Montag, 13. April 2015

Es gibt keine Shitstorms in der Politik

Ein Blog goes Papier. Im Magazin "politik & kommunikation" gibts meine Postings auch als Kolumne und auf Totholz. Seit dem Relaunch Anfang 2015 erscheint das Magazin in einer komplett runderneuerten Form. Der Schwerpunkt der ersten Ausgabe ist "Denken". Auch ich habe mir Gedanken gemacht und versuche die Angst vor Shitstorms zu nehmen.   

Hier das Cross-Posting dieser Kolumne. 

Manche Tweets und Kommentare verärgern, manche verletzten auch. Sehr. Es gibt auch Trolle im Netz,  deren Lebensinhalt nur darin besteht zu provozieren und aufzufallen. Und ja, manche Politiker – oder deren Unterstützer – inszenieren im Netz Kampagnen, die an Hetzjagden erinnern: Gezielt lassen sie Hass-Kommentar auf Hass-Kommentar folgen, Schmähkritik auf Schmähkritik. Doch trotz alledem bin ich der Meinung: Es gibt keine politischen Shitstorms! Und die Politik sollte deshalb keine Angst davor haben.

Cover "politik&kommunikation" Nr. 110
Allein der Begriff lässt jeden englischen Muttersprachler schmunzeln. Außerhalb von Deutschland kennt ihn niemand, Shitstorm wird dort allgemein für „unangenehme Situationen“ verwendet, die sich nicht auf die digitale Sphäre beschränken. In Deutschland hat der Begriff allerdings eine furiose Karriere hingelegt. Seit 2006 hat er sich vor allem durch die breite Medienberichterstattung in den Köpfen vieler Politiker eingenistet. Oft erlebe ich eine große Unsicherheit und Angst von politischen Akteuren bei der Nutzung von Social Media – Hauptgrund ist die Furcht vor einem Shitstorm. Könnte das meine Karriere beenden?, fragt sich manch einer.

Diese Angst lähmt nicht nur das Kommunikationsverhalten der Politik, es führt auch dazu, dass jede noch so berichtigte Kritik, die über digitale Kanäle geäußert wird, allzu schnell als „Shitstorm“ kategorisiert und – das ist das Fatale – damit ignoriert wird. Das ist der falsche Ansatz.

Meine Erfahrung hat mir gezeigt, dass nur ein geringer Teil von Kritik an Politikern oder ihren Positionen wirklich Schmähkritik ist. Vieles von dem, was geäußert wird, hat einen konstruktiven Kern.

So schaffen es wenige professionelle Provokateure (Trolle), mit ihren aggressiven und beleidigenden Statements eine politische Diskussion zum Beispiel auf Facebook abzuwürgen. Das ist sehr schade. Denn über jede Kritik sollte sich ein Politiker freuen. Bedeutet sie doch, dass sich Bürger mit seinen Positionen und mit seiner Arbeit auseinandersetzen. Das schlimmste wäre doch für unsere Demokratie, dass das politische Handeln teilnahmslos an der Bevölkerung vorbei geht. Daraus entsteht Demokratie- und Politikverdrossenheit. 
 
Symbolfoto: Analoger Hass
Der oft zitierte Hass, der sich im Netz schneller verbreitet, war schon immer da. Das Internet macht ihn lediglich transparent. Das kann man gut oder schlecht finden, aber immerhin bekommen Politiker so einen Eindruck, wie Teile des Volkes über ihre Arbeit und das Ansehen von Politik und Demokratie denken. Nicht zuletzt, die durch das Netz mobilisierte PEGIDA-Bewegung zeigte, dass ein Teil der Bevölkerung das Vertrauen in Politik verloren hat. Auch wenn die Argumente und Sprüche auf Deutschlands Straßen und im Netz noch so krude und wirr waren, es macht deutlich dass man sich damit auseinandersetzen muss. Mehr noch: In Zukunft muss die Politik noch viel stärker die Gedanken und Gefühle der Bürger wahrnehmen – und auf diese eingehen. Ansonsten verliert die Demokratie ihre Basis: die Wähler. Unter anderem ein gutes digitales Monitoring könnte helfen.

