Montag, 10. Juni 2013

Social-Media-Nutzung der Parteien auf Länderebene: Kein Interesse an Interaktion und Dialog erkennbar

Nachdem ich an dieser Stelle bereits über die Chancen und Möglichkeiten der Online-Kommunikation von Parteien und Politikern gebloggt habe und analysiert habe, wie die sozialen Netzwerke in der Politik aktuell genutzt werden, folgt heute ein Gastbeitrag von Andreas Köhler und Prof. Andreas Elter. Dieser analysiert die Defizite der Onlinekommunikation der Parteien auf Landesbene.

Einen nachhaltigen politischen Dialog haben Facebook und Twitter bislang nicht nach Deutschland gebracht, zeigen die Ergebnisse eines Forschungsprojektes im Studiengang Journalistik der MHMK, Macromedia Hochschule für Kommunikation. Hierfür wurde mittels quantitativer Inhaltsanalyse die Social-Media-Kommunikation der sechs bundesweit aktiven Parteien während der Landtagswahlkämpfe des Jahres 2011 untersucht und statistisch ausgewertet (Eine umfassende Auswertung findet sich in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift „Publizistik“). Das Gesamtmaterial der vorliegenden Studie umfasste mehr als zehntausend Posts und Tweets (n=10.044). Durch die Einteilung der Erhebung in vier Untersuchungswochen (jeweils zwei direkt vor und nach der jeweiligen Wahl) konnte zudem festgestellt werden, wann Parteien und User agierten.

Social-Media-Nutzung der Parteien im Ländervergleich

Balkendiagramm
Die mit Abstand aktivste Partei in sozialen Netzwerken war die Piratenpartei. Knapp 1.300 Mal postete die Internetpartei in den Untersuchungszeiträumen auf Facebook. Mit deutlichem Abstand folgt die FDP. Allerdings zeigen sich bei der Zuordnung der Posts zu den einzelnen Landesverbänden große Unterschiede. So wurde die hohe Zahl an Facebook-Posts bei den Piraten von wenigen Landesverbänden generiert. In Baden-Württemberg war die Piratenpartei auf Facebook gar nicht aktiv – dort wiederum stellte der Landesverband der FDP zwei Drittel der gesamten FDP-Posts ein. Lediglich die Grünen sind in jedem der untersuchten Bundesländer aktiv, agierten allerdings eher zurückhaltend. Bei der Facebook-Nutzung durch die Parteien lässt sich demnach keine durchgängige Praxis erkennen. Die strukturellen Daten der Länder hatten darauf keinen messbaren Einfluss. Twitter wurde insgesamt weniger genutzt als Facebook, sehr selektiv eingesetzt und unterscheidet sich auch in der Nutzungsintensität stark zwischen den Landesverbänden der Parteien.

Parteien lassen die Interaktionskette abreißen
Obwohl alle Parteien Facebook und Twitter zur direkten Wählermobilisierung nutzen, gelingt es keinem Landesverband, seine User und Follower über den Wahltermin hinaus in einen regelmäßigen Dialog einzubinden. Nach der Wahl nimmt die Zahl der Partei-Posts und -Kommentare rapide ab. So reißt die „Interaktionskette“ an dieser Stelle auffällig ab.
















Fazit
Insgesamt kann aufgrund der geringen Anzahl von Parteikommentaren auf User-Kommentare kein Dialoginteresse ausgemacht werden. Darin besteht auch die wesentliche Kritik an den Parteien. Sie erkennen offensichtlich in den meisten Fällen Social Media nur als Wahlkampf- und Marketinginstrument. Zu Interaktion und Dialog mit den Bürgern über den Wahltermin hinaus nutzen sie diesen Kanal nicht. 

Autoren
Andreas Köhler, M.A., ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Studiengang Journalistik an der MHMK, Macromedia Hochschulefür Medien und Kommunikation in Köln und arbeitet an einer Dissertation zum Thema Symbolische Reformpolitik an der Universität der Bundeswehr in München.








