Dienstag, 12. März 2013

Parteien-Websites und Barrierefreiheit: Eher schlechtes Niveau

Logo des Blinden- und Sehbehindertenvereins Hamburg
Logo des Blinden- und Sehbehindertenvereins Hamburg
Für blinde und sehbehinderte Menschen ist das Internet eine wichtige Informationsquelle. Mithilfe von Screenreader, Sprachausgabe und Braillezeile ist das Surfen möglich. Aber auch die Webseiten müssen einige Voraussetzungen mitbringen. Das Stichwort hierfür ist Barrierefreiheit. 2009 habe ich die Websites der Bundesparteien und der Parteien in Schleswig-Holstein auf Barrierefreiheit getestet: mit ernüchterndem Ergebnis. Ist das Thema seitdem bei den Parteien im Bundestagswahljahr 2013 angekommen?  Sind zum Beispiel Hamburgs Parteien-Seiten für blinde und sehbehinderte Menschen nutzbar?


SPD Hamburg









Screenshot der Webseite der Hamburger SPD
Screenshot der Webseite der Hamburger SPD
Meine Sprachausgabe findet als erstes Sprunglinks. Diese ermöglichen mir das direkte Ansteuern von Navigation, Inhalt oder Sidebar. Positiv fallen auch Orientierungspunkte (WAI-ARIA Landmarks) auf, die blinde Nutzer gezielt ansteuern können. Überschriften sind im HTML ausgezeichnet, allerdings sind die Überschriften-Ebenen unlogisch. Grafiken haben durchgehend Alternativ-Texte, diese sind leider nicht immer aussagekräftig. Optimierungsbedarf gibt es auch bei den Themen Tastaturbedienbarkeit und Anpassbarkeit der Inhalte an individuelle Bedürfnisse, wie Schriftgröße oder eigene Farbschemata.


Fazit: Ansätze von Barrierefreiheit erkennbar.




CDU Hamburg 

Logo der CDU Hamburg
Screenshot der Webseite der CDU Hamburg
Screenshot der Webseite der CDU Hamburg




Der Inhaltsbereich der Startseite besteht praktisch nur aus einer großflächigen Animation, die speziell für Menschen mit Sehbehinderung schwierig zu handhaben ist. Es gibt Überschriften, die ich direkt mit meinem Screenreader ansteuern kann, aber alle Überschriften sind als Überschrift auf der Ebene 2 ausgezeichnet, somit erschließt sich mir keine Struktur. Grafiken und Schaltflächen besitzen aussagekräftige Alternativ-Texte – lediglich bei der Suche könnte die Schaltfläche noch vom englischen „Submit“ ins Deutsche übersetzt werden. Die Inhalte des Webangebots lassen sich schlecht an individuelle Bedürfnisse anpassen.


Fazit: Optimierungen hinsichtlich Barrierefreiheit nicht erkennbar.



Bündnis 90/ Die Grünen Hamburg 

Logo Bündnis 90/Die Grünen Hamburg






Screenshot der Webseite von Bündnis 90/ Die Grünen Hamburg
Screenshot der Webseite von Bündnis 90/ Die Grünen Hamburg
Sprunglinks und Orientierungspunkte suche ich auf der Startseite der Grünen vergebens. Ich versuche mir also die Seite über die Überschriften zu erschließen. Das gelingt nur bedingt, denn Auch die Grünen müssen an der Logik der HTML-Überschriften-Struktur arbeiten. Grafiken verfügen über keinen oder nur über einen nicht aussagekräftigen Alternativtext. Beispiele: „Banner/Plakat200“ oder „Tag der Muttersprache“. Was sieht der sehende Nutzer da? Ich weiß es nicht. Die Inhalte des Webangebots lassen sich außerdem schlecht an individuelle Bedürfnisse anpassen.



Fazit: Optimierungen hinsichtlich Barrierefreiheit nicht erkennbar.




Die LINKE. Hamburg 
Logo Die LINKE. Hamburg







Screenshot Webseite Die LINKE Hamburg
Screenshot der Webseite Die LINKE Hamburg
Häufig gibt es grafische Banner, die auf Kampagnen oder Termine hinweisen. Hier fehlen oft Textalternativen. Irritierend ist auch die von der visuellen Darstellung abweichende Reihenfolge der Inhalte. So taucht bei der Nutzung im Screenreader als erstes die Überschrift "Termine" auf, in der Standardansicht ist das nur ein Nebeninhalt. Positiv ist die Skalierbarkeit der Inhalte. Besonders negativ: Die Website ist im Internet Explorer nicht mit der Tastatur bedienbar. Für Menschen die keine Maus nutzen können – zum Beispiel aufgrund motorischer Einschränkungen - ist das Angebot damit praktisch unzugänglich.