Harte politische Arbeit bei Dr. Matthias Bartke (SPD), MdB
Politik ist immer auch politische Kommunikation. Und Kommunikation im Jahr 2015 bedeutet nicht, dass man in eine Einbahnstraße ruft und hofft, dass alle die Idee gut finden. Politiker sollten sich stärker auf den Dialog fokussieren. Politiker sollten ihre harten politischen Alltag präsentieren, sie sollten zeigen, wie kräftezehrend es ist, einen Kompromiss zu finden, sie sollten das politische System erklären – und all das sollten sie genauso wichtig nehmen wie ihre Arbeit in Ausschüssen, ihre Treffen mit Interessenvertretern, das Studieren von Positionspapieren.

Jeder Dialog baut die Angst vor dem „Shitstorm“ etwas mehr ab. Wenn Sie es schaffen eine digitale Community an sich zu binden, dann wird diese Sie auch in kritischen Situationen verteidigen. Das müssen sie dann gar nicht mehr selber tun.

Zudem empfehle ich ein gewisses Maß an Souveränität um Umgang mit Kritikern: Nach einiger Zeit kennt man die „üblichen Verdächtigen“, weiß, wer pöbeln möchte und wer eine politische Kampagne im Hintergrund hat. Man muss lernen, diese Kritik zu ignorieren. Dabei hilft eine klar formulierte Netiquette, die transparent auf den Social-Media-Profilen präsentiert werden muss. Jeder, der dagegen verstößt, wird kommentar- und diskussionslos gelöscht. Nur so kann jeder Politiker individuell die politische Diskussionskultur auf seinen Profilen steuern.

Screenshot
Netiquette der Bundesregierung auf Facebook
Ich wünschte mir beispielsweise auch, dass sich alle demokratischen Parteien in Deutschland zusammenschließen und eine Erklärung zur politischen Diskussionskultur formulieren. Sie sollten darin klar aufzeigen, wo die Grenzen von Kritik liegen. Bisher sehe ich weder in der Politik – noch in den Medien, die vor den gleichen Problemen stehen - eine gesamtgesellschaftliche Bereitschaft für solch einen Schritt.

Dabei müssen Kritiker lernen, dass sie ihre Kommentare vor dem Veröffentlichen mitunter überdenken sollten und dass nicht jede verletzende Aussage die politische Diskussion voranbringt. Diesen Lernprozess durchleben die Medien, die Politik aber auch andere Teile der Gesellschaft gerade.  
Zudem wünschte ich mir mehr Souveränität im Umgang mit Trollen. Man kann Kommentare löschen – ihnen aber auch mit leichter Ironie begegnen. Die CDU versucht gerade, die guten Erfahrungen von WELT, Tagesschau und anderen Medien zu nutzen und stärker mit diesem Stilmittel zu arbeiten. Nachahmenswert,  finde ich.
 
Nicht zu vergessen: Für jede verletzende Schmähkritik gibt es Gesetze in Deutschland. Diese sollten  von den Betroffenen öfter genutzt werden.

Und zu guter Letzt ein smarter Hinweis von Regierungs-Twitterer Steffen Seibert. Bereits 2012 erklärte er, wie er mit allzu grenzwertiger Kritik im Netz umgeht: Twitter aus, Rechner aus und am nächsten Tag beginnt das Leben wieder bei 0. Aber, meine Hoffnung: In wenigen Jahren werden wir über Shitstorms ohnehin nicht mehr reden.   

Haben Sie keine Angst vor den Gedanken ihrer Bürger, wagen sie sich auch weiterhin in Dialoge. Es zahlt sich aus.   

