Dienstag, 22. Juli 2014

Onlinemarketing und Politik - einfach irrelevant oder noch unverstanden?

Dies ist ein Gastbeitrag vom Sven-Olaf Peeck, Gründer und Geschäftsführer der Hamburger Agentur crowdmedia. Er berät Unternehmen und öffentliche Einrichtungen rund um das Thema Online-Marketing.  

Logo crowdmedia GmbH
Im Zuge der Bundestagswahl 2013 habe ich mich bereits mit dem Thema Onlinemarketing und Politik beschäftigt: Sowohl in einer Umfrage an die Abgeordneten des Bundestags als auch mit ganz konkreten To Dos für den lokalen Eimsbütteler SPD-Kandidaten Nils Annen.

Die Potentiale liegen für mich als Onliner auf der Hand, dennoch wird zu wenig gemacht. Ein Effekt, den wir im täglichen Umgang mit Seminarteilnehmern und Kunden aus der Wirtschaft auch kennen. Man (über-) lebt mit dem Mix an Marketing- und Kommunikationskanälen, die bereits in der Vergangenheit treue Dienste leisteten. TV und Plakat, das sind die alten Haudegen, die auch heute noch die medialen Eckpfeiler im Wahlkampf darstellen. Ich wage zu behaupten, zusammen mit „Rosen und Kugelschreibern in der Fußgängerzone verteilen“, bilden sie 90% des Marketing-Mixder deutschen Politiker. Muss das so sein? Wie lange kann das noch so bleiben wenn da draußen digitale Transformation stattfindet und auch von Entscheidern wahrgenommen wird?

Wie viele Firmen stellen sich vielleicht auch Politiker und Parteien die Frage, ob es denn überhaupt  sinnvoll ist sich mit den Online-Medien zu beschäftigen. Websites sind allerorten Standard, keine Frage. Aber das „Punkten über Inhalte“ und aktiver Austausch mit Stakeholdern (nicht nur den Wähler-Kunden), ist die Ausnahme und keinesfalls die Regel.

Wir Onliner fassen diese Ansätze aktuell gerne unter dem Begriff „Content Marketing
Dazu gehört im Kern die konsequente Nutzerorientierung die sich äußert durch:

1.     das Interesse am Austausch mit dem Kunden (aka Wähler)
2.     das aktive Zuhören und Eingehen auf die Fragen der Nutzer
3.     die Bereitstellung relevanter Inhalte (Information, aber auch Unterhaltung)
4.     die aktive Verbreitung dieser Inhalte über eigene Kanäle, bezahlte Werbung oder soziale Medien


Schockstarre Politiker wie Rehkitze im Scheinwerferlicht


Wenn ich mir dieser Tage die Diskussion um das Video der Grünen Europapolitiker anschaue, dann kann ich verstehen, warum wenig Enthusiasmus für diese Themen herrscht. Patrick Gensing von publikative.org fasst es schön zusammen: Eigentlich kann man es nur falsch machen und kassiert dann von den Medien und Social-Media- Experten hämisches Feedback. Und von den Social-Media-Experten gibt es mehr als Bundestrainer während der WM.





Warum also etwas machen, wenn man eigentlich nur verlieren kann? Logisch, dass viele es lieber ignorieren. Oder aus meiner Sicht noch schlimmer: „Statt mit menschlicher Stimme zu sprechen, sich geduckt wie ein Aal im Wind ohne Reibungsfläche durch das Social Web zu posten.“ So wie unser amtierender Erster Bürgermeister in Hamburg, Olaf Scholz  (SPD).

