Samstag, 21. April 2018

Mit Haustürbesuchen zum Wahlerfolg – Ein Praxisbericht aus der Ludwigshafener Oberbürgermeisterwahl 2017

Dies ist ein Gastbeitrag von Daniela Hohmann (Leiterin des Bereiches Mobilisierung, Analyse und Wahlen) und Daniel Stich (Generalsekretär und Landesgeschäftsführer) von der SPD Rheinland-Pfalz, sowie von Johannes Hillje  (Associate) und Guillaume Liegey (CEO) bei  Liegey Muller Pons. Alle vier waren am erfolgreichen Oberbürgermeister-Wahlkampf 2017 in Ludwigshafen aktiv beteiligt. Ein Werkstattbericht! 

Quadratisch weiße Schrift auf rotem Hintergrund
Logo SPD Rheinland-Pfalz
Die wichtigste Innovation im Bundestagswahlkampf 2017 waren nicht etwa die intensivierten Social-Media-Kampagnen der Parteien. Es war ein ganz altmodisches Instrument: Der Haustürwahlkampf, welcher allerdings mit Hilfe digitaler Technologien als datenbasierter Haustürwahlkampf ein Revival erlebte. Auch bei Landtagswahlen und lokalen Wahlen stand dieses Mobilisierungsinstrument im Fokus fast aller großen Parteien. Die Medien berichteten vielfältig über die Wahlkämpfer, die ausgerüstet mit Smartphone-Apps von Tür zu Tür zogen, und stießen mitunter auch die berechtigte Debatte über die Wirksamkeit und den Datenschutz dieser Wahlkampfform an. 
 
Nach Ende des intensiven Wahljahres 2017 ist das Thema schnell wieder aus der öffentlichen Debatte verschwunden und es bleibt weitestgehend offen, ob die Besuche an den Haustüren den Parteien genutzt haben. Wir glauben, dass gerade Volksparteien in Zeiten sich verfestigender Wahlmüdigkeit und erheblichem Zuspruch für den Rechtspopulismus neue Wege gehen müssen, um mit den Bürgern in Kontakt zu treten und sie zur Stimmabgabe zu bewegen. Inwiefern kann der datengestützte Haustürwahlkampf also ein wirksames Mittel sein, um die eigene Wählerklientel zur Wahlteilnahme zu bewegen? Mit der Darstellung unserer gesammelten Erkenntnisse im Kontext der Ludwigshafener Oberbürgermeisterwahl möchten wir einerseits zeigen, welchen Anteil die Besuche an den Haustüren schon heute im deutschen Wahlkontext haben können. Andererseits wollen wir eine offene und parteiübergreifende Debatte über die Weiterentwicklung des Haustürwahlkampfes anstoßen und die damit verbundenen künftigen Wirkungspotenziale für das Instrument.

 

Rund 15.000 geklopfte Haustüren in strategisch wichtigen Stadtteilen


Kandidatin Jutta Steinruck (SPD)
Die Oberbürgermeisterwahl in Ludwigshafen ging in zwei Wahlgängen zugunsten der SPD-Kandidatin Jutta Steinruck aus. Im ersten Wahlgang konnte die Kandidatin, die als Herausforderin ins Rennen ging, bereits 48,3 Prozent der Stimmen auf sich vereinen. Schon dort lag die Kandidatin der SPD 8,2 Prozentpunkte vor ihrem stärksten Mitbewerber von der CDU. Im zweiten und entscheidenden Wahlgang fiel das Ergebnis noch deutlicher aus: Hier konnte Jutta Steinruck (SPD) – bei einer rückläufigen Wahlbeteiligung um rund 25 Prozentpunkte – 58,1 Prozent der Stimmen der wahlberechtigen Ludwigshafener auf sich vereinen und ging damit als Wahlsiegerin aus der Oberbürgermeisterwahl in Ludwigshafen hervor. Davor lag ein intensiver SPD-Wahlkampf, bei dem Haustürbesuche eine Schwerpunktsetzung in der Kampagne darstellten. An den Türen waren sowohl eine Vielzahl ehrenamtlicher Parteimitglieder und Unterstützer der Kampagne als auch die Kandidatin selbst unterwegs, sodass am Wahltag 15.289 geklopfte Haustüren in strategisch wichtigen Stadtteilen auf dem Anzeiger standen.