Ergänzung eins
Und wenn man doch mal in einen seltenen Shitstorm gerät, gibt es Wege diesen zu begegnen. Christiane Germann hatte vor einigen Wochen in diesem Blog beschrieben, wie das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) mit einem Shitstorm souverän und erfolgreich umgegangen ist.

Ergänzung zwei
Danke an Christian Salzborn, der mich richtigerweise darauf hingewiesen hat, dass ich definitorisch nicht ganz sauber formuliert habe. Es gibt einen Unterschied zwischen Shitstorms und Flamwars

Tipp:
Unter dem Titel "Erregungskampagnen in Politik und Wirtschaft - Digitale Öffentlichkeit zwischen Candy- und Shitstorms"(.pdf)  haben Prof. Caja Thimm (Universität Bonn) und Prof. Christoph Bieber (Universität Duisburg-Essen) für die Bonner Akademie für Forschung und Lehre praktischer Politik (BAPP) vor kurzem eine Studie vorgelegt, die sich auch mit Shitstorms in der Politik beschäftigt und u.a. der Frage nachgeht wie man darauf reagieren sollte und welche Konsequenzen Shitstorms für die politischen Akteure haben.

Dienstag, 7. April 2015

Die eigene (Partei-)Community – notwendig oder überholt?

Dies ist ein Gastbeitrag von Dr. Stefan Hennewig. Er ist Leiter des Bereiches Zentrale Aufgaben und Service bei der CDU Deutschlands.  In dieser Funktion ist er unter anderem verantwortlich für das Personal im Konrad-Adenauer-Haus und die teAM-Aktivitäten in den vergangenen Wahlkämpfen. 

Disclaimer: Vor einigen Wochen wollte der Autor dieses Blogs, Martin Fuchs Mitglied in einer geschlossenen CDU Facebook-Gruppe werden. Dieser Beitrittswunsch wurde abgelehnt, da die Gruppe ausschließlich für Wahlkämpfer vorgesehen ist und nicht für Wahlkampfberichterstatter. Gerne komme ich aber seinem Vorschlag nach, diesen Ansatz hier ein wenig zu erläutern.

Rote Schrift auf weißem Grund
Logo CDU Deutschlands
„Brauchen politische Kampagnen oder Parteien eine eigene Community? Oder reicht es nicht aus, einfach auf Facebook zu sein?“ Um ehrlich zu sein: Die Frage beschäftigt uns schon lange. 

Unmittelbar nach der ersten Obama-Kampagne 2008 waren alle dazu einzuholenden Stimmen noch recht eindeutig. Selbstverständlich brauche man eine eigene Plattform zur Organisation einer politischen Kampagne. Eine eigene Community sei zwingend erforderlich. Allein schon wegen der Organisation in Wahlkreisgrenzen und  wegen der vielen weiteren besonderen und vermeintlich einmaligen Funktionalitäten. Und eine eigene Community sei ja auch so etwas wie ein digitales Zuhause für die Anhänger. Im Zweifelsfalle würden sich nur hier die „Firefighters for Obama“ und die „Biker für Steinmeier“ aus der Deckung trauen. Vom Datenschutz mal ganz zu schweigen. 

Screenshot roteblogs.de (2005)
Bis dahin waren die Aktivierung und Koordinierung der Wahlkämpferinnen und Wahlkämpfer in Deutschland durchaus vielschichtig. Die wenigen – aber vorhandenen – Online-Volunteers im Bundestagswahlkampf 2002 wurden mangels sonstiger Alternativen noch über eine einfache E-Mailliste und Foren im Intranet organisiert. In 2005 kamen dann Blogs und Blogrolls hinzu (bei den Kollegen von der SPD) und eine Wahlkampfsimulations-Community bei der CDU. Anmeldungen zum damaligen teAM Zukunft wurden als Vorgänge im CDU-eigenen Citizen-Relationship-Management (CRM) erfasst und die Freiwilligen entsprechend selbst gewählter Interessen und Merkmale auf verschiedene Aktionsmöglichkeiten hingewiesen.