Wenn nicht authentisch, dann lieber sein lassen: Hamburgs blutleerer Bürgermeister langweilt auf Twitter


Twitter-Profil Olaf Scholz (SPD)
Wo soziale Medien nur als Hygiene-Faktor verstanden werden, wird Müll rauskommen. Bei uns intern gilt Olaf Scholz als negativ Benchmark. Seine „Subjekt-Prädikat-Objekt in dritter Person“-Tweets sind blutleerer als die gesammelte Twilight-Serie. Keine Persönlichkeit, keine Kanten, kein Feuer, keine Leidenschaft. Kurz: Marketing-Sprech wird nicht besser, wenn man es auf 140 Zeichen kürzt. Wer sich davon im Kopf nicht trennen kann oder bereit ist es zu versuchen, der sollte es besser ganz sein lassen.







Fehlt Fehlerkultur und Mut zur Lücke?


Soziale Medien bieten die Chance Leute zu erreichen, die sonst eigentlich NICHT zu meiner Klientel zählen. Wenn man denn den Mut zur Diskussion hat und bereit ist Reibungsfläche zu bieten. Aber die Komfortzone verlassen, dass ist Parteien und ihren Vertretern scheinbar noch genauso fremd wie Firmen, die in alten Organisations-Silos verhaftet sind.

Wo online der Mut fehlt, da wurde andererseits zur Europawahl so manches Schmankerl auf die Plakatwände dieser Republik gedruckt. Es gibt also diesen „Macher“-Gedanken. Irgendwas zwischen „das meinen die nicht ernst“ bis hinzu „eigentlich ganz süß und hemdsärmelig“ sind die Ergebnisse. Warum ist dieser Geist nicht bei sozialen Medien da?


Die positiven Alternativen: hemdsärmelig aber anpackend


Ob er jetzt politisch auf meiner Linie liegt oder nicht, Bodo Ramelow ist einer von denen, die mir auffallen. Ein bunter Mix, nicht nur Eigenes sondern Informationen, die zu seinem Thema passen, Informationen und Meinungen. Deutlich weniger PR-Sprech als der Kollege Scholz.

Tweets von Dr. Peter Tauber (CDU)
Auch der CDU-Generalsekretär Peter Tauber ist für mich ein gutes Beispiel. Sein Newsletter BriefTauber (ein PDF – wie ich vermute - in Word erstellt und dann als Anhang verschickt) ist für mich als Vertreter der reinen Onlinemarketing Lehre vorsichtig formuliert sehr „hands on“. Aber was soll’s. Authentisch und statt hochglänzend der Blick hinter die Kulissen. Einfach mal machen. Und reden wie es sich gerade mal richtig anfühlt. Da fallen dann auch Sätze wie „das ist Fußball, Junge!“.






Die ungehobenen Potentiale: ein Blick auf den Kanalmix


Ihre Potentiale werden noch lange nicht optimal genutzt. Vermutlich ein Innovationsdilemma, da noch Plakate, TV-Spots und Streuartikel die großen Wahlen gewinnen. Eine Frage der Zeit bis der digitale Wandel auch hier eingesetzt hat. 

Wie würde sich ein reiner Onliner dem Thema nähern?

Gerade im Mix sind Online-Kanäle extrem effizient. Kampagnen können in ihrer Reichweite unterstützt werden, Wähler aktiv eingebunden werden, E-Mailadressen generiert werden um Besucher zu binden und wieder anzusprechen. Hier einige Gedanken:

Theorie I: Web Monitoring


Zunächst kann ich Online-Medien nutzen um strukturiert zuzuhören, Informationen zu sammeln wer, über was und wie oft spricht und aktiv in Gespräche einzusteigen.

Praxis I: Reinhören und zuhören


Rudimentäres Monitoring über Google Alerts oder die Twitter-Suche könnte so aussehen, dass ich zentrale Begriffe wie meinen eigenen Namen suche. Am Beispiel Olaf Scholz:

Screenshot
Twitter-Suche nach Olaf Scholz, Nähe Hamburg
Weil beim Monitoring (gerade wenn händisch umgesetzt und ausgewertet) weniger immer mehr ist, habe ich bewusst nur Tweets aus Hamburg betrachtet.

