Donnerstag, 30. März 2017

Coworking für die Demokratie - neue Ansätze in der politischen Kommunikation

Dies ist ein Gastbeitrag von Dr. Maren Jasper-Winter (FDP). Seit der Abgeordnetenhauswahl 2016 ist sie Mitglied des Berliner Abgeordnetenhauses und vertritt dort den Wahlkreis Berlin-Mitte. Sie sitzt im Petitionsausschuss und vertritt die Fraktion im Berliner Beirat für Familienfragen. Im Gastbeitrag beschreibt sie die Beweggründe für die Standortauswahl und den Change Prozess der Freien Demokraten.

Screenshot
Webseite Dr. Maren Jasper-Winter
Eine lebendige Demokratie lebt von einer aktiven Bürgergesellschaft. Dafür ist das Gespräch von Mensch zu Mensch unabdinglich. Nur so können unterschiedliche Ansichten und Interessen in der politischen Willensbildung berücksichtigt werden. Noch nie hatten die Wählerinnen und Wähler mehr Möglichkeiten, direkt mit ihren Gewählten in einen Austausch zu treten. Alle vier oder fünf Jahre stehen die Parteien und ihre Personen auf der Probe - haben sie im Parlament ihre Positionen vertreten und den Anliegen ihrer Anhänger eine Stimme gegeben? Konnten sie in den Wahlkampagnen erfolgreich für die Erneuerung des Mandats werben?

Die Faktoren für ein gutes Stimmenergebnis sind vielfältig. Parteistrategen und Campaigner stehen dabei grundsätzlichen Veränderungen gegenüber. Die langfristige Parteibindung nimmt ab und die Anzahl der Wechselwähler steigt. Hinzu kommt, dass sich immer mehr Menschen erst spät entscheiden, wo sie ihr Kreuz machen. Wahlauswertungen zeigen, dass zuletzt bei der Wahl zum Abgeordnetenhaus von Berlin knapp die Hälfte der FDP-Wähler sich erst kurz vor oder direkt am Wahltag festlegten. Mit nur wenigen Ausnahmen lässt sich festhalten, dass sich Trends durch Kampagnen verstärken aber nicht komplett umkehren lassen.

Wie baut man also Vertrauen in die eigene Problemlösungskompetenz auf, wie und wo entstehen Räume für einen Dialog auf Augenhöhe?

Die Freien Demokraten haben vor drei Jahren einen Leitbildprozess gestartet, der zur Klärung der eigenen Identität und der Verständigung über die gemeinsamen Werte und Programmatik beitragen sollte. Unter dem Motto #GermanMut wurde deutlich, dass wir für Optimismus, Weltoffenheit und Lösungsorientierung stehen. 
Diese Attribute beziehen sich sowohl auf unsere Inhalte als auch auf unser Auftreten, das durch einen optischen Relaunch unterstrichen wurde. Die Zeit in der außerparlamentarischen Opposition (APO) hat die Partei auf allen Ebenen verändert. Vielerorts war APO weniger ein schleunigst zu verändernder Status, sondern auch eine Geisteshaltung. Neue Themen wurden angegangen, alte Gewohnheiten hinterfragt und neue Wege der politischen Kommunikation beschritten.

Gerade als kleine Partei mit begrenzten finanziellen Ressourcen setzen wir auf Neue Medien und innovative Formate. Allen voran der Bundesvorsitzende Christian Lindner bespielt die Klaviatur der Sozialen Netzwerke; nur wenige Politiker in Deutschland können mit seinen Reichweiten bei Facebook, Twitter und Instagram mithalten. Seine Wutrede im nordrhein-westfälischen Landtag, in der er für eine Gründerkultur in Deutschland wirbt, wurde millionenfach auf YouTube und Facebook angeschaut.



Im zurückliegenden Wahlkampf hatten die FDP Berlin und unser Spitzenkandidat Sebastian Czaja nicht nur erfolgreich und nachhaltig das Thema Tegel gesetzt, sondern auch verschiedene Guerilla-Maßnahmen und eine viel und international beachtete Startup-Kampagne durchgeführt. Zum Kick-Off wurde ein Plakat mit dem Slogan "Dear start-ups, keep calm and move to Berlin." durch London gefahren. Für weniger als 2.000 Euro wurden über 200 Millionen Mediakontakte mit einem Mediagegenwert von sechs Millionen Euro erzielt (Siehe auch politik & kommunikation).

Die Themen Gründergeist und Startups wurden so erfolgreich mit modernen Kommunikationsmitteln verknüpft, die Offenheit für neue Technologien und Digitalisierung als Chance glaubhaft vermittelt.

Ein Beitrag geteilt von Christian Lindner (@cl2017) am

Mit dieser Haltung und dem Kampagnenclaim “Zeit für das nächste Berlin” wurden die Freien Demokraten am 18. September 2016 mit 6,7 Prozent wieder in das Abgeordnetenhaus von Berlin gewählt.

Der FDP-Bezirksverband Mitte hatte im Wahlkampf Räume geschaffen, die niedrigschwellig und lokal Ort und Anlass für inhaltliche Diskussionen waren. Es wurde extra ein Pop-Store als Wahlkampfladen eröffnet, in dem sich Freiwillige trafen und Veranstaltungen stattfanden. Eingebettet in Social Media haben wir Politik unmittelbarer und erlebbar gemacht, damit beide Seiten ihre Anliegen bzw. Positionen einander vortragen und in den Dialog treten können. Online und offline gingen Hand in Hand. Und die lokale Sichtbarkeit wurde honoriert. In meinem Wahlkreis in Mitte, in dem sich auch der Popup-Store befand, haben wir sehr gut abgeschnitten. Es war also nur folgerichtig, dass mein neues Wahlkreisbüro in dem Kiez liegen sollte, in dem ich seit 18 Jahren wohne. Hier möchte ich ansprechbar sein.

