Montag, 2. März 2015

Interaktivität, Multimedialität und Hyperlinkstruktur: Wie nutzen die Rezipienten politische Online-Angebote?

Dies ist ein Gastbeitrag von Prof. Dr. Marcus Maurer, Corinna Oschatz und Jörg Haßler von der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz. Sie arbeiten und forschen am Institut für Publizistik. Der vorliegende Beitrag basiert auf Forschungen im Teilprojekt „Digitale Wissensklüfte“ in der DFG-Forschergruppe „Politische Kommunikation in der Online-Welt“.

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Online-Medien wird ein immer größer werdender Einfluss auf die politische Meinungsbildung zugeschrieben. Dies wird in der Regel mit den technischen Vorteilen des Internets gegenüber anderen Massenmedien begründet, insbesondere seiner Multimedialität, Interaktivität und Hyperlinkstruktur, die dazu führen, dass die Rezipienten ohne großen Aufwand vielfältige Informationen aus unterschiedlichen Quellen nutzen können. Diese Vorteile werden allerdings nur relevant, wenn die Rezipienten die angebotene Linkstruktur sowie die multimedialen und interaktiven Webseitenelemente auch wahrnehmen und nutzen. Inwieweit dies der Fall ist, ist bislang aber kaum empirisch untersucht worden.

Wir führen deshalb im Rahmen des Teilprojekts „Digitale Wissensklüfte“ der DFG-Forschergruppe „Politische Kommunikation in der Online-Welt“ eine Reihe von Experimenten durch, die sich u.a. mit der Frage beschäftigen, welche Wahrnehmungs- und Nutzungswahrscheinlichkeiten einzelne Webseitenelemente auf politischen Internetangeboten haben. Wir kombinieren dabei Eye-Tracking-Analysen, die das Blickverhalten der Rezipienten auf den Webseiten erfassen und deshalb ein relativ guter Indikator dafür sind, welche Webseitenelemente die Rezipienten wahrnehmen, mit Logfile-Analysen, die erfassen, inwieweit die Rezipienten die verschiedenen Webseitenelemente nutzen (öffnen, anklicken usw.).

Als Webseitenelemente betrachten wir den zentralen Textartikel, Hyperlinks (im Text, am Seitenrand und im Navigationsbereich), multimediale Elemente (Bilder, Videos, Grafiken, Audiodateien) und interaktive Elemente (Nutzerkommentare, Social-Media-Daten). Im vorliegenden Fall haben wir 34 Probanden unterschiedlicher Alters- und Bildungsgruppen jeweils einen Beitrag zum Klimawandel auf drei verschiedenen Webseiten (tagesschau.de, spiegel.de, gruene.de) gezeigt, die die verschiedenen Webseitenelemente in unterschiedlichen Konstellationen enthielten. Die Probanden konnten unbegrenzt und völlig frei navigieren und somit auch zu anderen Webseiten wechseln. Zudem haben wir ihr Involvement manipuliert: Die eine Hälfte sollte die Webseiten so nutzen, wie sie dies auch sonst tun (eher niedriges Involvement). Die andere Hälfte haben wir darüber informiert, dass wir ihnen im Anschluss noch einige Fragen zum Klimawandel stellen werden (eher hohes Involvement).

Die Eyetracking-Analysen zeigen, dass die Rezipienten die Webseitenelemente mit einer sehr unterschiedlichen Wahrscheinlichkeit wahrnahmen. Wenig überraschend wurde der zentrale Textartikel von jedem Probanden betrachtet. Fast jeder Proband sah wenigstens einen der Links im Navigationsbereich und am Seitenrand sowie eines der Bilder. Grafiken und Videos wurden von rund zwei Dritteln der Probanden erkannt, während Audiodokumente und Social-Media-Daten nur von der Hälfte betrachtet wurden. Die Nutzerkommentare am Ende der Seite fielen sogar weniger als einem Drittel der Probanden auf. Während der zentrale Textartikel von den Probanden sehr lange betrachtet wurde, fielen vor allem die Betrachtungszeiten der interaktiven Elemente so kurz aus, dass man bezweifeln kann, dass ihre Bedeutung erfasst werden konnte.

Balkendiagramm
Schaubild 1: Anteil der Probanden die die Weseitenelemente betrachtet und geöffnet haben


Die Logfile-Analysen zeigen darüber hinaus die Nutzungswahrscheinlichkeiten der Webseitenelemente, die nicht unmittelbar betrachtet werden konnten: Rund ein Drittel der Probanden öffnete mindestens einen Link im Navigationsbereich. Solche Links führen zu Webseiten, die nichts mit dem Thema des Ausgangsbeitrags zu tun haben. Etwas weniger Probanden nutzten Links am Seitenrand, die zu thematisch verwandten Beiträgen führen. Video- und Audio-Dateien wurden von rund jedem fünften geöffnet. Die übrigen Webseitenelemente fanden kaum Resonanz. Jeder fünfte Proband nutzte schließlich gar keines davon. Insgesamt wird folglich deutlich, dass einige der multimedialen, interaktiven und hypertextuellen Elemente der von uns untersuchten Webseiten von den Nutzern bereits gar nicht wahrgenommen wurden. Vor allem war jedoch zu erkennen, dass viele, die die Elemente wahrgenommen haben, sie offensichtlich nicht relevant genug fanden, um sie auch zu nutzen (Siehe Schaubild 1).

Erstaunlicherweise zeigten sich hierbei auch kaum Unterschiede zwischen hoch und niedrig involvierten Probanden. Hoch involvierte Probanden nahmen mit höherer Wahrscheinlichkeit Links am Seitenrand und Bilder wahr. Niedrig involvierte Probanden nutzten deutlich häufiger Links im Navigationsbereich, die thematisch vom Ausgangsbeitrag wegführen. Der deutlichste Unterschied zwischen hoch und niedrig involvierten Probanden war aber die Intensität der Nutzung des zentralen Textartikels. Wie die so genannten Heat-Maps der Eyetracking-Analysen am Beispiel der Webseite der Tagesschau zeigen (Schaubild 2), wurde der zentrale Text von hoch involvierten Probanden deutlich intensiver betrachtet als von niedrig Involvierten (gelbe und rote Flächen).
Screenshot Webseiten
Schaubild 2: Eye-Tracking-Visualisierung bei der Nutzung der Webseiten

 

Fazit


Unsere Befunde müssen vorsichtig interpretiert werden, weil sie bislang nur auf einem einzigen Experiment basieren, das zudem noch nicht vollständig ausgewertet ist. Dennoch zeichnet sich ab, dass Online-Medien von vielen Menschen auch heute noch vor allem als textbasiertes Medium genutzt werden. Multimediale, interaktive und hypertextuelle Elemente, die meist als Ursache des hohen Wirkungspotenzials von Online-Medien angeführt werden, werden von den Rezipienten dagegen oft ignoriert. Dies gilt selbst für Rezipienten mit hohem Involvement, die für Zusatzinformationen im Zweifelsfall lieber zu anderen Webseiten wechseln, um sich dort wiederum textbasiert zu informieren.


