Mittwoch, 28. März 2018

Wenn die Demo bei Facebook weitergeht - Wie mobilisert PEGIDA bei Facebook?

Dies ist ein Gastbeitrag des Journalisten und Sprechers Christopher Gaube. Der Gastbeitrag basiert auf seiner Masterarbeit über die politische Aktivierung in sozialen Netzwerken am Beispiel der PEGIDA-Bewegung.

Fake-News im Netz oder Trolle, die im Social Web Stimmung machen – die Möglichkeiten des Internets zur Meinungsbildung (oder Meinungsmanipulation) sind vielfältig. Immerhin wird solchen Methoden zugetraut, erheblichen Einfluss auf die politische Stimmung zu besitzen. Wie hoch der Einfluss sozialer Medien tatsächlich ist und ob politische Aktivierung bei Facebook gelingen kann, lässt sich am Beispiel der PEGIDA-Bewegung nachvollziehen. Die Aktivitäten der einst erfolgreichen Bürgerbewegung wurden umfangreich dokumentiert und Organisatoren, Anhänger sowie Gegner haben bei Facebook eine Fülle an Beiträgen, Likes und Kommentaren hinterlassen. Diese geben einen einzigartigen Einblick in die Kommunikation der Gruppe und Aufschluss über die politischen Möglichkeiten sozialer Netzwerke.

Ein kurzer Rückblick: als sich PEGIDA im Oktober 2014 konstituierte, brachte es die Bürgerbewegung innerhalb kürzester Zeit zu vielen Anhängern und großer Aufmerksamkeit. Bereits am 12.01.2015 gingen für die Bewegung 25.000 Demonstranten auf die Dresdner Straßen. Gleichzeitig explodierten auch die Aktivitäten auf der Facebook-Seite der PEGIDA-Bewegung. Insgesamt 130 Beiträge wurden im Januar 2015 auf der offiziellen Facebook-Seite veröffentlicht. Diese bekamen 441.000 Likes (damals waren nur Likes möglich) und 172.000 Kommentare. Wegen interner Streitigkeiten der PEGIDA-Gründer gingen Teilnehmerzahlen und Facebook-Aktivitäten zunächst deutlich zurück. Die Flüchtlingsbewegung gab PEGIDA im Herbst 2015 allerdings neuen Auftrieb.

Die Facebook-Daten aus dieser Zeit lassen sich zu verschiedenen Kenngrößen aggregieren, wie etwa der Summe aller Nutzerinteraktionen innerhalb einer Woche. Neben diesen Werten gibt es eine entscheidende zweite Datenreihe: die Teilnehmerzahlen der Demonstrationen. Beim Vergleich dieser Datenreihen lässt sich herausfinden, ob ein statistischer Zusammenhang zwischen Facebook-Aktivitäten und Teilnehmerzahlen besteht. Soweit in aller Kürze die grundlegende Methodik der Untersuchung, viel interessanter sind jedoch die Ergebnisse.

Ich demonstriere, also kommentiere ich


Tatsächlich kann man davon ausgehen, dass sich die Facebook-Aktivitäten und die Teilnehmerzahlen gegenseitig beeinflussen. Gab es in einer Woche besonders viele Kommentare und Likes, war auch die Teilnehmerzahl der folgenden Demonstration hoch. War (relative) Flaute bei Facebook, war auch Flaute bei der PEGIDA-Demo. Der Korrelationskoeffizient beim Vergleich der gesamten Wochenaktivität bei Facebook und der Teilnehmerzahl liegt bei 0,70 – für Sozialwissenschaften ein starker Zusammenhang. Deutlicher wird das Phänomen, wenn man nur die Kommentare einer Woche mit den Teilnehmerzahlen der kommenden Demonstration vergleicht. Hier steigt der Korrelationskoeffizient auf 0,83.


Abbildung 1: Vergleich der Kommentare/Woche und der Teilnehmerzahl der PEGIDA-Demonstrationen,
Skalierung angepasst

Die Daten geben auch Aufschluss über die Aktivitätsrate der Fans. Mit anderen Worten: wie viele Nutzer wurden überhaupt aktiv? Die Kommentierungen sind in diesem Zusammenhang besonders interessant, da sie im Vergleich zu den anderen Aktionsmöglichkeiten den größten Zeitaufwand vom Nutzer verlangen. Bei dieser Häufigkeitsverteilung zeigt sich, dass die meisten Nutzer auf der PEGIDA-Seite lediglich einen Kommentar verfasst haben, was soweit keine Überraschung ist. Allerdings gibt es eine große Zahl an Nutzern, die 50 Kommentare und auch weit mehr im Monat schrieben. Der Nutzer mit den meisten Kommentaren im Januar 2015 brachte es auf 1.565 Beiträge. Stichproben zeigen, dass die Kommentare nicht von einem Bot generiert wurden, da sie sich inhaltlich auf die Beiträge beziehen. Glaubt man dem Internetforscher Clay Shirky, verzerren solche Ausreißer nicht die statistische Wirklichkeit, sie tragen vielmehr dazu bei, soziale Systeme anzutreiben. So würden von der Wikipedia eine Vielzahl von Menschen profitieren, nur wenige der Nutzer tragen aber zum Aufbau und zur Aktualisierung bei.

