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Donnerstag, 19. Juli 2018

Twitter-Analyse: Wie informieren sich Bundestagsabgeordneten bei Twitter?

Dies ist ein Gastbeitrag von Rainer Faus (Geschäftsführer) und Leonie Schulz (Beraterin) von der Agentur pollytix strategic research. pollytix ist eine Berliner Agentur, die sich auf forschungsbasierte Beratung spezialisiert hat. Der Beitrag ist die Aktualisierung der ersten Twitter-Analyse "Wem folgen die MdB?" vom Dezember 2016. 

Grafik: Twitterquoten der Bundestagparteien (Stand April 2018)
Zum Einstieg ein wenig Statistik. 

73% der Abgeordneten im 19. Deutschen Bundestag haben einen Twitter-Account. Rund 1,6 Millionen Tweets haben alle aktuell gewählten Parlamentarier bisher zusammen gesendet. Durchschnittlich kommen so pro Monat über 30.000 neue Tweets hinzu. Jede*r Abgeordnete hat durchschnittlich 10.000 Follower. Twitter ist somit ein unumstritten wichtiges Kommunikationsinstrument für den Großteil der Abgeordneten. Die Plattform bietet die Möglichkeit, Aufmerksamkeit zu erhalten, Informationen zu teilen, Position zu beziehen oder zu provozieren.

Grafik: Durchschnittliche Anzahl gefolgter Accounts pro Partei
Aber auch als Informationsquelle gehört Twitter zum Alltag vieler MdBs. 647 Accounts folgt jede*r Abgeordnete durchschnittlich. Welche Informationen nehmen sie dort wahr? Welche Quellen sind ihnen wichtig? Wessen Beiträge wollen sie nicht verpassen und gibt es unterschiedliche Präferenzen in den verschiedenen Fraktionen? Um diese Fragen zu beantworten, analysieren wir, wem die Abgeordneten bei Twitter folgen. 

Dieser Beitrag aktualisiert und erweitert damit gleichzeitig die Analyse des Twitter-Verhaltens des alten 18. Deutschen Bundestages von Martin Fuchs und SPIEGEL ONLINE. Er wirft einen Blick auf die Verschiebungen in den Popularitätslisten, welche durch 1,5 Jahre, zwei neue Fraktionen und über 160 zusätzliche MdB eingetreten sind. 

Wer twittert? 


Aktuell sind 520 von 709 Parlamentariern mit einem Account bei Twitter vertreten, die Twitter-Quote des Bundestags liegt somit bei 73%. Die twitternden MdBs verteilen sich nicht gleichmäßig über alle Parteien. Spitzenreiter sind die Grünen mit einer Twitterquote von 94%. Das Schlusslicht bilden die Unionsparteien (CSU: 57%/CDU: 51%).

Wie vielen Accounts wird gefolgt? 


Durchschnittlich folgen die Abgeordneten jeweils 647 Accounts. Der Durchschnittswert streut erneut zwischen den Parteien. Abgeordnete der Grünen folgen mit 975 Accounts im Durchschnitt den meisten, CSU-Abgeordnete mit 345 Accounts den wenigsten. Neun Abgeordnete folgen (bislang) niemandem und gehen somit nicht in die Analyse mit ein. 

Wem folgen die Abgeordneten? 

Grafik: Aus welchen Bereichen kommen die meistgefolgten Accounts?

Unter den 100 wichtigsten Quellen befinden sich vor allem Twitter-Accounts von Medien (47), von anderen Politiker*innen (37), von Partei- und Regierungsorganisationen (15) sowie der DGB. 

An der Spitze der meistgefolgten Accounts steht Regierungssprecher Steffen Seibert. 318 MdBs (61%) folgen ihm. 6 Plätze unter den Top10 nehmen klassische Nachrichtenangebote ein: Tagesschau, Spiegel Online/Spiegel Eilmeldungen, SZ, Zeit Online und Welt. Von den twitternden Politiker*innen haben es nur Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) und der ehemalige Vizekanzler Sigmar Gabriel (SPD) ins Ranking geschafft. Mit @spdbt ist auch ein Fraktionsaccount unter den Top10 vertreten. 246 Abgeordnete folgen ihm, weniger als die Hälfte davon sind Abgeordnete der SPD. Auch für MdBs anderer Parteien ist der Fraktionsaccount somit eine relevante Twitter-Quelle. 

Im Vergleich zu den meistgefolgten Accounts des alten. 18. Bundestages zeigt sich trotz der über 160 hinzugekommenen twitternden Abgeordneten nur wenig Verschiebung. Auch im alten Twitter-Bundestag lagen Regierungssprecher, Medienangebote sowie Sigmar Gabriel und Peter Altmaier im Top10-Ranking. Herausgefallen aus den Top10 sind Ex-SPD-Fraktionschef Thomas Oppermann und Staatsministerin Dorothee Bär (CSU). 