Foto von Schribtischen und Stühlen
Coworking Space WE’RE ALL IN
Die Idee eines Wahlkreisbüros ist es, Barrieren abzubauen und auch Impulse aus dem Umfeld aufzunehmen. So bezog ich schon wenige Wochen nach der Wahl in der Torstraße mein eigenes Wahlkreisbüro in einem Coworking-Space "WE´ RE ALL IN". Das hat für mich viele Vorteile: Ich war sofort arbeitsfähig, mehr als einen Laptop und eine Kaffeemaschine hatte und brauchte ich nicht. Wie in der Gründungsphase eines Unternehmens war ich ohnehin damit beschäftigt, Mitarbeiter einzustellen, Formalia mit der (sehr hilfsbereiten!) Verwaltung des Abgeordnetenhauses zu klären und mich an den neuen Arbeitsalltag zu gewöhnen.

Box von Maren Jssper-Winter im Coworking Space
In meiner Box im Coworkingspace verfüge ich über zwei Schreibtische und kann darüber hinaus die komplette Infrastruktur nutzen, seien es die Konferenzräume für Arbeitssitzungen und Workshops mit bis zu 30 Personen oder größeren Events mit hundert Leuten. Demnächst eröffnet hier auch ein Café, in dem ich dann Bürgersprechstunden (deutsch und englisch) anbiete. Meine Mitarbeiter und ich haben hier ein lebendiges und inspirierendes Umfeld, um uns herum arbeiten Solo-Selbständige und Startups aus der Tech-Branche, manche mieten sich die Schreibtische tageweise. Man kommt leicht ins Gespräch. Das passt zu Mitte und das passt zu den Freien Demokraten.

Das Wahlkreisbüro ist also Ausgangspunkt für meine politische Arbeit, über die ich schon heute regelmäßig mit kurzen Facebook-Videos z.B. aus dem Abgeordnetenhaus, einem Newsletter und demnächst (wieder) verstärkt via Twitter berichte. Diesen offenen und vernetzten Ansatz werde ich weiter verfolgen - online und offline. Mein Ziel ist es, dass ich leicht zugängliche Angebote und Formate schaffe, damit ich mich für die Menschen in Mitte einsetzen kann.




Autorin

Portrait Jasper-Winter
Dr. Maren Jasper-Winter
Dr. Maren Jasper-Winter ist bei der Wahl am 18. September 2016 als Spitzenkandidatin der FDP Berlin-Mitte über die Bezirksliste in das Abgeordnetenhaus von Berlin eingezogen. In ihrem Wahlkreis (Mitte 1) erreichte sie 8,7 Prozent der Erststimmen und 10,8 Prozent der Zweitstimmen. Jasper-Winter ist die erste Berliner Abgeordnete, die ihr Wahlkreisbüro in einem Coworking Space bezogen hat.




Mittwoch, 22. Februar 2017

Wahlplakate from Hell: Landtagswahlen Saarland, Schleswig-Holstein & NRW

Der Klassiker ist zurück! 

Nachdem ich bereits im letzten Europawahlkampf, bei der Hamburger und der Bremer Bürgerschaftswahl, bei den drei Landtagswahlen im März und im September 2016 die schönsten "Wahlplakate from Hell" präsentiert habe, konnte ich eurem Wunsch nicht widerstehen und habe auch wieder zu den Landtagswahlen im Saarland (26. März 2017), Schleswig-Holstein (07. Mai 2017) und NRW (14. Mai 2017) einige schöne Motive drüben bei Twitter und Facebook zusammengetragen.

Hier nun alle auf einen Blick:

 

Schleswig-Holstein


Bündnis 90/Die Grünen Schleswig-Holstein
 
Piratenpartei Schleswig-Holstein
 
Linkspartei Schleswig-Holstein
 
Jusos Lübeck
 
Rüdiger Kohls, FDP 

Hans Peter Farysej, unabhängiger Kandidat

Christian Schubbert-von Hobe, Bündnis 90/Die Grünen Schleswig-Holstein 

 

Nordrhein-Westfalen 


SPD NRW

Internationalistische Liste/MLPD NRW

Bündnis 90/Die Grünen Mönchengladbach
 
Bündnis 90/Die Grünen Mönchengladbach
 
Bündnis 90/Die Grünen NRW
 
Deutsche Zentrumspartei NRW
 
Jusos Lippe
 
Marcus Stawars, CDU NRW

Bianca Dausend, CDU NRW

Sandra Janat, Piratenpartei NRW

Felix Wöstmann, Piratenpartei NRW 

Ingo Luff, Piratenpartei NRW

Klaus Kaiser, CDU NRW

Boris Vorholt, Die PARTEI Essen

Yannick Bayer, Die PARTEI Bonn
 
Thomas Mitze, Piratenpartei Köln
 
Nadja Lüders, SPD NRW

Martin Volkenrath, SPD NRW
 
Brigitte Harti, CDU NRW & Britta Altenkamp, SPD NRW
 
Christian Lindner, FDP NRW

 

Saarland


Die Linke Saarland

Die Linke Saarland
[Dieses Motiv stammt bereits aus dem saarländischen Landtagswahlkampf 2012. Danke für den Hinweis an Thorsten Bischoff]

Piratenpartei Saarland
[Alle #MachDichFrei-Plakate der Piratenpartei Saar gibts hier]

FDP Saarland

Bündnis 90/Die Grünen Saarland 
 
Bündnis 90/Die Grünen Saarland
 
Bündnis 90/Die Grünen Saarland
 
SPD Saar 
 
SPD Saar 

Die PARTEI Saar 
 
Dagmar Ensch-Engel, Die LINKE Saarland
 
Liberal-Konservative Reformer Saarland
 
Alternative für Deutschland Saarland

Peter Richter, NPD Saarland

Die LINKE Saarland

 

