Donnerstag, 29. November 2018

10 Politiker*innen von denen man was lernen kann - Die komplett subjektive Top 10 für 2018

Dieser Beitrag erschien zuerst im FUNKTURM - Magazin für Medien und Politik, Ausgabe 8 zum Thema "#Infokrieg. Angriff auf die Medien". Mit-Autor ist Tom Waurig, der als Projektleiter und Redakteur bei der Agentur STAWOWY arbeitet.  


Ich werde sehr sehr oft gefragt: "Was sind eigentlich die besten Politiker*innen auf Social Media?" 

Stawowy Media
Cover Funkturm #8
Die Frage ist gar nicht so einfach zu beantworten: Was bedeutet "beste"? Die Messung des Erfolges von Accounts hängt natürlich immer sehr stark von der individuellen Strategie der Politiker*innen ab: Geht es darum viel Interaktion/Diskussion zu erzeugen? Möchte man im Wahlkreis wenige gesellschaftliche Multiplikatoren erreichen oder wird Social Media hauptsächich passiv als nicht unwichtiges Monitoring-Tool in einem speziellen Fachgebiet genutzt? Meistens weiß ich also gar nicht, welche KPI den Politiker*innen wichtig sind und warum sie so agieren, wie sie agieren. 

Trotzdem habe ich als Tom Waurig mir diese Frage wieder stellte gemeinsam mit ihm versucht die Frage zu beantworten ;) . Die hier gelisteten zehn Politiker*innen (bzw. ehrlich gesagt sind es sogar 13) habe ich vorallem ausgewählt, weil sie alle für etwas unterschiedliche Ansätze stehen, die ich aber in jedem Fall spannend und qualitativ sehr gut umgesetzt finde. 

Voila, die Besten der Besten ;)  


Katharina Schulze (Bündnis 90/Die Grünen), MdL

Eis Eis baby
Instagram-Story von Katha Schulze
Die geborene Social-Media-Politikerin. Für die Grüne wurden Live-Videos und Stories quasi erfunden, denn keine deutsche Parlamentarierin beherrscht die Klaviatur der Netzwerke so perfekt wie sie. Das Smartphone ist nicht erst seit dem bayrischen Landtagswahlkampf überall dabei. Schulze nimmt Fans und Follower persönlich mit, sie sucht den direkten Dialog und nutzt ihre wenigen freien Minuten um ansprechbar zu sein und politische Inhalte zu erklären – meistens unterwegs in der Bahn. Wohl fühlt sich Schulze offensichtlich überall – egal ob digitale Klassiker wie Facebook und Twitter oder jüngere Messengerdienste wie WhatsApp und Snapchat. So gut wie jede digitale Aktion hat einen inhaltlichen Aufhänger, eine Message, Forderung oder Idee. Kurzum: unterhaltsam und informativ in einem.

Alle Social-Mdia-Profile von Katharina Schulze auf Pluragraph.de 





Konstantin Kuhle (FDP), MdB

FDP
Tweet von Konstantin Kuhle
Der frühere Bundesvorsitzende der Jungen Liberalen weiß, wie man kurz aber prägnant formuliert – das beweist er mit pointierten Beiträgen auf Twitter, die häufiger viral gehen und demzufolge auch Menschen außerhalb der liberalen Blase erreichen: Ampel-Koalition, Cannabislegalisierung oder die Idee eines europäischen Bundesstaates. Seit letztem Jahr sitzt Kuhle nun für die FDP im Bundestag und ist dort der neue innenpolitische Sprecher der Fraktion. Dank seiner Social-Media-Kompetenz bleiben seine Positionen im medialen Diskurs. Auch deshalb stieg Kuhle zum beliebten Talk-Show-Gast und geschätzten Gastschreiber der Tagespresse auf. Auf Instagram gibt er darüber hinaus einen Einblick in sein Privatleben abseits des Politikeralltags, ohne alle Details preiszugeben.

