Dienstag, 27. Oktober 2015

Der Shitstorm und die Politik – ein Gast, der seine Meinung sagt

Dies ist ein Gastbeitrag von Dr. Christian Salzborn. Der Text basiert auf seiner Doktorarbeit über das Phänomen Shitstorm in der Unternehmenswelt. Seine Ergebnisse lassen sich in vielen Fällen auch auf die Politik anwenden.*

DER SHITSTORM LEBT

Logo Universität Hohenheim
Wir schreiben das Jahr 2011. Ein Begriff machte in den Medien und der Onlinesphäre die Runde. Kommunikationsexperten schwitzten, wenn er an ihre Tür klopfte und die heile PR-Welt zum Zittern brachte. Ein ungebetener Gast, der schnell vorbeikam, sich schlecht benahm und nur nörgeln konnte, um ebenso fix wieder zu gehen. Kaum eine Woche verging, an dem nicht irgendein Unternehmen, Privatleute oder Personen des öffentlichen Lebens Opfer kleiner und größerer Protestwellen wurden, die sich innerhalb kürzester Zeit im Netz verteilten und deren Berichterstattung auch Einzug in die klassischen Massenmedien sowie in die Berichte unzähliger Berater und PR-Profis fand. Auch die akademische Welt hat in den letzten Jahren ihr Interesse an dem Phänomen in zahlreichen Studien und Arbeiten bewiesen.
Bis heute hat der Shitstorm – gegenüber andersläufiger Meinungen, die einen „Mythos“ am Ende sehen, oder eine „Post-Shitstorm-Ära“ ausrufen – nichts von seiner Häufigkeit und Bedeutung verloren. Unternehmen sowie politische Organisationen sehen sich nahezu täglich gehäufter Kritik im Netz ausgesetzt; Nutzer löschen immer noch ihre Accounts auf Facebook und Twitter, um den teilweise schmähenden und beleidigenden Kommentaren zu entgehen. Der Shitstorm ist alles andere als tot. Er ist lebendiger denn je; wobei er von der weitaus schlimmeren Hatespeech und dem Flamewar abzugrenzen ist (weiterführend Salzborn 2015).

 

TYPEN DES STURMS

Screenshot Doktorarbeit Dr. Christian Salzborn
Der Politik sind Shitstorms nicht fremd. Seien es deplatzierte Tweets eines Abgeordneten, zögerliches Handeln des Ministers oder in den Augen der Kritiker falsche Entscheidungen der Kanzlerin; jeder hat die Möglichkeit, seinen Frust über „die da oben“ im Netz schnell öffentlich kund zu tun. Dabei geht es der großen Masse selten um die Formulierung klarer Argumente, denn „Shitstorms sind in den meisten Fällen ein Ventil für die Akteure, um sich und ihre Meinung selbst darzustellen und dadurch ihren Unmut zu äußern.“ (ebd., S. 202).
Die Auslöser dieses Unmutes sind vielfältig. Oft sind es die Politiker selbst, die in ein Fettnäpfchen springen ohne dass im Vorfeld Anlass zur Kritik bestanden hätte (Typ I „Der plötzlicher Sturm“). Andere hingegen handeln ungeschickt in einem bereits brodelnden Krisenkessel, wie es Vizekanzler Sigmar Gabriel (SPD) im Rahmen der Vorratsspeicherung tat (Typ II „Die schwelende Empörung“). In der aktuellen Flüchtlingsdebatte gut zu beobachten ist der dritte Typ eines Shitstorms (Typ III „Der gesellschaftliche Pranger“), bei dem sich der Inhalt von der eigentlichen Verfehlung des Adressaten löst und gesellschaftlich relevante Themen mit teilweise stark normativem Bezug diskutiert werden: Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) wird von vielen für ihre „offene Politik“ gelobt, sieht sich aber ebenso starker Kritik nicht nur in der eigenen Partei, sondern auch im Netz gegenüber. Dabei geht es nicht nur darum, ob die Kanzlerin alles richtig macht, sondern um den allgemeinen Umgang mit den Flüchtlingen, was schnell zu einer Debatte über die Frage, was Menschlichkeit in heutigen Zeiten bedeutet, führt.

Typ I „Der plötzliche Sturm“
Bricht ebenso schnell aus wie er aufhört. Ein kritisches Thema liegt im Vorfeld nicht vor. Der Sturm ist oft selbst verschuldet und überrascht den Adressaten. Meist besteht nur wenig Interesse an dem Fall in den Online- und Offlinemedien.