Autoren

Prof. Dr. Marcus Maurer
Marcus Maurer ist Professor für Politische Kommunikation am Institut für Publizistik der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Er leitet das Teilprojekt „Digitale Wissensklüfte“ in der DFG-Forschergruppe „Politische Kommunikation in der Online-Welt“.





Jörg Haßler
Jörg Haßler ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehr- und Forschungsbereich Politische Kommunikation am Institut für Publizistik der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und im Teilprojekt „Digitale Wissensklüfte“ in der DFG-Forschergruppe „Politische Kommunikation in der Online-Welt“.





Corinna Oschatz
Corinna Oschatz ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehr- und Forschungsbereich Politische Kommunikation am Institut für Publizistik der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und im Teilprojekt „Digitale Wissensklüfte“ in der DFG-Forschergruppe „Politische Kommunikation in der Online-Welt“.




Sonntag, 22. Februar 2015

Social Media im Bürgerschaftswahlkampf: Wem folgen die Kandidat/innen?

Dies ist ein Gastbeitrag von Dr. Jan-Hinrik Schmidt und Christoph J. Beyer vom Hans-Bredow-Institut Hamburg. Er ist der dritte Teil einer Reihe von Analysen und Ergebnissen eines Forschungsprojektes zur Hamburger Bürgerschaftswahl 2015 in Zusammenarbeit mit Prof. Thorsten Faas (Universität Mainz), dem Portal PolitikTweetsHH sowie dem Hamburger Wahlbeobachter. 

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Der Wahlkampf zur Hamburgischen Bürgerschaft ist zu Ende, doch die Auswertungen im Rahmen unseres kleinen Forschungsprojekts zu den Social-Media-Aktivitäten der Kandidierenden gehen weiter. Nach den Bestandsaufnahmen zu Twitter und zu Facebook stellen wir im heutigen Beitrag einige Befunde zu den „Twitterrepertoires“ vor.

Dies bedarf aber einer kurzen einführenden Erläuterung (erfahrene Twitter-Nutzer/innen können den folgenden Absatz überspringen):
Das wesentliche Prinzip, um den Informationsfluss und die Kommunikation auf Twitter zu strukturieren, ist die „Friend-Follower-Beziehung“. Sie lässt sich mit dem Abonnieren der Tweets einer Person vergleichen; folgt Nutzerin @anja dem Account von Nutzer @bertram, werden dessen Tweets zusammen mit den Tweets aller anderen Accounts, denen @anja folgt, in ihrer Timeline angezeigt. In der Terminologie von Twitter ist @anja ein „Follower“ von @bertram, und umgekehrt ist @bertram ein „following“ (so heißt es im Interface) bzw. ein „friend“ (so heisst es in der API) von @anja. Diese Beziehung ist nicht zwingend reziprok - @anja kann @bertram folgen, ohne dass @bertram wiederum @anja zurück folgen muss.

Viele Studien und Analysen zu Twitter konzentrieren sich auf den „Follower“-Aspekt dieser Beziehung, z.B. in Rankings, welche Accounts weltweit die meisten Follower haben. Dahinter steckt die Vorstellung, dass sich in der Follower-Anzahl Merkmale wie kommunikative Reichweite, Popularität oder Einfluss ausdrücken. Implizit wird mit dieser Perspektive Twitter-Kommunikation als Variante des „Broadcasting“ verstanden: Ein „Sender“ verbreitet seine Botschaft an mehr oder weniger viele „Empfänger“.

Mit dem Konzept der „Twitterrepertoires“ kehren wir diese Sichtweise um: Uns interessiert der einzelne Twitter-Account nicht als Sender, sondern als Empfänger von Informationen. Aus welchen Quellen speist sich die Timeline von @anja? Neben @bertram folgt sie ja auch noch anderen Accounts – wie viele sind das und aus welchen Bereichen stammen diese Accounts? Sind es Accounts anderer Kandidierender, politischer Parteien oder Organisationen, publizistischer Anbieter, von Privatpersonen, Unternehmen oder Celebrities?

Welchen Twitteraccounts folgen die meisten Kandidierenden?


Zu diesem Zweck haben wir am 20. Januar 2015 für die Anfang des Jahres recherchierten 253 Twitteraccounts von Kandidierenden über die Twitter-API (Schnittstelle) abgefragt, welchen anderen Accounts diese folgen. Für insgesamt 230 Accounts konnten wir diese Informationen ermitteln; die übrigen Accounts waren entweder weiterhin inhaltlich nicht klar der kandidierenden Person zuordenbar (10), waren geschützt (9) oder folgen keinem anderen Account (4).

Infografik Balkendiagramm
Infografik: Welchen Twitteraccounts folgen die meisten Kandidierenden bei der Hamburgwahl?
Im Durchschnitt folgt jeder der 230 Kandidierenden fast 300 Accounts (299,6; Standardabweichung: 523,9), wobei Kandidatinnen einen etwas höheren Durchschnittswert (349,6; Standardabweichung 686,2) als Kandidaten (277,8; Standardabweichung  435,3) haben. In der Summe sind das knapp 70.000 einzelne Friend-Beziehungen, die auf knapp 35.000 einzelne Accounts entfallen. Etwa drei Viertel dieser Accounts (26.530 von 34.739 Accounts) tauchen nur einmal im Datensatz auf, werden also nur von einem Kandidaten oder einer Kandidatin „verfolgt“.

Wem folgen die Kandidierenden? 