Aber in 2009 kam es dann zu einer vergleichsweise homogenen Struktur und alle Parteien in Deutschland haben recht aufwändige digitale Community-Angebote für die Organisation ihrer Wahlkämpfer vorbereitet und angeboten. Was das teAM-Deutschland-Netzwerk bei der CDU war, fand seine Entsprechung im Wurzelwerk der Grünen und dem SPD-net bei den Sozialdemokraten.
Screenshot team.cdu.de (2013)

Im Wahlkampf 2013 war die Entwicklung dann wieder etwas unterschiedlich. Während die SPD ihr Angebot noch deutlich ausgeweitet und differenziert hat, hat die CDU auf das bewährte teAM-Netzwerk zurückgegriffen. Die technische Plattform haben wir zwar von Joomla auf Drupal umgestellt und auch die Optik angepasst, an den Funktionalitäten aber nur wenig verändert. Ein guter Artikel zu den unterschiedlichen Ansätzen findet sich bei Politikwissenschaftler Dr. Andreas Jungherr (Text noch im Review.)

Wenn wir im teAM-Netzwerk Veränderungen vorgenommen haben, dann waren es eher bewusste Einschränkungen der Funktionalität innerhalb der Community. So haben wir zum Beispiel die Funktion, eigene Unterstützerkreise aufzubauen, beseitigt. Hintergrund dieser Überlegungen  war, dass Unterstützerkreise und vergleichbare Möglichkeiten in der Regel nur eine geringe Außenwirkung entfaltet haben. Eine Selbstbeschäftigung untereinander sollte vermieden werden. Deshalb unser Ansatz: Die Firefighter und Biker dieser Welt sollten künftig bitte all ihren Mut zusammen nehmen und ihre Unterstützung öffentlich auf Facebook, Instagram und – noch besser – im persönlichen Umfeld auf WhatsApp kund tun

Screenshot Interne DIWAK-Facebookgruppe der CDU
Und heute? Heute nutzen wir seitens der CDU eine stetig wachsende Gruppe auf Facebook. Die Gruppe wurde vom Konrad-Adenauer-Haus eingerichtet und steht allen offen, die für die CDU Wahlkampf betreiben möchten. Ganz gleich, ob das die Bürgermeister-Kampagne vor Ort ist, die nächste Landtagswahl oder die regionale Halbzeitkampagne in der laufenden Legislaturperiode. Die Vorteile liegen klar auf der Hand: Nahezu alle online aktiven Mitglieder unserer Partei sind auf Facebook erreichbar. Und wir sind für das Leben auf dieser Plattform nicht allein verantwortlich. Im Newsfeed ist immer etwas los ... und regelmäßig ist auch meine Partei dabei. Nicht nur mit den Postings der öffentlichen Angela Merkel- oder CDU-Seite, sondern auch mit ein paar Hintergrundinfos und Aktionsaufrufen aus der geschlossenen Gruppe für Wahlkämpfer. Auch zwischen den Kampagnen kann auf das hier versammelte Wissen zurückgegriffen werden. So wurde zum Beispiel dieser Text mit der Bitte um Feedback vorab in der Gruppe gepostet.  


Screenshot Interne DIWAK-Facebookgruppe der CDU:



Für die Mitglieder ergibt sich außerdem ein direkter Draht ins Konrad-Adenauer-Haus und zu den anderen hauptamtlichen Strukturen der Partei. Durch eine offene Handhabung der Redaktionsrechte können auch wahlkämpfende Landesverbände schnell und unkompliziert auf Helfer zugehen und zum Mitmachen einladen. Eine vergleichbare Dichte an Aktivität gibt es in den eigenen Netzwerken der Parteien in Deutschland nicht. Vielleicht ist das aber auch gar nicht erforderlich. Denn abgesehen von den wenigen hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ist Politik und politische Kampagnenarbeit in Deutschland ein Ehrenamt. Dann erscheint es aber auch gerade richtig, wenn Organisationsformen für Wahlkampf dies berücksichtigen und – wie es sich für ein Ehrenamt gehört – neben dem sonstigen Leben, das sich digital eben auf Facebook, Instagram, WhatsApp und Co. abspielt, angeboten werden.