Auf den ersten Blick sehe ich also eine Presseveröffentlichung bei ZEIT Online zum Bahnhofsprojekt, ein Lob zur positiven Entwicklung der Integration durch einen Vertreter der alevitischen Gemeinde und Fragen von Bürgern, von denen ich einen recht schnell als Politik-Blogger identifizieren könnte.

Mehrere Chancen ins Gespräch einzusteigen mit relevanten Multiplikatoren. Dazu auch eine Basis auf der ich überlegen kann, ob und in welche Themen ich aktiv einsteigen werde. Ist Integration oder der Bahnhof in Altona ein relevantes Thema? Kann ich mit dem Thema Internetinsel im Rahmen meiner Bemühungen um den Standort Hamburg punkten bzw. muss ich meine Meinung äußern?

Aus relevanten Multiplikatoren oder Menschen die zu einem Thema schreiben kann ich eine Liste in Twitter erstellen, um schnell einen Überblick über die Lage zu erhalten. Die Twitterliste „Internetinsel“ oder eine Suche nach dem Hashtag #internetinsel könnte ein nächster Schritt sein um das Ohr am twitternden Bürger zu haben.

Das ist die Basis für den nächsten Aspekt, die Möglichkeit mit Menschen zu reden.

Theorie II: Interaktion und Inhalte schaffen


Statt marktforschungsgetriebener Wahlprogramme kann ich also ad hoc auf Themen reagieren und in eigenen Plattformen wie Blog, Webseite, Social Networks wie Twitter oder Facebook Stellung beziehen.

Praxis II: Raus gehen und reden


Das ist selbsterklärend oder? Ich könnte permanent in der virtuellen Fußgängerzone Rosen verteilen z.B. in dem ich den Neu-Twitterer @BarisOenes begrüße oder in die Diskussion einsteige. Ressourcen-intensiver Ansatz aber mit Potential. Themen die ich als wichtig erachte, denen widme ich mich ausführlicher und integriere sie auf meiner zentralen Plattform dem Content oder Storytelling Hub.

Theorie III: Der Content Hub


Nach meiner Forschung in sozialen Medien und dem Abgleich mit der Marktforschung, die ich bestimmt auch in der Schublade habe, hab ich also meine Themen gefunden für die ich stehen und gefunden werden will. Wo findet das statt? Was ist mein Storytelling Hub auf dem meine Gedanken gesammelt werden? Leser- und googlefreundlich gestaltet bildet er die zentrale Plattform auf der ich gefunden werde und auf die ich aktiv durch Werbung hinweise.

Praxis III:  Wie gestalte ich meinen Content Hub?


Der Content Hub  könnte www.olafscholz.de sein. Aktuell ist die Website noch nicht optimal gelöst, eher eine Sammlung von Texten die für andere Anlässe gedacht waren. Ein Blogformat, das mehr Lust am Lesen im Web macht, ist hier sinnvoll.

Texte müssen an das neue Medienformat angepasst statt stumpf eingefügt werden. Maxime: kurze Absätze statt Bleiwüste.

Schönes Beispiel dafür wie es nicht optimal ist: Eine Rede nachlesen, daran haben maximal Historiker Spaß, also sollte so ein Inhalt für das Internet passend aufgearbeitet werden. Also kurze und prägnante Aussagen statt Bleiwüste. In diesem Fall vielleicht sogar noch besser: Bewegtbild.

Ich könnte mir vorstellen, dass es ein Video gibt, wie diese Rede gehalten wurde. Und dass es irgendwo in der SPD Hamburg jemanden gibt der aus diesem langen Video einen 1 bis 2 Minuten Imagefilm machen kann. Denn auch Bildwüste macht keinen Spaß.

Theorie IV: Wähler binden und Kontakt halten


Ich kann Geld ausgeben, ich kann gefunden werden via Google, beides gute Optionen. Mittelfristig sollte ich mich aber in die Lage bringen, selber Kunden Wählerkontakt zu haben. Also will ich in Ergänzung E-Mail Marketing betreiben: eine kostengünstige Möglichkeit mit Wählern im Kontakt zu bleiben. Oft tot gesagt aber trotzdem ein performanter Kanal.