Das bedeutet umgekehrt aber auch, dass es Accounts gibt, denen mehrere Kandidierende folgen. Welches sind die in diese Hinsicht „populärsten“ Twitter-Quellen für die Kandidierenden? An der Spitze steht @buergerschaftHH, denen 101 Kandidierende auf Twitter folgen, das entspricht knapp 44 Prozent der untersuchten Personen. Auf den weiteren Plätzen folgen ganz unterschiedliche Typen von Accounts, darunter z.B.

Infografik Balkendiagramm
Infografik: Twitter-Accounts lokaler Medien
Als nächsten Analyseschritt haben wir alle Friends an einer Liste von 105 Twitter-Accounts lokaler (d.h. auf Hamburg fokussierender) Medienangebote abgeglichen, die wir im Zuge des Projekts zusammen gestellt hatten; darunter sind die Twitter-Accounts der lokalen Tageszeitungen, Radio- und TV-Sender genauso wie die Accounts von lokalen Onlineportalen (ohne Ableger in Print oder Rundfunk) sowie von Blogs mit lokalem Fokus.

Wie vielen Twitteraccounts lokaler Medien folgen die Kandidierenden? 


Im Durchschnitt folgen die Kandidierenden 4,2 Accounts aus dieser Liste, wobei sich dieser Wert wiederum rechnerisch vor allem aus Lokalzeitungen (durchschnittlich folgen die Kandidierenden 1,32 solchen Accounts) und „Online-Only-Portalen“ (1,2 Accounts) zusammensetzt. Die insgesamt 20 Accounts dieser beiden Gruppen machen 18 Prozent der gesamten Liste aus, auf sie entfallen aber fast 60 Prozent der Friend-Beziehungen zu allen 105 Accounts lokaler Angebote. Anders ausgedrückt: Sie sind überproportional häufig in den Twitterrepertoires der Kandidierenden vertreten.

Wie vielen Twitter-Accounts anderer Kandidierender folgen Kandidierende?


Infografik Balkendiagramm
Infografik: Twitteraccounts anderer Kandidierender
Die gleiche Analyselogik lässt sich auch auf die Friend-Beziehungen zwischen den Kandidierenden selbst anwenden. Die 230 Personen, über die wir Friend-Informationen vorliegen haben, folgen demnach im Durchschnitt 15,2 der insgesamt 253 Twitter-Accounts. Dieser Wert setzt sich rechnerisch vor allem aus Accounts von Kandidierenden der SPD (im Durchschnitt 5,12), von Bündnis 90/Die Grünen (2,6) sowie der Piraten (2,5) zusammen. Zugleich zeigt sich eine stark ausgeprägte „in-group-Tendenz“, denn Kandidierende einer Partei tendieren – erwartbar – dazu, vor allem anderen Kandidierenden der eigenen Partei zu folgen. So folgen Kandidierende der SPD zum Beispiel im Durchschnitt etwa 12 Accounts von anderen Personen, die für die SPD antraten; Personen aus anderen Parteien folgen im Durchschnitt nur 2,6 Accounts aus der SPD. Für die CDU betragen die entsprechenden Werte 7,8 zu 1,1; für die Piraten 14,9 zu 0,5, etc.. Diese Friend-Beziehungen entlang politischer Nähe würden sich durch netzwerkanalytische Verfahren noch feiner untersuchen und visualisieren lassen, doch dies sprengt den Rahmen dieses Blogeintrags.

Abschließend aber noch der Hinweis: Wir können durch unsere Analyse natürlich nicht klären, ob Kandidatin @anja all die Informationen der verschiedenen Quellen aus ihrer Timeline auch tatsächlich bewusst wahrnimmt und verarbeitet – genauso wenig übrigens wie die Reichweite-Perspektive mit Sicherheit klären kann, ob tatsächlich alle Follower die Tweets von @justinbieber  wirklich lesen. Zudem kratzen auch die hier vorgestellten Befunde noch an der Oberfläche der Möglichkeiten, die der Perspektivwechsel vom Broadcastkanal zur Informationsquelle für die Analyse von Twitterdaten bietet. So wäre neben der angesprochenen netzwerkanalytischen Vertiefung unter anderem auch von Interesse, ob sich Muster in den individuellen Twitter-Repertoires finden lassen, also z.B. Personen, die wenig anderen individuellen Kandidierenden, aber vielen Accounts von redaktionell betriebenen Medienmarken folgen, vs. Personen, die vielen Individuen, aber wenigen Redaktionen folgen.






Autoren

Dr. Jan-Hinrik Schmidt
Dr. Jan-Hinrik Schmidt ist wissenschaftlicher Referent für digitale interaktive Medien und politische Kommunikation am Hans-Bredow-Institut für Medienforschung (Hamburg).








 

Christoph J. Beyer
Christoph J. Beyer studiert Soziologie (Master) an der Universität Hamburg und arbeitet als studentischer Mitarbeiter am Hans-Bredow-Institut für Medienforschung.













Dienstag, 17. Februar 2015

Hashtag-Journalismus und die inszenierte Twitter-Öffentlichkeit

Dies ist ein Gastbeitrag von Dr. Mathias König und Dr. Wolfgang König von der Universität Koblenz-Landau. Sie sind wissenschaftliche Mitarbeiter am Institut für Kommunikationspsychologie und Medienpädagogik sowie am Institut für Sozialwissenschaften der Universität Koblenz-Landau.

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Alle reden von Twitter – zumindest Politiker und Journalisten. Nirgendwo sonst scheint die Netz-Öffentlichkeit so präsent wie bei Twitter, dem Microbloggingdienst aus San Francisco. Die Twitter-Euphorie begann als massenmedialer Hype in Deutschland spätestens mit dem „Hashtag Aufschrei“ (kurz: #Aufschrei) zum FDP-Spitzenkandidaten zur Bundestagswahl 2013 Rainer Brüderle. Brüderle war wegen seines Frauenbildes einem sogenannten „Shitstorm“ auf Twitter ausgesetzt. Die Medienbranche zeichnete diesen #Aufschrei mit dem „Grimme Online Award“ aus. Die kritische – oder aufgeregte – Öffentlichkeit schien auf Twitter aktiv zu sein, wie nie zuvor.