Alle Social-Media-Profile von Konstantin Kuhle auf Pluragraph.de


Dorothee Bär (CSU), MdB und Staatsministerin für Digitalisierung

Doro Bär
Instagram-Posting von Dorothee Bär
Die Staatsministerin für Digitalisierung macht ihrem Job alle Ehre und ist auch im WWW eine Marke. Bär kommt in fast all ihren Posts ohne klassische Phrasen und die üblichen Fotomotive aus. Im Netz ist sie vor allem Mensch – mit Hang zum Glamour. Sie hat Spaß an dem, was sie tut und daher mischt sie bei Twitter, Facebook und Instagram in Dialogen mit oder taucht auf fremden Profilen auf. Mit ihrem verspielten Style zeigt sie gerade jungen Frauen, dass Politik nicht nur grau ist und man als Einhornfan genauso politisch Karriere machen kann. Hinter Bundeskanzlerin Angela Merkel und FDP-Chef Christian Lindner hat sie in wenigen Jahren die drittgrößte deutsche politische Instagram-Community aufgebaut. Kritik gibt es trotz allem Positiven, denn manchmal kommen die Inhalte etwas zu kurz.

Alle Social-Media-Profile von Dorothee Bär auf Pluragraph.de


Bodo Ramelow (Die Linke.), Ministerpräsident

Ministerpräsident von Thüringen
Tweet von Bodo Ramelow
Das Urgestein unter den Social-Media-Politikern. Ramelow ist schon seit Ende der Neunziger im Netz unterwegs. Kommuniziert wird vor allem via Twitter. Was ihn auszeichnet? Dass er keiner Diskussion aus dem Weg geht. Kabbelt sich öffentlich mit dem politischen Gegner aber auch mit Parteifreunden. Der Linken-Ministerpräsident ist medial dauerpräsent, setzt Themen, probiert sich aus und hat ganz nebenbei einen von Presse unabhängigen Kanal etabliert, der es ihm ermöglicht, auch in kritischen Situationen mehrere 10.000 Bürger und Multiplikatoren zu erreichen. Das entscheidende dabei: Sein Kanal lebt von ihm als Person. Alles was getwittert wird, kommt von Ramelow höchstselbst. Auch mit seiner Rechtschreibschwäche geht er offen und souverän um, macht sie oft selbst zum Thema.

Alle Social-Media-Profile von Bodo Ramelow auf Pluragraph.de


Tiemo Wölken (SPD), MEP

YouTube-Video von Tiemo Wölken
Wer wissen will, wie sehr gut gemachte politische Videos aussehen müssen und wie man Politik audio-visuell präsentiert, wird beim Europaabgeordneten Tiemo Wölken fündig. Als Nachrücker der SPD hat er innerhalb weniger Wochen einen der größten YouTube-Accounts eines deutschen Europapolitikers auf die Beine gestellt – in Zahlen heißt das: Aktuell über 26.000 Abonnenten. Geholfen hat ihm ein Influencer. Wölken hat die Herausforderung angenommen, die Komplexität der Europapolitik zu erklären und tut dies fast täglich. Ein Mammutprojekt, dem er sich authentisch, entspannt und informativ stellt. Weil Videos sein Ding sind, überzeugt er auch bei Instagram und macht nebenbei noch Werbung für seinen Wahlkreis und seinen Wohnort Osnabrück: Win-win.

Alle Social-Media-Profile von Tiemo Wölken auf Pluragraph.de


Nikolas Löbel (CDU), MdB

Instagram-Story Nikolas Löbel
Er zählt zur Kategorie politischer Newcomer aus der zweiten Reihe des Parlaments. Vor einem Jahr noch lieferte er sich in Mannheim ein Kopf-an-Kopf-Rennen um das Direktmandat für den Bundestag. 1,4 Prozent lagen am Ende zwischen ihm und seinem SPD-Kontrahenten. Seitdem ist es ihm binnen kurzer Zeit gelungen, dass er medial wahrgenommen wird. Der Neu-Parlamentarier der CDU setzt auf gut gemachte, dramaturgisch durchdachte und professionell produzierte Instagram-Stories mit den er dem Bürger Politik sehr einfach aber klar erklärt. Löbel beweist damit, dass der Foto-Dienst sehr wohl politisch sein kann und sich deshalb genauso gut für die politische Kommunikation eignet.