Typ II „Die schwelende Empörung“
Im Vorfeld liegt bereits ein kritischer Themenkontext vor. Der Sturm wird innerhalb dieses Kontextes durch Eigenverschulden oder Dritte ausgelöst. Das Interesse der Medien an dem Fall steigt.


Typ III „Der gesellschaftliche Pranger“
Auch hier liegt ein bestehender Krisenkontext vor. Das Thema erreicht aber eine Gesellschaftsebene (z.B. Menschenrechte, Tierschutz, etc.), die losgelöst von dem Adressaten vom allgemeinen Interesse ist. Medien online wie offline interessieren sich für den Fall.



Tabelle 1.: Shitstorm-Typen (ausführlich in Salzborn 2015)

 

FOLGEN?

Haben Shitstorms Folgen für den betroffenen Politiker? Schaut man sich einzelne Fälle an, dann lässt sich die Frage zunächst klar mit Nein beantworten. Kein Minister ist bisher ausschließlich aufgrund eines Shitstorms zurückgetreten; kein Kanzler musste seinen Hut nehmen. Nachhaltige Folgen sind bis heute nicht nachweisbar. Jedoch kann die kurzfristige Reputation eines Politikers zur Zeit des Sturms stark angegriffen werden; ebenso wie es auch Unternehmen ergeht, die sich einem Shitstorm gegenüber sehen (s. Abb.).

Balkendiagramm

Abbildung 1: Kurzfristige Reputationsfolgen (erhoben bei n= 40 untersuchte Unternehmens-Shitstorms; ausführlich in Salzborn 2015)
Hohn und Spott ergießen sich über den Adressaten. Für einen kurzen Zeitraum sind sie im Mittelpunkt des Interesses; Marionetten auf der digitalen Bühne. So wie es Regierungssprecher Steffen Seibert erleben musste, dessen Obama-Tweet zahlreichen Spott im Netz nach sich zog und es auch in zahlreiche Nachrichtenformate schaffte.
@regsprecher
Tweet Steffen Seibert (@regsprecher)
Trotz all des Spotts ist der Shitstorm aber nie als unnötige Protestwelle ewig meckernder Stammtischbesucher zu bewerten. Er ist immer auch ein Spiegel, der den Politikern ungeschminkt zeigt, wie ihre Person und ihr Handeln in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden. Denn die Social Media eröffnen ihren Nutzern ganz neue Möglichkeiten, die Arbeit der Politik zu reflektieren und mit ihren Volksvertretern in den Diskurs zu treten. Jener Austausch, der zu den Grundpfeilern einer jeden Demokratie zählt.

Fazit


Der Shitstorm ist ein Gast, den keiner gerne sieht, der aber seine Meinung sagt, wenn das Essen zu kalt, der Wein zu warm oder die Musik zu laut ist. Und daher brauchen wir das Phänomen auch weiterhin. Denn in jedem Shitstorm steckt immer auch ein Fünkchen Wahrheit. Und wer es schafft, darauf zu hören, auch mal zwischen den Zeilen zu lesen, der hat das Phänomen Shitstorm verstanden, weil er zuhört – und das macht schließlich auch einen guten Politiker aus.


Autor
Portrait
Dr. Christian Salzborn
Dr. Christian Salzborn ist diplomierter Medien- und Kommunikationswissenschaftler, der schon früh seine Leidenschaft für die Unternehmenskommunikation entdeckt hat. In seiner Dissertation hat er die Grundlagen des Phänomens Shitstorm gegenüber Unternehmen untersucht und daraus Empfehlungen für die Onlinekrisenkommunikation abgeleitet.
Twitter: @tweetdr85







*Literatur
Salzborn, Christian (2015): Phänomen Shitstorm - Herausforderung für die Onlinekrisenkommunikation von Unternehmen. Hohenheim (Dissertation). Online unter: http://opus.uni-hohenheim.de/volltexte/2015/1110/ (CC-Lizenz)

Kommentare:

  1. Und was ist mit dem Rücktritt Julia Schramms? Geht der nicht auf einen Shitstorm zurück?

    AntwortenLöschen
  2. Hallo. Guter Einwand. Frau Schramm ist aufgrund akuter Hatespeech bzw. Flamewar zurück getreten. Ein schönes Beispiel wie aus Shitstorms die viel schlimmere Hatespeech werden kann, wenn der kritische Bestandteil verschwindet und nur noch Diffamierung und Häme übrig bleiben. Justin Sacco ist ein ähnlicher Fall. Das die Medien wie auch die generelle PR Welt diese Unterscheidung negiert und alles ein Shitstorm wird, ist traurig. VG

    AntwortenLöschen