Freitag, 13. November 2020

Wer hasst wen? – Hate Speech auf den Facebook-Seiten politischer Parteien

Dies ist ein Gastbeitrag von Bastian Rosenzweig, er hat im letzten Semester sein Bachelorstudium in Kommunikationswissenschaft, Philosophie und Soziologie an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg abgeschlossen. Im Blog präsentiert er zentrale Ergebnisse seiner Bachelorarbeit zum Thema Hate Speech auf den Facebook-Seiten deutscher Bundesparteien. Hierzu analysierte er die zwischen 2016 - 2018 auf den Facebook-Seiten von CDU, CSU, SPD, LINKE, Grünen, FDP und AfD veröffentlichten Kommentare.        

 

Logo Otto-Fiedrich-Universität Bamberg
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Am 1. Juni 2019 erschießt der rechtsextreme Stephan Ernst den CDU-Politiker Walter Lübcke. Sowohl im Vorfeld wie auch danach wird der Mord im Internet von Hasskommentaren begleitet. Unter anderem hetzen die AfD-nahe Ex-CDU-Politikerin Erika Steinbach und der rechtsextreme Blog PI-News mit einem vier Jahre alten Video gegen Lübcke. Morddrohungen, die in Reaktion darauf in den Kommentaren auftauchen, werden nicht gelöscht. In den Tagen nach der Tat werden Beiträge veröffentlicht, die Freude über den Tod des Politikers ausdrücken. Auch Stephan Ernst selbst räumte später ein, in der Zeit vor der Tat unter einem Pseudonym Hasskommentare gepostet zu haben.

 

Hate Speech

Der Fall Lübcke zeigt in aller Deutlichkeit, was schon länger klar ist: dass sich Hate Speech im Internet nicht von der „realen“ Welt trennen lässt. Hassbeiträge wirken auf individueller Ebene ähnlich wie Mobbing, auf gesellschaftlicher Ebene können sie den Diskurs verzerren und die strukturelle Benachteiligung bestimmter Gruppen reproduzieren. In einer Studie der Landesanstalt für Medien NRW gibt über ein Drittel der Befragten an, von Hasskommentaren verängstigt zu sein. Eine Umfrage von Campact ergab, dass sich circa die Hälfte der Befragten wegen Hate Speech seltener zu ihrer politischen Meinung bekennen.

Unter Hate Speech fallen in den gängigen Definitionen alle Äußerungen, die die Herabsetzung (also nicht etwa die Kritik) bestimmter, meist marginalisierter, Gruppen zum Ziel haben. Darunter fallen beleidigende Beiträge, die auf ganze Gruppen abzielen, aber auch herabwürdigende Äußerungen gegenüber Einzelpersonen, sofern die Herabwürdigung mit der (vermeintlichen) Gruppenzugehörigkeit begründet wird.

Abbildung 1. Tortendiagramm mit Facebook-Abonnierende nach Partei
Abb 1. Facebook-Abonnierende nach Partei
Um das Ausmaß von Online Hate Speech besser einschätzen zu können, wurden in der vorliegenden Arbeit die Facebook-Seiten der aktuell im Bundestag vertretenen Parteien analysiert. Untersucht wurde unter anderem, wie hoch im Zeitraum von 2016 bis 2018 der Anteil an Hasskommentaren war, welche Themen dort Hate Speech nach sich zogen und welche gesellschaftlichen Gruppen davon betroffen waren.

 

 

 

 

 

Das Ausmaß

In den drei Jahren wurden insgesamt 4.447.947 Kommentare auf den Facebook-Seiten der sieben Parteien veröffentlicht, aus denen dann eine einfache Stichprobe gezogen wurde. Hate Speech findet sich in 4,33% der Beiträge. Bei der AfD (auf die 32% aller Abonnierenden und über ein Drittel aller Kommentare abfallen) ist dieser Anteil mit 6,79% am höchsten. Darauf folgen die Grünen mit 4,76% und die Linken mit 3,38%. Da Kommentare bei Facebook von den Seitenbetreiber*innen gelöscht werden können, muss man davon ausgehen, dass der Anteil eigentlich größer ist.

Balkendiagramm Anteil an Hasskommentaren nach Partei
Abbildung 2: Anteil an Hasskommentaren nach Partei und Jahr


 

Welche Themen ziehen Hasskommentare nach sich?