Wem folgen die Abgeordneten einzelner Parteien?


Beim Follower-Verhalten der einzelnen Parteien fällt jeweils die starke Fokussierung auf die eigene Partei auf: Fraktions-und Parteiaccounts sowie Spitzenpolitiker*innen aus den eigenen Reihen dominieren die parteiinternen Rankings. 

Lediglich bei CDU und CSU finden sich mit Regierungssprecher Steffen Seibert und Tagesschau sowie bei den Linken mit Neues Deutschland jeweils parteifremde Accounts in den Top10. Bei CDU, CSU und FDP findet sich zudem die jeweilige Jugendorganisation in den Listen, bei AfD und FDP sind zudem jeweils Accounts der Landesverbände aus NRW (@fdp_nrw, @AlternativeNRW) dabei.


Top 10
Was sind die meistgefolgten Accounts der CDU-MdB?
Neben dem Fraktions-, dem Partei-Account und dem Account der Jungen Union stehen auch einige Personen-Accounts hoch im Kurs bei den Abgeordneten der CDU: Staatssekretär und Ex-Generalsekretär Dr. Peter Tauber folgen 84% aller Abgeordneten der eigenen Partei, Wirtschaftsminister Peter Altmaier, Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner und Gesundheitsminister Jens Spahn folgen fast ebenso viele. Interessanterweise sind auch Ex-Gesundheitsminister Hermann Gröhe und der Erste parlamentarische Geschäftsführer der CDU/CSU-Fraktion Michael Grosse-Brömer wichtige Quellen der CDU-Abgeordneten.  

Top 10
Was sind die meistgefolgten Accounts der CSU-MdB?

Von den 26 twitternden CSUler im Deutschen Bundestag folgen fast alle Aktiven auch den gleichen zehn Accounts im Top 10-Ranking. Spannend: Ministerpräsident Markus Söder ist nicht bei den Top-Accounts dabei, dafür aber die stellvertretende Ministerpräsidentin Ilse Aigner, als auch die Ex-MdB Dagmar Wöhrl und Katrin Albsteiger. Letztere hat seit Oktober 2017 nicht mehr getwittert. Auch der netzpolitische Verein der Partei @CSU_net und die CSU-Landtagsfraktion scheinen wichtigere Quellen zu sein als der Ministerpräsident. 
Was sind die meistgefolgten Accounts der SPD-MdB?
Wer hätte das gedacht? Der ehemalige Kanzlerkandidat der SPD steht bei den eigenen Abgeordneten weiterhin hoch im Kurs. 84% der SPD-MdB folgen Martin Schulz weiterhin bei Twitter. Mehr als den aktuellen SPD-Minister*innen der GroKo. Im Ranking sind Hubertus Heil, Katarina Barley und Heiko Maas vertreten. Auch dem Generalsekretär Lars Klingbeil und dem Hamburger Viel-Twitterer Johannes Kahrs folgen fast 100 Bundestagsgenossen.
Was sind die meistgefolgten Accounts der AfD-MdB?

Fast alle twitternden AfD-Bundestagsabgeordneten folgen der Partei und der Fraktion. Aber auch das Mitgliedermagazin @AfDKompakt großer Beliebtheit. Diese hohe Folgequote die sich von den anderen Parteien unterscheidet ist eventuell damit erklärbar, das nach der Wahl viele MdB-Accounts von der Fraktion proaktiv angelegt wurden und erst sukzessive an die MdBs übergeben wurden. Bis dahin wurden sie von der Fraktion geführt und gepflegt. Mit Guido Reil ist auch ein AfD-Politiker unter den meistgefolgten, der weder im Bundestag, noch im Landtag für die Partei sitzt, aber intern ein großes Gewicht zu haben scheint.





Was sind die meistgefolgten Accounts der FDP-MdB?
Die FDP und auch die FDP-Fraktion sind Christian Lindner und Christian Linder ist die FDP. Nicht überraschend folgen dem größten FDP-Account auch mehr MdB als der eigenen Partei und der eigenen Fraktion. 92 % wollen nicht verpassen was der Parteichef und sein Team twittern. Neben einigen prominenten Abgeordneten, wie dem Ersten parlamentarischen Geschäftsführer Marco Buschmann oder der Generalsekreärin Nicola Beer und MdB Otto Fricke findet sich im Ranking auch der rheinland-pfälzische Minister Volker Wissing und der Account der Landes-FDP aus NRW.