Außer Konkurrenz 


Thorsten Przygoda, OB-Kandidat Darmstadt, parteilos 
 
Kerstin Lau, OB-Kandidatin Darmstadt, Uffbasse Darmstadt

Dominique Kalb, OB-Kandiat Kassel, CDU

Dominique Kalb, OB-Kandididat Kassel, CDU


Matthias Spindler, OB-Kandidat Kassel, Die PARTEI
 
Annette Maurer & Pirmin Magez,  Bündnis 90/Die Grünen Grünstadt
 
Oliver Liedtke, Lindelbacher Liste e.V, Randersacker
 
Franca Bauernfeind, RCDS Erfurt

FPÖ Bezirk Oberpullendorf (Österreich)


Junos Wien (Österreich)
 
Deutsche Glasfaser

Sollte ich weitere sehenswerte Exemplare übersehen habe, freue ich mich immer über sachdienliche Hinweise unter martin.fuchs@hamburger-wahlbeobachter.de, die Kommentarspalte sowie Facebook und Twitter. ;)

#ltwsaar #ltwsaar17 #ltwsh #ltwsh17 #ltwnrw #ltwnrw17



Dienstag, 7. Februar 2017

Mit Facebook und Twitter in den Bundestag? Der Einfluss von Social Media auf den Wahlerfolg

Dies ist ein Gastbeitrag von Dr. Kay Hinz. Er promovierte an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf zum Thema "Kandidaten und ihre Unterstützer im Online-Wahlkampf" und ist als Berater bei der politischen Kommunikationsberatung neues handeln in Berlin tätig. 
HHU Düsseldorf
Logo Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf

Soziale Online-Netzwerke gewinnen in Wahlkämpfen bereits seit Jahren stetig an Bedeutung. Wie Politiker Plattformen wie Facebook und Twitter nutzen, wird von den Medien, politischen Mitbewerbern und Bürgern wahrgenommen. Die Kommunikation wirkt also über das Web 2.0 hinaus. Dass Online-Kommunikation auch mit dem Wahlerfolg von Kandidaten zusammenhängen kann, liegt daher nahe. Dies gilt vor allem für Direktkandidaten in den Wahlkreisen. Anders als Kandidaten der Landeslisten sind sie eher Einzelkämpfer und müssen für ihren Einzug in den Bundestag vor Ort kämpfen. Für Direktkandidaten ist es wichtig, potentielle Unterstützer umfangreich zu informieren , sie zu mobiliseren und im Wahlkreis vernetzt zu sein.

Da Soziale Online-Netzwerke mittlerweile zum Wahlkampf von Direktkandidaten dazugehören, ist zu klären, ob deren Nutzung auch außerhalb des Internets Effekte hat: Bestehen begründete Zusammenhänge zwischen Online-Kommunikation und dem Wahlerfolg bei der Bundestagswahl 2013?

Die Frage wird mit Daten aus der Studie „Kandidaten und ihre Unterstützer im Online-Wahlkampf. Die Bundestagswahl 2013 im Web 2.0“ beantwortet, die 2017 im Verlag VS Springer erschienen ist. Mit Befunden zu über 600 Kandidaten wurde untersucht, wie Kandidaten und Bürger im Online-Wahlkampf auf Facebook und Twitter miteinander kommunizieren und wovon dies beeinflusst wird.

Theoretischer Zusammenhang von politischer Online-Kommunikation und Wahlerfolg 

 
Wahlerfolg hängt nicht nur vom Kandidaten oder von seiner Online-Aktivität ab. Nicht zuletzt ist dafür relevant, welcher Partei ein Kandidat angehört. Dennoch können Kommunikation und Interaktion das Image eines Kandidaten prägen und in Zustimmung zu ihm und in seiner Wahl münden. 

Kandidaten und ihre Unterstützer im Online-Wahlkampf
Promotion Dr. Kay Hinz
Die Kommunikationswissenschaft unterscheidet vier Funktionen, die Kandidaten im Online-Wahlkampf erfüllen können: Information, Vernetzung, Mobilisierung und Nutzerpartizipation. Diese vier Funktionen unterliegen dem Ziel des Wahlkampfes, Wähler zu rekrutieren. Dass die Erfüllung der Funktionen über das Netz hinaus wirkt, ist nicht unrealistisch: Online vermittelte Informationen können offline aufgenommen oder über traditionelle Massenmedien weiterverbreitet werden; Vernetzung im Web 2.0 bedeutet Bekanntheit und kann eine Wahlabsicht begünstigen; Mobilisierung und die Nutzerpartizipation in Sozialen Online-Netzwerken können auch am Wahltag eine Wirkung entfalten, weil sie inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Kandidaten zeigen.




 

Datengrundlage und Messung der Funktionen


Um sicherzustellen, dass Kandidaten zur Bundestagswahl 2013 ihre Facebook- und Twitter-Profile primär für die öffentliche Kommunikation in ihrer Rolle als Politiker genutzt haben, wurden nur öffentlich zugängliche Fan-Seiten (Facebook) oder Profile (Twitter) der Kandidaten mit realistischer Chance auf Einzug in den Bundestag betrachtet. Untersucht wurden 436 Direktkandikandidaten aus allen 299 Wahlkreisen. Der Einzug in den Bundestag wurde als Wahlerfolg bewertet.

Information
Ein Kandidat kann Bürger nur dann informieren, wenn er über ein Profil in einem Sozialen Online-Netzwerk verfügt. Zudem ist die Anzahl der Beiträge relevant, die ein Kandidat während des Wahlkampfes im Netzwerk veröffentlicht hat.

