Montag, 18. März 2013

Social Media Kompetenz in deutschen Parteien

"Wir haben einmal 1097 Experten befragt...Welche Partei hat die größte Social Media-Kompetenz?"  Was sich anhört wie eine Frage im legendären "Familienduell" von Werner Schulze-Erdel ist die Basis einer ziemlich interessanten Umfrage der Internet World Messe und des Institut ibi Research an der Universität Regensburg.
Herausgekommen ist die Studie "Digitalisierung der Gesellschaft. Aktuelle Einschätzungen und Trends", die im Vorfeld der Internet World am 19. und 20. März in München, nun veröffentlicht wurde.

Die komplette Studie ist hier als .pdf abrufbar.

Da sich nur einige Ergebnisse der Umfrage mit dem Themenfeld Social Media und Politik befassen, möchte ich diese hier kurz herausgegriffen vorstellen:

Piratenpartei besitzt die größte Social-Media-Kompetenz

Balkendiagramm mit Prozentangaben
Quelle: ibi research / Internet World Messe 2013: Digitalisierung der Gesellschaft, Seite 32























Nicht überraschend ist die weit führende Kompetenzzuordnung der Piratenpartei , sondern vielmehr die fast gegen Null tendierenden Werte der Volksparteien. Der SPD und der FDP schreiben nur vier Prozent der befragten Experten eine Kompetenz bei Social Media zu. Die LINKE trifft es noch härter mit nur einem Prozent.

Da die Signale aus dem Vorwahlkampf bereits jetzt zeigen, dass alle Parteien Social Media wesentlich intensiver zu Wähleransprache als noch 2009 einsetzen wollen, müssen sich wohl die Digitalagenturen von SPD, Super J+K als auch Pilot für die FDP einiges einfallen lassen, um die Kompetenzzuschreibung noch zu verbessern.

Bündnis 90/Die Grünen mit größter Internetkompetenz im Bundestag 

 

Balkendiagramme in Prozent
Quelle: ibi research / Internet World Messe 2013: Digitalisierung der Gesellschaft, Seite 28

Auch bei der Internetkompetenz liegt die Piratenpartei mit 48 Prozent klar vor allen anderen Parteien. Von den Parteien, die direkten Einfluß auf den bundespolitischen Gesetzgebungsprozess haben sind Bündnis 90/ Die Grünen nach Ansicht der Experten am kompetentesten beim Thema Internet aufgestellt (10 Prozent). Knapp dahinter die CDU mit 8 Prozent. Überraschend schwaches Ergebnis auch hier für die SPD: Nur drei Prozent.

Dies wird die grünen Netzpolitiker Konstantin von Notz, Jan Philipp Albrecht, Malte Spitz, Oliver Passek und Daniel Mack als auch den CDU-nahen Verein CNetz um Dr. Peter Tauber und Thomas Jarzombek sehr freuen. Die SPD-Netzpolitiker bei D64 (Zentrum für digitalen Fortschritt) müssen sich hingegen fragen ob deren Wirken auch in der Partei und öffentlich wahrgenommen wird. 

Bürger wünschen sich mehr Möglichkeiten, um sich über Social Media an Politik zu beteiligen

56 Prozent der Bürger wollen mehr politische Beteiligung via Social Media
Quelle: ibi research / Internet World Messe 2013: Digitalisierung der Gesellschaft, Seite 30



Dieses Ergenis überrascht nicht, aber es bestätigt bereits vorangegangene Studien z.B. des Arbeitskreises Open Government Partnership Deutschland oder den Forsa Open Government Monitor 2013 von SAS. 

56 Prozent der Experten wünschen sich mehr Möglichkeiten über Social Media bei politische Entscheidungen mitreden zu können. 

Im schönen Kontrast zu den Wünschen stehen meistens die realen Nutzungszahlen z.B: von Social Media bei polilitischen Entscheidungen.

25% der Befragten haben sich bisher via Social Media an Politik beteiligt
Quelle: ibi research / Internet World Messe 2013: Digitalisierung der Gesellschaft, Seite 31


Nur jeder vierte Experte hat sich bisher auch schon einmal an poltischer Willensbildung via Social Media beteiligt. Aber immerhin.