Was sind die meistgefolgten Accounts der Linke-MdB?

Die wichtigsten Informationsquellen der Linken-Abgeordneten sind Partei, Fraktion, die Fraktionschefin als auch die Parteivorsitzenden. Überraschender ist dagegen, dass der parteinahen Zeitung "Neues Deutschland" neun von zehn MdB folgen. Dies ist bei keiner anderen Partei so. Neben den bekannten Talkshow-gästen und Parteipromis gibt es mit den MdB Christine Buchholz, Petra Sitte und Niema Movassat auch einige unbekanntere Gesichter im Ranking, die aber parteiintern wichtige Informationsquellen zu sein scheinen.






Was sind die meistgefolgten Accounts der Grünen-MdB?
Ähnlich wie bei der CSU folgen auch bei den Grünen fast alle aktiven Bundestags-Twitterer den wichtigsten Accounts im Ranking. Dabei scheinen die neuen Parteivorsitzenden MdB Annalena Bearbock und Robert Habeck genauso wichtig, wie Partei und Fraktion. Aber auch Politiker*innen aus der zweiten Reihe wie die Fraktionsvize Katja Dörner, Agnzieszka Brugger, Konstantin von Notz, Oliver Krischer und der haushaltspolitischer Sprecher Sven Kindler gehören neben der Fraktionsspitze zum festen Informationsrepertoire der Abgeordneten. Auch wenn die Alphatiere Cem Özdemir und Jürgen Trittin offiziell keine wichtigen Positionen mehr begleiten wird auf deren Meinung weiterhin gehört.

 

 

Welchen Medien folgen die Abgeordneten?  

 

Grafik: Was sind die meistgefolgten Medien-Accounts der MdB?

Medienangebote stellen einen großen Teil der meistgefolgten Twitter-Accounts. Die wichtigste Quelle darunter ist die Tagesschau. 309 MdBs (59%) folgen ihr bei Twitter. Dahinter rangieren vor allem Printmedien mit hoher Reichweite und deren Online-Formate. Aber auch der Sender ZDF und die Nachrichtenagentur dpa sind unter den 10 meistgefolgten Medienaccounts von MdBs zu finden. 

Einen detaillierten Blick auf die wichtigsten Informations-quellen ermöglicht die Betrachtung der Medien nach einzelnen Kategorien. Die Zuordnung erfolgt mit Blick auf das hinter dem Account steckende „Muttermedium“. Beispielsweise wird Zeit Online nicht als Onlineangebot sondern als Wochenzeitung eingeteilt.

Die Followerzahlen zeigen, dass öffentlich-rechtliche Angebote sowie Tages- und Wochenzeitungen eine wichtigere Rolle für die MdBs spielen als private Rundfunkangebote. Abgesehen von n-tv wird anderen Privatrundfunkangeboten kaum bei Twitter gefolgt. Bei den Online-Only Angeboten stehen Blogs und Accounts, die Wahlumfragen veröffentlichen, hoch im Kurs. Auch der Satire-Account Postillon ist unter den beliebtesten Angeboten vertreten. 

Grafiken: Meistgefolgte Accounts des öffentlich-rechtlichen Rundfunks im Vergleich zu privatem Rundfunk
Grafiken: Meistgefolgte Accounts Tageszeitungen und Wochenzeitungen/Zeitschriften im Vergleich

Grafik: Meistgefolgte Accounts Online-only/Blogs
Bei den Blogs und "Online-only"-Medien dominieren nicht überraschend politische und teilweise sehr fachspezifische Angebote wie @wahlrecht_de, @btwahltrend (Disclaimer: Ein Angebot der pollytix GmbH), @a_watch, @wahl_de, @politik_digital und @bundestagsradar in den Top 10.

Mit @netzpolitik und @bildblog finden sich aber auch zwei der meistgelesenen Blogs des Landes darunter. Immerhin knapp 29% aller Abgeordneten interessieren sich für netzpolitische Updates. Netzpolitik ist also immer mehr im politischen Mainstream angekommen.  



  
Auch bei der Betrachtung innerhalb der Parteien dominieren Accounts von Tages- und Wochenzeitungen sowie öffentlich-rechtliche Angebote. Bei AfD, CSU und SPD tauchen zusätzlich die parteizugehörigen Zeitungen AfD Kompakt, Bayernkurier und Vorwärts in der Top-Liste der entsprechenden Partei auf. 

Auch parteiübergreifende Filterblasen werden am Beispiel von Bild-Zeitung und Die Tageszeitung (taz) deutlich. Die Bild-Zeitung taucht im Top-Medien-Ranking von CDU, CSU, FDP und AfD auf, nicht aber bei SPD, Grünen und Linken. Hier ist wiederum jeweils @tazgezwitscher unter den meistgefolgten Medien vertreten.