Wo Hasskommentare veröffentlicht werden sagt nur bedingt etwas über deren Inhalt aus, da ja auch Rechtsradikale bei den Linken kommentieren können oder Linke bei der AfD. Aufschlussreicher ist da ein Blick auf den Inhalt bzw. die Gruppe, die das Ziel der Hassbeiträge ist. Hate Speech findet sich unter Posts zu fast allen Themen. Der größte Anteil fällt hierbei ab auf die Themen Frauenrechte (15,38%), Terrorismus (11,32%) und Rechtsextremismus (10,91%).

Abbildung 3:  Balkendiagramm mit Themen, die Hasskommentare nach sich ziehen
Abbildung 3: Themen, die Hasskommentare nach sich ziehen

 

Wer ist betroffen?

Opfer von Hate Speech sind in 46,67% der Fälle Migrant*innen, im Jahr 2017 lag der Anteil sogar bei 69,23%. Der am häufigsten gelikete Hasskommentar fällt ebenfalls in diese Kategorie und beinhaltet die Aussage: „Hälse durchschneiden , das ist was sie kennen und wollen …“ Er wurde 2018 auf der Facebook-Seite der AfD veröffentlicht und bis zur Erhebung im März 2019 nicht entfernt. Des Weiteren richten sich die Hassbeiträge gegen Politiker*innen im Allgemeinen (14,44%), Muslim*innen (12,22%) und Linke (10%). Auffällig ist, dass Hasskommentare bei den Linken in 60% der Fälle auf Linke abzielen. Auch hier scheinen also eher rechts gesinnte Personen zu kommentieren.

Abbildung 4: Balkendiagramm Betroffene nach Jahr
Abbildung 4: Betroffene nach Jahr

 

Die vor allem von Anhänger*innen der AfD immer wieder bemühte These, Rechte bzw. Konservative seien ebenso oft Opfer von Hate Speech wie alle anderen konnte nicht bestätigt werden. Nur 1,11% aller Hasskommentare richten sich gegen rechte/konservative Personen. Viel mehr lässt ein Großteil der Hasskommentare auf eine rechtsextreme Gesinnung des*der Verfasser*in schließen. Wenn man sich die Definition von Hate Speech ansieht, ist auch nichts anderes zu erwarten: Die Herabsetzung benachteiligter gesellschaftlicher Gruppen wird i. d. R. von rechtspopulistischen bis konservativen Kräften vorangetrieben.

 

Hate Speech in der Echokammer

Ein weiteres Ergebnis, das aus der Arbeit hervorgeht ist, dass Kommentare, die Hate Speech enthalten öfter mit „Gefällt mir“ markiert werden als Kommentare ohne. Neutrale Beiträge erhalten im Schnitt 2,60 Likes, bei Hasskommentaren liegt diese Zahl bei 4,73. Auch hier gibt es zwischen den Parteien große Unterschiede: Bei der SPD, CDU, FDP und Linken werden Hasskommentare seltener geliket als neutrale Beiträge. Einzig bei den Grünen (2,17 zu 1,81), der CSU (2,3 zu 1,87) und der AfD (5,97 zu 2,89) werden Hasskommentare häufiger mit „Gefällt mir“ markiert, bei der AfD sogar mehr als doppelt so häufig. Da die Hate Speech-Beiträge hauptsächlich auf rechtsradikale bis rechtsextreme Gesinnungen schließen lassen, kann man aufgrund dieser Zahlen davon ausgehen, dass die Seite der AfD eine Art Echokammer für solcherlei Ansichten bildet.

Auch wird auf Posts (der Parteien selbst), die bereits Hate Speech enthalten häufiger mit Hasskommentaren reagiert wird als auf andere. Auf „neutrale“ Posts folgt in 4,23% der Fälle Hate Speech, bei Hassposts ist dieser Anteil mit 8,47% ungefähr doppelt so hoch. Da die AfD die einzige Partei ist, die regelmäßig selbst Hate Speech-Beiträge veröffentlicht, kann man vermuten, dass sie selbst zum Anteil der Hasskommentare beiträgt.

 

Rechtsextremer Hass

Insgesamt ist erkennbar, dass Hate Speech erstens häufig (in mindestens 4,33% der Fälle) anzutreffen und zweitens eine vor allem rechtsextreme Angelegenheit ist.