Vorläufiges Fazit


Nichts ist entschieden. Ob Facebook das Tool für die interne Koordinierung des Wahlkampfes 2017 sein wird ist unsicher. Wir haben 2009 erlebt, wie sich die Bedeutung der verschiedenen sozialen Netzwerke allein zwischen der Europawahl im Frühling und der Bundestagswahl im Herbst spürbar verschoben hat. Und auch wenn sich die Plattformentwicklung seitdem deutlich konsolidiert hat, ist eine ernsthafte Prognose für 2017 zum jetzigen Zeitpunkt reine Kaffeesatzleserei. Aber es könnte gut sein, dass die Zeit der großen, technisch eigenständigen Kampagnen-Communities bereits Geschichte ist.
An Alternativen wird bereits gearbeitet. 



Autor:


Dr. Stefan Hennewig
Dr. Stefan Hennewig ist Leiter des Bereiches Zentrale Aufgaben und Service bei der CDU Deutschlands. Er ist unter anderem verantwortlich für das Personal im Konrad-Adenauer-Haus und die teAM-Aktivitäten in den vergangenen Wahlkämpfen. 








Freitag, 27. März 2015

Best Practice zu Facebook-Anzeigen: Wie die Schweizer Grünen ihre Fans verdoppelten

Dies ist ein Gastbeitrag von Johannes Hillje. Er leitete den Europawahlkampf der Europäischen Grünen Partei im Jahr 2014 und berät die Grüne Partei der Schweiz im aktuellen Wahlkampf.

Logo Grüne Partei in der Schweiz
Wenn die Anzahl der „Likes” einer Facebook-Seite in wenigen Tagen sprunghaft ansteigt, kommt schnell der Verdacht auf, die neuen Fans seien gekauft. Anbieter gibt es dafür schließlich genug. Verkauft werden „echte” Facebook-Nutzer, die aber meist wiederum selbst einen kleinen Cent-Betrag dafür bekommen, dass sie eine Seite „liken”. Rechtlich sind solche Geschäfte umstritten, moralisch sind sie völlig inakzeptabel. Insbesondere in der politischen Kommunikation einer Demokratie, die auf dem Repräsentationsprinzip beruht, in der politische Ressourcen nach Wählerstimmen, Mitgliederzahlen oder Mitgliederabstimmungen vergeben werden, ist der Kauf von Online-Unterstützern faktisch Betrug. Gesellschaftlich kann es richtig problematisch werden, wenn Medien die „Like”-Zahlen dann auch noch als Ersatz-Demoskopie heranziehen – wie etwa in der Anfangszeit der Pegida-Bewegung.
 
Quelle: Pluragraph.de
Wachstumskurve Facebook Grüne Schweiz (Pluragraph.de)
Auf legitime Weise lassen sich Facebook-Fans durch den Multiplizierungseffekt erfolgreicher Inhalte oder noch sprunghafter durch gelungene Anzeigekampagnen gewinnen. Um Anzeigen bei Facebook zu schalten, braucht man ein Budget. Die Anzeigen können damit einer selbst definierten Zielgruppe von Facebook-Nutzern angezeigt werden. Je mehr der anvisierten Facebook-Nutzer auf „Like“ klicken, also Fan der Seite werden, desto niedriger sind die „Kosten pro Like“ - das Maß für den Erfolg der Kampagne. Meiner Erfahrung mit politischen Anzeigenkampagne für den deutschen Facebook-Markt nach zu urteilen, kann man mit gut konzipierten Anzeigen bei einem Tagesbudget ab 2 Euro pro Anzeige, eine Kostenrate von unter 20 Cent pro Like erreichen. Zuletzt habe ich die Grüne Partei in der Schweiz bei einer Facebook-Anzeigenkampagne beraten, die innerhalb von drei Wochen ein Wachstum des Facebook-Publikums von 112% generierte. An dieser möchte ich beispielhaft erläutern, wie man eine solche Kampagne aufziehen kann.