Fazit: Optimierungen hinsichtlich Barrierefreiheit nicht erkennbar.




FDP Hamburg

Logo der FDP Hamburg












Screenshot der Webseite der FDP Hamburg
Screenshot der Webseite der FDP Hamburg
Auch bei der FDP vermisse ich Sprunglinks und Orientierungspunkte. Überschriften sind als solche zwar ausgezeichnet, bewegen sich aber alle auf Ebene 2 und 3 (möglich sind 6 Ebenen). Überschriften-Ebenen sollten die Struktur der Seite widerspiegeln. Dass es keine Ebene 1 gibt, ist verwirrend. „uploads/slider-lifhh-2013-02-19“ liest mir meine Sprachausgabe bei der ersten Grafik vor, „images/button-canel“ an anderer Stelle. Allen Grafiken fehlt es an Alternativ-Texten. Auch bei der FDP lassen sich die Inhalte des Webangebots schlecht an individuelle Bedürfnisse anpassen.


Fazit: Optimierungen hinsichtlich Barrierefreiheit nicht erkennbar.



Piratenpartei Hamburg

Logo der Piratenpartei Hamburg







Screenshot der Webseite der Piratenpartei Hamburg
Screenshot der Webseite der Piratenpartei Hamburg

Bei der Piratenpartei finde ich endlich mal wieder einen Sprunglink, mit dessen Hilfe ich direkt zum Inhalt springen kann. Orientierungspunkte gibt es auch, allerdings gibt es nur Navigationsregionen, aber keinen Orientierungspunkt für den Inhalt, die Suche oder Ähnliches. Überschriften sind ausgezeichnet und strukturiert. Grafiken erkennt mein Screenreader nur zwei: „Logo Piratenpartei Hamburg“ und „PressemitteilungLVHH“ – was der sehende Nutzer bei letzterer Grafik sieht, bleibt mir verborgen. Und auch hier lassen sich die Inhalte des Webangebots schlecht an individuelle Bedürfnisse anpassen.


Fazit: Ansätze von Barrierefreiheit erkennbar.


Zusammenfassung:



Einen klaren Gewinner oder Verlierer gibt es in diesem Vergleich nicht. Die Websites der Hamburger Parteien bewegen sich trotz einiger Ausrutscher nach oben und unten hinsichtlich der Barrierefreiheit auf einem vergleichbaren, eher schlechten, Niveau. Ansätze von Barrierefreiheit sind lediglich bei der SPD und den Piraten erkennbar.

Das Ergebnis ist enttäuschend. Das Thema Barrierefreiheit ist immer noch nicht selbstverständlich. Während Behörden und staatliche Einrichtungen schon lange verpflichtet sind, ihre Webangebote zugänglich zu gestalten - siehe BITV 2.0 -, sind Parteien es nicht. Aufgrund ihrer exponierten Rolle in der politischen Willensbildung, sollten sie sich endlich des Themas annehmen. Schon aus Eigennutz: In Hamburg leben 3.000 blinde und 50.000 sehbehinderte Menschen, 12% der Bevölkerung haben eine anerkannte Behinderung. Dies sind über 3% der Hamburger Wahlberechtigten. Bisher schließen die Webangebote der Hamburger Parteien diesen Teil der Wählerschaft zu großen Teilen aus.  


Hinweis:

Dieser Test vermittelt lediglich einen ersten Eindruck. Es wurden dabei nur die Startseiten berücksichtigt. Außerdem wurden nur einige wenige Aspekte rund um Barrierefreiheit überprüft. Umfangreiche Tests bietet zum Beispiel die BIK-Beratungsstelle des Blinden- und Sehbehindertenvereins Hamburg an. Hier können sich Interessierte auch zum Thema beraten lassen. 

Der Autor

Foto von Heiko Kunert
Heiko Kunert (36) ist Geschäftsführer des Blinden- und Sehbehindertenvereins Hamburg und ist selbst blind. 
Er bloggt auf blindpr.com und im Inklusionsblog der Aktion Mensch










Anmerkung Hamburger Wahlbeobachter
Auch dieser Blog ist noch nicht zu 100% barrierfrei gestaltet. Dies hat zum großen Teil mit der verwendeten Blogsoftware von blogger.com zu tun. Der Gastbeitrag ist aber Anlaß den Blog zukünftig noch stärker barrierefrei zu gestalten. Für die wertvollen Anmerkungen und Hinweise danke ich Heiko Kunert.  

Update 
Da sage noch einer Blogs haben keinen Einfluß. Innerhalb von 24 Stunden nach Veröffentlichung haben alle sechs getesteten Parteien angekündigt ihre Webseiten zu überarbeiten und diese barierefreier zu gestalten. Danke! 


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