4.33% scheinen kein so großer Anteil zu sein. Allerdings muss man beachten, dass hierunter wirklich nur Hate Speech fällt und keine reinen Falschinformationen, Beleidigungen oder harmlosere hämische Kommentare. Ebenfalls ist zu berücksichtigen, dass sechs der sieben Parteien angeben, solche Beiträge zu löschen. Zudem enthalten über 35% der Posts auf die sich die Kommentare beziehen nur harmlose parteibezogene Inhalte wie Mitgliederwerbung, anstehende Termine oder Feiertagswünsche.

Abbildung 5: Tortendiagramm Politische Einordnung der Hasskommentare
Abbildung 5: Politische Einordnung der Hasskommentare

Dass das Phänomen Hate Speech tendenziell rechtsextremer Natur ist, ist einerseits an den betroffenen Themen und Gruppen erkennbar, andererseits auch am Facebook-Auftritt der AfD selbst. So ist sie die einzige Partei, die keine Kommentarregeln auf ihrer Seite eingebunden hat und auch keine solchen anzuwenden scheint, da sie eine hohe Zahl von Hasskommentaren stehen lässt, selbst wenn darin gefordert wird, anderen Menschen die Hälse durchzuschneiden. 

 

Die komplette Bachelorarbeit von Bastian Rosenzweig gibt es bei Das NETTZ zum Download

 

Autor 

Portrait Bastian Rosenzweig
Bastian Rosenzweig
Bastian Rosenzweig studiert an der Friedrich-Schiller-Universität Jena Philosophie im Master. Zuvor absolvierte er ein Bachelorstudium in Kommunikationswissenschaft, Philosophie und Soziologie an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg, in dessen Rahmen er sich mit Online Hate Speech beschäftigte.

Twitter: @bastianrosen2g

 

 

 

 

 

Dienstag, 28. Juli 2020

Wahlplakate from Hell: Kommunalwahl Nordrhein-Westfalen 2020

Der Klassiker ist zurück! 

Nachdem ich im Europawahlkampf 2014, bei der Hamburger und der Bremer Bürgerschaftswahlen 2015, bei den Landtagswahlen im März und September 2016 sowie den Landtagswahlen 2017, der letzten Bundestagswahl 2017, bei den Landtagswahlen in Bayern & Hessen 2018, bei den Europa- und Kommunalwahlen 2019, bei den Landtagswahlen in Brandenburg, Sachsen & Thüringen 2020 und bei der Hamburger Bürgerschaftswahl 2020 die schönsten "Wahlplakate from Hell" präsentiert habe, konnte ich eurem Wunsch nicht widerstehen und habe auch wieder zur Kommunalwahl NRW (13.09.2020) einige schöne Motive drüben bei Twitter und Facebook zusammengetragen.

Hier nun alle auf einen Blick:


Lissi von Bülow, SPD (Bonn)

Nicole Bonnie, CDU (Bonn)

Dr. Martin Sommer, parteilos (Kreis Steinfurt)

Reiner Burgunder, CDU (Bonn)

Matthias Großgarten, SPD (Niederkassel)

Thomas Geisel, SPD (Düsseldorf)
 
 
Klaudia Zepuntke, SPD (Düsseldorf)

Olaf Finke, SPD (Xanten)
 
Andreas Kossiski, SPD (Köln)
 
Stephan Keller, CDU (Düsseldorf)

Anna Katharina Bölling, CDU (Minden-Lübbecke)

Sebastian Mies, CDU (Köln)

Thomas Walter, CDU (Hagen)
 
Enno Schaumburg, CDU (Hardtberg)
 
Magga Ritter, CDU (Monschau)
 
Christoph Jansen, CDU (Bad Godesberg)
 
Michael Dreier, CDU (Paderborn)
 
Achim Wyen, FDP (Mönchengladbach)


Simon Gerhard, FDP (Rheda-Wiedenbrück)

Simon Mrotzek, FDP (Herzogenrath)
 
Franziska Müller-Rech, FDP (Bonn)
 
Jan Maik Schlifter, FDP (Bielefeld)
 
Marie-Agnes Strack-Zimmermann, FDP (Düsseldorf)
 
Johannes Wippern (FDP), Bonn
 
Dr. Cliff Gatzweiler (FDP), Aachen
 
Birgit Steenken (FDP), Barmen
 
Rainer Ludwig, BfB (Bielefeld)
 
Ana Trajanovska, Freie Wähler (Düsseldorf)
 
