Ein Gastbeitrag von
Matthias Moehl, election.de
Nicht zuletzt
aufgrund der Erfolge fortgeschrittener Wahlprognose-Methoden in den
zahlenverliebten USA werden die klassischen Medien auch in Deutschland, mit
Ausnahme des öffentlich-rechtlichen Fernsehens, zunehmend aufgeschlossener
gegenüber quantitativen und statistischen Ansätzen zur Vorhersage von
Wahlergebnissen.
„Grau ist alle Theorie, entscheidend ist aufm Platz“ sagte
einst der legendäre Fußballtrainer Adi Preißler. Und genau so verhält es sich
mit der Demoskopie, denn stichprobenbasierte Umfragen mit ihren zahlreichen
systematischen Fehlern und Ungenauigkeiten eignen sich streng genommen kaum zur
Vorhersage von Wahlen. Neben einem starken Grundrauschen
sind vor allem die
Unentschlossenen, Unehrlichen und Unerreichbaren das große Problem. Dass dann
trotzdem runde Zahlen herauskommen, die zusammen 100 Prozent ergeben und zumindest
in der Nähe der späteren Wahlergebnisse liegen, verdanken die Demoskopen in
Wahrheit
den „Gewichtungen“ und
„Projektionen“, also Methoden der Sekundärforschung, die Zusatzinformationen
über das Wahlverhalten mit berücksichtigen, weil sie eben nicht in einer
Telefonbefragung gemessen werden können.
Dennoch beharren die für
ARD und
ZDF tätigen Institute
darauf, vor den Wahlen keine Prognose abzugeben und nach jüngsten
Aussagen ist dies zumindest bei infratest dimap auch in den nächsten Jahren nicht geplant.
Dass aber durchaus großer Bedarf nach dem „Vorherwissen“ besteht - denn das
bedeutet Prognose dem Wortsinne nach – zeigen die vielen Anfragen bei
election.de.
Eigentlich ist das wenig erstaunlich, denn am Wahlabend um 18 Uhr bringt eine
Prognose schließlich keiner Kandidatin und keinem Journalisten mehr einen
Mehrwert.
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| Bundestagswahlkreis 18 Hamburg-Mitte |
Als Beispiel für eine Wahlkreisprognose sei der
Bundestagswahlkreis Hamburg-Mitte betrachtet, der etwas mehr als den
Bezirk Mitte umfasst. Zunächst
einmal ist die Wahlhistorie im Wahlkreis entscheidend, also das Wahlverhalten
der vergangenen Jahre oder sogar Jahrzehnte. Strukturen und Traditionen sind
wichtig, denn Wahlen fangen eben nicht jedes Mal
wieder bei Null an. So ist Hamburg trotz der CDU-Erfolge
bei den
Bürgerschaftswahlen 2004 und 2008 traditionell eine
SPD-Hochburg. Noch
mehr gilt dies für den Wahlkreis Hamburg-Mitte, der zwischen 1998 und 2005
SPD-Zweitstimmenergebnisse von 50, 46 und 42 Prozent verzeichnete, während die
CDU nicht einmal 30 Prozent erreichte. Erst 2009 wurde mit 28.2 zu 23.7 Prozent
der Vorsprung der SPD vor der CDU deutlich dünner.
Ein weiterer wichtiger Faktor ist das Stimmensplitting, denn
mit zuletzt 16.6 Prozent der Zweitstimmen haben die Wählerinnen und Wähler der
GRÜNEN einiges Gewicht. Die unterschiedliche Abgabe der Erst- und Zweitstimmen
aus taktischen oder praktischen Gründen, weil kleine Parteien kaum Chancen auf
den Sieg im Wahlkreis haben, ist statistisch sehr gut erfassbar und wird bei
jeder Wahl offiziell ausgewertet. Das Ergebnis zeigt, wie viele von den
Zweitstimmen-Wählern einer Parte mit der Erststimme dieselbe oder eine der
anderen Parteien wählen.
Faktor Nummer drei sind die Kandidaten selbst: So ist
beispielsweise der langjährige
SPD-Bundestagsabgeordnete Johannes Kahrs als
Sprecher des
Seeheimer Kreises bundesweit eine prominente Figur, aber auch in
Hamburg-Mitte fest verankert und gut vernetzt . Er kann damit rechnen, wie schon
zuvor einige zusätzliche Erststimmen zu erhalten.
Der vierte Faktor sind regionale Trends. Hier spricht
einiges dafür, dass in Hamburg nach dem desaströsen Abschneiden der CDU und dem
Triumph der SPD bei der Bürgerschaftswahl noch ein kleiner Extra-Vorteil für
die Sozialdemokraten besteht.
Schließlich kommen die klassischen Umfragen ins Spiel, denn
sie können kurzfristige Stimmungen und vor allem die Stärke der „Blöcke“, also
Schwarz-Gelb oder Rot-Grün recht gut messen. Wohin das Pendel bei dieser Wahl
ausschlagen wird, wird zumindest in der Tendenz deutlich.
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| Wahlkreisprognose für Hamburg-Mitte von election.de |
Für den Wahlkreis Hamburg-Mitte sagt
election.de nach
Abwägung aller Faktoren derzeit voraus,
dass Johannes Kahrs (SPD) mit 37
Prozent klar vor
Dirk Marx (CDU) landen wird, der es auf 26 Prozent bringt.
Katharina Fegebank (GRÜNE) kommt auf 16 Prozent, alle anderen bleiben unter
zehn Prozent.
Mit den Wahlkreisprognosen konnte election.de bereits vor
zahlreichen Bundestags- und Landtagswahlen treffsichere Vorhersagen liefern. So
wurde im
Januar 2013 in Niedersachsen vor der Wahl
exakt das Verhältnis von 54
zu 33 Wahlkreisen zugunsten der CDU vorhergesagt. In 77 der 87 Wahlkreise trat
das prognostizierte Ergebnis ein, darunter in allen 20 „sicher“ bezeichneten
und in 26 der 27 Wahlkreise der Kategorie „wahrscheinlich“. Aber auch 31 der 40
als „knapp“ gesehenen Wahlkreise wurden so entschieden, wie es die Prognose
voraussagte.
Matthias Moehl ist ursprünglich Informatiker, beschäftigt sich aber schon
lange mit Wahlergebnissen und statistischen Analysen. Gestützt auf eine
umfangreiche Datenbasis zu allen Wahlen in Deutschland seit 1945 mit über
150 000 Einzelergebnissen entwickelt das
election.de-Team unter anderem
Prognosen auf Wahlkreisebene für Medien und lokale Kandidaten.
Bildnachweis:
Karte Bundestagswahlkreis Hamburg-Mitte: By © Bundeswahlleiter, Statistisches Bundesamt, Wiesbaden 2012, Wahlkreiskarte für die Wahl zum 18. Deutschen Bundestag Grundlage der Geoinformationen © Geobasis-DE / BKG (2011) [Public domain], via Wikimedia Commons