Rund 6.000 der geklopften Haustüren in allen 14 Stadtteilen entfielen dabei auf den ersten Wahlgang, die restlichen mehr als 9.000 Haustüren wurden im Zuge des zweiten Wahlgangs regelrecht abgeklappert. Leider kann unsere Analyse des Haustürwahlkampfes nur für den ersten Wahlgang erfolgen, denn im entscheidenden zweiten Wahlgang kam es seitens der Verwaltung zu vorher nicht kommunizierten Zusammenlegungen von Stimmbezirken, welche eine systematische Analyse des Haustürwahlkampfes in diesem Wahlgang unmöglich machen.


Die Tür-zu-Tür-App als Navigator und Dokumentationsinstrument


Screenshot
Screenshot aus der App 50+1 von LMP
Vor dem ersten Wahlgang der Oberbürgermeisterwahl in Ludwigshafen, der zeitgleich mit der Bundestagswahl stattfand wurden in allen 14 Stadtteilen Haustürbesuche durchgeführt. In einem Zeitraum von rund zwei Monaten waren die Ehrenamtlichen in 32 von 102 Urnenwahlstimmbezirken aktiv, klopften dabei an rund 6.000 Haustüren und kamen bei einer Kontaktquote von 34 Prozent mit über 2.000 Bürgern ins Gespräch. Die Wählerkämpfer waren mit der App „50+1“ des Kampagnentechnologie-Unternehmens Liegey Muller Pons (LMP) ausgestattet. Die App führt sie zu den Haustüren, an denen geklopft werden sollte und gab ihnen gleichzeitig die Möglichkeit, Informationen über das Gespräch oder den Gesprächspartner zu sichern. Mittels der potenzialorientierten Datenanalysen von Liegey Muller Pons wurde auf Basis von öffentlich zugänglichem Datenmaterial vergangener Wahlen drei Zielgebiete für den Haustürwahlkampf in Ludwigshafen ermittelt: 
  
1.) SPD-Hochburgen und damit Gebiete, in denen die SPD in vergangenen Wahlen stark abgeschnitten hat, 

2.) SPD-Mobilisierungsgebiete, also Gebiete, in denen die SPD-Ergebnisse bei vergangenen Wahlen rückläufig waren und 

3.) SPD-Überzeugungsgebiete, was Gebiete umfasste, in denen die AfD der SPD in jüngster Zeit die Vormachtstellung streitig gemacht hat. 

In 28 der 32 Stimmbezirke, in denen die SPD vor dem ersten Wahlgang der Oberbürgermeisterwahl Haustürbesuche durchgeführt hat, ging sie als Gewinner hervor.


In der großen Mehrheit der Stadtteile zahlten sich Haustürbesuche aus


Screenshot vom Handy
Streckenkarte App 50+1
Doch welchen Anteil am SPD-Ergebnis kann den Besuchen an der Haustür im ersten Wahlgang zugeschrieben werden? Hierfür wollen wir die durchschnittlichen SPD-Ergebnisse bei der Urnenwahl (Briefwahlergebnisse werden aus methodischen Gründen nicht berücksichtigt) mit den SPD-Ergebnissen für die Gebiete vergleichen, in denen systematisch Haustürbesuche durchgeführt wurden. Für Ludwigshafen als Ganzes zeigt sich für den ersten Wahlgang bei der Oberbürgermeisterwahl 2017, dass die SPD mit ihrer Kandidatin Jutta Steinruck ein Urnenwahlergebnis von 50,1 Prozent erreichen konnte. Nimmt man nun aber alle Gebiete der Stadt zusammen, in denen Haustürbesuche durchgeführt wurden, kommt ein Urnenwahlergebnis von 50,8 Prozent für die SPD zustande. Mit den Haustürbesuchen lag die SPD also 0,7 Prozentpunkte über ihrem durchschnittlichen Ergebnis. Das ist ein klares Plus, das gerade bei knappen Wahlergebnissen entscheidend sein kann. Vergleicht man die Differenzen der Gebiete, in denen systematische Haustürbesuche durchgeführt wurden mit den Gebieten, in denen keine Besuche an den Haustüren stattfanden, wächst das errechnete Plus sogar auf 2,0 Prozentpunkte an.

