Montag, 10. Juni 2013

Social-Media-Nutzung der Parteien auf Länderebene: Kein Interesse an Interaktion und Dialog erkennbar

Nachdem ich an dieser Stelle bereits über die Chancen und Möglichkeiten der Online-Kommunikation von Parteien und Politikern gebloggt habe und analysiert habe, wie die sozialen Netzwerke in der Politik aktuell genutzt werden, folgt heute ein Gastbeitrag von Andreas Köhler und Prof. Andreas Elter. Dieser analysiert die Defizite der Onlinekommunikation der Parteien auf Landesbene.

Einen nachhaltigen politischen Dialog haben Facebook und Twitter bislang nicht nach Deutschland gebracht, zeigen die Ergebnisse eines Forschungsprojektes im Studiengang Journalistik der MHMK, Macromedia Hochschule für Kommunikation. Hierfür wurde mittels quantitativer Inhaltsanalyse die Social-Media-Kommunikation der sechs bundesweit aktiven Parteien während der Landtagswahlkämpfe des Jahres 2011 untersucht und statistisch ausgewertet (Eine umfassende Auswertung findet sich in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift „Publizistik“). Das Gesamtmaterial der vorliegenden Studie umfasste mehr als zehntausend Posts und Tweets (n=10.044). Durch die Einteilung der Erhebung in vier Untersuchungswochen (jeweils zwei direkt vor und nach der jeweiligen Wahl) konnte zudem festgestellt werden, wann Parteien und User agierten.

Social-Media-Nutzung der Parteien im Ländervergleich

Balkendiagramm
Die mit Abstand aktivste Partei in sozialen Netzwerken war die Piratenpartei. Knapp 1.300 Mal postete die Internetpartei in den Untersuchungszeiträumen auf Facebook. Mit deutlichem Abstand folgt die FDP. Allerdings zeigen sich bei der Zuordnung der Posts zu den einzelnen Landesverbänden große Unterschiede. So wurde die hohe Zahl an Facebook-Posts bei den Piraten von wenigen Landesverbänden generiert. In Baden-Württemberg war die Piratenpartei auf Facebook gar nicht aktiv – dort wiederum stellte der Landesverband der FDP zwei Drittel der gesamten FDP-Posts ein. Lediglich die Grünen sind in jedem der untersuchten Bundesländer aktiv, agierten allerdings eher zurückhaltend. Bei der Facebook-Nutzung durch die Parteien lässt sich demnach keine durchgängige Praxis erkennen. Die strukturellen Daten der Länder hatten darauf keinen messbaren Einfluss. Twitter wurde insgesamt weniger genutzt als Facebook, sehr selektiv eingesetzt und unterscheidet sich auch in der Nutzungsintensität stark zwischen den Landesverbänden der Parteien.

Parteien lassen die Interaktionskette abreißen
Obwohl alle Parteien Facebook und Twitter zur direkten Wählermobilisierung nutzen, gelingt es keinem Landesverband, seine User und Follower über den Wahltermin hinaus in einen regelmäßigen Dialog einzubinden. Nach der Wahl nimmt die Zahl der Partei-Posts und -Kommentare rapide ab. So reißt die „Interaktionskette“ an dieser Stelle auffällig ab.
















Fazit
Insgesamt kann aufgrund der geringen Anzahl von Parteikommentaren auf User-Kommentare kein Dialoginteresse ausgemacht werden. Darin besteht auch die wesentliche Kritik an den Parteien. Sie erkennen offensichtlich in den meisten Fällen Social Media nur als Wahlkampf- und Marketinginstrument. Zu Interaktion und Dialog mit den Bürgern über den Wahltermin hinaus nutzen sie diesen Kanal nicht. 

Autoren
Andreas Köhler, M.A., ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Studiengang Journalistik an der MHMK, Macromedia Hochschulefür Medien und Kommunikation in Köln und arbeitet an einer Dissertation zum Thema Symbolische Reformpolitik an der Universität der Bundeswehr in München.








Kommentare:

  1. Endlich geht es mal um Qualität und nicht immer nur um Quantität. Danke der HS für die Aufstellung! Hoffentlich hilft sie der Politik zu verstehen, was Dialog- und Partizipationsmedien wirklich ausmacht.

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  2. Qualität? Das Zusammenrechnen von Postings ist ja nun reine Quantität. Und ob die Zahlen aus 2011 so aussagekräftig dafür sind, wie die Parteien 2013 agieren, ist auch noch mal eine Frage ...

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  3. Wichtig: Nicht weil der "Parteiaccount" antwortet ist das Interaktion. Bei Piraten antworten andere Piraten, Kandidaten oder auch Vorstände.

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  4. Andreas Koehler11. Juni 2013 um 20:27

    @Till: Das stimmt. Wir werden die 2011er Daten auch mit denen aktueller Wahlen vergleichen und nach Bayern 2013 ein Update geben.

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  5. @Till Dass überhaupt mal der "Dialog" thematisiert wird und die Feststellung, dass kein Dialoginteresse ausgemacht werden kann, und nicht wieder nur Präsenz durch Accounts oder Followerwerzahlen besprochen werden, ist doch schon ein Fortschritt in Sachen "Qualitätsmessung". Dass sich bis heute (2013) nicht viel daran geändert hat, siehst Du bei einem Blick in die Social Media Accounts der Parteien. Wie nun die inhaltliche "Qualität" dieses Dialoges (sofern vorhanden) im einzelnen aussieht, ist ein nächster Untersuchungs-Schritt. Die wird nämlich durchaus subjektiv gesehen.

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