Enge Zielgruppen definieren


Grüne Partei der Schweiz
Kampagnenmotiv gegen Massentierhaltung
Parteien und Politiker kennen demographische Merkmale ihrer Wähler wie Geschlecht, Wohnort, Bildungsstand, politische Einstellungen in der Regel sehr genau. Diese Daten sind für die Konzeption der Anzeigekampagne zentral. Bei der Bestimmung der Zielgruppe für die Kampagne der Schweizer Grünen, haben wir die Merkmale der bestehenden Fan-Basis mit denen des durchschnittlichen Grünwählers verglichen. Es zeigte sich zum Beispiel, dass Frauen bei den Facebook-Fans nur knapp 30% ausmachten, obwohl sie über 50% der Grünwähler stellen. Ein weiteres Potenzial ergab sich bei der Analyse der Sprachgruppen: Während die Grünen im französischsprachigen Landesteil stärkere Wahlergebnisse als im deutschsprachigen Raum erzielen, waren frankophone Schweizer im Facebook-Publikum unterrepräsentiert. Wichtig für die Zielgruppendefinition sind auch die „Interessen“, die ein Nutzer auf Facebook über sich preisgibt - z.B. durch das „Liken“ anderer Facebook-Seiten. Als „Interessen” unserer Zielgruppe wurden zum Beispiel politisch nahstehende zivilgesellschaftliche Organisationen wie Greenpeace, WWF oder der Verkehrsclub ausgewählt, aber auch Kampagnenseiten zu den häufig stattfindenden Volksabstimmungen (z.B. Nein zu Ecopop). Außerdem sollte man auch unbedingt die „Lookalike”-Zielgruppenfunktion von Facebook nutzen. Darunter fallen Facebook-Nutzer, deren Profile sehr ähnlich zu jenen sind, die bereits die Seite „liken”.

Klare Kante bei den Botschaften


Ob man nun Fans von Greenpeace oder Transparency International in die Zielgruppe mit aufnimmt, hängt letztlich vom Thema der Anzeige ab. Die Erfahrung zeigt, dass Anzeigen zu einem konkreten Thema mit einer klaren Aussage deutlich besser funktionieren, als allgemeine Botschaften à la „Wir bringen das Land voran“. In die erste Anzeigenwelle der Grünen nahmen wir klassische grüne Themen wie Tierschutz und Anti-Atomkraft; Themen, die mit auf Facebook gut organisierten Zielgruppen korrespondieren (z.B. Rechte für Schwulen und Lesben) und aktuelle „Aufregerthemen“ wie TTIP und Migration auf. Abbildung 2 zeigt ein Beispiel für eine vollständige Anzeigenkonfiguration.

Screenshot Facebook-Werbeanzeigen-Manager
Abbildung 2: Beispiel einer Anzeigenkonfiguration





Unermüdliches testen


Grüne Partei der Schweiz
Kampagnenmotiv Rechte für Schwule und Lesben
Wenn die Kampagne mit den ersten Anzeigen gelauncht wurde, beginnt ein umfangreiches „Targeting“-Experiment. Die Leistung der Anzeigen (d.h. wie viele „Likes“ eine Anzeige generiert), muss täglich beobachtet werden. Zielgruppen müssen modifiziert werden. Anzeigegrafiken ausgetauscht, Themen geändert und Botschaften müssen umformuliert werden. Dazu muss man kein Voll-Geek sein, aber mindestens Leidenschaft für die Datenanalyse mitbringen. Ziel dieser zeitaufwendigen Anfangsphase ist es, rauszufinden, wie eine Anzeige konfiguriert sein muss (Zielgruppe, Grafik, Text, Einblendung auf Computer und/oder Mobilgerät, Einblendung in Timeline und/oder rechter Spalte), damit ein Maximum von Facebook-Nutzern dazu bewegt wird, die eigene Seite zu „liken“. In der ersten Hälfte der Schweizer Kampagne (10 Tage) wurden insgesamt 30 Anzeigenkonfigurationen getestet, um dann in der zweite Phase das Budget auf die leistungsstärksten Anzeigen zu konzentrieren.