Sascha H. Wagner (Die LINKE), Xanten
 
Ralf Sondermeyer & Michael Wolframm (Die LINKE), Hohenlimburg
 
Utz Kowalewski, (Die LINKE), Dortmund 
 
Christian Küsters (Grüne/SPD/FDP), Nettetal
 
Peter Todeskino (Grüne), Münster
 
Leon Herbstmann (Grüne), Münster
 
Arnela Sacic (Bündnis 90/Die Grünen), Hamm
 
Stefan Borggraefe (Piratenpartei), Witten

Stefan Job, Klimaliste (Düsseldorf)
 
Olaf Schlösser, Die PARTEI (Dortmund)

Die PARTEI Münster feat.  Dr. Michael Jung (SPD)

Die PARTEI Moers feat. Dino Maas (FDP)
 
Die PARTEI Köln feat. AfD
 
Die PARTEI Düsseldorf feat. Daria Jablonowska (FDP)

Die PARTEI Korschenbroich feat. CDU Korschenbroich
 
 
FDP Münster feat. Cem Özdemir (Grüne)

Unabhängiges Bürger-Forum Bielefeld (UBF)
 
BfB Bielefeld
 
 
Piratenpartei Ennepe-Ruhr-Kreis
 
FBI Xanten
 
Bürger für Herford
 
Unabhängige Bürgerpolitik Minden
 
Die PARTEI Köln
 
 
Die LINKE. Lennstadt 
 
SPD Bochum

SPD Wassenberg
 
SPD Manfort
 
SPD

FDP Hochsauerlandkreis
 
FDP Rheine
 
FDP Harsewinkel 
 
FDP Kempen 
 
FDP Xanten
 
FDP Nettetal
 
FDP Gevelsberg

 FDP 
 
Bündnis 90/ Die Grünen Kempen 
 
Bündnis 90/Die Grünen
 
CDU Köln

CDU Monheim am Rhein
 
CDU Hamm (OB Thomas Hunsteger-Petermann)
 
CDU Hamm (OB Thomas Hunsteger-Petermann)
 
CDU Arnsberg
 
CDU Köln 
 
CDU Rheine

CDU Bonn Beuel
 
 CDU Oberhausen
 
 
 
AfD Düsseldorf

 

AfD NRW 


 

Bonustracks - nicht aus NRW


Constance Arndt (Bürger für Zwickau)

 

Michael Jakob (parteilos), Zwickau 

 

Jürgen Dettmann (Freie Wähler Mecklenburg-Vorpommern)

 

Ulrich Oehme (AfD), Chemnitz



 

Mittwoch, 27. Mai 2020

Podcast first - Wie wir als CDU-Fraktion mit Audio-Inhalten Tausende Hörer erreichen

Dies ist ein Gastbeitrag von Christian Fischer, er ist Pressesprecher der CDU-Fraktion des Sächischen Landtages und startete im März 2020 als einer der ersten Landtagsfraktionen in Deutschland einen eigenen Podcast. Erste Erkentnisse und Einblicke in eine podcastende Fraktion. 

Podcast Tacheles! der CDU-Fraktion im Sächsischen Landtag
Wir haben wirklich Glück gehabt. Eine Woche, bevor Corona alles bestimmende Thema wurde, kam das Paket mit unserer Podcast-Ausrüstung an. Insgesamt hat alles rund 1300 Euro gekostet – ein Rodecaster Pro mit drei Podmics von Rode. Dazu drei Stative, drei Kopfhörer und drei Kabel. Und eine MicroSD-Speicherkarte. Vergesst niemals die MicroSD-Speicherkarte! 

Warum 3x das Ganze, fragte mich auch unser Geschäftsführer. Ganz einfach: Einer unserer Abgeordneten redet mit einem externen Experten – gern auch kontrovers – und irgendwer Drittes muss dann ja moderieren und durch das Gespräch führen. Dieses Setting schien uns der beste Garant für eine kleine politische Debatte. 

Und es hat sich bewahrheitet! Wir machten unseren ersten Podcast einen Tag nach dem Paket auspacken noch zur Bauerndemo vor dem Landtag. Mit Paul Kompe von „Land schafft Verbindung – Sachsen“ und unserem Fraktionsvize Georg-Ludwig von Breitenbuch, der selbst ein Landwirt ist. Wir merkten sofort, wie gut es in der Kommunikation auch mal tut, etwas länger über ein Thema zu sprechen. 30 bis 45 Minuten dauern unsere Podcasts.