Alle Social-Media-Profile von Nikolas Löbel auf Pluragraph.de


 






Dr. Sahra Wagenknecht (Die LINKE.), MdB

Textposting
Facebook-Posting Sahra Wagenknecht
Auf ihr Konto geht eine der größten politischen Facebook-Communities in Deutschland. Dabei postete die Co-Fraktionschefin der Linken im Bundestag lange Zeit fast ausschließlich längere Textbeiträge. Sie beweist damit, dass man seine Fans auch mit politischen Inhalten und ohne viel medialen Schnickschnack begeistern kann. Die Interaktion ist hoch und die Kommentarspalten sind voll – egal bei welchem Thema. Wagenknechts Facebook-Auftritt ist zu einem machtvollen Instrument bei der Mobilisierung geworden. Dies konnte man zuletzt beim Start der linken Sammlungsbewegung #Aufstehen verfolgen. Erreicht hat sie das mit einem fleißigen Team im Hintergrund und einem professionellen Communitymanagement. Obwohl sie Facebook erst seit gut drei Jahren nutzt, sammeln sich bei ihr 450.000 Fans – das sind fast 10-mal mehr wie noch 2015.

Alle Social-Media-Profile von Dr. Sahra Wagenknecht auf Pluragraph.de


Aminata Touré (Bündnis 90/Die Grünen), MdL

Grüne SH
Instagram-Story Aminata Touré 
Hautnah dabei sein, wenn Politik gemacht wird, wenn man Niederlagen aushalten muss, wenn man sich ärgert, sich freut und auch dann, wenn es private Probleme gibt. Touré sitzt für die Grünen im Landtag von Schleswig-Holstein, nimmt Fans und Follower gewissermaßen live mit in die politischen Arenen und lässt sie bei Instagram an ihrem politischen Leben teilhaben. Dadurch macht sie die doch manchmal recht trockene Politik erlebbar. Ihre Social-Media-Profile sind aber nicht nur etwas für das junge Publikum, denn sie erklärt Hintergründe zu Diskussionen und zeigt, wieviel Arbeit hinter einem Gesetz steckt. Extrem sehenswert, weil verwackelt, mitten aus dem Leben und wenig inszeniert wirkend.

Alle Social-Media-Profile von Aminta Touré auf Pluragraph.de







Christian Lindner (FDP), MdB

FDP
Facebook LIVE Christian Lindner
Mister Social Media, keine andere Bezeichnung wäre treffender für den FDP-Alleinherrscher. Lindner hat eigene Formate und Stile erfunden und geprägt und ist wohl mit Abstand der deutsche Politiker, der es am besten versteht, sich in digitalen Medien zu inszenieren. Die Erfolgsformel? Smarte, offene und vor allem stylische Kommunikation, die ihm sowohl in den klassischen Medien als auch innerhalb seiner Partei viel Aufmerksamkeit beschert. Bei Lindner trifft Inhalt auf Ästhetik. Mit einer nahbaren und sehr dialogorientierten Kommunikation hat er sich eine sehr aktive und ihm extrem zugewandte Community geschaffen, die dafür sorgt, dass seine Themen und Positionen in die Breite getragen werden. Ohne Social Media und einen umtriebigen Chef, würde es die FDP heute wohl nicht mehr geben – jedenfalls nicht im Bundestag. Es gilt also weiter: Digital first, Bedenken second.

