Mittwoch, 29. Juli 2015

Illusion of Knowing durch Social Media?!

Dies ist ein Gastbeitrag von Patricia Müller vom Institut für Medien und Kommunikationswissenschaft an der Technischen Universität Ilmenau. Der vorliegende Text basiert auf dem Vortrag „Just feeling being informed? – Social Network Sites und tatsächliches und wahrgenommenes politisches Wissen“, gehalten am 14. Mai 2015 auf der DGPuK-Jahrestagung in Darmstadt

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Eines ist nur wenig strittig: Ein „guter Bürger“ sollte informiert sein, damit er sich am politischen Diskurs beteiligen und seinen Interessen und Einstellungen entsprechende Wahl- entscheidungen treffen kann. Die meisten politischen Themen entziehen sich allerdings der direkten Erfahrbarkeit: Um Kenntnisse über politische Prozesse, Akteure und verhandelte Inhalte wie die Energiewende oder Steuerreformen zu vermitteln, spielen vor allem professionelle journalistische Nachrichtenmedien eine wichtige Rolle. Nun sehen wir, dass – gerade bei jungen Erwachsenen – zunehmend Social Media, und hier insbesondere die Social Network Sites (SNS) genutzt werden, um sich über aktuelle Nachrichten zu informieren. Nutzer erhalten auf Facebook, Twitter und Co. Nachrichten in ihrem persönlichen news stream. Darunter können neben allerhand Privatem, durchaus auch gesellschaftlich relevante Nachrichten sein. Sei es, weil Nutzer selbst Nachrichtenanbieter wie SPIEGEL ONLINE oder Bild abonniert haben oder aber weil ihre Freunde Links zu den Medienbeiträgen teilen. So werden Beiträge zum aktuellen politischen Geschehen teilweise nur zufällig gesehen – was zwar nicht unbedingt der Idealvorstellung einer gezielten Informationssuche entspricht, aber erst mal unproblematisch ist, solange man Ende trotzdem gut informiert ist.

Die Frage, die sich stellt, lautet also: Hängt die Nutzung von Social Network Sites, um sich über aktuelle Nachrichten zu informieren, wirklich mit politischem Wissen1 zusammen oder erzeugt sie nicht vielmehr nur ein Gefühl, ausreichend informiert zu sein? Dieses selbst-wahrgenommene Wissen muss nicht unbedingt mit tatsächlichem Faktenwissen zu politischen Themen oder Akteuren zusammenhängen. So wird eine Diskrepanz auch als „Illusion of Knowing“ bezeichnet (Park, 2001, S. 420). Heterogene, personalisierte news streams, wie sie auf Facebook und Twitter rezipiert werden, stehen dabei im Verdacht, eine überschätzende Illusion of Knowing zu begünstigen. Dem gehen wir mittels einer online-repräsentativen Befragung unter 16-29-Jährigen in Deutschland nach, deren Wissen zu innenpolitischen Themen und Akteuren ermittelt wurde. Vorab schätzten die Befragten ein, wie viel sie glauben, über das Themenfeld Innenpolitik zu wissen.


Übliche Verdächtige“ – Interesse, Bildung und klassische Nachrichtennutzung am wichtigsten für politisches Wissen

Zunächst werfen wir einen Blick darauf, wie Nachrichtennutzung und andere wichtige Faktoren wie die formale Bildung oder das Interesse an Innenpolitik mit dem tatsächlichen Wissen, also dem Abschneiden bei den gestellten Wissensfragen zusammenhängen2. Die aus zahlreichen früheren Studien (vgl. z.B. Maier, 2009 für einen Überblick) bekannten und gut belegten „üblichen Verdächtigen“ hohe Bildung und hohes politisches Interesse gehen auch hier mit einer höheren Informiertheit einher. Dieses Bild setzt sich bei der Nachrichtennutzung fort: Junge Menschen, die regelmäßig bei den öffentlich-rechtlichen TV-Sendern einschalten oder Nachrichtenwebsites wie SPIEGEL ONLINE besuchen, wissen mehr über Innenpolitik. Demgegenüber weisen diejenigen, die häufiger soziale Onlinenetzwerke wie Facebook nutzen, um von Freunden oder abonnierten Nachrichtenfanpages über das aktuelle politische Geschehen auf dem Laufenden gehalten zu werden, sogar signifikant weniger Wissen auf (vgl. Abb. 1).

Balkendiagramm mit Anzahl der richtigen Antworten im Wissenstest
Abb. 1 Wissen über Innenpolitik




Anmerkung: Abgebildet sind die Gruppenmittelwerte für diejenigen Befragten, die Nachrichtenwebsites bzw. SNS, um aktuelle, politische Nachrichten zu erhalten mind. mehrmals wöchentlich nutzen (Vielnutzer) gegenüber denjenigen, die dies nur mehrmals im Monat oder seltener tun (Wenignutzer).

Schaut man sich das selbst-wahrgenommene Wissen an, fällt auf, dass sich diejenigen als informierter einschätzen, die sich für Innenpolitik interessieren und im öffentlich-rechtlichen Fernsehen informieren. Twitter-Nutzer, die auf dem Microblogging-Dienst aktuelle Nachrichten lesen, schätzen sich ebenfalls als informierter ein.