Wenig später veränderte der Corona-Virus auch im Sächsischen Landtag alles. Und wir fingen am 11. März mit dem ersten Podcast zu dem Thema an. Seitdem wurden zehn Corona-Podcasts erstellt. Lange Zeit waren wir die Einzigen in Sachsen, die dieses Thema mit diesem Medium bespielten. Erst später produzierte auch die Sächsische Zeitung ein vergleichbares Corona-Format als Podcast. Wir sprachen mit Restaurantbetreibern, Maskennähern, Rot-Kreuz-Helfern, Virologen, Lehrern, Ärzten, Eltern und Schülersprechern.

Michael Kretschmer (CDU)
3 Mikrofone, 3 Diskutanten inkl. einem Ministerpräsidenten (links im Bild)

Durch die Gäste kommen wir aus unserer Polit-Blase heraus. Sowohl inhaltlich, als auch bei der Reichweite. Wir sitzen eben nicht unter uns zusammen und klopfen uns virtuell auf die Schulter und sagen uns, wie toll wir sind. Durch den Gast (und ggf. auch noch weitere Telefon-Interviewpartner, die wir vorher aufnehmen), eröffnen wir eine praxisnahe Debatte mit anderen Sichtweisen, als unserer eigenen. Die Kontroverse ist sogar erwünscht, denn sie macht den Podcast erst interessant.

Natürlich wollen wir Reichweite!


Auch deshalb die Gäste. Zum Beispiel hatten wir Sarah Küttner im Programm, die als Mikro-Influencerin „Ossilinchen“ in Sachsen unterwegs ist. Die Intensiv-Schwester aus der Dresdner Uniklinik hatte am Anfang der Krise eine Nähanleitung für Behelfsmasken auf Instagram veröffentlicht. In Folge entstand die Facebook-Gruppe „Masken für Sachsen“.

Bis heute haben in den vergangenen acht Wochen 109.360 Menschen unseren Podcast gehört und 2006 Nutzer haben ihn abonniert. Besonders gut lief die Folge mit Ministerpräsident Michael Kretschmer, die an dem Plenartag vor Ostern produziert wurde, wo der Landtag eine 6 Milliarden Euro hohen Kreditermächtigung für Corona-Hilfen und Folgemaßnahmen freigab. Die positiven Hörerzahlen haben sicher auch etwas damit zu tun, dass über die Episode auf SuperIllu.de berichtet wurde und sie dort auf der Startseite verlinkt war.

Facebookposting zum Podcast
Für uns steht fest: Podcasts passen definitiv in unsere Kommunikationsstrategie. Während Sharepics auf Facebook und Instagram für den schnellen Medienkonsum gedacht sind und Story-Fotos einfach nur optisch auffallen müssen, haben wir beim Podcast die Chance, länger ein Thema zu betrachten. Der Erfolg liegt am Ende in der Distribution! Wir spielen den Podcast über unseren Hoster Podcaster.de aus – dort können wir ihn auf Spotify, Apple Podcasts, Deezer und anderen Diensten launchen. Und das für 10 Euro im Monat. Natürlich promoten wir ihn beim Erscheinen auf Facebook – mit Fotos von der Aufzeichnung, einen kleinen Teasertext und allen notwendigen Links.







Warum nicht Tik Tok?


Natürlich fragten wir uns zuvor, ob ein Podcast das richtige Medium für uns ist. Es gab auch die Überlegung, vielleicht auf Tik Tok zu gehen. Ich hatte mich vor ein paar Jahren dort schon umgeschaut. Damals hieß das Ganze noch musical.ly und bis heute ist Politik auf dieser Plattform deutlich unterpräsentiert. Tim Hendrik Walter aus Unna beweist als „herranwalt“ das selbst staubtrockenes Jura auf diesem Portal enorme Reichweiten entwickeln kann – er hat 1,6 Millionen Follower. Warum sollte man das nicht auch mit Politik können? 

Kurze Videos in einer Übersicht
Tik Tok-Account herranwalt
Einfache Antwort: Weil wir niemals so authentisch sein können, wie „herranwalt“ in seinen „60 Sekunden Jura“. Uns fehlte einfach die Fantasie, hier eine sinnvolle Strategie zu entwickeln. Tik Tok könnte uns eine neue und wesentlich jüngere Zielgruppe erschließen. Aber in der Corona-Krise waren wir halt konservativ – und wollten der bestehenden Zielgruppe mit einem Podcast ein neues Angebot eröffnen. Das Erschließen einer neuen Zielgruppe mit einem neuen Format hätte mehr Aufwand bedeutet.