Vernetzung
Die Vernetzung wurde anhand der Unterstützerzahl gemessen, die ein Kandidat einen Monat vor der Bundestagswahl 2013 im Netzwerk hatte.

Mobilisierung
Wie stark es Kandidaten gelingt, Unterstützer zu mobilisieren, wurde bei Facebook und Twitter auf jeweils zwei Arten überprüft: Durch die Entwicklung der Unterstützerzahl während des Wahlkampfes sowie durch die relative Anzahl der multiplizierten Kandidatenbeiträge.

Partizipation
Für die Nutzerpartizipation wurde erhoben, wie viele inhaltliche Beiträge Bürger auf dem Facebook- und Twitter-Profil eines Kandidaten hinterlassen haben. Dies wurde relativ zur Unterstützerzahl erfasst.

Ergebnisse: Online-Kommunikation und Wahlerfolg von Kandidaten


Um zu zeigen, wie es insgesamt um die Kommunikation von Direktkandidaten bestellt war, finden sich hier zunächst einige Eckdaten zum Online-Wahlkampf 2013 auf Facebook und Twitter:

Infografik
Infografik 1: Nutzung von Twitter und Facebook im Bundestagswahlkampf 2013 - untersuchte Kandidaten

Eine große Mehrheit der Direktkandidaten hat Soziale Online-Netzwerke für die eigene Vermarktung genutzt. 77 Prozent von ihnen waren auf Facebook und/oder Twitter präsent. In den letzten 30 Tagen vor der Bundestagswahl veröffentlichen sie durchschnittlich 66 (Facebook) bzw. 58 (Twitter) Beiträge und somit etwa zwei Beiträge täglich.

Im Median verfügen Direktkandidaten einen Monat vor der Bundestagswahl über 375 (Facebook) bzw. 482 (Twitter) Unterstützer, an die sie ihre Beiträge richten konnten. Sie konnten ihren Unterstützerkreis während des Wahlkampfes durchschnittlich um 28 Prozent (Facebook) bzw. 18 Prozent (Twitter) erweitern.

Nur ein geringer Anteil der Nutzer ließ sich zur Multiplikation von Beiträgen mobilisieren. Durchschnittlich 7 Prozent (Facebook) bzw. 9 Prozent (Twitter) der Unterstützer teilten in den letzten 30 Tagen vor der Bundestagswahl einen Kandidatenbeitrag. Bei der Nutzerpartizipation zeigte sich ein ähnliches Bild. Zwar wurde auf Facebook (15%) mehr kommentiert als auf Twitter (4%), doch wird deutlich, dass der größte Teil der Unterstützer sich nicht aktiv im Web 2.0 beteiligt, sondern passiv Inhalte konsumiert

Ob die Erfüllung von Funktionen des Online-Wahlkampfes einen Einfluss auf die Wahrscheinlichkeit hat, mit der ein Direktkandidat in den Bundestag einzieht, wurde mit logistischen Regressionen geprüft. Dabei zeigen sich positive Zusammenhänge zwischen der Facebook-Präsenz und der Chance auf das Direktmandat. Präsenz auf Twitter hingegen erhöhte nicht die statistische Chance, in den Bundestag einzuziehen. Da die reine Präsenz im Web 2.0 nicht zeigt, wie die Online-Kommunikation zwischen Kandidaten und Bürgern ausgestaltet ist, waren weitere Analysen notwendig. Deutlich wurde aber bereits hier, dass die Präsenz von Direktkandidaten bei Facebook einen Vorteil für Kandidaten bedeuten kann. Derjenige, der auf Facebook präsent war, hatte eine um 7 Prozent höhere Chance, in den Bundestag einzuziehen, als derjenige, der es nicht ist war.

Ein differenziertes Bild bietet die Analyse, wie die Erfüllung von Funktionen des Online-Wahlkampfes mit dem Einzug in den Bundestag zusammenhing.

Die Abbildung zeigt, wie stark die Erfüllung die Chance auf Wahlerfolg beeinflusst hat. 10 veröffentlichte Beiträge auf Facebook mehr erhöhten die Chance auf Wahlerfolg um 5,7 Prozent. Wer also 30 Beiträge auf Facebook veröffentlicht hat, hatte eine um 5,7 Prozent höhere statistische Chance auf Wahlerfolg als jemand, der 20 Beiträge veröffentlicht hat. 100 Unterstützer auf Twitter mehr erhöhten die Chance auf Wahlerfolg um 30,2 Prozent. Bei den übrigen Faktoren veränderte ein Prozent mehr bzw. weniger die Chance auf Wahlerfolg um die Prozentangaben im Balkendiagramm. Die Werte zur Multiplikation und Partizipation waren gering und variierten kaum zwischen den Kandidaten.

Infografik
Infografik 2: Übersicht über Einfluss der Erfüllung von Funktionen des Online-Wahlkampfes auf den Wahlerfolg

Häufige Online-Aktivität von Direktkandidaten während des Wahlkampfes erhöhte die Chance, dass diese in den Bundestag einzogen. Verbreitung von Informationen in Sozialen Online-Netzwerken konnte auf die Wahlentscheidung von Nutzern einwirken.

Wie stark Kandidaten in Sozialen Online-Netzwerken mit Unterstützern vernetzt waren, beeinflusste die Chance auf einen Wahlerfolg ebenfalls positiv. Eine breite Vernetzung in der potentiellen Wählerschaft half Politikern dabei, auch über das Web 2.0 hinaus sichtbar zu sein.