Donnerstag, 6. Juni 2013

Social-Media Nutzung in der deutschen Politik - nach Bundesländern

Screenshot Social-Media-Atlas 2012
Ausschnitt Social-Media-Atlas 2012
Der Social-Media-Atlas 2012 sagt, dass die aktivsten Social-Media-Nutzer Deutschlands in Hessen leben. Dicht gefolgt von den Niedersachen, den Bremern, den Nordrhein-Westfalen und den Sachsen-Anhaltern. 74 Prozent der hessischen Internetnutzer sind in mindestens einem sozialen Netzwerk unterwegs.

Am anderen Ende der Nutzungsskala liegt Mecklenburg-Vorpommern, hier sind lediglich 58 Prozent der Einwohner bei einem sozialen Netzwerk angemeldet.

Ausschnitt Social-Media-Atlas 2012
Das mit Abstand meist genutzte Netzwerk ist - wenig überraschend - Facebook. 89 Prozent der Onliner haben ein Profil beim weltweit größten sozialen Netzwerk. Am stärksten sind die Bayern darin vertreten, 93 Prozent der Bürger des Freistaates sind bei Facebook angemeldet. In Rheinland-Pfalz hingegen sind nur 80 Prozent der Bürger Facebooker.

Vor einigen Monaten hatte ich zum Beginn des Wahljahres 2013 an dieser Stelle analysiert, dass bereits 86 Prozent der Bundestagsabgeordneten mindestens bei einem sozialen Netzwerk angemeldet sind. Nun interessiert mich: Welches Bundesland hat die meisten Social-Media-Politiker?

Deshalb habe ich mich wieder hingesetzt und - im Auftrag des Hightech-Verbandes BITKOM - einmal alle 620 Abgeordneten und ihre Social-Media-Aktivitäten via Pluragraph.de analysiert.

Social-Media-Nutzung im Deutschen Bundestag - nach Bundesländern  

Bundesland          Anzahl Abgeordnete      Nutzung von Social Media

Saarland 10         100,0%
Hamburg 13         100,0%
Berlin 23         95,6%
Thüringen  18         94,4%
Baden-Württemberg 84         94,0%
Niedersachsen 62         91,9%
Hessen 45         91,1%
Bayern 90         87,7%
Schleswig-Holstein 24         87,5%
Bremen 6         83,3%
Nordrhein-Westfalen 129         81,4%
Rheinland-Pfalz 31         80,6%
Mecklenburg-Vorpommern 14         78,6%
Sachsen-Anhalt 17         76,4%
Sachsen 35         74,3%
Brandenburg 19         57,9%


Was sagt dieses Ranking aus? 

BITKOM-Grafik mit Analyse von Pluragraph
Grafik BITKOM
Das Ranking gibt Auskunft darüber, wie viele der Bundestagsabgeordnete in einem Bundesland mindestens ein Social-Media-Profil besitzen und wie verbreitet Social Media somit bereits ist. Es sagt nichts über die Aktivität und die Qualität der Profile aus. Bei der Analyse wurden die meistgenutzten Netzwerke in der Politik betrachtet, dies sind: Facebook, Twitter, YouTube, flickr, Google+, XING und wer-kenn-wen.de.


In den Bundesländern Hamburg und Saarland haben also alle Abgeordneten mindestens ein Social-Media-Profil, meist eines von Facebook. Auch die Fast 100%-Abdeckung in Berlin ist nicht überraschend. Hingegen schon die starke Präsenz in Thüringen und die 94% Nutzerquote im sehr großen und ländlich geprägten Baden-Württemberg. In beiden Ländern werden vor allem Facebook Privatprofile und YouTube am häufigsten genutzt.

Am unteren Ende der Tabelle rangieren die Bundesländer Sachsen-Anhalt, Sachsen und Brandenburg. In letzteren nutzt gerade mal jeder zweite Abgeordnete Social-Media, die Nutzung ist also nur halb so stark verbreitet wie unter den Parlamentariern aus dem Saarland und Hamburg. Was ist der Grund?