Bezogen auf die einzelnen Stadtteile ergeben sich in 9 der 14 Stadtteile Hinweise darauf, dass sich das Durchführen von Haustürbesuchen positiv auf das SPD-Ergebnis bei der Oberbürgermeisterwahl ausgewirkt hat. Die Spanne des erreichten Plus erstreckt sich von 0,3 Prozentpunkten bis hin zu beachtlichen 4,1 Prozentpunkten. Das größte Plus lässt sich in den Stadtteilen Maudach (+4,1), Süd (+3,8), Oppau (+1,8) und Gartenstadt (+1,6) messen. Gerade die Ergebnisse in der Gartenstadt sind als besonders erfreulich hervorzuheben, weil hier in Teilen die AfD in jüngster Vergangenheit besonders stark an Boden gewinnen konnte.




Ø SPD
Ergebnis
SPD Ergebnis mit Tür zu Tür
Mehrwert durch Tür zu Tür
Ludwigshafen gesamt
50,1
50,8
+0,7
Ludwigshafen Maudach
40,7
44,8
+4,1
Ludwigshafen Süd
51,0
54,8
+3,8
Ludwigshafen Oppau
49,0
50,8
+1,8
Ludwigshafen Gartenstadt
45,7
47,3
+1,6
Ludwigshafen Oggersheim
48,9
50,0
+1,1
Ludwigshafen Pfingstweide
55,6
56,3
+0,7
Ludwigshafen Edigheim
50,3
50,8
+0,5
Ludwigshafen Ruchheim
41,4
41,8
+0,4
Ludwigshafen Nord/Hemshof
59,0
59,3
+0,3
Ludwigshafen West
59,5
59,5
0
Ludwigshafen Friesenheim
52,2
52,8
-0,6
Ludwigshafen Mitte
53,4
52,6
-0,8
Ludwigshafen Mundenheim
49,2
48,0
-1,2
Ludwigshafen Rheingönheim
44,8
41,8
-3,0

Ergebnisse der Oberbürgermeisterwahl auf Stadtteilebene (ohne Briefwähler) mit Angabe zu den Tür-zu-Tür-Aktivitäten.

Verschweigen wollen wir aber nicht, dass in vier Stadtteilen keine positive Differenz zwischen dem durchschnittlichen SPD-Ergebnis und dem SPD-Ergebnis mit Haustürbesuchen verzeichnet werden konnten. Das ermittelte Minus ist mit Werten von -0,6 Prozentpunkten bis zu -3,0 Prozentpunkten unterschiedlich groß. Wir haben Anhaltspunkte dafür, dass diese Ergebnisse mit Blick auf den zweiten Wahlgang anders ausgefallen sind, denn gerade in diesen Stadtteilen wurde die Kampagne gezielt intensiviert und die Anzahl der Haustürbesuche erhöht. Ein Nachweis muss an dieser Stelle allerdings ausbleiben. 
 

Ein Instrument voller bisher ungehobener Mobilisierungspotenziale


Die hier präsentierten Ergebnisse lassen uns einerseits annehmen, dass die Haustürbesuche mit den erzielten Mobilisierungserfolgen in Ludwigshafen einhergegangen sind. Andererseits lassen uns die Resultate erahnen, welche Potenziale in den Besuchen mit Blick auf die Zukunft stecken, wenn sie noch umfangreicher und noch professioneller durchgeführt werden.
 