Wer im Wahlkampf neue Unterstützer auf Facebook mobilisiert hat, erhöhte seine Chance auf Einzug in den Bundestag. Bei Twitter zeigte sich dies nicht. Facebook ist in der Gesamtbevölkerung in Deutschland weiter verbreitet als Twitter. Außerdem ist es schon semantisch ein Unterschied, ob sich ein Netzwerknutzer mit einer Seite bei Facebook („Gefällt mir!“) oder einem Profil bei Twitter („Folgen“) vernetzt. Insofern ist das Folgen nicht automatisch eine Sympathiebekundung. Festzuhalten bleibt, dass es für Kandidaten sinnvoll ist, während des Wahlkampfes um neue Unterstützer zu werben, um sie kontinuierlich mit Informationen erreichen zu können.

Eine hohe Zahl multiplizierter Beiträge hing nicht direkt mit dem Wahlerfolg zusammen. Es war für Direktkandidaten eher bedeutsam, neue Unterstützer zu generieren als vorhandene Unterstützer zum Teilen von Beiträgen anzuregen. Wichtiger war, dass Unterstützer Informationen wahrgenommen haben, als dass sie diese weiterverbreit haben. Facebook- und Twitter-Nutzer teilen nicht nur Beiträge, die ihrer Meinung entsprechen, sondern vor allem solche Beiträge, die polarisieren oder (unfreiwillig) komisch sind. Insofern sind Shares und Retweets nicht unbedingt Anzeichen für einen erfolgreichen Wahlkampf. Dennoch helfen sie Kandidaten dabei, Teil der öffentlichen Debatte zu bleiben und können somit indirekt auf deren Bekanntheit und öffentliche Wahrnehmung einwirken.

Die Partizipation von Nutzern auf den Kandidatenprofilen war nicht positiv mit dem Wahlerfolg eines Kandidaten verknüpft. Inhaltliche Auseinandersetzung der Nutzer mit Beiträgen von Kandidaten fand auf den Profilen allerdings ohnehin kaum statt.

Fazit


Es besteht ein Zusammenhang zwischen der Erfüllung von Funktionen des Online-Wahlkampfes und dem Wahlerfolg von Direktkandidaten bei der Bundestagswahl 2013. Außer zur Präsenz auf den Plattformen und zur Mobilisierung neuer Unterstützer wiesen die Befunde für Facebook und Twitter jeweils in dieselbe Richtung. Soziale Online-Netzwerke sind wichtige Instrumente für Kandidaten, um kommunikativen Kontakt zu Bürgern einzugehen. Ihre Nutzung darf zwar bislang nicht als potentiell wahlentscheidend verstanden werden, ein tendenzieller Einfluss ist jedoch erkennbar. 

Besonders die Aktivität im Web 2.0 und ein hoher und weiter wachsender Unterstützerkreis erhöhen die Bereitschaft, für einen Kandidaten zu stimmen. Dabei ist Kommunikation in Sozialen Online-Netzwerken nicht für sich alleinstehend zu betrachten. Nachrichtenmeldungen im Fernsehen und in der Zeitung werden häufig mit aktuellen Diskussionsentwicklungen bei Facebook oder Twitter gespickt, ebenso wie die Meldungen traditioneller Massenmedien in Sozialen Online-Netzwerken verbreitet und diskutiert werden.

Die wachsende Gruppe der Digital Natives, die sich vor allem online auf dem Laufenden hält, wird über traditionelle Medien immer seltener erreicht. Kandidaten, die ihre Chance auf einen Wahlerfolg erhöhen möchten, sollten daher präsent im Web 2.0 sein, dort regelmäßige Aktivität zeigen und einen möglichst großen Unterstützerkreis aufbauen, den sie auf direktem Wege erreichen können. Dies mag trivial klingen, ist es aber nicht, wenn man beachtet, dass etliche Kandidaten zur Bundestagswahl 2013 inaktive Profile hatten oder etwa ein Viertel generell das Web 2.0 mied.

 
Autor

neues handeln berlin
Dr. Kay Hinz
Dr. Kay Hinz hat Politik- und Sozialwissenschaften studiert und in der Kommunikations- und Medienwissenschaft im Graduiertenkolleg LinkDe an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf promoviert. Seine Dissertation ist unter dem Titel Kandidaten und ihre Unterstützer im Online-Wahlkampf bei Springer VS erschienen. Seit April 2016 ist Kay Hinz in der politischen Kommunikationsberatung bei der Agentur neues handeln in Berlin tätig.


Donnerstag, 26. Januar 2017

WhatsApp im Wahlkampf: Van der Bellen kriecht dem Wähler ins Ohr

Dies ist ein Gastbeitrag von Johannes Hillje. Er arbeitet als Politik- und Kommunikationsberater in Berlin und Brüssel. Im Jahr 2014 leitete er den Europawahlkampf der Europäischen Grünen Partei

Alexander Van der Bellen vor Österreich-Flagge
WhatsApp-Kanal von Alexander van der Bellen
“Hallo! Mein Name ist Alexander van der Bellen. Und ich möchte Sie ganz herzlich auf diesem neuen Kommunikations- kanal begrüßen.” - Wer Anfang November eine WhatsApp-Nachricht an die Handynummer von Van der Bellens Wahlkampfzentrale schickte, bekam prompt eine Sprachnachricht mit diesen Zeilen zurück. Erst spät im Wahlkampf entschied sich der heutige Bundespräsident Österreichs WhatsApp als Kampagnenkanal zu nutzen. Hat diese Strategie zum Wahlsieg beigetragen?