 

 

Praxis IV: Adressgenerierung, Segmentierung und Nurturing von Interessenten


Schritt 1: Newsletter-Anmeldungen generieren

Auf meinem Storytelling Hub will ich E-Mailadressen einsammeln, wie geh ich da am schlausten ran? Prominente Einbindung eines Störers auf der Website, Icon in der Navigation oder auch als Layer der nach einer gewissen Zeit auftaucht. Ich hör euch jetzt „uuugh nervig denken“ liebe Leser aber denkt dran: Ihr seid nicht das Internet. Daher testet man sowas. Wenn die Abbruchrate hoch ist, dann lässt man es wieder, wenn die Zahl der generierten E-Mailadressen steigt: Weiter testen mit größerem Störer der blinkt und Geräusche macht (<= unverbindliche Idee!)

Werfen wir auch hier wieder einen Blick auf Olaf Scholz, so richtig ernst meint der das aus meiner Sicht nicht, könnte man besser machen. Ich würde ganz einfach ein Formular mit einem kurzen Text was mich erwartet („Abonnieren sie meinen wöchentlichen Newsletter zur Hamburger Lokalpolitik“), einem Textfeld für die E-Mailadresse und den Button „Newsletter abonnieren“ einbauen. Alle Details kann ich später noch abfragen.

Newsletterbestätigung olafscholz.de
Weiterer kleiner Tipp an den Kollegen Scholz: E-Mail Marketing ist Teil des Dialogmarketing. Dialogbereitschaft kann man deutlich besser rüberbringen als in solchen Textblöcken die vermutlich ein System-Admin geschrieben hat.

Warum nicht die letzten Newsletter hier als Übersicht bereitstellen? Dann muss der User nicht auf den nächsten warten sondern kann den von gestern direkt lesen?

Schritt 2: Relevante Inhalte senden

Wenn man es richtig gut machen will: Dann gilt es zu segmentieren und die passende Newsletter gestalten. Denkbar wäre also eine Trennung z.B. nach SPD-Mitgliedern, Journalisten, Alterssegmenten (Neuwähler vs. Rentner) oder nach Stadtteilen/Bezirken.

Wenn ich das nicht leisten kann oder so kleine Segmente rauskommen, dass der Arbeitsaufwand nicht in Relation steht, dann muss ich das über meinen Themenmix im Newsletter steuern und für jeden Fisch einen Köder einbauen

Theorie V: Reichweite aufbauen durch bezahlte Werbung


Wir haben Themen identifiziert, auf unserem Storytelling Hub drüber berichtet und bieten unseren Nutzern dort die Chance sich unsere Newsletter zu abonnieren, damit wir in dran bleiben können.

Jetzt wird es Zeit für den Reichweitenaufbau. Bezahlte Werbeformate bieten mir die Chance meine Botschaft zu verbreiten sei es als klassisches Display Anzeige oder Werbung in Suchmaschinen.

Gerade Werbung wie Google AdWords ist hier extrem wertvoll, da es Fragen beantwortet, die User haben und der Suchmaschine Google stellen - wie kann ich es mir da leisten NICHT mit meiner Meinung dort aufzutauchen?

Praxis V: Inhalte gezielt bewerben

Für Olaf Scholz bietet es sich aus meiner Sicht an, seinen eigenen Namen sowie die ausgewählten Fokusthemen (aus Schritt 1) zu bewerben. Auch bei kritischen Themen könnte ich aufsuchen und per Anzeige beim Begriff „Elbphilharmonie“ oder „Lampedusa“ meinen Content Hub und meine Sicht der Dinge platzieren.