Grafik: Meistgefolgte Medien-Accounts auf Twitter von CDU- und CSU-Abgeordneten

Grafik: Meistgefolgte Medien-Accounts auf Twitter von SPD- und AfD-Abgeordneten

Grafik: Meistgefolgte Medien-Accounts auf Twitter von FDP- und Linke-Abgeordneten






















































Meistgefolgte Medien-Accounts der Grünen-Abgeordneten







 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Welchen Journalist*innen und Blogger*innen wird gefolgt?


Neben den Twitter-Accounts der Medienangebote spielen auch die Accounts einzelner Journalist*innen und Blogger*innen eine zentrale Rolle für die MdBs. 

Die meistgefolgten Journalist*innen/Blogger*innen der MdB
Auf das größte Interesse stoßen die Accounts von Jan Böhmermann und Sascha Lobo - beides keine klassischen Journalisten, eher Publizisten und Entertainer. Dahinter rangieren vor allem Journalist*innen aus den Print- und Onlinemedien sowie mit Dunja Hayali eine Fernsehjournalistin.

Unter den Top 10 befinden sich Journalist*innen von WELT (2), SPIEGEL ONLINE (2), BILD am Sonntag (1), Tagesspiegel (1), freitag (1) und dem ZDF (1).  

 
Betrachtet man nun die Parteien wieder individuell werden wieder klare Unterschiede zwischen den Parteien deutlich. In den Listen der CDU- und FDP-Abgeordneten dominieren aktuelle oder ehemalige Journalist*innen des Axel Springer Verlags, darunter Kai Diekmann, Robin Alexander, Miriam Hollstein und Ulf Poschardt. 

Bei Abgeordneten von Grünen, Linken und SPD streut die Liste der meistgefolgten Accounts stärker. Bei den Grünen sind beispielsweise auch ein taz-Redakteur (UlrichSchulte) und Zeit-Redakteurinnen (Lisa Caspari und Mariam Lau) zu finden. Meistgefolgt von den Linken wird der ehemalige Chefredakteur von Neues Deutschland, Tom Strohschneider. Aber auch Jung&Naiv-Chefredakteur Tilo Jung wird von über 40% der Linken-MdBs bei Twitter gefolgt und landet im Top10-Ranking. Für Abgeordnete der CSU sind zusätzlich die Accounts der Redakteure regionaler Medien wichtig: Meistgefolgt von ihnen ist Christian Deutschländer, Chefredakteur vom Münchner Merkur. 

Grafik: Meistgefolgte Journalist*innen/Blogger*innen von CDU- und CSU-Abgeordneten
Meistgefolgte Journalist*innen/Blogger*innen von FDP- und Linke-Abgeordneten

Grafik: Meistgefolgte Journalist*innen/Blogger*innen von SPD- und AfD-Abgeordneten



Meistgefolgte Journalist*innen/Blogger*innen von Grünen-MdB
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Welchen Interessenvertretungen folgen die MdB? 


Die meistgefolgten Interessenvertretungen der MdB
Mit dem DGB hat es auch eine Gewerkschaft in die Liste der 100 meistgefolgten Accounts der MdBs geschafft. Andere Interessenvertretungen, denen viele Abgeordnete bei Twitter folgen, sind u.a. ver.di, Greenpeace, Campact und IG Metall. 

Aus den Reihen der parteinahen Stiftungen hat es nur die grünen-nahe Heinrich-Böll-Stiftung ins Ranking geschafft. Nicht mehr in der Top10 Liste, aber auch häufig gefolgt werden die Friedrich-Ebert-Stiftung (73) und die Konrad-Adenauer-Stiftung (64). Dahinter rangieren im Ranking der parteinahen Stiftungen die Rosa-Luxemburg-Stiftung (56), Friedrich-Naumann-Stiftung (53) und Hanns-Seidel-Stiftung (22). 

Mit Lobbycontrol folgen immerhin 14% aller twitternden Parlamentarier der NGO, die sich für Transparenz im Lobbyismus einsetzt. Ironischerweise ist sie damit also eine der wichtigsten Interessenvertretungs-Informationsquellen der MdB. 

In den Top 10 sind weder ein (Wirtschafts-)verband noch ein Unternehmen vertreten.

 
Die meistgefolgten Wirtschaftsverbände der MdB
Bei den Interessenvertretungen aus dem Bereich Wirtschaft steht der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) an der Spitze, gefolgt vom Verband der Familienunternehmer sowie dem Verband der Jungen Unternehmer. 















 

Welchen Unternehmen folgen die MdB?  