Van der Bellen gewann bei den Jungwählern hinzu 


So verlockend es sein mag, direkte Zusammenhänge zwischen einer einzelnen Wahlkampfaktivität und dem individuellen Wählerverhalten sind empirisch selten haltbar. Das Wählerverhalten ist zu komplex, von vielschichtigen, manchmal gar irrationalen Motiven getrieben, in keinem Fall aber auf eine einzige Formel zu reduzieren. Dennoch gibt es einige Indizien dafür, dass die Nutzung von WhatsApp ein cleverer und nützlicher Schachzug Van der Bellens war. Allem voran: Bei jungen Männern bis 29 Jahren legte Van der Bellen in der Wiederholungswahl vom 4. Dezember stolze 5% zu. Auch bei Frauen derselben Alterklasse gewann der Grüne nochmals 2 Prozentpunkte von 67% auf 69% hinzu. Es ist diese junge Altersgruppe, die zu den heavy users von WhatsApp gehören. In Österreich nutzen 92% der 15-29jährigen mobilen Internetnutzer Messenger mindestens mehrmals pro Woche. Auch in Deutschland ist WhatsApp führend unter den Kurznachrichtendiensten: 63% der Internetnutzer verwenden die App, bei vielen jungen Deutschen hat der Messenger mittlerweile der klassischen SMS den Rang abgelaufen.

Gegen einen signifikanten Beitrag der WhatsApp-Kampagne zum Wahlsieg Van der Bellens spricht, dass zum Vergleich zu den hohen Fan- und Followerzahlen auf Facebook und Twitter, nur mehrere Tausend Wähler die WhatsApp-Nachrichten abonnierten. Andererseits wurde das Ausmaß des Schneeballeffekts, der sich auf Facebook vor allem durch die Anzahl der “Shares” und auf Twitter durch “Retweets” manifestiert, nicht gemessen. Zum Weiterleiten der Nachrichten, insbesondere der Bilder, Videos und Audio-Botschaften, rief Van der Bellen seine WhatsApp-Community immer wieder auf.

Die Stimme des Kandidaten auf dem Handy 


Begrüßungsbotschaft Van der Bellen
Die Audio-Botschaften wurden speziell für WhatsApp aufgenommen und sind ein mediumspezifisches Phänomen. Immer mehr Nutzer von Messengerdiensten sprechen mittlerweile ihre Nachrichten ein statt sie einzutippen. Zu Van der Bellen passt dieses Format besonders gut, da er kein Digitaljunkie ist und das Bespielen der sozialen Netzwerke an sein Team delegiert hat. Der Authentizitätsmangel, der daraus bei vielen Politikern resultiert, wird durch das Audioformat aufgehoben: Die Sprachnachrichten des Kandidaten erzeugen eine Nähe zum Wähler, die eine Textbotschaft, vor allem wenn sie von Mitarbeitern geschrieben wird, nicht herstellen kann. Folglich bekam Van der Bellen viele persönliche Sprach- und Videonachrichten als Antwort seiner WhatsApp-Abonnenten zurück.

Das kann man als besondere Verbundenheit der Unterstützer zum Kandidaten verstehen, denn eine Sprachnachricht zu formulieren und aufzunehmen fordert einem Nutzern deutlich mehr als einen Tweet oder Facebook-Kommentar abzugeben. Neben den Audio-Nachrichten verschickte Van der Bellen über WhatsApp außer ein paar “Behind-the-Scenes”-Eindrücken, vor allem Videos, Bilder und Veranstaltungshinweise, die auch über die anderen Digitalkanäle der Kampagne verbreitet wurden.

Nun ist Van der Bellen kein Pionier der politischen Kommunikation über WhatsApp, aber der neue österreichische Bundespräsident hat zwei wichtige Prinzipien digitaler Wahlkampfführung lehrbuchmäßig umgesetzt:

Erstens, er hat jenen Kanal gewählt, der in den Kommunikationsgewohnheiten seiner Kernwählergruppe eine sehr wichtige Rolle spielt.

Zweitens hat er mit den Sprachbotschaften auf diesem Kanal auf eine Art und Weise kommuniziert, die sowohl zu seinem Image und persönlichen Digitalisierungslevel als auch zum Nutzerverhalten seiner Zielgruppe passen.

Chancen und Risiken für den Bundestagswahlkampf 


Mobilisierungsaufruf via WhatsApp
Wird WhatsApp auch im Bundestagswahlkampf 2017 eine Rolle spielen? Zweifelsohne wird der Messenger zum Einsatz kommen. Schon in den letzten Landtagswahlkämpfen oder als Instrument zur regelmäßigen Bürgerkommunikation wird WhatsApp punktuell eingesetzt. Aufgrund der ersten Erfahrungen mit dem Einsatz von WhatsApp, auch als Mittel der Kundenkommunikation von Unternehmen, der Unterstützerbindung von Hilfsorganisation oder der Newsletterkommunikation von Medien, machen meines Erachtens drei Aspekte den Messenger zu einem relevanten Kanal der Wahlkampfkommunikation:

1. WhatsApp-Nachrichten werden gelesen. Während Email-Newsletter in vielen Fällen nur von durchschnittlich 25% der Empfänger geöffnet werden, erreichen viele WhatsApp-Versendungen Öffnungsraten von über 90%. Offenbar haben WhatsApp-Nachrichten noch eine andere Wertigkeit als Emails. Nachrichten werden nicht ungelesen gelassen. Das Phänomen von Spam gibt es dort noch nicht. Das kann sich aber natürlich schnell ändern.

2. WhatsApp ist näher dran am Nutzer. Auf Facebook sind wir Fans von dutzenden Seiten, auf Twitter und Instagram folgen wir hunderten Nutzern - auf diesen “Newsfeed”-basierten Plattformen konkurrieren permanent sehr viele Botschaften miteinander. Wer sich nicht der Logik der Algorithmen unterwirft, hat kaum noch eine Chance durchzukommen. WhatsApp-Nachrichten funktionieren hingegen wie eine SMS, sie werden viele Menschen direkt als Push-Nachricht auf dem Bildschirm angezeigt und konkurrieren meist nur mit den Nachrichten von Freunden oder Kollegen. Keine schlechte Sache, wenn man sich als Wahlkämpfer zwischen die Nachrichten von Freundin X und Bruder Y einsortieren kann.