Interessant sind am Ende die Lehren, die man aus den Ergebnissen der Kampagne für die zukünftige Öffentlichkeits- und Kampagnenarbeit (nicht nur online, sondern auch offline) ziehen kann. Einige wichtige Erkenntnisse der Kampagne der Schweizer Grünen sind:


  • Tierschutz war mit Abstand das erfolgreichste Thema, gefolgt von Homosexuellen-Rechtenund Anti-Atomkraft
  • Unterschiede bei der Themenrelevanz ergaben sich allerdings zwischen den beiden Sprachgruppen - deutsch und französisch
  • Motive mit emotionalen Bildern (süße Tierbilder und bedrohliche Atomkraftwerke) waren erfolgreicher als weniger emotionale Bilder. Die erfolgreichsten Zielgruppen schlossen 
  • Facebook-Nutzer ein, die auf Facebook mit zivilgesellschaftlichen Organisationen aus einem ähnlichen politischen Milieu verbunden sind


Die NZZ hatte bereits letzte Woche nach Hinweis dieses Blogs über die erfolgreiche Facebook-Kampagne berichtet


Autor: 

Portraitfoto
Johannes Hillje (Foto: privat)
Johannes Hillje arbeitet als Politikberater in Berlin und Brüssel. 2014 leitete er den Europawahlkampf der Europäischen Grünen Partei. Davor arbeitete er für das UN-Entwicklungsprogramm (UNDP) in New York im Bereich "Global Campaigning/ Communications". Hillje studierte "Politics & Communication" an der London School of Economics (LSE) und Politikwissenschaft und Publizistik an der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz. 
Twitter: @JHillje


Mittwoch, 18. März 2015

Landespolitiker bei Twitter - Das erste Mal

Im April 2014 wurde Twitter acht Jahre alt. Zum Geburtstag gabs ein neues Tool: #FirstTweet. Damit lassen sich die ersten Tweets von jedem Twitteraccount anzeigen. Von einigen bekannten Bundespolitikern hatte ich damals deren erste 140 Zeichen ans Tageslicht befördert, nun ist Zeit für die Landesebene. 

In den 16 deutschen Landtagen twittern aktuell 686 689 Landtagsabgeordnete. Dies entspricht rund 37 Prozent aller 1857 Abgeordneten in der Landesparlamenten  Die relativ meisten twitternden Landespolitiker gibt es aktuell im Abgeordnetenhaus Berlin (49 Prozent),  im Landtag Rheinland-Pfalz (47 Prozent) und in der Hamburgischen Bürgerschaft (46 Prozent).

Die ausgewählte 140 Zeichen-Prosa der Landespolitiker:

Die Philosophen

 

Jürgen Weber (SPD), MdL Schleswig-Holstein
Silke Gebel (Bündnis 90/Die Grünen), MdA Berlin
Tarek Al-Wazir (Bündnis 90/Die Grünen), MdL Hessen
Torsten Sommer (Piratenpartei), MdL Nordrhein-Westfalen



Der Weddingplanner 

Markus Söder (CSU), MdL Bayern 

 

Die Kaffeetrinker


Björn Eggert (SPD), MdA Berlin
Kai Dolgner (SPD), MdL Schleswig-Holstein

 

Der Niedliche 

Dirk Adams (Bündnis 90/Die Grünen), MdL Thüringen


 