Googles Display Netzwerk bietet ergänzend die Möglichkeit auf thematisch passenden Seiten aufzutauchen. Wenn ich die Wörter wie „Kita, Kindergarten, Hamburg, KITA Platz“ lande ich auf Seiten die von Menschen geschrieben und gelesen werden, die dieses Thema bewegt. Gute Möglichkeit, meine Sicht der Dinge dort zu platzieren.

Liebe Politiker, das wären ein paar Ideen von mir, ich bin gespannt wie sie ankommen und freue mich auf Frage und Anmerkungen.


Autor



Sven-Olaf Peeck
Sven-Olaf Peeck ist Gründer und Geschäftsführer der crowdmedia GmbH in Hamburg. crowdmedia versetzt Unternehmen und öffentliche Einrichtungen in die Lage sinnhaft mit Stakeholdern zu kommunizieren. Svens liebste Themen sind Content Marketing und die Integration der digitalen Medien in den Kommunikationsmix. Er ist Dozent u.a. an der Hamburg Media School.



Mittwoch, 16. Juli 2014

Erhöhen Social Media die Sichtbarkeit im Wahlkampf?

Dies ist ein Gastbeitrag von Elisabeth Günther, Emese Domahidi und Prof. Thorsten Quandt vom Institut für Kommunikationswissenschaft an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster.

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Insbesondere im Wahlkampf wollen und müssen Politiker gesehen werden – von mehr Aufmerksamkeit erhoffen sie sich einen Wettbewerbsvorteil bei der anstehenden Wahl. Die wichtigste Plattform bieten ihnen dafür die Massenmedien (Jandura & Reinemann, 2013).

Um sich in der die Berichterstattung zu positionieren, betreiben die Parteien und ihre Wahlkampfteams ein strategisches Themenmanagement. Die Nachrichtenagenda bildet damit den thematischen Rahmen, über den PolitikerInnen einen Zugang zur medialen Bühne erlangen. Darüber hinaus steckt sie den Kontext ab, innerhalb dessen die WählerInnen die Kompetenzen der KandidatInnen und Parteien beurteilen (vgl. Brettschneider 2005) – für die Grünen wirkt es sich beispielsweise positiv aus, wenn umweltpolitische Fragen in der öffentlichen Wahrnehmung weit oben auf der Agenda stehen, die SPD kann dagegen von sozialen Themen profitieren.

In unserer Studie untersuchen wir daher die mediale Sichtbarkeit der 4.451 WahlbewerberInnen in den Wochen vor der Bundestagswahl 2013 (26.08.-22.09.2013) in Verbindung mit den Themen der Berichterstattung. Dafür vergleichen wir mittels einer automatische Inhalts- und Themenanalyse die Online-Politikberichterstattung von 33 Tageszeitungen (17.255 Artikel) mit der Berichterstattung in 28 deutschen General-Interest Blogs (2.195 Beiträge).

Wenige erhalten viel, viele erhalten wenig Aufmerksamkeit


Unsere Auswertung zeigt, dass in einem guten Drittel der Nachrichtenartikel eine/r der KandidatInnen genannt wurde. Dabei werden wenige PolitikerInnen sehr häufig genannt, sehr viele dagegen kaum bis überhaupt nicht erwähnt. Deutlich sichtbar ist der sogenannte Amtsbonus, der offenbar zu einem Aufmerksamkeitsvorteil für die Kanzlerin, die SpitzenkandidatInnen der Parteien und die Mitglieder des Kabinetts führt.

Quelle: IFK, WWU Münster
Abb 1. Mediale Sichtbarkeit von WahlbewerberInnen in Nachrichtenartikeln und Blogbeiträgen 
Für die Blogs ergibt sich im selben Zeitraum ein etwas anderes Bild: Einige Politiker aus der zweiten Riege sind weit oben platziert. In den eher meinungsorientierten Blogs liegt der Fokus offenbar eher auf die Nachbesprechung der tagesaktuellen Geschehnisse, wodurch kontrovers diskutierte Personen wie AfD-Chef Bernd Lucke mehr Aufmerksamkeit erhalten. Darüber hinaus sorgen einige regional ausgerichtete Blogs in der Stichprobe für eine erhöhte Sichtbarkeit von PolitikerInnen mit regionaler Prominenz.

