Montag, 30. Oktober 2017

Die Kampagne ist nicht vorbei

Dies ist ein Gastbeitrag von Daniel Mack, Berater für Public Affairs und Kommunikation bei 365 Sherpas Corporate Affairs & Policy Advice in Berlin. Der Beitrag ist dem Buch "Wahlanalyse 2017 – Strategie. Kampagne. Bedeutung.“ (Herausgeber: Jan Böttger, Prof. Mario Voigt, Ralf Güldenzopf) entnommen, dass die Bundestagswahl und den Wahlkampf 2017 in 23 Artikeln umfassend analysiert. Mehr Informationen zum Buch & download unter https://www.wahlanalyse2017.de.


Die starke Machtverschiebung in der Medienlandschaft von klassischen Medien hin zu Social Media macht es Populisten noch einfacher, ihre schnell geschaffenen Communitys zu aktivieren, um erfolgreich zu sein. Trump und Brexit haben das gezeigt, die vergangene Bundestagswahl ebenfalls. Vor allem in Ostdeutschland.

Jan Böttger, Mario Voigt, Ralf Güldenzopf
www.wahlanalyse2017.de
Nach den erwähnten Ereignissen in 2016 konnten es sich die etablierten Parteien 2017 nicht mehr leisten, einen Wahlkampf mit konservativen Methoden zu führen. Politikerinnen und Politiker haben in den vergangenen Wochen Zeit und Geld in ihre digitalen Kanäle investiert. Parteien haben kurzfristig Personal eingestellt, um Zitate des Spitzenpersonals auf farbige Hintergründe zu setzen und möglichst schnell in Social-Media-Kanäle zu posten. Vom TV-Duell bis zur Kandidatenbefragung in Dritten Programmen wurden sämtliche Auftritte live begleitet. Erfolgreich war das höchstens in der Parteibubble, aktiviert haben diese Posts wohl nicht mal die Kernanhängerschaft und mit digitaler Strategie hat das wenig zu tun. Der Zeitraum war zu kurz, der Stil nicht echt, die Kommunikation zu glatt. Die Politik der Etablierten wirkte im Netz so unnahbar wie eh und je.

Es gibt keine wahlkampffreien Zeiten 


Und just am Tag nach der Wahl ist die Kampagne vorbei. Danke-Plakate in Großstädten, Danke-Posts im Netz. Ein Fehler. Die moderne Kampagne hätte jetzt den Übergang in die nächste Phase gestartet. Denn wahlkampffreie Zeiten gibt es in der digitalisierten Gesellschaft nicht mehr.

Menschen haben Fragen und die Politik eine Pflicht zu antworten. Einmischung ist dabei keineswegs eine Bedrohung und auch nicht immer Ausdruck einer Dagegen-Haltung, sondern sollte als Bereicherung verstanden werden. Pure Präsenz und in regelmäßigen Abständen vom Team Beiträge veröffentlichen zu lassen, reichen dabei aber nicht aus. Die alten Wege der Einbahnstraßen-Kommunikation funktionieren im Netz nicht.

Christian Lindner hat verstanden 


Livevideo Christian Lindner (FDP)
Wer bei der nächsten Wahl in vier Jahren erfolgreich sein will, sollte sich an einem orientieren, der in den vergangenen Jahren ganz bewusst einen anderen Weg gegangen ist und damit 2017 gewonnen hat. Im Mai in Nordrhein-Westfalen und am 24. September im Bund. Über 2.500 Zuschauer gleichzeitig hatte FDP-Vorsitzender Christian Lindner zuletzt bei seinen Facebook-Live-Sessions. Weit mehr als vor Ort in Liberalen-Hochburgen wie Düsseldorf. Lindners größte „Kundgebungen" in diesem Wahlkampf fanden online statt. Sein Ansatz, die Dialoge auf Facebook anzukündigen, Fragen live und ungeschnitten zu beantworten, ist so einfach wie richtig. Lindner ist erfolgreich, weil er diese Dialoge regelmäßig anbietet, andere Formate ähnlich locker produziert, Fragen spontan aufgreift und seinen Dialog komplett ungeskriptet durchführt. Richtig genutzt ist Social Media ein fortlaufender Austausch vor Publikum im Netz. Mit anderen Politikern, mit Journalisten, mit Lobbygruppen, mit Bürgerinnen und Bürgern. Das ist echt und schafft Nähe. Solche ernst gemeinten Dialoge, die nicht einseitig, sondern mit der Bevölkerung geführt werden, sind ein Weg, um deutlich zu machen, dass es zur offenen Gesellschaft keine Alternative gibt, dass Hass keine Probleme löst.

Menschen begegnen, wo sie unterwegs sind 


Dieser offene Dialog mit interessierten Bürgern und der digitale Austausch mit Stakeholdern muss intensiviert werden. Parteien sind gerade nach dem Ergebnis der Bundestagswahl gut beraten, weiter in institutionalisiertes Web-Monitoring zu investieren, um früh Themen und Interessen wahrzunehmen, zu analysieren und schnell, aber klug mit Maßnahmen und Aktionen reagieren zu können. Moderne Kommunikation kann auf Big Data nicht verzichten. Die Politik muss sich die Mühe machen, herauszufinden, welche Probleme enttäuschte Menschen wirklich bewegen und ihnen dort begegnen, wo sie unterwegs sind. In der digitalen Fußgängerzone Facebook ebenso wie in Innenstädten. Warum stellt sich der Minister nicht auch während der Legislaturperiode in „ask me anything“ Formaten auf Marktplätzen den Fragen der Bevölkerung? Wieso hält Angela Merkel eine bedeutende Rede zur Zukunft Europas nicht ganz bewusst vor Ort umringt von Menschen? Warum erklären Parteien Gesetzesvorlagen nicht an Infoständen im direkten Austausch mit den Menschen?

Die Hoffnung eines neuen Politikstils realisieren 


Mehr denn je brauchen wir heute Dialoge zwischen der Bevölkerung und der Politik. Dazu braucht es Nähe und die Offenheit für neue Wege und alternative Kommunikationsformen, um die Bürgerinnen und Bürger anzuhören und ihnen auf Augenhöhe zu begegnen und mit ihnen zu kommunizieren. Es gibt keinen besseren Weg, Akzeptanz und Vertrauen für das demokratische System und die getroffenen Entscheidungen zu schaffen, als die Betroffenen selbst einzubeziehen und Transparenz zu schaffen. Der digitale Dialog ist eine große Bereicherung für unsere demokratische Kultur.

Eine mögliche Jamaika-Koalition könnte sich genau das zur Aufgabe machen. Einen Koalitionsvertrag im Dialog mit den Bürgerinnen und Bürgern und im engen Austausch mit Interessengruppen umsetzen. Viele Menschen hoffen auf einen neuen Politikstil, Dialog auch während der Legislaturperiode, neue Formen der Beteiligung und ein Ende des Regierens von oben herab.


Autor 

Berater für Public Affairs und Kommunikation
Daniel Mack ist Berater für Public Affairs und Kommunikation bei 365 Sherpas Corporate Affairs & Policy Advice in Berlin und früherer hessischer Landtagsabgeordneter für Bündnis 90/Die Grünen. Er berät Marken, Persönlichkeiten, Organisationen und Politik bei Strategien für digitale Kommunikation und veröffentlicht als Autor Beiträge bei diversen Medien.








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