Nach dem allgemeinen Blick noch ein Blick auf die populärsten Netzwerke unter den Bundespolitikern und die jeweilige Nutzung in den 16 Bundesländern:



Grafik: hamburger-wahlbeobachter.de
Nutzung Facebook im Bundestag nach Bundesländern


Saarland 100,0%
Thüringen  94,4%
Hamburg 92,3%
Berlin 91,3%
Baden-Württemberg 87,0%
Rheinland-Pfalz 80,6%
Bayern 80,0%
Mecklenburg-Vorpommern 78,6%
Hessen 77,8%
Niedersachsen 77,4%
Sachsen-Anhalt 76,4%
Nordrhein-Westfalen 70,5%
Bremen 66,7%
Schleswig-Holstein 66,7%
Sachsen 60,0%
Brandenburg 52,6%


Das Bundesland mit der größten Facebookabdeckung unter den Abgeordneten ist überraschend das Saarland. Alle zehn Abgeordneten haben entweder ein Privatprofil, eine Fanseite oder beides. Auch bei der Nutzung von Fanseiten liegt das Saarland vorne, sieben von zehn Abgeordneten nutzen bereits eine Fanseite. Danach folgen Hamburg (61 Prozent) und Berlin (56 Prozent).

In Brandenburg hingegen nutzt nur jeder zweite Volksvertreter die Kommunikationsmöglichkeiten von Facebook. Ein ähnliches Bild ergibt ein Blick auf die Analyse der Fanseiten: Hier liegen Brandenburg mit 26,3 Prozent und Schleswig-Holstein (25 Prozent) am Ende der Tabelle.

Der Bundestagsdurchnitt bei der allgemeinen Facebook-Nutzung liegt bei 76 Prozent,
bei Privatprofilen bei 56,1 Prozent und bei Fanseiten bei 36,5 Prozent



 
Grafik hamburger-wahlbeobachter.de
Nutzung Twitter im Bundestag nach Bundesländern

Berlin 82,6%
Hamburg 76,9%
Sachsen-Anhalt 76,4%
Saarland 70,0%
Schleswig-Holstein 66,7%
Hessen 66,7%
Bremen 66,7%
Baden-Württemberg 54,8%
Rheinland-Pfalz 51,6%
Niedersachsen 51,6%
Nordrhein-Westfalen 49,6%
Thüringen  44,4%
Mecklenburg-Vorpommern 42,8%
Sachsen 40,0%
Bayern 36,7%
Brandenburg 26,3%

 

Das Twitterbundesland des Bundestages ist ganz klar die Bundeshauptstadt. In keinem anderem Bundesland gibt es mehr Twitter-Nutzer unter den Abgeordneten. Über 80 Prozent der Parlamentarier haben in Berlin einen eigenen Account. Danch folgen Hamburg und an dieser Stelle unerwartet Sachsen-Anhalt. Im Land der Frühaufsteher hat jeder Social Media nutzende Bundestagsabgeordnete auch einen Twitter-Account. 

Am Ende der Tabelle findet sich wieder Brandenburg, hier nutzt nur jeder vierte Politiker den Microbloggingdienst. Aber auch in Thüringen, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen und Bayern ist die Nutzung unterdurchschnittlich bei ca. 40 Prozent. In der Politik scheint Twitter hingegen aber schon mehr angekommen zu sein, als in der Gesamtbevölkerung: Hier haben nur nur sechs Prozent der deutschen einen Twitter-Account.

Der Bundestagsdurchschnitt der Twitternutzung liegt bei 50,2 Prozent.











Berlin 52,2%
Saarland 50,0%
Thüringen  50,0%
Bremen 50,0%
Hessen 48,8%
Baden-Württemberg 46,4%
Hamburg 46,2%
Nordrhein-Westfalen 45,7%
Niedersachsen 43,5%
Schleswig-Holstein 41,7%
Mecklenburg-Vorpommern 40,8%
Bayern 38,8%
Rheinland-Pfalz 35,5%
Sachsen-Anhalt 35,3%
Sachsen 25,7%
Brandenburg 21,1%


Die durchschnittliche YouTube-Nutzung im Bundestag liegt bei 41 Prozent.








Saarland 40,0%
Hamburg 38,5%
Rheinland-Pfalz 32,2%
Bayern 32,2%
Berlin 30,4%
Hessen 26,7%
Baden-Württemberg 25,0%
Schleswig-Holstein 25,0%
Niedersachsen 24,2%
Nordrhein-Westfalen 24,0%
Sachsen-Anhalt 23,5%
Thüringen  22,2%
Brandenburg 10,5%
Sachsen 8,6%
Mecklenburg-Vorpommern 7,1%
Bremen 0,0%


Die durchschnittliche XING-Nutzung im Bundestag liegt bei 25 Prozent.