Twitter wird seither zunehmend als Indikator für Modernität massenmedial inszeniert und der Zuschauer oder Leser ermuntert, mitzumachen: Mit Tweets zur Weltmeisterschaft, zu TV-Sendungen wie Kochprofis und besonders zu politischen Themen. Auf Twitter wird das Ideal der Meinungsfreiheit in seiner digitalen Variante verwirklicht, so die Idee.

Für den Journalismus besonders praktisch ist der dabei entstehende „Gratis-Content“. Überspitzt formuliert: Der Praktikant, der bisher auf dem Marktplatz Bürgerstimmen einfangen musste, kann eingespart werden. In seine Rolle schlüpft der zur Twitternutzung motivierte „moderne“ Zuschauer oder Leser.

Besonders die öffentlich-rechtlichen TV-Anstalten setzen auf Twitter. Im „Bericht der ARD über die Erfüllung ihres Auftrags, über die Qualität und Quantität ihrer Telemedienangebote sowie über die geplanten Schwerpunkte“ (.pdf) heißt es u.a. hierzu:
  1. Im Berichtszeitraum haben viele Redaktionen Twitterzugänge für ihre Programme eingerichtet, um ausgewählte Inhalte anzubieten oder auf die Programme hinzuweisen, um die Nutzergruppen dort abzuholen, wo sie sich schwerpunktmäßig befinden.
  2. Für Sendungen der ARD werden Social Networks genutzt, um Inhalte besser den verschiedenen Nutzergruppen anbieten zu können. Erfolgreich ist dies besonders bei „Tatort“-Fans.
  3. „Online gelingt es tagesschau.de durch den Einsatz des neuen Social-Viewing-Tools, moderierte Nutzerkommentare über Twitter, Facebook und Kommentare aus dem eigenen Angebot mit dem Livestream der Wahlsendung zu verknüpfen und quasi live zu senden. Auch dieses Angebot war bei den Nutzern sehr erfolgreich und soll nun bei jeder Wahl eingesetzt werden.“

Zusammenfassend wird eine scheinbare Modernität postuliert und mit einem bürgernahen Hashtag-Journalismus verbunden. Die Frage ist dabei, ob dies wirklich zutreffend ist. Mit anderen Worten: Gibt es wirklich die aktive Twitter-Öffentlichkeit, in der das Ideal von Deliberation möglich ist? Hierzu werden drei Fälle skizzierend dargestellt (Datenbasis=Twitter API). Es handelt sich bei allen Fällen um Hashtags, die crossmedial auf einen singulären Anlass hin Aufmerksamkeit fanden. (Die Analyse fokussiert aufgrund der Forschungsfrage folglich diese Hashtagsorte).

GroKo und der SPD-Mitgliederentscheid (Dezember 2013)


Mag man dem Medienecho glauben, dann wurde Ende 2013 besonders intensiv auf Twitter über das Zustandekommen der „GroKo“ diskutiert. Das Wort „GroKo“ ist in den Medien präsent und steht für die zunehmende Verschmelzung der digitalen mit der Offline-Öffentlichkeit. So sah es die Gesellschaft für deutsche Sprache in ihrer Begründung für das „Wort des Jahres“ am 12. Dezember 2013. Das Web 2.0 und besonders Twitter schien der zentrale Ort der politischen Diskussion: „Es ist ein #GroKo-Deal … und während sich die Verhandlungspartner kurz ausruhen, wird das Ergebnis im Netz seziert“ (sueddeutsche.de).

Eine Machtoption gab es für die SPD nur mit Merkel und so sollten die SPD-Mitglieder entscheiden und diskutieren – ein einmaliger Vorgang in der deutschen Parteiengeschichte. Twitter hätte bedeutsam sein können, weil die Politik-Profis (mit Twitter-Account) direkt erreicht werden können. Gleiches gilt für die Journalisten. Mit anderen Worten sind die politischen Entscheidungseliten und Meinungspfleger sehr leicht erreichbar.

Balkendiagramme
Infografik über gesendete Tweets zum Hashtag #GroKo
Im Gegensatz zum massenmedialen Hype zeigt eine Analyse der Twitterdaten allerdings ein anderes Bild. Im Zeitraum vom 6. Dezember 2013 bis Anfang Januar 2014 wurden kontinuierlich die Suchergebnisse zu den entsprechenden Hashtags in Twitter abgerufen. Der Zeitraum wurde so gewählt, dass die Diskussion zum SPD-Mitgliederentscheid und die Vereidigung der GroKo erfasst werden konnte. Es zeigt sich, dass weniger als 5000 Nutzer an der Diskussion zum SPD-Mitgliederentscheid und der GroKo beteiligt waren.

Screenshots tagesschau.de & Tweets zum SPD-Mitgliedervotum
Von über 99 Prozent dieser Nutzer waren nur maximal zwei Nachrichten in der Twitter-Suche gespeichert. Von einer regen und breiten Diskussion kann folglich nicht die Rede sein. Aktiv sind vor allem die etablierten „Offline-Pfleger“ der öffentlichen Meinung und besonders auffällig ist der Twitter-Account der Tagesschau. Er ist auf Platz 27 bei den aktivsten Twitter-Nutzern und auf Platz eins bei der Resonanz. Die Strategie der ARD ist folglich erfolgreich (vgl. oben Punkt 3 der ARD-Strategie). Die Twitter-Kommunikation lässt sich als Reaktion der Offline-Ereignisse charakterisieren. Maßgeblich ist die Agenda der Medienberichterstattung und der Verfahrensregie zum Mitgliederentscheid. Die Tageschau beatmet notfalls auch die Diskussion und inszeniert Nachrichtenwert, indem z.B. so getan wird, als sei das SPD-Mitgliedervotum gescheitert (siehe Screenshot). Interessanterweise trifft der „Shitstorm“ nach dem positiven Ausgang des Mitgliederentscheids vorrangig die SPD als Organisation und nicht den SPD-Vorsitzenden Sigmar Gabriel. Mit Verkündung des Mitgliedervotums profitiert der SPD-Chef. Dies korrespondiert mit der Journalistenmeinung: „Porträt Gabriel: Der starke Mann der SPD …“ (Tagesschau-Tweet). So scheint sich zumindest das SPD-Spitzenpersonal durch den Mitgliederentscheid im digitalen cross-over eine personalisierende Legitimationsbeschaffung zu generieren, von der die SPD als Gesamtorganisation nicht profitiert.