Wir schließen das nicht aus – es wird auch nach Corona wieder Zeiten geben, wo man in der politischen Kommunikation sich neu ausprobieren kann. Wir haben erst einmal auf Podcast gesetzt, um längere Sendungen plattformunabhängig zu produzieren. Mit Instagram und Facebook bedienen wir zwei mediale Fastfood-Formate. Tik Tok wäre nur der Vanille-Milchshake obendrauf gewesen. 

Ressourcen effektiv einsetzen


Ein entscheidender Punkt für die Podcast-Entscheidung war auch der geringe Zeit- und Materialaufwand. Besonders im Vergleich zu normalen Videoformaten. Die Postproduktion ist für ein 30-Minuten-Podcast weitaus einfacher, als für ein gutes 45-Sekunden-Statement im Video. Es muss nichts geschnitten werden. Die Uncut-Version erhöht nebenbei auch die Authentizität, was eine gute Ausrede für Faulheit im Produktionsprozess ist. 

Untertitel fallen komplett weg. Die pflegen wir bei Videos händisch ein, da wir für mobile Endgeräte produzieren und sie deutlich größer somit lesbarer haben wollen, als die Templates von Youtube und Facebook in der automatisierten Variante. Beim Hosting ist etwas Arbeit in ein ordentliches Cover und den Begleittext zu legen, was wir dann auch für die Verteilung u.a. via Facebook nutzen. 

Wir betreten als Fraktion hier übrigens das bilderbuchmäßige #Neuland, wie es unsere Kanzlerin Angela Merkel mal nannte. Neben der CSU im Bayerischen Landtag ist uns keine Fraktion mit einem eigenen Podcast bekannt. Wahrscheinlich denken sie wie wir vor einem Jahr: Podcast sind doch out. Waren sie auch bis vor kurzem. Die Bitkom-Studie von 2019 hat uns eines Besseren belehrt. Demnach hören 22% hin und wieder Podcasts. Tendenz steigend. 


Wirkung entfalten und Follower binden


Wir haben Hörer, die sich nach jeder Folge melden. Sie geben Anregungen und Kritik, zum Beispiel welche Fragen ihnen fehlten. Wir stehen auch im Austausch mit anderen Podcastern in Dresden. Der Kollege der Sächsischen Zeitung empfahl uns eine „Station Voice“. Also eine Stimme, die den Trailer spricht – haben wir dann in der nächsten Folge gleich eingeführt. Kosten: 100 Euro und eine Stunde Arbeit. 

Einblick in die Produktion des Podcasts Tacheles!
Das Teilen über soziale Medien ist eine entscheidende Komponente für den Erfolg. Natürlich vertaggen wir in den Promo-Postings alle Beteiligten. Beim Sport-Podcast haben wir zum Beispiel den Landessportbund und seine Gliederungen verlinkt, die den Podcast dann auch fleißig geteilt haben. So versuchen wir mit jedem Thema über die eigene Blase zu zielen. Wir hatten übrigens unseren Abgeordneten auch empfohlen, beim Teilen ihre ortsansässigen Vereine zu markieren. 

Übrigens: Erinnert ihr euch noch an die MicroSD-Speicherkarte, die ihr nicht vergessen solltet? Auf ihr speichert der Rodecaster die Aufnahmen. Ohne sie wird es halt peinlich. Oder zumindest hektisch – weil ihr eine sucht und die Gäste schon da sind. Außerdem zeigt es, dass wir auch nach 1009 Wörtern uns noch an etwas Substanzielles erinnern können. Digitale Kommunikation muss nicht nur auf die schnellen Effekte setzen. Man kann mit dem richtigen Medium auch Geschichten erzählen, die spannend bis zum Ende bleiben. 


Autor

Pressesprecher der CDU-Fraktion des Sächsischen Landtages
Christan Fischer
Christian Fischer ist seit vier Jahren Pressesprecher der CDU-Fraktion des Sächsischen Landtages. Zuvor war der studierte Staats- und Sozialwissenschaftler zehn Jahre für BILD in Ostdeutschland tätig, unter anderem als Chefreporter für Politik. Dort baute er die Facebook-Seiten der sächsischen Ausgaben maßgeblich mit auf. 

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