Den Überblick über die einzelnen Nutzungszahlen von Flickr und Google+ finden Sie in der Pressemitteilung des BITKOM (.pdf). 


Disclaimer: Der Autor dieser Zeilen ist Mitgründer und Mitbetreiber von Pluragraph.de und hat die hier dargestellten Zahlen im Auftrag des BITKOM erhoben und analysiert.

Copyright Deutschkandkarte David Liuzzo / CC-BY-SA-2.0-de via Wikimedia Commons. 

Donnerstag, 30. Mai 2013

Politische Hashtags - für Hamburg und die Welt

Immer wieder werde ich gefragt: Wie kann ich eigentlich auf Twitter meine Reichweite erhöhen und dafür sorgen das meine Positionen und Ideen möglichst viele Menschen mitbekommen? Und wie kann ich Themen, die mich interessieren verfolgen und monitoren, ohne 24 Stunden am Tag vor Twitter zu sitzen?

Darauf antworte Ich: Richtig viele Menschen wirst Du direkt via Twitter nicht erreichen, da dieses Netzwerk in Deutschland aktuell lediglich 825.000 Menschen aktiv nutzen. Aber Du erreichst hier natürlich die Multiplikatoren wie Journalisten, Politiker und wichtige Netzmenschen.

Hashtag #hhbue im Twitterstream
Und: Eine Reichweite über deinen Followerstamm hinaus und mehr Re-Tweets bekommst Du, wenn Du endlich mal anfängst Hashtags kontinuierlich einzusetzen. Aber da fängt es schon an: Woher bekommt man die eingeführten und genutzten Hashtags?

Entweder man setzt selber Standards, wie ich dies mit #hhbue Anfang 2011 getan habe.

Oder man bekommt mit der Zeit ein Gefühl bei Twitter, welche Hashtags für meine Themen benutzt werden und gebräuchlich sind.

Um den Einstieg zu erleichtern, habe ich nun einmal angefangen gebräuchliche Hashtags zu sammeln - der Beginn eines Glossars. 

Liebe Webtrolle: Ich weiß, das dies noch nicht alle Hashtags sind und möglichweise ist der ein oder andere noch oder nicht mehr so gebräuchlich. Ich freue mich daher also über konstruktive Anmerkungen, Ergänzungen und Hinweise auf zusätzliche Hashtags. Über Häme freue ich mich nicht.


Politische Hashtags für Hamburg


Landespolitik


#hhbue - Alle Tweets rund um die Hamburgische Bürgerschaft und die Landespolitik der Hansestadt. Vor allem spannend am Rande der Bürgerschaftssitzungen, wo via Twitter meistens interessante  Parallell-Debatten stattfinden. Aktuell haben 42 Bürgerschaftsabgeordnete einen Twitter-Account. Die Liste aller twitternden MdHB kann hier abboniert werden.

#hhsenat - Alle Tweets mit Zusammenhang zur Politik des Hamburger Senats rund um den ersten Bürgermeister @OlafScholz

Parteien 


#spdhh - Alle Tweets rund um die Hamburger SPD. 
#cduhh - Alle Tweets rund um die Hamburger CDU. 
#gruenehh - Alle Tweets rund um die Hamburger Grünen. 
#linkehh - Alle Tweets rund um die Hamburger Linken. 
#fdphh - Alle Tweets rund um die Hamburger FDP.

#piratenhh - Alle Tweets rund um die Hamburger Piratenpartei . 
#pirathaus - Alternativer Hashtag für die Hamburger Piratenpartei, Einsatz in Wahlkampfzeiten.
#dieparteihh - Alle Tweets rund um die Die PARTEI Hamburg.
#fwhh - Alle Tweets rund um die FREIE WÄHLER Hamburg.
#oedphh - Alle Tweets rund um die ödp Hamburg. 