 
Die meistgefolgten Unternehmen der MdB auf Twitter
Die Twitter-Accounts von Unternehmen spielen für die Abgeordneten im Vergleich zu Interessenvertretungen nur eine untergeordnete Rolle. Unter den Top10 sind mehrere Unternehmen, die bei Twitter Zahlen aus Meinungs- und Wahlforschung präsentieren (infratest dimap, pollytix, YouGov). Darüber hinaus schaffen es nur wenige Wirtschaftsunternehmen, eine Vielzahl an Followern aus dem Bundestag anzuziehen.
 

Relevanter sind im Bereich Wirtschaft und Public Affairs die Accounts einzelner Lobbyisten oder Geschäftsführer, darunter Axel Wallrabenstein (105), Christian Wohlrabe (62), Nico Lumma (62) oder Dietrich von Klaeden (55).



Weitere beliebte Accounts der MdBs sind die Polizei Berlin (88) sowie Polizei Berlin Einsatz (78), Kabarettist Dieter Nuhr (82), Papst Franziskus (77), Klaus Müller, Vorstand des Verbraucherzentrale Bundesverbands (75), die Deutsche Nationalmannschaft (72), Pro Asyl (72) und Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (71).


Die Analyse zeigt, dass das viel diskutierte Problem der Filter-Bubbles auch im Twitter-Bundestag eine große Rolle spielt. Die MdBs folgen vor allem Accounts aus den eigenen Reihen. Auch bei den gefolgten Medien, Journalist*innen und Blogger*innen zeigen sich deutliche Parteipräferenzen. Dies führt zu Timelines, die vor allem die eigene politische Haltung wiederspiegeln und verstärken – ein Faktor, der sich auch auf die politische Arbeit auswirken könnte.



Autor*innen

Rainer Faus
Rainer Faus, ist Gründer und Geschäftsführer von pollytix strategic research, einer in Berlin ansässigen Agentur für forschungsbasierte Beratung und ist spezialisiert auf Meinungsforschung, Kampagnen und Wahlkampf. In den letzten 10 Jahren hat er an mehr als 30 Wahlkämpfen in Deutschland, Asien, Australien und Neuseeland mitgewirkt.
  
Twitter: @rainerfaus

 

 

 

 



Leonie Schulz
Leonie Schulz, ist Beraterin bei pollytix strategic research. Hier ist sie vor allem für quantitative Forschungsprojekte und Analysen verantwortlich und berät Parteien, Verbände und Unternehmen.

Twitter: @pollytix_gmbh








 

Montag, 30. Oktober 2017

Die Kampagne ist nicht vorbei

Dies ist ein Gastbeitrag von Daniel Mack, Berater für Public Affairs und Kommunikation bei 365 Sherpas Corporate Affairs & Policy Advice in Berlin. Der Beitrag ist dem Buch "Wahlanalyse 2017 – Strategie. Kampagne. Bedeutung.“ (Herausgeber: Jan Böttger, Prof. Mario Voigt, Ralf Güldenzopf) entnommen, dass die Bundestagswahl und den Wahlkampf 2017 in 23 Artikeln umfassend analysiert. Mehr Informationen zum Buch & download unter https://www.wahlanalyse2017.de.


Die starke Machtverschiebung in der Medienlandschaft von klassischen Medien hin zu Social Media macht es Populisten noch einfacher, ihre schnell geschaffenen Communitys zu aktivieren, um erfolgreich zu sein. Trump und Brexit haben das gezeigt, die vergangene Bundestagswahl ebenfalls. Vor allem in Ostdeutschland.

Jan Böttger, Mario Voigt, Ralf Güldenzopf
www.wahlanalyse2017.de
Nach den erwähnten Ereignissen in 2016 konnten es sich die etablierten Parteien 2017 nicht mehr leisten, einen Wahlkampf mit konservativen Methoden zu führen. Politikerinnen und Politiker haben in den vergangenen Wochen Zeit und Geld in ihre digitalen Kanäle investiert. Parteien haben kurzfristig Personal eingestellt, um Zitate des Spitzenpersonals auf farbige Hintergründe zu setzen und möglichst schnell in Social-Media-Kanäle zu posten. Vom TV-Duell bis zur Kandidatenbefragung in Dritten Programmen wurden sämtliche Auftritte live begleitet. Erfolgreich war das höchstens in der Parteibubble, aktiviert haben diese Posts wohl nicht mal die Kernanhängerschaft und mit digitaler Strategie hat das wenig zu tun. Der Zeitraum war zu kurz, der Stil nicht echt, die Kommunikation zu glatt. Die Politik der Etablierten wirkte im Netz so unnahbar wie eh und je.