Landesparteitage der CDU und SPD in Rheinland-Pfalz (im November 2014)

 

Tweets zum CDU-Parteitag
Tweets zum SPD-Parteitag
Neben dem „Megathema“ GroKo ist interessant, wie die Twitter-Kommunikation an Parteitagen aussieht. In Zusammenarbeit mit der „Rheinpfalz am Sonntag“ wurden die Landesparteitage von CDU und SPD im Bundesland Rheinland-Pfalz analysiert. Am jeweiligen Parteitag war der entsprechende Redakteur vor Ort und twitterte mit. Er konnte die quantitativen Daten qualitativ einordnen und bestätigen. Der Befund dieser Methodentriangulation lässt sich folgendermaßen zusammenfassen: Trotz Einblenden der Tweets auf einer Leinwand während des CDU-Parteitages (29. November, #lpt14) waren es nur 160 Personen, die twitterten. Bei der regierenden SPD (14. November, #rlpt14) waren es immerhin 240. Interessant ist hierbei das Ergebnis der so genannten Politwi.de-„Trends“ (Politische Hashtags, die zu einem bestimmten Zeitpunkt am meisten getwittert werden ). So war der SPD-Parteitag #rlpt14 bei Politiwi.de, einem Analyse-Dienst für politische Tweets, zeitweise als politischer „Top-1-Trend“ gelistet. Zugespitzt: Trotz Top-1-Trend war de facto nicht viel los. Es dominieren die institutionalisierten Nutzer @SPDRLP und @CDURLP sowie Journalisten.

Tatort (im November 2014)


Tweets zu #Tatort
Bei #Tatort geht es nicht um Politik, sondern nur um Unterhaltung. Er ist nach Darstellung der ARD auch der erfolgreichste Hashtag des Senders. Zusätzlich werden die Kommentare der Zuschauer im ARD-Teletwitter (Videotext Seite 777) eingeblendet. So ist beim Tatort auf den ersten Blick richtig viel los: Am 23. November schauten 10,4 Millionen Menschen den Tatort. Aber nur ca. 3000 Personen twitterten mit. Dies sind nicht einmal 0,3 Promille der Zuschauer. Der Twitter-Account des Tatorts ist selbst der aktivste Nutzer mit 187 Tweets, danach führt der Stern mit 71 Tweets die aktivsten Nutzer an.



Die gesellschaftliche Relevanz der Twitter-Öffentlichkeit


Zusammengefasst haben die üblichen Öffentlichkeitsakteure das meiste Gewicht im Kommunikationsprozess der drei ausgewählten Fälle. Allerdings können auch Privatbürger leichter Gehör finden, denn überspitzt formuliert hat bei Twitter jeder einen „Balkon“, um zum Volke zu sprechen. Dies erhöht auf den ersten Blick die individuellen Teilhabechancen. Die Gefahr, dass aber die Galerie leer bleibt, ist groß.

Erfolgreich sind in Twitter vor allem etablierte Multiplikatoren und „Kommunikationsprofis“.
Es deutet sich zudem an, dass sich die Trennung im Journalismus von Online und Offline in der Auflösung befindet. Wer Resonanz in Twitter und vor allem auch darüber hinaus erreichen möchte, muss in der Regel über die etablierten Medienakteure spielen.

So bleibt die Forderung an einen „reflektierten“ Journalismus, der Twitter nicht nur dankbar als beliebig moderierbaren „Gratis-Content“ begreift, sondern die digitale Öffentlichkeit kritisch analysierend bewertet. Dazu gehört vor allem dem Publikum „reinen Wein“ einzuschenken und das stilisieren von Twitter selbstkritisch zu hinterfragen: Es gilt die Naivitätsbrille abzusetzen und den Informations-, Beteiligungs- und Mitmachmythos als Illusion der Medienmacher zu „enttarnen“. Denn Twitter ist nach wie vor eine Plattform für Profis und nicht für den „Normalbürger“.

Zudem ist bisher nicht reflektiert worden, dass Twitter selbst ein Gatekeeper ist bzw. wird. Das bedeutet, dass nicht alle Tweets in der Twitter-Suche gespeichert bleiben. Hier ein Beispiel: Für Bahnfahrer war im vergangenen Herbst #gdl (Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer) besonders „spannend“. Streiken die Lockführer? Und wenn ja, wann? Während der Internet-Browser offen war, tauchten in der Suche (Option alle Tweets anzeigen aktiviert) teilweise nur ganz kurz Meldungen zur GDL auf, die dann sofort wieder verschwanden. Sie flackern nur ca. eine Sekunde lang auf. Andere Tweets blieben aber nach wie vor in der Suche permanent sichtbar. Dabei war für den Bobachter inhaltlich nicht erkennbar, warum Twitter einige Nachrichten entfernte. Es ging inhaltlich in der Regel um den drohenden Bahnstreik. Verschiedenste Nutzer wurden aus der Suche binnen Sekunden gelöscht. Auch bei den untersuchten Parteitagen ließ sich technisch nachweisen, dass bestimmte Tweets von Twitter teilweise weggefiltert wurden. Dies betraf auch Medienvertreter.

Auf diese Gatekeeper-Problematik müssten die Journalisten bzw. Medien ihre Zuschauer/Leser hinweisen, wenn man die Twitter-Nutzung gezielt bewirbt. Twitter selbst versteckt seine Gatekeeper-Regeln lediglich „apokryph“ in den Hilfen für Entwickler. [1] Es ist eben nicht so, dass wirklich offene Redegleichheit herrscht. Premiumnutzer kaufen z.B. einfach Trends. So sollte die ideale politische Öffentlichkeit im Web 2.0 nicht aussehen. Besonders fragwürdig erscheint dann, dass vor allem die öffentlich-rechtlichen TV-Anstalten Twitter „pushen“, anstatt kritisch nach den Folgen zu fragen, wenn die digitale Öffentlichkeit z.B. am Wahltag „gekauft“ werden kann. So wird der Zuschauer z.B. nicht auf das „Filtern“ durch Twitter auf den entsprechenden Seiten der ARD hingewiesen. Ist Twitter wirklich der Heilsbringer, oder nur die Illusion, die insbesondere Medien selbst geschaffen haben, um modern zu wirken? Meinungsfreiheit bzw. die Chance, dass andere die eigene Meinung auf Twitter überhaupt finden, ist nicht garantiert. Die Etablierung einer digitalen res publica kann empirisch anhand der Fallbeispiele in Frage gestellt werden.


