhöhen, bezieht sich die Aussage des Werbemittels idealerweise direkt auf die Situation, in der sich der Nutzer befindet.


  2. Interaktion und Optimierung


Vergrößern: Dynamisches Werbemittel mit weiterführendem Link
Innerhalb von Echtzeit-Kampagnen kann daran, ob und wie die angesprochenen Nutzer auf die Werbemittel reagieren, erkannt werden, ob die richtige Zielgruppe erreicht und der Ton getroffen wurde. Beispielsweise werden Klicks und Verweildauer oder die Eingabe von Informationen in Formularfelder analysiert. Ein starker Parameter kann sein, ob und in welcher Form die Botschaften in sozialen Netzwerken geteilt werden. Über die Interaktionen werden dann weitere potenzielle Wähler sichtbar. Deren Merkmale können wiederum dafür genutzt werden, die Ansprache von bisher unbekannten Mitgliedern der Zielgruppe zu optimieren.

Butter bei die Fische: Wer, wann und wo?


Wir bleiben bei den Grünen und denken uns eine Hamburger Bürgerin, die morgens mit der U-Bahn zur Universität fährt. Entsprechend ist die potenzielle Grünen-Wählerin tendenziell mit dem Nahverkehr oder auf fahrradfreundlichen Nebenstraßen unterwegs und während der Strecke offen für unterschiedlichste Botschaften. Anschließend eignen sich Online-Banner auf Informationsportalen mit regionalem Bezug, beispielsweise zu Artikeln über Studiengebühren oder Professorenmangel. Zum Vergleich: Den potenziellen CDU-Wähler würde man, polemisch formuliert, eher im Mercedes im Stau erwarten. Er wäre eher über ausgewählte Außenwerbeflächen entlang einer Hauptverkehrsstraße oder über Werbeformate innerhalb bestimmter Apps erreichbar, die er während der Wartezeit konsumiert. In beiden Fällen bieten Online-Werbemittel zudem die Chance, mit dem potenziellen Wähler zu interagieren. 

Ein weiteres Beispiel illustriert, wie viele werbefähige Kanäle potenzielle Wähler inzwischen fast stündlich begleiten:

  Eine größere Ansicht der Tabelle ist hier möglich:  

Online-Marketing bewegt, wenn es richtig eingesetzt wird


Echtzeitmarketing und crossmediale Aussteuerung der Kampagneninhalte sorgen dafür, dass die definierte Zielgruppe immer präziser und wirkungsvoller angesprochen wird, mit der Botschaft interagieren und sich so tiefgründiger mit dem Thema beschäftigen. Die Vorteile gegenüber klassischen Kampagnen: Das verfügbare Budget wird optimal ausgenutzt und es findet eine effektstarker Dialog mit der Zielgruppe statt.


Autoren

Benjamin Birkner

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Benjamin Birkner ist Head of Business Development der Full-Service Onlinemarketing Agentur Die Onlinefabrik. Der 32-Jährige ist Experte und Vordenker sowohl für Konzeption als auch technologische Umsetzung von Branding- und Performancekampagnen und verantwortet die strategische Weiterentwicklung des 2010 gegründeten Unternehmens. In seiner Funktion berät der studierte Politologe Kunden wie Bündnis 90/Die Grünen, die Versicherung AOK Baden-Württemberg, den Deutschen Anwaltverein und Thüringer Energie in allen Fragen des Online-Marketings und Campaignings.

Viktor Zawadzki

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Viktor Zawadzki  ist Geschäftsführer der Spree7 GmbH, dem Trading-Desk-Service für die effiziente Steuerung digitaler Medien in Echtzeit. Sein Hauptaugenmerk liegt auf dem weiteren Ausbau des operativen Geschäfts in Europa, auf Business Development, Consulting und Product Development. Der Diplom-Volkswirt war in früheren Stationen im Umfeld des Inkubators Rocket Internet tätig. Als Head of Display Marketing and Cooperations verantwortete er Display, Real-Time Bidding, Facebook, Mobile, Remarketing und Online-Kooperationen für die Portale eDarling und SHOPAMAN, zuvor war er langjährig in ähnlicher Funktion für Jamba! GmbH aktiv. Der Online-Marketing-Experte lebt und arbeitet in seiner Wahlheimat Berlin.