Und wenn man bei Tweets zu den Parteien auch eigene inhaltliche Positionen vertreten möchte, kann man den Hashtag noch mit einem - für negative und mit einem + bei positiver Bewertung am Ende ergänzen. Damit würde der Tweet auch bei der Messung der politischen Stimmung im Netz gezählt. Sascha Lobo versucht diese gerade mit Hilfe des Twitterbarometers zu messen.

Bezirke:


#bvaltona - Tweets rund um die Bezirksversammlung Altona.
#bvebuettel - Tweets rund um die Bezirksversammlung Eimsbüttel.
#bvmitte - Tweets rund um die Bezirksversammlung Mitte.
#bvnord - Tweets rund um die Bezirksversammlung Hamburg-Nord.
#bvharburg - Tweets rund um die Bezirksversammlung Harburg.
#bvberge - Tweets rund um die Bezirksversammlung Bergedorf.
#bvwandsbek - Tweets rund um die Bezirksversammlung Wandsbek.

Wahl:


#btw13 - Alle Tweets mit Bezug zur Bundestagswahl 2013 und zum Wahlkampf, bundesweit
#wahl2013 - Alle Tweets mit Bezug zur Bundestagswahl 2013 und zum Wahlkampf, bundesweit
#wahlhh - Alle Tweets zur Bundestagswahl mit Hamburgbezug

Inhaltliche Hashtags:


#netzpolitik - Allles rund um die Netzpolitik, bundesweit
#UHUN - Unser Hamburg - Unser Netz, Tweets zum Volksbegehren zum Netzrückkauf in Hamburg am 22. September 2013.

Danke für die Inspiration an Christoph Braun.


AUFRUF: Fehlen hier noch Hashtags oder sind genannte nicht mehr aktuell?
Ich freue mich über jedes Feedback im Sinne der hanseatischen Twitter-Szene.




Mittwoch, 22. Mai 2013

Katharina Wolff: Meine Erfahrungen als „Newbie“ in der Hamburgischen Bürgerschaft

Seit 2011 sitzt Katharina Wolff als jüngstes Mitglied der CDU-Fraktion in der Hamburgischen Bürgerschaft. Die Hälfte der Legislaturperiode ist rum, Zeit einmal zurückzublicken auf die ersten Erfahrungen als Neuparlamentarierin. Dies ist ein Gastbeitrag von Katharina Wolff.


Katharina Wolff vor dem Hamburger Rathaus, 
Sitz von Parlament und Regierung
Der Start in mein Abgeordnetendasein als Mitglied der Hamburgischen Bürgerschaft begann zunächst mit einer großen Ernüchterung. Monatelang hatte ich auf den Wahlabend hingearbeitet, hatte mir bei Wind und Wetter am Infotisch die Beine in den Bauch gestanden. Hatte Plakate geklebt, Flyer verteilt, zahllose Bürgergespräche geführt und jedem potentiellen Wähler aus meinem Wahlkreis gefühlt mindestens dreimal persönlich die Hand geschüttelt. Dann kam endlich der lang ersehnte Tag der Wahl, der Tag der Entscheidung, an dem sich herausstellen sollte, ob sich all die Mühen am Ende ausgezahlt haben sollten. Und dann ... dann kam erstmal nichts. Zwar wurde am Abend der Bürgerschaftswahl die Verteilung der Sitze je Partei bekannt gegeben, für Wahlkreiskandidaten wie mich, begann jetzt aber erstmal eine Zeit des Wartens. Dem neuen Wahlrecht und seinen Möglichkeiten zum Panaschieren und Kumulieren sei dank, dauerte das Auszählen der Stimmen so lange, dass ich erst drei Tage später herausfinden konnte, dass ich in die Bürgerschaft eingezogen war. Ich weiß nicht mehr wie häufig ich die Internetseite des Statistikamtes Nord angewählt habe, bis da endlich die erlösende Nachricht erschien, dass es geklappt hatte.

Der Einzug in die Hamburgische Bürgerschaft und damit verbunden die Tatsache die Menschen aus meinem WahlkreisHarvestehude/Rotherbaum/Hoheluft-West die nächsten vier Jahre parlamentarisch repräsentieren zu dürfen, war für mich dann das Erreichen eines großen Zieles und ein stückweit auch die Erfüllung eines Traums. Endlich durfte ich da mitreden und mitgestalten, wo die großen und wichtigen Entscheidungen für Hamburg und die fast zwei Millionen Menschen in unserer Stadt getroffen werden.