Es gibt keine wahlkampffreien Zeiten 


Und just am Tag nach der Wahl ist die Kampagne vorbei. Danke-Plakate in Großstädten, Danke-Posts im Netz. Ein Fehler. Die moderne Kampagne hätte jetzt den Übergang in die nächste Phase gestartet. Denn wahlkampffreie Zeiten gibt es in der digitalisierten Gesellschaft nicht mehr.

Menschen haben Fragen und die Politik eine Pflicht zu antworten. Einmischung ist dabei keineswegs eine Bedrohung und auch nicht immer Ausdruck einer Dagegen-Haltung, sondern sollte als Bereicherung verstanden werden. Pure Präsenz und in regelmäßigen Abständen vom Team Beiträge veröffentlichen zu lassen, reichen dabei aber nicht aus. Die alten Wege der Einbahnstraßen-Kommunikation funktionieren im Netz nicht.

Christian Lindner hat verstanden 


Livevideo Christian Lindner (FDP)
Wer bei der nächsten Wahl in vier Jahren erfolgreich sein will, sollte sich an einem orientieren, der in den vergangenen Jahren ganz bewusst einen anderen Weg gegangen ist und damit 2017 gewonnen hat. Im Mai in Nordrhein-Westfalen und am 24. September im Bund. Über 2.500 Zuschauer gleichzeitig hatte FDP-Vorsitzender Christian Lindner zuletzt bei seinen Facebook-Live-Sessions. Weit mehr als vor Ort in Liberalen-Hochburgen wie Düsseldorf. Lindners größte „Kundgebungen" in diesem Wahlkampf fanden online statt. Sein Ansatz, die Dialoge auf Facebook anzukündigen, Fragen live und ungeschnitten zu beantworten, ist so einfach wie richtig. Lindner ist erfolgreich, weil er diese Dialoge regelmäßig anbietet, andere Formate ähnlich locker produziert, Fragen spontan aufgreift und seinen Dialog komplett ungeskriptet durchführt. Richtig genutzt ist Social Media ein fortlaufender Austausch vor Publikum im Netz. Mit anderen Politikern, mit Journalisten, mit Lobbygruppen, mit Bürgerinnen und Bürgern. Das ist echt und schafft Nähe. Solche ernst gemeinten Dialoge, die nicht einseitig, sondern mit der Bevölkerung geführt werden, sind ein Weg, um deutlich zu machen, dass es zur offenen Gesellschaft keine Alternative gibt, dass Hass keine Probleme löst.

Menschen begegnen, wo sie unterwegs sind 


Dieser offene Dialog mit interessierten Bürgern und der digitale Austausch mit Stakeholdern muss intensiviert werden. Parteien sind gerade nach dem Ergebnis der Bundestagswahl gut beraten, weiter in institutionalisiertes Web-Monitoring zu investieren, um früh Themen und Interessen wahrzunehmen, zu analysieren und schnell, aber klug mit Maßnahmen und Aktionen reagieren zu können. Moderne Kommunikation kann auf Big Data nicht verzichten. Die Politik muss sich die Mühe machen, herauszufinden, welche Probleme enttäuschte Menschen wirklich bewegen und ihnen dort begegnen, wo sie unterwegs sind. In der digitalen Fußgängerzone Facebook ebenso wie in Innenstädten. Warum stellt sich der Minister nicht auch während der Legislaturperiode in „ask me anything“ Formaten auf Marktplätzen den Fragen der Bevölkerung? Wieso hält Angela Merkel eine bedeutende Rede zur Zukunft Europas nicht ganz bewusst vor Ort umringt von Menschen? Warum erklären Parteien Gesetzesvorlagen nicht an Infoständen im direkten Austausch mit den Menschen?

Die Hoffnung eines neuen Politikstils realisieren 


Mehr denn je brauchen wir heute Dialoge zwischen der Bevölkerung und der Politik. Dazu braucht es Nähe und die Offenheit für neue Wege und alternative Kommunikationsformen, um die Bürgerinnen und Bürger anzuhören und ihnen auf Augenhöhe zu begegnen und mit ihnen zu kommunizieren. Es gibt keinen besseren Weg, Akzeptanz und Vertrauen für das demokratische System und die getroffenen Entscheidungen zu schaffen, als die Betroffenen selbst einzubeziehen und Transparenz zu schaffen. Der digitale Dialog ist eine große Bereicherung für unsere demokratische Kultur.

Eine mögliche Jamaika-Koalition könnte sich genau das zur Aufgabe machen. Einen Koalitionsvertrag im Dialog mit den Bürgerinnen und Bürgern und im engen Austausch mit Interessengruppen umsetzen. Viele Menschen hoffen auf einen neuen Politikstil, Dialog auch während der Legislaturperiode, neue Formen der Beteiligung und ein Ende des Regierens von oben herab.