Alle Social-Media-Profile von Christian Lindner auf Pluraraph.de


Junges SPD-Quartett Julitz/Aßmann/da Cunha/Dahlemann

Facebook LIVE Julitz/Aßmann/da Cunha/Dahlemann
Während die einzelnen Profile verbesserungswürdig sind, punktet die SPD Mecklenburg-Vorpommern als Kollektiv oder besser: als Quartett. Nadine Julitz, Philipp da Cunha, Elisabeth Aßmann, Patrick Dahlemann sitzen nicht nur allesamt im Landtag von Mecklenburg-Vorpommern sondern haben auch ein Videoformat geschaffen, um den Austausch mit der Bevölkerung wiederzubeleben. Das ist deshalb besonders, weil Social Media für viele Landespolitiker im Norden immer noch ein Fremdwort ist und der Dialog lange brach lag. Die vier jungen Parlamentarier*innen erklären ihren Alltag und ihre politischen Standpunkte vor der Kamera – frisch und ungekünstelt. Sie machen Politik wieder attraktiv und ermöglichen ein Blick hinter die Kulissen der Landespolitik. Und so gehört die SPD-Auswahl zur Social-Media-Sperrspitze eines ansonsten ziemlich undigitalen Landes.

Alle Social-Media-Profile von Nadine Julitz auf Pluragraph.de
Alle Social-Media-Profile von Elisbeth Aßmann auf Pluragraph.de 
Alle Social-Media-Profile von Philipp da Cunha auf Pluragraph.de
Alle Social-Media-Profile von Patrick Dahlemann auf Pluragraph.de 


#Followerpower

Dies ist natürlich nur eine sehr subjektive Liste von Tom Waurig und mir. Wer gehört für Euch auf jeden Fall noch in diese Liste? Freue mich über alle eure Hinweise, Empfehlungen und Begründungen von welchem/r Politiker*in man noch was lernen kann, wenn es um digitale Kommunikation geht.


Das Magazin FUNKTURM kann hier bestellt werden ;)

Freitag, 31. August 2018

Wahlplakate from Hell: Landtagswahlen Bayern & Hessen

Der Klassiker ist zurück! 

Nachdem ich bereits im letzten Europawahlkampf, bei der Hamburger und der Bremer Bürgerschaftswahl, bei den Landtagswahlen im März und September 2016 sowie den Landtagswahlen 2017 und der letzten Bundestagswahl die schönsten "Wahlplakate from Hell" präsentiert habe, konnte ich eurem Wunsch nicht widerstehen und habe auch wieder zu den Landtagswahlen im Freistaat Bayern (14. Oktober 2018) und Hessen (28. Oktober 2018) einige schöne Motive drüben bei Twitter und Facebook zusammengetragen.

Hier nun alle auf einen Blick:

 

Hessen 


Thorsten Schäfer-Gümbel, SPD

Thorsten Schäfer-Gümbel, SPD

Mario Bouffier, Die PARTEI

Marion Schardt-Sauer, FDP & Die PARTEI Hessen

René Rock, FDP

René Rock, FDP

Yanki Pürsüm, FDP

Wiebke Knell, FDP

Oliver Stirböck, FDP

Oliver Stirböck, FDP 

Bodo Pfaff-Greiffenhagen, CDU

Mandy Kleiber, Die PARTEI

CDU Hessen

FDP Hessen

AfD Hessen

 

 