Autoren

Dr. Mathias König
Dr. Wolfgang König
Dr. Mathias König und Dr. Wolfgang König beschäftigen sich in ihrer Forschung u.a. mit Bürgerbeteiligung und Medienrezeption. Sie sind wissenschaftliche Mitarbeiter am Institut für Kommunikationspsychologie und Medienpädagogik (angewandte Kommunikationspsychologie) sowie am Institut für Sozialwissenschaften (Politikwissenschaft) der Universität Koblenz-Landau.



[1] „Twitter search intends to bring you closer to content most relevant to you. Our results are refined to combat spam and increase relevance to provide the best possible search experience “ (https://support.twitter.com/entries/66018)


Sonntag, 8. Februar 2015

Wahlplakate from Hell: Edition Bürgerschaftswahl

Nachdem ich bereits im letzten Europa- und Bezirksversammlungswahlkampf die schönsten "Wahlplakate from Hell" präsentiert habe, habe ich auch zur Hamburger Bürgerschaftswahl wieder einige schöne Motive drüben bei Twitter zusammengetragen.

Hier nun alle auf einen Blick:

Olaf Ohlsen, CDU

Neue Liberale

Carl Cevin-Key Coste, FDP

Arne Platzbecker, SPD
   
Henri Schmidt, CDU

Carola Veit, SPD

Dennis Gladiator, CDU

Dr. Christel Oldenburg, SPD

Piratenpartei

Jennyfer Dutschke, FDP

Hamborg raus aus Altona!

Maximilian Bierbaum, Bündnis 90/Die Grünen

Sigrun Mast, Neue Liberale
 
Brigitta Martens, CDU
Zu diesem Plakat gibts sogar noch ein exklusives sehenswertes Making of-Video, voila.

Olaf Scholz (SPD) looking at Katja Suding (FDP)

Steven van Bargen, SPD

Anna von Treuenfels, FDP

Thomas Domres, SPD

Dietrich Wersich, CDU

Ein von Sven-Olaf Peeck (@sopeeck) gepostetes Foto am
 
Dietrich Wersich, CDU
 
Annkathrin Kammeyer, SPD

Karina Weber, AfD
 
Prof. Bernd Lucke, AfD

Joachim Lau, Einzelkandiat
 
Die Liste, Die PARTEI

Arthur Kaiser, Piratenpartei

Lieferheld.de
Alle weiteren Motive der Lieferheld-Kampagne gibts auf der Seite wahl-held.de.


Drüben bei Urbanshit werden zudem die schönsten Adbustings gesammelt, extra3 hat sich beim Remix um die Plakate von Olaf Scholz verdient gemacht und das designtagebuch.de hat sich die Plakate der großen Hamburger Parteien mal wieder unter grafischen Gesichtspunkten näher angeschaut.

Für DER SPIEGEL und Hamburg1 habe ich zudem mal die Plakate zum Bürgerschaftswahl analysiert und bewertet.

Habe ich denn ein Motiv vergessen?
Dann her damit, aber schnell ;)

Mittwoch, 4. Februar 2015

Social Media im Bürgerschaftswahlkampf: Wie nutzen die Kandidaten Facebook?

Dies ist ein Gastbeitrag von Dr. Jan-Hinrik Schmidt und Christoph J. Beyer vom Hans-Bredow-Institut Hamburg. Er ist der zweite Teil einer Reihe von Analysen und Ergebnissen eines Forschungsprojektes zur Hamburger Bürgerschaftswahl 2015 in Zusammenarbeit mit Prof. Thorsten Faas (Universität Mainz), dem Portal PolitikTweetsHH sowie dem Hamburger Wahlbeobachter. 
 
Logo des Hans-Bredow-Institutes
Vor einer Woche haben wir Ergebnisse einer ersten Bestandsaufnahme der Social-Media-Aktivitäten von Kandidierenden zur Hamburgischen Bürgerschaft vorgestellt und uns dabei auf Twitter konzentriert. In diesem Beitrag fassen wir nun analog Daten mit Bezug auf Facebook knapp zusammen. Erneut gilt: Diese Befunde sollten und dürfen nicht überinterpretiert werden. Sie stellen eine Momentaufnahme dar, und es ist nicht davon auszugehen, dass eine Facebook-Präsenz (oder ihr Fehlen) für sich genommen dazu führt, dass sich die Wahlchancen einer Person verbessern. Wir wollen auch kein Ranking aufstellen, nach dem Motto „Partei xy hat die meisten Profile und ist Social-Media-Champion“. Vielmehr sehen wir diese Bestandsaufnahme als ersten Schritt an, um die im Wahlkampf eingesetzten Medienrepertoires zu beschreiben und davon ausgehend zu untersuchen, welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen einzelnen Kandidierendengruppen bestehen.

Kreisdiagramm
Infografik Nutzung von Privatprofilen und Fanseiten im Wahlkampf
Zur Erhebung der Facebook-Präsenzen wurde auf die Daten der Social-Media-Analyse-Plattform Pluragraph.de zurückgegriffen, die mit weiteren Recherchen (zum jetzigen Zeitpunkt aber erst stichprobenartig) ergänzt und gegebenfalls korrigiert wurden. Nicht überprüft wurde, ob der Facebook-Auftritt auch tatsächlich für Wahlkampfzwecke eingesetzt wurde. Zum Stand 29. Januar ergab sich folgendes Bild: Facebook ist unter den Kandidierenden – wie auch in der gesamten deutschen Onlinerschaft - deutlich weiter verbreitet als Twitter:

- 486 Kandidierende (54,8 %) haben ein persönliches Profil auf der Netzwerkplattform und
- 109 Personen (12,3 %) bieten eine Fanpage an.