Der kb-Fetischist 

Daniel Lede Abal (Bündnis 90/Die Grünen), MdL Baden-Württemberg

 

Die Revoluzzer

Andrea Ypsilanti (SPD), MdL Hessen
Sebastian Striegel (Bündnis 90/Die Grünen), MdL Sachsen-Anhalt

Die Arbeitende

Anja Müller (Die LINKE), MdL Thüringen 


 

Der Gottesfürchtige

Alexander König (CSU), MdL Bayern


 

Der in die Hölle ging

Oliver Höfinghoff (parteilos), MdA Berlin

 

Der Paranoide

Sepp Dürr (Bündnis 90/Die Grünen), MdL Bayern

 

Der Zwitter

Sebastian Lechner (CDU), MdL Niedersachsen


 

Der Zeitungsleser 

Manfred Krick (SPD), MdL Nordrhein-Westfalen

 

Der Wolfgang Thierse-Fanboy

Lars Oberg (SPD), MdA Berlin

 

Der Wartende  

Tobias von Pein (SPD), MdL Schleswig-Holstein

 

Die Selbstreferentielle 

Margitta Mächtig (Die Linke), MdL Brandenburg

 

Die Osterhäsin

Regina van Dinther (CDU), MdL Nordrhein-Westfalen

 

Der Native-Speaker 

Swen Knöchel (Die Linke), MdL Sachsen-Anhalt

 

Der Walsänger 

Manfred Scherer (CDU), MdL Thüringen 

 

Die Wasserballerin

Melanie Huml (CSU), MdL Bayern

 

Der Multitasker

Daniel Schwerd (Piratenpartei), Landtag Nordrhein-Westfalen

 

Der Bahnfahrer 

Alexander Schweitzer (SPD), MdL Rheinland-Pfalz

 

Die BAMS-Leserin 

Andrea Lindlohr (Bündnis 90/Die Grünen), MdL Baden-Württemberg

 

Die Ethnologin 

Jasmin Maurer (Piratenpartei), MdL Saarland

 

Die Schreibtischtäterin

Johanne Modder (SPD), MdL Niedersachsen

 

Der Selbstkritische

Rasmus Andresen (Bündnis 90/Die Grünen), MdL Schleswig-Holstein
 

Der IT-Nerd

Hans-Ulrich Rülke (FDP), MdL Baden-Württemberg 

 

Die Suchtberaterin 

Julia Willie Hamburg (Bündnis 90/Die Grünen), MdL Niedersachsen

 

Die Partypolitikerin

Verena Schäffer (Bündnis 90/Die Grünen), MdL Nordrhein-Westfalen

 

Die Twitter-Mutter 

Ulla Brede-Hoffmann (SPD), MdL Rheinland-Pfalz 

 

Der Minigolfer

Klaus Möhle (SPD), MdBB Bremen 

 

Der Pieper

Till Steffen (Bündnis 90/Die Grünen), MdHB Hamburg

Die Namensvetterin 

Marianne Burkert-Eulitz (Bündnis 90/Die Grünen), MdA Berlin

 

Die Fragende

Katrin Schmidberger (Bündnis 90/Die Grünen), MdA Berlin

 

Die Tester 

Uwe Conradt (CDU), MdL Saarland

Kai Schmalenbach (Piratenpartei), MdL Nordrhein-Westfalen
Christine Kamm (Bündnis 90/Die Grünen), MdL Bayern

Ruken Aytas (SPD), MdBB Bremen


Der Lehrerfreund 

Rene Schneider (SPD), MdL Nordrhein-Westfalen

Die Facebooker 

Michael Schäfer (Bündnis 90/Die Grünen), MdA Berlin


Maximilian Schmidt (SPD), MdL Niedersachsen

Kerstin Schreyer-Stäblein (CSU), MdL Bayern
Kazim Abaci (SPD), MdHB Hamburg

Der StudiVZler

Uli König (Piratenpartei), MdL Schleswig-Holstein