3. WhatsApp ist ein Vehikel zum Engagement. Wer seine Mobilnummer einer Partei oder einem Kandidaten gibt und einwilligt über WhatsApp angeschrieben zu werden, ist allein durch das Überwinden dieser Hürden eine wertvolle Ressource. Es ist deutlich wahrscheinlicher, dass ein WhatsApp-Kontakt zu freiwilligem Engagement im Wahlkampf bereit ist als ein Facebook-Fan. Wenn man seine WhatsApp-Kontakte regional sortieren kann (z.B. durch PLZ-Abfrage bei der Registrierung), gibt es vom Aufruf zum Mitmachen beim lokalen Haustürwahlkampf bis zur Einladung zur Wahlkampfveranstaltung im eigenen Stadtteil vielfältige Möglichkeiten.

Alexander van der Bellen
Audio & Textbotschaft via WhatsApp
Die Chancen von WhatsApp als Wahlkampfinstrument wird jedoch getrübt von den laxen Datenschutzbestimmungen des Anbieters. Die Weitergabe von Nutzerdaten an den Mutterkonzern Facebook hat dem Ansehen der App weiter geschadet. Wer in seinem Wahlprogramm für besonders verbraucherfreundlichen Datenschutz in sozialen Netzwerken eintritt, muss sich fragen, ob die Nutzung solcher Dienste als Wahlkampftool nicht gegen die eigenen Prinzipien verstößt. Diese “practice what you preach”-Herausforderung gilt jedoch nicht nur für WhatsApp, sondern für fast alle großen sozialen Netzwerke.












Autor: 

Portraitfoto
Johannes Hillje (Foto: privat)
Johannes Hillje arbeitet als Politikberater in Berlin und Brüssel. 2014 leitete er den Europawahlkampf der Europäischen Grünen Partei. Davor arbeitete er für das UN-Entwicklungsprogramm (UNDP) in New York im Bereich "Global Campaigning/ Communications". Hillje studierte "Politics & Communication" an der London School of Economics (LSE) und Politikwissenschaft und Publizistik an der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz.

Twitter: @JHillje

Mittwoch, 4. Januar 2017

Die neue Offenheit – Wie die Digitalisierung die Interessenvertretung verändert

Dies ist ein Gastbeitrag von Jan Böttger (Managing Partner) und Daniel Enke (Director) von der Agentur 365 Sherpas - Corporate Affairs & Policy Advice. 365 Sherpas ist eine Berliner Agentur mit dem Schwerpunkt politisch-strategische Beratung für Unternehmen und Institutionen.

Logo 365 Sherpas - Corporate Affairs & Policy Advice
Das waren noch Zeiten: Kontakte wurden im Adressbuch aus Papier verwaltet, Dokumente kamen in aller Regel per Post, Computer waren zu schwer zum Herumtragen und das Mobiltelefon ein kleiner Koffer mit großer Antenne. Das war damals am Rhein. Heute an der Spree sieht die Sache anders aus. Computer passen in die Hosentasche, Nachrichten und Dokumente sind jederzeit mobil verfügbar und Kontakte werden in Datenbanken gepflegt. Die Digitalisierung hat das politische Berlin verändert – technologisch, aber auch kulturell.

Der Wandel drückt sich in der ungeheuren Beschleunigung politischer Debatten aus, der kommunikativen Schlagkraft auch kleinster Interessengruppen, in einer direkten politischen Auseinandersetzung nahezu ohne Gatekeeper und der Erwartung der digitalen Community nach eindeutigen Positionen. Auch hier gilt das alte Sprichwort: „Wer nicht am Tisch sitzt, steht auf der Speisekarte.“ Sind Unternehmen und Verbände nicht in der Lage, ihre Positionen digital auffindbar zu machen und die Inhalte der Logik der digitalen Welt anzupassen, findet ein wichtiger Teil der Debatte ohne sie statt. Daraus lassen sich fünf Ratschläge für die digitale Politikkommunikation ableiten:

1. Wer nicht auffindbar ist, existiert nicht.


Aktuelle Studien zeigen, dass die digitale Auffindbarkeit politischer Positionen im Internet für Interessenvertreter immer wichtiger wird. Eine Umfrage unter Büroleitern von Bundestagsabgeordneten hat ergeben, dass neun von zehn Büroleitern täglich Suchmaschinen für ihre Fachrecherchen nutzen. Wenn also Büroleiter für die nächste Rede ihrer Abgeordneten recherchieren oder ein Fachgespräch vorbereiten, sollten die Unternehmenspositionen im Suchmaschinenranking möglichst unter den ersten Treffern auftauchen. Es reicht also nicht, eine Website mit politischen Inhalten online zu stellen. Die eigenen Positionen müssen neben der Politik auch für die Suchmaschinen Relevanz haben. Darüber hinaus sollten einzelne Beiträge immer auch in den sozialen Netzwerken geteilt werden. Schließlich sind 96 Prozent aller Bundestagsabgeordneten und deren Teams in sozialen Netzwerken aktiv.

Screenshot Jan Böttger
Tweets zu #digitalesDE













2. Nichts ist langweiliger als Einbahnstraßen-Kommunikation.


Klar ist, Sie wollen Ihre Positionen vermitteln. Doch einen ganzen Internetauftritt voller Lobhudeleien auf das eigene Unternehmen möchte niemand ein zweites Mal anklicken. Ordnen Sie Ihre Positionen in eine Debatte ein, lassen Sie andere Akteure zu Wort kommen, werden Sie zum Aggregator interessanter und relevanter Debattenbeiträge zu einem Thema. So tut es beispielsweise das Digitale Hauptstadtbüro der METRO GROUP. Im Stil eines Mediums interviewt das Konzernbüro regelmäßig politische und gesellschaftliche Akteure zu ihrer Sicht auf aktuelle Handelsthemen. Auch kritische Meinungen sind willkommen oder werden gar in einem Doppelinterview direkt gegenübergestellt. Zusätzlich werden auf der Website interessante Tweets rund um Handel und Ernährung durch das METRO GROUP Team kuratiert. So wird das Digitale Hauptstadtbüro zum Newsroom.