Screenshot
Wahlergebnis-Anzeige in der App 50+1
Dies beinhaltet, erstens, zum Beispiel die Verbesserung der Dokumentation der Besuche an den Haustüren per App. Thematische Interessen, aktuelle Stimmungen und Kontaktdaten von Bürgern sind - sofern sie von den Menschen freiwillig zur Verfügung gestellt werden - wichtige Ressourcen für künftige Wahlkämpfe. Solche Informationen sollten unkompliziert und im Einklang mit dem geltenden Datenschutz aufgenommen werden können. Das erfordert technische Voraussetzungen in der App, aber auch deren sensiblen Umgang mit dem Thema Datenschutz an der Haustür. 
 
Zweitens ermöglicht es die Aufnahme von Kontaktdaten sich auch über den Haustürbesuch hinaus mit dem Bürger zu vernetzen. Hier ist allem voran die Umwandlung eines Kontakts an der Haustür in einen Fan, Follower oder Abonnenten der Social Media- oder für die Email-Kommunikation interessant. So könnten Kandidaten analog im direkten Gespräch überzeugen und dann digital die geknüpfte Bindung festigen.

Drittens, wird das Potenzial von Haustürbesuchen aus unserer Sicht verkürzt betrachtet, wenn dabei lediglich die Wählermobilisierung in den Blick genommen wird. Auch für die Mobilisierung nach innen sind Haustürbesuche wertvoll – das hat der Haustürwahlkampf in Ludwigshafen ganz deutlich gezeigt. Im Verlauf der Kampagne hat sich unter den Ehrenamtlichen eine echte Schneeballwirkung entfaltet, die immer neue Ehrenamtliche in den Bann gezogen hat und so einen Beitrag zur Wiederbelebung der Parteistrukturen geleistet hat. Zweifelsfrei ist dieser Faktor nicht einfach zu messen, aber interne Evaluierungen im Wahlkampfteam könnten Aufschluss darüber geben, welchen Beitrag diese Form der Einbindung von Ehrenamtlichen langfristig für die Stärkung der lokalen Parteistruktur leisten könnte.

In Deutschland haben wir gerade erst begonnen, die Potenziale zu heben, die die Besuche an den Haustüren bieten. Erfolgsgeschichten wie der Oberbürgermeisterwahlkampf in Ludwigshafen zeigen schon heute, was mit systematischen Haustürbesuchen möglich ist. Ein Blick in die USA zeigt aber auch, dass das nur der Anfang ist, wenn man bereit ist die Professionalisierung des Instruments voranzutreiben. Mit professionalisierten Haustürbesuchen – auch außerhalb von Wahlkampfzeiten – werden wir die darin noch schlummernden Potenziale heben können und sehr wahrscheinlich schon bald über Ludwigshafen hinaus stärkere und langfristigere Mobilisierungswirkungen messen können.



AutorInnen

Daniela Hohmann
Daniela Hohmann leitet den Bereich Mobilisierung, Analyse und Wahlen bei der SPD Rheinland-Pfalz und promoviert im Bereich der Wahlforschung.

Auf Twitter: @DanielaHohmann








Daniel Stich
Daniel Stich ist Generalsekretär und 
Landesgeschäftsführer der SPD Rheinland-Pfalz.



Auf Twitter: @D_Stich
 




Johannes Hillje
Johannes Hillje ist Politik- und Kommunikationsberater in Berlin und Associate von LMP in Deutschland. 

Auf Twitter:
@JHillje









Guillaume Liegey
Guillaume Liegey ist Mitgründer und CEO von LMP (Liegey Muller Pons), ein führendes europäisches Kampagnentechnologie-Unternehmen, das Büros in Berlin, London und Paris hat und u.a. für Emmanuel Macron’s Bewegung „En Marche!“ arbeitet.

Auf Twitter: @guillaumeliegey  






8 Kommentare:

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