Autor 

Berater für Public Affairs und Kommunikation
Daniel Mack ist Berater für Public Affairs und Kommunikation bei 365 Sherpas Corporate Affairs & Policy Advice in Berlin und früherer hessischer Landtagsabgeordneter für Bündnis 90/Die Grünen. Er berät Marken, Persönlichkeiten, Organisationen und Politik bei Strategien für digitale Kommunikation und veröffentlicht als Autor Beiträge bei diversen Medien.








Donnerstag, 30. März 2017

Coworking für die Demokratie - neue Ansätze in der politischen Kommunikation

Dies ist ein Gastbeitrag von Dr. Maren Jasper-Winter (FDP). Seit der Abgeordnetenhauswahl 2016 ist sie Mitglied des Berliner Abgeordnetenhauses und vertritt dort den Wahlkreis Berlin-Mitte. Sie sitzt im Petitionsausschuss und vertritt die Fraktion im Berliner Beirat für Familienfragen. Im Gastbeitrag beschreibt sie die Beweggründe für die Standortauswahl und den Change Prozess der Freien Demokraten.

Screenshot
Webseite Dr. Maren Jasper-Winter
Eine lebendige Demokratie lebt von einer aktiven Bürgergesellschaft. Dafür ist das Gespräch von Mensch zu Mensch unabdinglich. Nur so können unterschiedliche Ansichten und Interessen in der politischen Willensbildung berücksichtigt werden. Noch nie hatten die Wählerinnen und Wähler mehr Möglichkeiten, direkt mit ihren Gewählten in einen Austausch zu treten. Alle vier oder fünf Jahre stehen die Parteien und ihre Personen auf der Probe - haben sie im Parlament ihre Positionen vertreten und den Anliegen ihrer Anhänger eine Stimme gegeben? Konnten sie in den Wahlkampagnen erfolgreich für die Erneuerung des Mandats werben?

Die Faktoren für ein gutes Stimmenergebnis sind vielfältig. Parteistrategen und Campaigner stehen dabei grundsätzlichen Veränderungen gegenüber. Die langfristige Parteibindung nimmt ab und die Anzahl der Wechselwähler steigt. Hinzu kommt, dass sich immer mehr Menschen erst spät entscheiden, wo sie ihr Kreuz machen. Wahlauswertungen zeigen, dass zuletzt bei der Wahl zum Abgeordnetenhaus von Berlin knapp die Hälfte der FDP-Wähler sich erst kurz vor oder direkt am Wahltag festlegten. Mit nur wenigen Ausnahmen lässt sich festhalten, dass sich Trends durch Kampagnen verstärken aber nicht komplett umkehren lassen.

Wie baut man also Vertrauen in die eigene Problemlösungskompetenz auf, wie und wo entstehen Räume für einen Dialog auf Augenhöhe?

Die Freien Demokraten haben vor drei Jahren einen Leitbildprozess gestartet, der zur Klärung der eigenen Identität und der Verständigung über die gemeinsamen Werte und Programmatik beitragen sollte. Unter dem Motto #GermanMut wurde deutlich, dass wir für Optimismus, Weltoffenheit und Lösungsorientierung stehen. 
Diese Attribute beziehen sich sowohl auf unsere Inhalte als auch auf unser Auftreten, das durch einen optischen Relaunch unterstrichen wurde. Die Zeit in der außerparlamentarischen Opposition (APO) hat die Partei auf allen Ebenen verändert. Vielerorts war APO weniger ein schleunigst zu verändernder Status, sondern auch eine Geisteshaltung. Neue Themen wurden angegangen, alte Gewohnheiten hinterfragt und neue Wege der politischen Kommunikation beschritten.

Gerade als kleine Partei mit begrenzten finanziellen Ressourcen setzen wir auf Neue Medien und innovative Formate. Allen voran der Bundesvorsitzende Christian Lindner bespielt die Klaviatur der Sozialen Netzwerke; nur wenige Politiker in Deutschland können mit seinen Reichweiten bei Facebook, Twitter und Instagram mithalten. Seine Wutrede im nordrhein-westfälischen Landtag, in der er für eine Gründerkultur in Deutschland wirbt, wurde millionenfach auf YouTube und Facebook angeschaut.