Diese Gruppen überschneiden sich allerdings: 94 Personen (10,6 % aller Kandidierenden) haben beides, und nur 15 (1,7 %) beschränken sich auf eine Fanpage. In den folgenden Abbildungen werden jeweils drei Gruppen ausgewiesen:

- (1) Personen ohne Profil oder Fanpage (43,5 %, rot)
- (2) Personen, die nur ein Profil haben (44,2 %, blau) 
- (3) Personen, die eine Fanpage pflegen, was in den meisten Fällen beinhaltet, dass sie auch ein persönliches Profil besitzen (12,3 %, grün).

Balkendiagramm
Facebooknutzung zur Bürgerschaftswahl nach Alter & Geschlecht
Wie bereits bei der Analyse der Twitter-Profile zeigt sich, dass es auch in Hinblick auf die Facebook-Präsenz zwischen Männern und Frauen keine signifikanten Unterschiede gibt; in beiden Gruppen finden sich ähnliche Anteile. Aber erneut springt ein ausgeprägter Alterseffekt ins Auge: Je jünger die Kandidat/innen, desto weiter verbreitet ist die Facebook-Nutzung. Von den unter-50-Jährigen ist nur knapp ein Drittel (32,4 %) nicht auf Facebook, während bei den Personen über 50 Jahren die Nicht-Nutzer mit 57 Prozent in der Mehrheit sind.

Balkendiagramm
Facebooknutzung zur Bürgerschaftswahl nach Partei
Überdurchschnittlich viele Kandidierende mit Facebookauftritten finden sich bei der SPD, Bündnis 90/Die Grünen sowie bei den Neuen Liberalen, wo jeweils um die 70 Prozent auf der Netzwerkplattform aktiv sind. Die Kandidat/innen der SPD haben mit knapp 29 Prozent zudem den deutlich größten Anteil von Fanpages.
Bei CDU, FDP, Piratenpartei und der PARTEI sind jeweils etwa die Hälfte der Kandidierenden auf Facebook aktiv. Bei der LINKE und der AfD hingegen liegt der Anteil darunter bei etwa 40 Prozent.

 Unterscheidet man die Personen, die für einen der „großen“ Wahlvorschläge (20 Kandidierende und mehr) antreten danach, auf welcher Liste sie antreten, ergeben sich weitere Unterschiede. Von denjenigen Kandidierenden, die nur auf einer der insgesamt 17 Wahlkreislisten antreten, haben etwa die Hälfte (51,4 %) keinen Facebook-Auftritt. Zudem gilt: Je höher der Listenplatz auf der Wahlkreisliste, desto größer die Wahrscheinlichkeit, diese Person auf Facebook zu finden (pearson’s r = ,148). Unter den Kandidierenden auf den Landeslisten sind hingegen nur um die 30 Prozent nicht bei Facebook aktiv. Hier gibt es keinen signifikanten Zusammenhang mit dem Listenplatz.

Balkendiagramm
Facebooknutzung zur Bürgerschaftswahl nach Wahlkreis
Auch der Blick auf die Verteilung in den einzelnen Wahlkreisen ist möglich: Der Anteil der Nicht-Nutzer von Facebook unter den Kandidierenden ist in Wandsbek und Fuhlsbüttel-Alsterdorf-Langenhorn am Kleinsten (34 bzw. 36 Prozent), in Rahlstedt sowie im Wahlkreis Alstertal-Walddörfer hingegen am größten (etwa 61 Prozent).

Zu guter Letzt lassen sich die Befunde zur Twitter- und Facebook-Nutzung kombinieren. Knapp 40 Prozent der Kandidierenden sind auf keiner der beiden Angebote vertreten. Ein weiteres Drittel nutzt Facebook, aber Twitter nicht, während nur knapp vier Prozent den Microblogging-Dienst, aber nicht die Netzwerkplattform nutzt. Das verbleibende knappe Viertel der Kandidierenden hat sowohl ein Twitter- als auch ein Facebook



Kreisdiagramm
Überschneidung Nutzung von Facebook und Twitter unter den Kandidierenden zur Bürgerschaftswahl



Autoren

Dr. Jan-Hinrik Schmidt
Dr. Jan-Hinrik Schmidt ist wissenschaftlicher Referent für digitale interaktive Medien und politische Kommunikation am Hans-Bredow-Institut für Medienforschung (Hamburg).








 

Christoph J. Beyer
Christoph J. Beyer studiert Soziologie (Master) an der Universität Hamburg und arbeitet als studentischer Mitarbeiter am Hans-Bredow-Institut für Medienforschung.














Samstag, 24. Januar 2015

Social Media im Bürgerschaftswahlkampf: Wie nutzen die Kandidaten Twitter?

Dies ist ein Gastbeitrag von Dr. Jan-Hinrik Schmidt und Christoph J. Beyer vom Hans-Bredow-Institut Hamburg. Er ist der Auftakt einer Reihe von Analysen und Ergebnissen eines Forschungsprojektes zur Hamburger Bürgerschaftswahl 2015 in Zusammenarbeit mit Prof. Thorsten Faas (Universität Mainz), dem Portal PolitikTweetsHH und dem Hamburger Wahlbeobachter. 
 
Logo des Hans-Bredow-Institutes
Wahlkämpfe bieten der Wissenschaft die Möglichkeit, Instrumente und Inhalte der politischen Kommunikation besonders fokussiert zu beobachten: In einem relativ kurzen Zeitraum buhlen Parteien und Kandidierende gleichzeitig um Aufmerksamkeit für ihre Themen und Ideen, und der Erfolg lässt sich anschließend auch mit einem sehr simplen Indikator beurteilen, nämlich dem Stimmenanteil bzw. der Wahl in das Parlament (oder eben nicht). Den derzeit laufenden Wahlkampf zur Hamburgischen Bürgerschaft begleitet ein Forscherteam vom Hans-Bredow-Institut für Medienforschung in Hamburg gemeinsam mit Prof. Thorsten Faas von der Universität Mainz - in Zusammenarbeit mit PolitikTweetsHH und diesem Blog. Ziel der Wissenschaftler ist insbesondere, den Stellenwert von sozialen Medien im Kommunikationsrepertoire der Kandidat/innen zu ermitteln. Dabei werden in den anstehenden Wochen – bis zur Wahl am 15. Februar, aber auch darüber hinaus – eine Reihe von Datenerhebungen und kleinen Teilstudien durchgeführt, über die in lockerer Folge auch hier berichtet werden soll.