Screenshot Digitales Hauptstadtbüro
Doppelinterview Thorben Albrecht (BMAS) und Heiko Hutmacher (Metro AG) auf den Seiten der Metro AG


















 

3. Like & Share ergänzen Bild, BamS und Glotze.


Gerhard Schröder sagte einmal: „Zum Regieren brauche ich nur Bild, BamS und Glotze.“ Würde er heute noch regieren, wären Like & Share hinzugekommen. Denn es gilt: Gut ist, was schnell rezipierbar, teilbar, klickbar und zitierbar ist. So müssen komplexe politische Sachverhalte visuell durch Infografiken übersetzt oder per Videosequenz in Sekundenschnelle erklärt werden. So praktiziert es beispielsweise Telefónica Deutschland, in deren eigens geschaffener Eventlocation BASECAMP beinahe täglich Veranstaltungen rund um die digitale Transformation stattfinden – ob Netzpolitik, digitale Arbeitswelt, Handel 4.0 oder Shareconomy. Die besten Soundbites der Vorträge und Diskussionen werden über die sozialen Netzwerke geteilt. Vordefinierte Hashtags sorgen für die Auffindbarkeit der Inhalte. So wird die Debatte im Netz fortgeführt. Wer eine Veranstaltung verpasst hat, kann sich einzelne Zusammenschnitte auf YouTube ansehen. An dieser Stelle wird auch klar: Wer online erfolgreich sein will, braucht eine gute Verzahnung mit seinen Offline-Aktivitäten.

YouTube-Kanal UdL Digital


















4. Politik vertraut Menschen, keinen Portalen.


Alle medienadäquat aufbereiteten Inhalte nutzen nichts, wenn nicht klar wird, wer hinter ihnen steht. Denn der persönliche Kontakt ist noch immer das wichtigste Instrument der politischen Interessenvertretung. Das gilt auch für die digitale Kommunikation. Es sollte transparent sein, wer hinter einzelnen Posts in sozialen Netzwerken oder Artikeln auf der eigenen Website steht. Die METRO GROUP löst dies etwa, indem sich das Politik-Team namentlich mit Foto, Kontaktdaten und Werdegang auf dem Portal vorstellt – inklusive ihrer Aktivitäten in Ausschüssen von Verbänden und Ministerien. So können Politik, Wissenschaft, NGOs und Medien nachvollziehen, mit wem sie es zu tun haben. Und über die persönlichen Kontaktdaten ist die Verbindung schnell hergestellt.

Personenprofofil von Michael Wedell auf den Seiten des Digitalen Hauptstadtbüros der Metro AG


 

5. Wer sich exponiert, wird diskutiert.


Märkte sind Gespräche. So heißt es im Cluetrain Manifesto von 1999 – und gilt heute mehr denn je, gerade in der politischen Kommunikation. Denn wer sich mit Meinungen und Argumenten öffentlich nachvollziehbar in eine politische Debatte einschaltet, muss damit rechnen, auch kritisch diskutiert zu werden. In diesem Fall kommt es auf Reaktionsschnelligkeit und Sprachfähigkeit an. Und weil sich bis heute viele Unternehmen vor der Erteilung kommunikativer Prokura für ihre politischen Vertreter scheuen, verabschieden sie sich folgerichtig von der Idee der digitalen Politikkommunikation. Ein Gordischer Knoten, den zu zerschlagen es an der Zeit wäre.

Digitale Kommunikation im politischen Raum erfordert neben Fragen der Auffindbarkeit und Aufbereitung vor allem Schnelligkeit, Klarheit, Dialogbereitschaft und Kritikfähigkeit. Das klingt nach Plattitüden und erfordert doch ein deutliches Umdenken vieler Interessenvertreter in Unternehmen und Verbänden. So befördert der technologische Fortschritt eben auch einen kulturellen Wandel bei den Interessenvertretern.


Politikportale von Unternehmen


Webseite
Digitales Hauptstadtbüro der Metro Goup
METRO GROUP
 










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Politikportal der GEMA
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UdL Digital
Politikportal Telefónica Deutschland
Telefónica Deutschland










  

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Union Investment













 
Screenshot
politikLounge TUI Group
TUI Group
http://www.tui-politiklounge.com








 


Detaillierte Beschreibungen der konzeptionellen Ansätze und Instrumente der (digitalen) Hauptstadtrepräsentanzen von METRO GROUP, Microsoft und Telefónica finden Sie auf dem Blog der 365 Sherpas.


Autoren

Jan Böttger

365 Sherpas
Jan Böttger
Jan Böttger ist Managing Partner bei 365 Sherpas - Corporate Affairs & Policy Advice. Sein Schwerpunkt liegt in der strategischen Corporate Affairs-Beratung national und international agierender Unternehmen. In diesem Feld berät er Geschäftsführungen und Kommunikationsleiter in Fragen der Unternehmenspositionierung (Public Affairs, Reputation Building, Corporate Responsibility) sowie des Issues- & Stakeholdermanagements im (gesellschafts-)politischen Umfeld.

Auf Twitter: @JanBoettger

Daniel Enke

365 Sherpas
Daniel Enke
Daniel Enke ist Director bei 365 Sherpas - Corporate Affairs & Policy Advice. Sein Schwerpunkt liegt in der strategischen Kommunikationsberatung von Unternehmen und Verbänden – nach innen wie außen, gegenüber Politik und Öffentlichkeit, digital und analog.






Auf Twitter: @danielenke