Freistaat Bayern


Eva Kappl, Die Linke
 
Michael Streibl, FDP
 
Marius J. Brey, Die Linke & Alfred Stuiber, FDP 

Luis Fuchs, ÖDP
 
Michael Lehner, CSU 

Emilia Kirner, ÖDP
 
Benjamin Zilker, ÖDP

Dr. Franz Rieger, CSU 

Ernst Weidenbusch, CSU
 
Josef Schmid, CSU

Barbara Becker, CSU & Astrid Jung, FDP

Peter Corticelli, FDP

Albert Duin, FDP

Martin Hagen, FDP
 
Martin Hagen, FDP

Alfred Stuiber, FDP

Josef Samitz, FDP

Michael von Gumppenberg, FDP

Dr. Wolfgang Heubisch, FDP

Wenzel Cerveny, FDP

Johanna Jaspers, FDP

Andreas Keck, FDP

Dr. Claus Wunderlich, FDP

Günther Meyer, Piratenpartei
 
Uwe und Birgit Hartmann, Bayernpartei

Mario Schmidbauer, Bayernpartei 

Robert Gattenlöhner, Partei für Franken

Christian Hänsch, Die Linke

Rainer Kristuf, Die PARTEI

Michail Fotokehagias, SPD 

Die PARTEI Bayern

FDP Bayern

CSU Kempten 
 
CSU Bayern & FDP Bayern

CSU Bayern & AfD Bayern 

Piratenpartei Bayern

Piratenpartei Bayern

V-Partei Bayern
 
ÖDP Bayern

Liberal-Konservative Reformer Bayern

Liberal-Konservative Reformer Bayern

AfD Bayern

 


Außer Konkurrenz 


Heiko Lorenz, Sächsische Volkspartei  

Julien Ferrat, Mannheimer Volkspartei

Daniel Kleibömer, Die LINKE Herne


SPD Rostock

Die LINKE Mecklenburg-Vorpommern
 
Die Violetten Rheinland-Pfalz

Die Violetten Rheinland-Pfalz


WfH in den Medien: Einige Medienberichte zu den hier gezeigten Plakaten gibts u.a. bei "Werben & Verkaufen", ze.tt (ZEIT ONLINE), ze.tt (ZEIT ONLINE), The Best Social Media, BILD und bento (SPIEGEL ONLINE)  



Donnerstag, 16. August 2018

Warum ich mich als Politiker gegen 30.000 Fake-Follower wehre

Dies ist ein Gastbeitrag des Bundestagsabgeordneten Dr. Lukas Köhler. Er sitzt für die FDP seit 2017 als Obmann im Ausschuss für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit und im Ausschuss für Menschenrechte und humanitäre Hilfe, sowie im Parlamentarischen Beirat für nachhaltige Entwicklung. 

Screenshot
Twitter-Account von Dr. Lukas Köhler, MdB

Im September 2017 bin ich über die Landesliste der FDP Bayern erstmals in den Deutschen Bundestag eingezogen. Die Zeit seither ist mit vielen extrem spannenden, aber auch völlig neuen Erfahrungen verbunden. Mit zwei sehr großen Herausforderungen war ich gleich ganz am Anfang meiner Zeit in Berlin konfrontiert: Wie bediene ich ein Faxgerät – das wichtigste Kommunikationsmittel im Bundestag? Und wie gehe ich mit Fake-Followern auf Twitter um?

Denn Ende Oktober fing es plötzlich an. Mein Twitter-Account – noch relativ neu, erst im Wahlkampf gestartet und bisher mit einer eher überschaubaren Zahl von rund 150 Followern – erfreute sich plötzlich größter Beliebtheit. 500 Follower. Kurz danach 1.000, dann 2.000, 3.000, schließlich 5.000 Follower. Meiner anfänglichen Freude über das zunehmende Interesse an meiner Meinung zum politischen Geschehen wich schnell einer gehörigen Portion Skepsis, denn mir war klar, dass hier etwas nicht mit rechten Dingen zugehen konnte. Es musste sich um Fake-Follower handeln. Während ich noch darüber nachdachte, welchen Sinn es haben, welches Interesse jemand damit verfolgen könnte, meinen twitter-Account mit lauter Fakes zu überfluten, wurde mir klar: Du musst hier gegensteuern, um nicht in Verdacht zu geraten, mit gekauften Followern Eindruck und Reichweite vortäuschen zu wollen. Ich wäre schließlich nicht der Erste gewesen, der das versucht – und auch, wenn die Art und Weise recht plump gewirkt hätte, wäre es nicht überraschend gewesen, wenn dieser Eindruck 
entstanden wäre.