Aktive Abgeordnete = sichtbare Abgeordnete?


Unsere Analyse[i] zeigt, dass die Mitglieder des Kabinetts bzw. Bundestags von einer verstärkten Sichtbarkeit in den Nachrichtenmedien profitieren können. Bei Alter und Geschlecht der KandidatInnen zeigt sich ebenfalls ein signifikanter Zusammenhang, dieser fällt allerdings deutlich hinter dem Amt zurück. Überraschenderweise scheinen sich in Hinblick auf die Aufmerksamkeit der Nachrichtenmedien weder die Aktivitäten auf Twitter, Facebook und Co [ii], noch die sichtbaren Handlungen im Bundestag bezahlt zu machen.

Für die Blogs konnten wir keine Effekte feststellen – unser Modell, das sich am Forschungsstand orientiert, ist offensichtlich nicht zur Beschreibung der Daten geeignet. Somit zeigt sich hier einmal mehr, dass Weblogs nach eigenen Prinzipien funktionieren und andere Variablen zur Beschreibung erfordern als traditionelle Medien.

Nachrichten berichten über den Wahlkampf, Blogs betonen die Themen


Bisherige Studien zur Präsenz von PolitikerInnen in der Politikberichterstattung (vgl. Kepplinger und Roessing 2005; Krüger et al. 2005; Krüger 2010; Jandura 2011) stellten ebenfalls eine höhere mediale Sichtbarkeit von Regierungsmitgliedern fest und führten diese auf Auftritte im Rahmen von Regierungstätigkeiten zurück. 

Die Ergebnisse unserer automatischen Themenanalyse weisen jedoch darauf hin, dass die mediale Sichtbarkeit der WahlbewerberInnen in fast allen Fällen überwiegend aus Berichten zur Bundestagswahl hervorgeht. Allein Außenminister Guido Westerwelle und Innenminister Hans-Peter Friedrich erzielen in anderen Themenbereichen der Politikberichterstattung eine höhere Medienpräsenz.

Eine alternative Erklärung für den Amtsbonus bietet der Matthäus-Effekt (vgl. Merton 1968): Anerkennung – hier in Form medialer Aufmerksamkeit – ist demnach nicht vornehmlich durch aktuelle Leistungen zu erklären, sondern wird umso wahrscheinlicher, je prominenter eine Person bereits im Vorfeld ist.

Abb 2. Mediale Sichtbarkeit der WahlwerberInnen innerhalb der Themen

In den Blogs bietet sich erneut ein anderes Bild: Im Gegensatz zu den Nachrichtenseiten kommen hier deutlich mehr Nennungen aus den sonstigen Themen, während der Wahlkampf als Ereignis in den Hintergrund rückt.[iii]

Fazit


Wenige PolitikerInnen erhalten viel Aufmerksamkeit, viele werden von den Medien kaum oder überhaupt nicht beachtet – in diesem Punkt decken sich unsere Ergebnisse mit dem Forschungsstand. In Verbindung mit der automatisierten Themenanalyse deutet sich allerdings für die Nachrichtenseiten an, dass der Amtsbonus für Mitglieder des Bundestags und -kabinetts nicht durch Amtshandlungen in anderen Kontexten zustande kommt, sondern innerhalb des Themas Wahlkampf besteht. Überraschend ist außerdem, dass die Social Media Aktivitäten der WahlbewerberInnen offenbar kaum Einfluss auf ihre Sichtbarkeit in den Online-Nachrichten hat. Weitere Untersuchungen sollten diesen Punkt genauer unter die Lupe nehmen und erkunden, welche (Online-) Aktivitäten mit der Berichterstattung in Zusammenhang stehen.


Das Forschungsprojekt zur medialen Sichtbarkeit deutscher PolitikerInnen wurde in ähnlicher Form auf der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Publizistik und Kommunikationswissenschaft (DGPuK) präsentiert.