Im zurückliegenden Wahlkampf hatten die FDP Berlin und unser Spitzenkandidat Sebastian Czaja nicht nur erfolgreich und nachhaltig das Thema Tegel gesetzt, sondern auch verschiedene Guerilla-Maßnahmen und eine viel und international beachtete Startup-Kampagne durchgeführt. Zum Kick-Off wurde ein Plakat mit dem Slogan "Dear start-ups, keep calm and move to Berlin." durch London gefahren. Für weniger als 2.000 Euro wurden über 200 Millionen Mediakontakte mit einem Mediagegenwert von sechs Millionen Euro erzielt (Siehe auch politik & kommunikation).

Die Themen Gründergeist und Startups wurden so erfolgreich mit modernen Kommunikationsmitteln verknüpft, die Offenheit für neue Technologien und Digitalisierung als Chance glaubhaft vermittelt.

Ein Beitrag geteilt von Christian Lindner (@cl2017) am

Mit dieser Haltung und dem Kampagnenclaim “Zeit für das nächste Berlin” wurden die Freien Demokraten am 18. September 2016 mit 6,7 Prozent wieder in das Abgeordnetenhaus von Berlin gewählt.

Der FDP-Bezirksverband Mitte hatte im Wahlkampf Räume geschaffen, die niedrigschwellig und lokal Ort und Anlass für inhaltliche Diskussionen waren. Es wurde extra ein Pop-Store als Wahlkampfladen eröffnet, in dem sich Freiwillige trafen und Veranstaltungen stattfanden. Eingebettet in Social Media haben wir Politik unmittelbarer und erlebbar gemacht, damit beide Seiten ihre Anliegen bzw. Positionen einander vortragen und in den Dialog treten können. Online und offline gingen Hand in Hand. Und die lokale Sichtbarkeit wurde honoriert. In meinem Wahlkreis in Mitte, in dem sich auch der Popup-Store befand, haben wir sehr gut abgeschnitten. Es war also nur folgerichtig, dass mein neues Wahlkreisbüro in dem Kiez liegen sollte, in dem ich seit 18 Jahren wohne. Hier möchte ich ansprechbar sein.

Foto von Schribtischen und Stühlen
Coworking Space WE’RE ALL IN
Die Idee eines Wahlkreisbüros ist es, Barrieren abzubauen und auch Impulse aus dem Umfeld aufzunehmen. So bezog ich schon wenige Wochen nach der Wahl in der Torstraße mein eigenes Wahlkreisbüro in einem Coworking-Space "WE´ RE ALL IN". Das hat für mich viele Vorteile: Ich war sofort arbeitsfähig, mehr als einen Laptop und eine Kaffeemaschine hatte und brauchte ich nicht. Wie in der Gründungsphase eines Unternehmens war ich ohnehin damit beschäftigt, Mitarbeiter einzustellen, Formalia mit der (sehr hilfsbereiten!) Verwaltung des Abgeordnetenhauses zu klären und mich an den neuen Arbeitsalltag zu gewöhnen.

Box von Maren Jssper-Winter im Coworking Space
In meiner Box im Coworkingspace verfüge ich über zwei Schreibtische und kann darüber hinaus die komplette Infrastruktur nutzen, seien es die Konferenzräume für Arbeitssitzungen und Workshops mit bis zu 30 Personen oder größeren Events mit hundert Leuten. Demnächst eröffnet hier auch ein Café, in dem ich dann Bürgersprechstunden (deutsch und englisch) anbiete. Meine Mitarbeiter und ich haben hier ein lebendiges und inspirierendes Umfeld, um uns herum arbeiten Solo-Selbständige und Startups aus der Tech-Branche, manche mieten sich die Schreibtische tageweise. Man kommt leicht ins Gespräch. Das passt zu Mitte und das passt zu den Freien Demokraten.

Das Wahlkreisbüro ist also Ausgangspunkt für meine politische Arbeit, über die ich schon heute regelmäßig mit kurzen Facebook-Videos z.B. aus dem Abgeordnetenhaus, einem Newsletter und demnächst (wieder) verstärkt via Twitter berichte. Diesen offenen und vernetzten Ansatz werde ich weiter verfolgen - online und offline. Mein Ziel ist es, dass ich leicht zugängliche Angebote und Formate schaffe, damit ich mich für die Menschen in Mitte einsetzen kann.




Autorin

Portrait Jasper-Winter
Dr. Maren Jasper-Winter
Dr. Maren Jasper-Winter ist bei der Wahl am 18. September 2016 als Spitzenkandidatin der FDP Berlin-Mitte über die Bezirksliste in das Abgeordnetenhaus von Berlin eingezogen. In ihrem Wahlkreis (Mitte 1) erreichte sie 8,7 Prozent der Erststimmen und 10,8 Prozent der Zweitstimmen. Jasper-Winter ist die erste Berliner Abgeordnete, die ihr Wahlkreisbüro in einem Coworking Space bezogen hat.