Quelle: Pluragraph.de
Entwicklung der Twitterfollower Dr. Lukas Köhler (Pluragraph.de)
In der Folge habe ich mich an Twitter-Experten und an Twitter selbst gewandt, um zu erfahren, was ich gegen diese Flut offensichtlicher Fake-Follower tun könne. Die Antwort war ernüchternd: Prinzipiell erstmal nichts, außer den Account auf nicht-öffentlich stellen und die falschen Profile manuell oder mit Hilfe kommerzieller Programme rauszufiltern. Obwohl mir diese Lösung widerstrebte, da ich Twitter schließlich ganz bewusst für die Öffentlichkeit nutze, blieb mir nichts anderes übrig. 

Nach einiger Zeit habe ich immer wieder probiert, das Profil öffentlich zu stellen – und jedes Mal stieg die Zahl der Follower in Windeseile wieder an. Um die Dimensionen zu verdeutlichen: Derzeit habe ich mit Hilfe des Programms Statuspeople rund 30.000 Profile identifiziert und geblockt. Für Statuspeople habe ich mich nach intensiver Recherche im Netz und letztlich meinem Bauchgefühl folgend entschieden. Und auch, wenn das Problem nicht vollständig gelöst wurde, bin ich letztendlich froh, diesen Weg gegangen zu sein. Enttäuscht bin ich von Twitter selbst. Nicht, weil offensichtliche Fake-Accounts erst gesperrt werden, nachdem sie gemeldet wurden. Das finde ich gut und richtig. Aber dass eine Kontaktaufnahme offensichtlich nicht möglich ist und sich niemand auf meine Anfragen gemeldet hat, verstehe ich nicht unter gutem Userservice.

In letzter Zeit war dann aber auch endlich Ruhe, die Zahl meiner Follower pendelte sich bei ca. 4.000 ein, von denen ich immer noch eine beträchtliche Zahl als Fakes eingeschätzt habe. Aber immerhin stieg die Zahl nur noch in dem Maße, wie ich es mir auf Grund meiner Aktivität habe. Mein Profil war dabei wieder öffentlich, da ich mich nicht dauerhaft geschlagen geben wollte. Sollte die Zahl der Fake-Follower allerdings wieder steigen, werde ich mich gezwungen sehen, wieder einzuschreiten. Zuletzt allerdings geschah ohnehin etwas Anderes: Offenbar ist Twitter, nach wie vor ohne Kommunikation mit mir, selbst aktiv geworden und hat eine Reihe von Fakes entfernt. Mit meinem aktuellen Stand von 1.342 Followern fühle ich mich wieder wohl, denn diese Zahl halte ich tatsächlich für sehr realistisch.

Gerne würde ich den Beitrag mit einem Rat beenden, wie man sich vor diesem Problem schützen kann. Leider muss ich sagen, dass ich diesen Rat für die Zukunft selbst gerne bekommen würde, falls sich die Situation wiederholt. Ich würde allerdings jederzeit wieder offensiv mit dem Thema umgehen, statt mich nicht mit meiner großen Zahl an Followern zu brüsten. Denn ich weiß dann, dass sie nicht echt sind, sondern dass mir irgendjemand einen üblen Streich spielt, von dem ich nicht mal weiß, welchen Nutzen er sich davon verspricht. 


Eins ist jedoch auch klar: Ich lasse mich weder von Twitter vertreiben, noch werde ich mich der Masse an Fakes jemals kampflos geschlagen. Ich hoffe jedoch, ab sofort wieder ein Profil mit Followern zu haben, die zum Teil inhaltlich mit mir übereinstimmen, zum anderen Teil aber auch in den fairen Wettstreit der Meinungen mit mir treten. Denn die sachliche Debatte ist es doch, die Politik ausmacht und aus der ich selbst auch immer wieder lernen kann. 



Autor 

Dr. Lukas Köhler
Dr. Lukas Köhler ist klimapolitischer Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, Obmann der FDP-Fraktion im Umwelt- und Menschrechtsausschuss und ist Mitglied im Parlamentarischen Beirat für Nachhaltigkeit. Zuvor war Geschäftsführer des von ihm mitgegründeten Zentrums für Umweltethik und Umweltbildung an der Hochschule für Philosophie in München.

Twitter: @koehler_fdp