Autoren

Elisabeth Günther
Das Forschungsprojekt zur medialen Sichtbarkeit deutscher PolitikerInnen ist ein Gemeinschaftsprojekt von Elisabeth Günther, Emese Domahidi und Thorsten Quandt am Institut für Kommunikationswissenschaft (IfK) der WWU Münster. 

Elisabeth Günther  promoviert am IfK zum Thema innovativer methodischer Zugänge in der Journalismusforschung. 





Emese Domahidi
Emese Domahidi, ist ebenfalls Mitarbeiterin am IfK. Ihre Forschungsinteressen betreffen neben den Online-Aktivitäten deutscher PolitikerInnen die Auswirkungen von Online-Medien auf die Soziabilität ihrer Nutzer.









Prof. Thorsten Quandt
Thorsten Quandt ist Professor und stellvertretender Geschäftsführender
Direktor des IfK. Unter anderem leitet er Forschungsprojekte zur Diskursanalyse in Social Media, der real- und spielweltlichen Erfahrung von Online-Gamern und zum Thema Cyber-Mobbing an deutschen Schulen.

 

 

 

 

 

 

 

 

Literatur



Brettschneider, F. (2005). Bundestagswahlkampf und Medienberichterstattung. Aus Politik
und Zeitgeschehen, 51-52, 19-26.

Jandura, O. & Reinemann, C. (2013) Hintergrund: Spätentscheider und Medienwirkungen. In
Reinemann, C., Maurer, M., Zerback, Th., Jandura, O. (Hrsg.) Die Spätentscheider.
Medieneinflüsse auf kurzfristige Wahlentscheidungen. (S. 13-34) Springer VS.

Jandura, O. (2011). Publizistische Chancengleichheit in der Wahlkampfberichterstattung?
Eine Untersuchung zur medialen Repräsentation der im Bundestag vertretenen Parteien.
Publizistik, 56, 181-197.

Kepplinger, H. M. & Roessing, T. (2005). Präsenzen und Tendenzen: Politische Rolle und
Position als Ursachen der Fernsehberichterstattung. In E. Noelle-Neumann, W. Donsbach &
H. M. Kepplinger (Hrsg.), Wählerstimmen in der Mediendemokratie: Analysen auf Basis des
Bundestagswahlkampfs 2002 (S. 91-103). Freiburg i. Br.: Verlag Karl Alber.

Krüger, U. M., Müller-Sachse, K. H. & Zapf-Schramm, T. (2005). Thematisierung der
Bundestagswahl 2005 im öffentlich rechtlichen und privaten Fernsehen. Media Perspektiven,
12, 598-612.

Krüger, U. M. (2010). Info Monitor 2009: Fernsehnachrichten bei ARD, ZDF, RTL und Sat1.
Themen, Ereignisse und Akteure. Media Perspektiven, 2, 50-72.

Merton, R. K. (1968). The Matthew Effect in Science. Science, 159(3810), 56-63.
.


[i] Die Daten wurden mittels einer Poisson Regression ausgewertet.
[ii] Um mögliche Erklärungsfaktoren für die großen Unterschiede in der medialen Sichtbarkeit der WahlbewerberInnen zu identifizieren, greifen wir im Folgenden auf zwei externe Datenquellen zurück: Über den Pluragraph-Score nähern wir die Social Media-Aktivität der PolitikerInnen an, zudem bietet die Zeit Abgeordnetenbilanz einen Indikator für die öffentlich sichtbare Aktivität der Abgeordneten im Bundestag.
[iii] Durch die thematisch breite Ausrichtung sind die General Interest-Blogs nur bedingt mit der Politikberichterstattung der Nachrichtenseiten vergleichbar; für Folgestudien bietet es sich an, Blogs mit politischem Fokus auszuwählen, um die hier angedeuteten Tendenzen zu bestätigen.