Dass mein Einzug in die Bürgerschaft für mich persönlich eine Herausforderung darstellen würde, war mir dabei von vorneherein klar. Ich wusste, dass ich als „nur“ 27 jährige Frau unter besonderer Beobachtung stehen würde. Das hatte für mich zunächst durchaus positive Auswirkungen: Für die Presse war ich ein gern gesehenes Motiv, dies umso mehr, da ich mit meiner Vergangenheit als Sängerin schon einen gewissen Bekanntheitsgrad bei den Medien hatte. 

 
 

Über mangelnde Aufmerksamkeit von Seiten der Öffentlichkeit konnte ich mich so also zunächst nicht beklagen. 

Schwieriger war da schon der Start in die parlamentarische Arbeit selber. Auch Kolleginnen und Kollegen anderer Parteien waren wie ich darüber überrascht, wie wenig „Starthilfe“ von Seiten der Bürgerschaftskanzlei dabei uns neuen Abgeordneten an die Hand gegeben wurde. Man mag es glauben oder nicht, die Bürgerschaft bietet zwar regelmäßig Führungen für Touristen und Besucher an, für uns neue Abgeordnete gab es aber keine Einweisung, wo was zu finden ist. Natürlich kann man sich das alles sehr schnell selbst erschließen, aber als junge Abgeordnete kommt man sich am Anfang schon manchmal etwas hilflos vor, wenn man durch das große und großartige Hamburger Rathaus irrend nach dem richtigen Sitzungssaal sucht.


Katharina Wolff im Plenarsaal der Bürgerschaft
Auch die parlamentarischen Spielregeln sind am Anfang zum Teil etwas gewöhnungsbedürftig gewesen. Ich glaube, dass alle, die ein parlamentarisches Mandat anstreben vor allem eines machen wollen, nämlich anpacken und eigene Ideen und Vorschläge umsetzen. Dieser Eifer prallt dann aber sehr schnell auf die bändigende Macht der Tagesordnungen von Ausschuss-, Fraktions- und Bürgerschaftssitzungen. Dass die Rednerlisten manchmal doch nicht nach der Größe der Fraktionen abgearbeitet werden, dass man unter „Verschiedenes“ nichts inhaltliches oder thematisches mehr sagen darf, daran muss man sich erst gewöhnen.

Auch wie ich die Mitarbeiterpauschale von 2.600 € verwenden darf, ob ich sie z.B. aufsplitten oder nur an eine Person vergeben darf und wie genau das mit den Verträgen geht wurde nur semi-gut erklärt. Immerhin gibt es vorgefertigte Verträge und es wird einem gesagt wo man sie findet. Und am wichtigsten: Man wird tatsächlich sofort darüber belehrt, dass man keine Verwandten (bis zum 2. Grad) und keine Lebenspartner einstellen darf. Ist also etwas transparenter als in Bayern. 

Abgeordnete sein, heißt also learning by doing.


Katharina Wolff am Rednerpult
Wann darf man Zwischenfragen während einer Rede stellen und geht das von der eigenen Redezeit ab? Welche parlamentarischen Instrumente stehen einem als Abgeordneten eigentlich zur Verfügung? Wie unterscheidet sich beispielsweise eine Schriftliche Kleine Anfrage (SKA) von einer Großen Anfrage (GA) und wie lange hat der Senat Zeit darauf zu antworten? Auch die Frage, welche Gelder einem für das eigene Abgeordnetenbüro zur Verfügung stehen, wofür man die Abgeordnetenpauschale verwenden darf und dass einem beim unentschuldigten Fehlen bei einem Ausschuss gleich das Sitzungsgeld gekürzt wird, sind Dinge die man am Anfang erst lernen muss.

An der einen oder anderen Stelle hätte ich mir gewünscht, dass mir am Anfang mehr Informationen zur Verfügung gestanden hätten. Ich glaube aber, dass die Tatsache als Abgeordnete oder Abgeordneter neu in ein Parlament eingezogen zu sein, so überwältigend ist, dass damit immer auch der Beginn einer Entdeckungsreise verbunden ist, um sich als Mitglied in diese so wichtige und großartige Institution einzufinden.