Twitter und SNS als Nachrichtenquelle? Tendenz zur Wissensüberschätzung!

Bereits der Blick auf die Korrelate objektiven und selbst-wahrgenommenen Wissens deutet also auf interessante Unterschiede zwischen Social Media und genuinen Nachrichtenangeboten. Was wir bisher noch nicht sagen können, ist, was dazu beiträgt, dass das tatsächliche Wissen überschätzt wird – also eine Illusion of Knowing erzeugt. Dazu haben wir die Differenz zwischen tatsächlichem und selbst-wahrgenommenem Wissen als abhängige Variable betrachtet. Entsprechend bisheriger Forschung in diesem Bereich stellen auch wir fest, dass niedriger gebildete junge Menschen sowie diejenigen, die sich stark für Innenpolitik interessieren, ihr tatsächliches Wissen eher überschätzen. Viel spannender ist jedoch, dass dies auch auf diejenigen zutrifft, die Twitter nutzen, um sich über aktuelle Nachrichten zu informieren oder SNS wie Facebook, um dort von ihren Freunden oder abonnierten Nachrichtenmedien politische Nachrichten zu erhalten (vgl. Abb.2). 
 
Abb. 2 „Illusion of Knowing“ bei Twitter- und SNS-Nutzern


Anmerkung: Abgebildet sind die Gruppenmittelwerte der Differenzvariablen.
Lesehilfe: Werte über Null zeigen eine Überschätzung des tatsächlichen Wissens auf, Werte darunter eine Unterschätzung. Je näher der Wert an null liegt, desto geringer ist die Abweichung zwischen tatsächlichem und selbst-wahrgenommenen Wissen.

Fazit

Wer sich hauptsächlich bei Facebook und Twitter über Nachrichten informiert, scheint sein Wissen zu überschätzen. Möglicherweise verlassen sich die Nutzer (zu) stark darauf, dass sie in ihrem persönlichen news stream bereits alle relevanten Nachrichten mitbekommen, erlangen dabei jedoch nur einen eingeschränkten Einblick in das politische Geschehen. Zudem ist es gerade auf Twitter nicht selten, dass Nutzer gleich mehreren Nachrichtenmedien folgen. Der regelmäßige Kontakt mit verschiedenen „Informationshappen“ stärkt offenbar zwar das Gefühl, gut informiert zu sein, kann aber einer tiefergehenden Nachrichtenrezeption sprichwörtlich nicht das Wasser reichen. 

Nun ist Innenpolitik ein weites Feld und so kann eingewandt werden, dass die Ergebnisse bei eng gefassten Themen, für die bestenfalls auch klar ist, dass sie im Social Web stark thematisiert werden wie die Netzpolitik, möglicherweise anders ausfallen. Es gilt also, die Befunde – idealerweise in Längsschnittuntersuchungen, die auch kausale Rückschlüsse erlauben – zu bestätigen. Daneben erscheint es sinnvoll, nicht nur einzelne Angebote gegeneinander auszuspielen, sondern auch einzubeziehen, ob und inwiefern Social Media in übergeordnete Informationsrepertoires eingebettet sind – verlassen sich doch die wenigsten jungen Menschen nur auf einzelne Kanäle. Nicht zuletzt stellt sich die Frage, was überschätztes Wissen schließlich bedeutet, beispielsweise für weiterführende Informationssuche und letztlich auch politische Beteiligung und potentielle Wahlentscheidungen.


Autorin

Patricia Müller
Patricia Müller ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Fachgebiet PR und Technikkommunikation am Institut für Medien und Kommunikationswissenschaft der Technischen Universität Ilmenau. In ihrer Dissertation beschäftigt sie sich mit dem Zusammenhang von Nachrichtennutzung – mit Fokus auf Social Media – und politischem Wissen bei jungen Menschen.









Literatur
Maier, J. (2009). Was die Bürger über Politik (nicht) wissen - und was die Massenmedien damit zu tun haben -
ein Forschungsüberblick. In F. Marcinkowski & B. Pfetsch (Eds.), PVS - Politische Vierteljahresschrift:
Sonderheft 42/2009. Politik in der Mediendemokratie (pp. 393–414). Wiesbaden: VS Verlag für
Sozialwissenschaften.

Park, C.-Y. (2001). News Media Exposure and Self-Perceived Knowledge: The Illusion of Knowing. International
Journal of Public Opinion Research, 13(4), 419–425.

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1 Innerhalb der kommunikationswissenschaftlichen Forschung ist nach wie vor umstritten, wie man politisches Wissen eigentlich definieren und messen soll (Maier, 2009, S. 394). An dieser Stelle kann diese Diskussion noch geführt werden. Wir beziehen uns in diesem Beitrag auf Faktenwissen zu politischen Themen und Akteuren und verwenden den Begriff synonym zu politischer Informiertheit.

2 Alle im Beitrag präsentierten Ergebnisse beruhen auf Regressionsanalysen, um signifikante Prädiktoren für politisches Wissen, selbst-wahrgenommenes Wissen und „Illusion of Knowing“ zu ermitteln (n=527; Befragte, die für die Beantwortung der Wissensfragen länger als 35 Sekunden brauchten, wurden ausgeschlossen).

Kommentare:

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