Infografik

Abbildung 2: Häufigkeitsverteilung der Kommentare je aktivem Nutzer für PEGIDA (Januar und September 2015)
sowie anderer politischer Facebook-Seiten (logarithmisch skaliert)

Im Vergleich mit den Facebook-Seiten von CDU, SPD und der Gegeninitiative NoPegida fallen in Bezug auf die Seite von PEGIDA verschiedene Besonderheiten auf. Zum einen scheint eine wesentlich breitere Menge der PEGIDA-Fans bereit zu sein, Beiträge zu kommentieren. Zum anderen neigen diese Nutzer dazu, eine wesentlich größere Zahl an Kommentaren zu verfassen. Dieses Verhalten mag maßgeblich mit dem Charakter der PEGIDA-Bewegung als ad-hoc-Bewegung oder auch mit der emotionalen Aufladung der Inhalte zusammenhängen.

Am ersten Tag schuf PEGIDA die Bindung, am zweiten den politischen Gegner


Dachten Sie bis heute, dass PEGIDA von Anfang an gegen Merkel und Co. Stimmung machten? Dass die PEGIDA-Macher eine eindeutige Sprache nutzten um den politischen Feind mit allem negativen in Verbindung zu bringen beziehungsweise zu framen? Dem war nicht so. Vielmehr verwendete die Bewegung erst mit der gestiegenen Zuwanderung an Flüchtlingen im Herbst 2015 bestimmte Schlüsselworte häufiger. So steigt die Verwendung der Begriffe Politik, Europa/EU und Flüchtling erst Monate nach der Gründung von PEGIDA, der Name (Angela) Merkel findet erst ab September 2015 häufigeren Gebrauch.

Infografik

Abbildung 3: Vergleich der Teilnehmerzahlen der PEGIDA-Demonstrationen und
Nennungshäufigkeit der meistgenutzten Worte, Skalierung angepasst

Anders ist das bei selbstreferenziellen Begriffen und Hashtags, wie #dresdenzeigtwiesgeht oder #montagistpegidatag. Die Verwendung und Palette solcher Schlagworte steigt zwar ebenfalls im Laufe der Zeit an, wurde aber bereits seit der Gründung von PEGIDA stärker eingesetzt.

Von der Straße ins Netz und zurück


Das Resümee: wer einst pegida.de im Internet aufrief, wurde direkt zur Facebook-Präsenz der Bewegung weitergeleitet. Die Macher forcierten von Beginn an eine ausgeprägte Kommunikation in diesem sozialen Netzwerk. Dort erreichte man eine große Menge an Sympathisanten. Der Facebook-Auftritt selbst erfüllte verschiedene Zwecke. So konnte PEGIDA Inhalte gezielt in der digitalen Wirklichkeit ihrer Fans platzieren (Filterblaseneffekt). Außerdem wurde der abstrakte Charakter einer Bürgerbewegung in einer interaktiven und ständig verfügbaren Plattform aufgelöst, an der jeder Sympathisant partizipieren und Teil werden konnte. Das Identifikationsgefühl der PEGIDA-Gruppierung wurde somit nicht nur während der Demonstrationen gebildet, sondern konnte darüber hinaus bei Facebook gestärkt oder angeregt werden. Diese gegenseitige Abhängigkeit – von Demonstration und Facebook-Aktivitäten – wurde statistisch nachgewiesen. Es ist davon auszugehen, dass die Menschen, die sich an einer Demonstration beteiligt haben, bei Facebook eine Verlängerung ihres Engagements und Gemeinschaftsgefühls fanden. Im Umkehrschluss haben die Facebook-Aktivitäten die Bereitschaft zur neuerlichen Demonstrations-Teilnahme aufrechterhalten.

Die politische Aktivierung in sozialen Netzwerken ist folglich möglich. Besonders ausgeprägt scheint dieser Effekt zu wirken, wenn eine persönliche Identifikation der Fans mit dem politischen Akteur, in diesem Falle der Bürgerbewegung, erfolgt. Dieses Zugehörigkeitsgefühl kann on- und offline sowie im Wechselspiel gebildet werden.



Autor

Christopher Gaube (Foto: Elena Heymann)
Christopher Gaube ist freier Journalist und arbeitet unter anderem für das Nachrichtenradio des Mitteldeutschen Rundfunk. Im vergangenen Jahr schrieb er seine Masterarbeit über die Wirkung sozialer Netzwerke für politische Akteure am Beispiel der PEGIDA-Bewegung. Warum? Weil politische Sprache und gesellschaftliche Kommunikation heute von großer Bedeutung sind – und kritisch hinterfragt werden müssen.

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