Ich bin jeden Tag für die vielen Menschen dankbar, die mich dabei unterstützt haben. Meine Kollegen in der Fraktion, aber vor allem aber auch die vielen Mitarbeiter der Fraktion und der Bürgerschaftskanzlei, waren unglaublich hilfsbereit. So hatte ich dann doch, wenn auch nicht ganz von alleine, die nötige Hilfestellung, um mich zurechtzufinden, um dann doch recht schnell mit der inhaltlichen Arbeit beginnen zu können. Dafür habe ich mich schließlich wählen lassen. 


Die Autorin
Mitglied der Hamburgischen Bürgerschaft
MdHB Katharina Wolff (CDU)
Katharina Wolff hat Rechtswissenschaften in Hamburg studiert und ihr Studium als Diplom Juristin 2009 abgeschlossen.

Seit 2010 ist Frau Wolff Mitglied des Bundesvorstands der Jungen Union Deutschlands und sitzt seit Februar 2011 für die CDU als Wahlkreisabgeordnete in der Hamburgischen Bürgerschaft. Hier ist sie Sprecherin für Gleichstellung und Netzpolitik.

Beruflich ist Frau Wolff seit Anfang 2010 Gründungsgesellschafterin und Managing Director von der, auf den Onlinemarkt spezialisierten, Personalberatung Premium Consultants GmbH und hat die Beteiligungsgesellschaft Wolff Ventures GmbH gegründet, mit der sie junge Startups als Business Angel unterstützt.





Dienstag, 14. Mai 2013

Wer kommentiert auf Politiker-Facebook-Profilen?

Facebook ist das beliebteste soziale Online-Netzwerk der deutschen Internetnutzer und ist auch unter deutschen Politikern eine populäre Plattform für Kommunikation im Social Media-Bereich. Nutzer können dort mit Politikern direkt kommunizieren, indem sie deren Statusmeldungen kommentieren. Bisher ist jedoch unklar, wer diese Möglichkeit nutzt und welches Potential Facebook für die politische Kommunikation besitzt. Von zentraler Bedeutung ist dabei, ob es sich bei den Kommentatoren vor allem um Bürger handelt oder ob vor allem andere Anspruchsgruppen von Politikern, wie zum Beispiel Bürgerinitiativen, Verbände oder Unternehmen, diesen Zugang zu Politikern nutzen.

Technische Universität Ilmenau
Logo der TU Ilmenau
Dieser Gastbeitrag von Ann-Christin Nowak basiert auf ihrer Bachelorarbeit am Fachgebiet PR & Technikkommunikation des Instituts für Medien und Kommunikationswissenschaft der TU Ilmenau, die sich der Fragestellung widmete: Wer sind die aktiven Facebook-Nutzer, die auf Profilen von Politikern deren Statusmeldungen kommentieren?

285 zufällig ausgewählte Kommentatoren von 59 Bundestagsabgeordneten und Landtagsabgeordneten wurden mittels einer Inhaltsanalyse ihrer Facebook-Profile, ihrer verfassten Beiträge und der von ihnen kommentierten Politiker-Facebook-Profile untersucht. Die Kommentatoren kommunizierten ausschließlich als Privatpersonen bzw. Bürger mit dem Politiker. Es konnte kein Hinweis darauf gefunden werden, dass Vertreter von Bürgerinitiativen, Verbänden oder Unternehmen diesen Kanal zur Ansprache von Politikern nutzen. Jedoch zeigte sich beim Großteil der Kommentatoren ein Engagement in einer oder mehreren Anspruchsgruppen von Politikern in Form von einem Interesse oder einer Mitgliedschaft.  

Das Engagement der Kommentatoren wurde anhand der angegebenen Interessen, Aktivitäten, Abonnements, „Gefällt mir“-Angaben, den Angaben auf der Info-Seite sowie dem verfassten Beitrag vorgenommen. Weitere Bestandteile des Facebook-Profils, wie zum Beispiel das Foto und der Name, konnten als Kontextinformation herangezogen werden.