Tortendiagramm
Zum Auftakt stellt dieser Text einige erste Befunde zur Verbreitung von Twitter vor: Grundlage ist die Liste aller Kandidierenden zur Hamburgischen Bürgerschaft, d.h. der 887 Personen, die sich auf insgesamt 19 Wahlvorschläge (auf der Landesliste und auf Wahlkreislisten) verteilen . Darunter sind 295 Frauen (33%) und 592 Männer (66,7%). Ihr Durchschnittsalter beträgt Anfang 2015 47,5 Jahre, wobei jeweils etwa ein Viertel (24,5%) bis 35 Jahre alt bzw. 58 Jahre und älter sind. Für diese Personen wurde von Dezember 2014 an bis zum 5. Januar 2015 geprüft, ob sie ein identifizierbares Twitter-Profil besitzen. Die Ergebnisse wurden zudem zwischen dem 5. und 12. Januar mit der Social-Media-Analyse-Plattform Pluragraph.de abgeglichen, um strittige Fälle zu klären, Accounts zu verifizieren und die Vollständigkeit zu prüfen.


Infografik
Twitternutzung nach Alter und Geschlecht
Auf diesem Weg konnte insgesamt 241 Kandidierenden ein Profil zugeordnet werden. Hinzu kommen 12 weitere (im folgenden nicht berücksichtigte) Profile, bei denen derzeit entweder nicht zweifelsfrei geklärt werden kann, ob sie tatsächlich zum/zur Kandidat/in gehören, oder die explizit nur für private oder geschäftliche, nicht aber für (wahlkampf-)politische Zwecke genutzt werden. Zudem haben wir in dieser ersten Bestandsaufnahme nicht überprüft, ob die betreffenden Personen den Account auch aktiv nutzen, also Tweets zur Bürgerschaftswahl absetzen.  Der Anteil von Kandidat/innen mit Twitter-Profil liegt somit bei 27,2 Prozent. Er liegt unter den Frauen (mit 24,4%) etwas niedriger als unter den Männern (28,5%), doch der Unterschied ist statistisch nicht signifikant. Anders der Zusammenhang mit dem Alter: Je jünger die Kandidat/innen, desto höher die Chance, einen Twitter-Account zu haben. 35 Prozent der unter-50-Jährigen, aber nur 16 Prozent der Älteren nutzen den Microblogging-Dienst.

Infografik
Twitternutzung nach Partei

Wie ist der Anteil der Twitterati bei den jeweiligen Parteien?  

Betrachtet man nur die neun Wahlvorschläge, die mindestens 20 Kandidat/innen enthalten, erkennt man teils deutliche Unterschiede: Bei den Piraten ist Twitter (erwartbar) deutlich stärker verbreitet; hier haben etwa drei Viertel der Kandidat/innen einen Account. Auch die neuen Liberalen, die PARTEI und die SPD liegen mehrere Prozentpunkte über dem Durchschnittswert; Bündnis 90/Die Grünen immerhin noch leicht darüber. Unter den Kandidat/innen von Die Linke, CDU und FDP betragen die Anteile hingegen nur jeweils etwa 20 Prozent, und bei der AfD nur etwa 12 Prozent.

Das Hamburgische Wahlrecht sieht eine Landesliste sowie Wahlkreislisten vor. Von den Personen, die für einen der „großen“ Wahlvorschläge antreten und nur auf einer der insgesamt 17 Wahlkreislisten kandidieren, nutzt etwa jede/r Fünfte (20,8%) Twitter, von den Kandidierenden auf den Landeslisten etwa jede/r Dritte (34,9%), und bei denjenigen Personen, die auf beiden Listen antreten, liegt der Twitter-Anteil bei 38,7 Prozent. Dabei gilt: Je höher der Listenplatz, desto größer die Chance, die betreffende Person auch auf Twitter zu finden. Der Zusammenhang ist bei den Kandidierenden auf Wahlkreislisten noch etwas stärker (pearson’s r = ,202) als bei den Landeslisten (pearson’s r = ,178), und in beiden Fällen statistisch signifikant.
Balkendiagramm
Twitternutzung nach Wahlkreis

Wo liegen die Twitter-Wahlkreise Hamburgs?


Abschließend noch ein Blick auf die Verteilung unter den Kandidierenden in den einzelnen Wahlkreisen: In Rotherbaum/Harvestehude/Eimsbüttel-Ost sowie Hamburg-Mitte liegt der Anteil der Kandidat/innen mit Twitterprofil auf den jeweiligen Wahlkreislisten deutlich über 40 Prozent, und in vier weiteren Wahlkreisen knapp an oder über der Marke von einem Drittel. Umgekehrt beträgt in sechs Wahlkreisen der Anteil unter den Kandidierenden weniger als 20 Prozent; in Harburg liegt er sogar nur bei 7,4 Prozent.

Diese Befunde geben einen ersten Einblick in die Social-Media-Aktivitäten des Hamburger Wahlkampfs. Sie sind zugleich als Momentaufnahme zu verstehen, da in den Wochen bis zum Wahltag weitere Kandidat/innen eigene Twitter-Profile anlegen. Diesen zeitlichen Aspekt werden wir in einer weiteren Analyse berücksichtigen, aber auch u.a. die Facebook-Nutzung, die kommunikativen Aktivitäten im Verlauf des Wahlkampfs sowie die „Twitterrepertoires“ der Kandidierenden näher untersuchen.


Anmerkung: Alle Twitter-Accounts der Kandidierenden gibts auch in einer praktischen und abonnierbaren Twitterliste. Mit einem Klick können sie in Echtzeit den Wahlkampf verfolgen, ohne allen Kandidierenden einzeln folgen zu müssen oder auf Twitter ein Profil anzulegen. 

Ach ja, das Hashtag zur Wahl lautet #hhwahl.


Autoren:
Dr. Jan-Hinrik Schmidt
Dr. Jan-Hinrik Schmidt ist wissenschaftlicher Referent für digitale interaktive Medien und politische Kommunikation am Hans-Bredow-Institut für Medienforschung (Hamburg).








 

Christoph J. Beyer
Christoph J. Beyer studiert Soziologie (Master) an der Universität Hamburg und arbeitet als studentischer Mitarbeiter am Hans-Bredow-Institut für Medienforschung.