Die Kommentatoren engagierten sich am häufigsten in politischen Organisationen (55%) und Parteien (38 %). 

Anspruchsgrupppen u.a. Partei, Wirtschaft, Soziales, Wissenschaft oder Umwelt
Engagement der Kommentatoren in einzelnen Anspruchsgruppen (n=285)

























Bei der Mehrheit der Kommentatoren wurde keine Angabe zur politischen Einstellung auf den Profilen getroffen. Diejenigen Kommentatoren mit einer politischen Einstellung tendierten jedoch vor allem zu den Linken (23 %) und der SPD (22 %). Schlusslicht war Bündnis 90/Die Grünen (12 %). Mit 78 Prozent der Kommentatoren waren es vor allem Männer, die diesen Weg der Kontaktaufnahme mit deutschen Parlamentariern wählen.

Das Durchschnittsalter der Kommentatoren von 46 Jahren spiegelte wider, dass gerade ältere Personen sich eher politisch engagieren. Hinsichtlich der Nutzung sozialer Online-Netzwerke zeigte sich auf der einen Seite, dass eher Personen aus Altersgruppen aktiv sind, die ansonsten einen geringen Anteil der Community-Nutzer ausmachen. Auf der anderen Seite entsprach die parteipolitische Ungebundenheit der Kommentatoren den Nutzern von sozialen Online-Netzwerken. Eine weitere erhobene Eigenschaft der Kommentatoren war deren Anzahl an Facebook-Freunden. Es zeigte sich jedoch keine Tendenz hinsichtlich der Größe des Netzwerks der untersuchten Kommentatoren.

Wurden Kommentatoren und Politiker gemeinsam betrachtet, zeigte sich, dass sowohl bei den Kommentatoren von Landtagsabgeordneten als auch von Bundestagsabgeordneten regionale Nähe zum kommentierten Politiker von großer Bedeutung ist. Ebenfalls kommentierten Nutzer, die eine Parteipräferenz aufweisen, hauptsächlich Politiker ihrer „eigenen“ Partei. Vor allem die FDP-Anhänger blieben unter sich. Dies könnte darauf hindeuten, dass Facebook von parteipolitisch gebundenen Kommentatoren stärker als Plattform für eine Art interne Parteikommunikation genutzt wird.  


 Parteiübereinstimmung von Kommentatoren und Politikern
Die Untersuchung der der inhaltlichen Ebene der Beiträge lässt die Vermutung zu, dass es sich bei den Kommentatoren häufig um private Kontakte des Politikers handelt und auf privaten Profilen vor allem privater Austausch stattfindet.

 

Fazit


Insgesamt hat sich gezeigt, dass hauptsächlich Bürger den Kommunikationskanal Facebook in Form des Kommentierens zur Kontaktaufnahme mit Politikern nutzen. Es konnte nicht ausgemacht werden, dass Facebook auf diese Weise von Unternehmen, Bürgerinitiativen oder Verbänden als Lobbying-Plattform genutzt wird. Facebook birgt demnach durchaus Potential für politische Kommunikation hinsichtlich der direkten Kommunikation zwischen Politiker und deren Zielgruppe der Bürger. Jedoch lassen die Ergebnisse auch darauf schließen, dass es sich bei den Bürgern, die auf Politiker-Facebook-Profilen kommentieren, wahrscheinlich um Personen handelt, die sowieso schon politisch aktiv sind. Zum einen zeigt sich im Vergleich der Kommentatoren sowohl mit Nutzern von sozialen Online-Netzwerken als auch mit Personen, die bestimmte politische Aktivitäten aufweisen, dass die untersuchten Kommentatoren in den Eigenschaften Geschlecht, Alter und politisches Interesse eher den politisch Aktiven entsprechen und weniger den durchschnittlichen Nutzern sozialer Online-Netzwerke.



Die Autorin

Ann-Christin Nowak hat ihre Bachelorarbeit am Institut für Medien undKommunikationswissenschaft (IfMK) der TU Ilmenau geschrieben. Nach ihrem Bachelorabschluss arbeitet sie als Volontärin bei einer Berliner Kommunikationsagentur.