Social Media Nutzung deutscher Parteien


Eine Übersicht über die Social-Media-Nutzung aller deutschen Parteien bietet Pluragraph.de unter:
Social-Media-Ranking deutscher Parteien 

Und nach einzelnen Netzwerken selektiert:
Ranking der deutschen Parteien bei Facebook
Ranking der deutschen Parteien bei Twitter
Ranking der deutschen Parteien bei Google+


Eine ganz ähnliche Umfrage zur digitalen Standortkompetenz der Parteien und Bundestags-Spitzenkandidaten führte Hewlett Packard Government Relations unter 200 Experten durch. Auch hier schneiden Angela Merkel und die CDU/CSU wesentlich besser ab, als Herausforderer Peer Steinbrück und die SPD.

Update: Da Fragen zur Auswahl und Relevanz der befragten Experten kamen, habe ich nochmal bei den Autoren der Studie nachgefragt. Die Studienautoren verfügen über umfangreiche Expertenverteiler in der digitalen Wirtschaft. Diese Verteiler wurden angeschrieben und alle Teilnehmer haben sich freiwillig an der Umfrage beteiligt. Es handelt sich also nicht ausschliesslich um Experten aus dem politisch-digitalen Bereich.

Kommentare:

  1. Also, die Studie als solche ist zwar spannend. Ich finde allerdings die Rankings von Pluragraph ziemlich schwachsinnig, weil sie allein auf quantitativen Kennzahlen wie Fans und Follower basieren, die in meinen Augen überhaupt keine Aussagekraft darüber besitzen, auf welche Art und Weise die jeweilige Partei kommuniziert und inwieweit sie damit den Bedürfnissen der Nutzer/Mitglieder/(potentiellen) Wähler gerecht wird. Hinzu kommen die aktuellen Diskussionen um Followerkauf bei der CDU und der FDP, die das Ganze noch weiter konterkarieren. Dass von Bürgerbeteiligung im Netz, die auf die Initiative von Parteien zurückgeht, i.d.R. wenig zu halten ist, zeigt außerdem das hier: http://www.spiegel.de/politik/deutschland/buergerbeteiligung-im-netz-die-mitmach-tricks-der-cdu-a-888396.html

    Die Fokussierung auf den Wahlkampf wird uns hier nicht weiterbringen, da es aus meiner Sicht nicht reicht, wenn eine Regierung nur alle vier Jahre von den Wählern legitimiert wird. Zu groß ist heute die Transparenz, zu schnell die Kommunikation, zu vielfältig die Informationsquellen, unabhängigen Quellen, verfügbaren Daten und kritische Online Multiplikatoren. Eigentlich bräuchten wir ein Wahlsystem, in dem sich jede Partei laufend vor ihren Stakeholdern zu erklären, zu rechtfertigen und diese aktiv in die Entscheidungsfindung einzubeziehen hat. Das bliebt aber wohl leider Wunschdenken.

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  2. Lieber Felix Barth,

    vielen Dank für Ihr Feedback und die Kritik an Pluragraph.de

    Wenn Sie meinen Blog kennen und ihn regelmäßig lesen, sehen Sie, dass Sie mir sehr aus der Seele sprechen. Fan- und Followerzahlen können nie ein alleiniges Merkmal für Qualität sein.
    Pluragraph.de trifft auch keine Aussagen über die Qualität, sondern bietet lediglich quantitative Rankings an, um einen Überblick über die Aktivitäten z.B. von Politikern zu geben. Dies steht auch so auf der Seite ;)

    Und wer hat den Skandal um die FDP-Fakefollower aufgedeckt?
    Genau: Pluragraph.de ;)

    Als Benchmarking-und Analyse-Datenbank ist Pluragraph.de daher unersetzlich und ein wirklich gutes Tool.

    Und auch bei der Fokussierung auf den Wahlkampf sprechen Sie mir aus der Seele, siehe unzählige Postings in meinem Blog.

    Beste Grüße
    Martin Fuchs

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  3. Also zählt jeder Hater, jedes Fakeaccount und jede Facebookleiche gleich viel mit? Was ist dann die Aussagekraft solcher Zahlen? Und: Wer hat denn wem die Fakefollower gekauft? Ich glaube, das war ein Grüner. Man sollte eben nicht von Korrelationen auf Kausalitäten schließen. Das macht die Welt etwas zu einfach. Sorry, diese Art von "Empirie" ist zwar schön um Excel-Tabellen zu füllen. Brauchbare Analysen oder gar inhaltlich valide Aussagen zu IRGEND ETWAS lassen sich daraus aber nicht ableiten. Das könnte man erst, wenn man Frequenzanalysen der Postings mitsamt deren Tendenz machen könnte. Im Profibereich gibt es durchaus Software, die das kann. Allerdings nutzt die in Deutschland bislang keine Partei.

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  4. Lieber Herr Lochmann,

    richtige Anmerkung, die ich so gerne unterschreibe.
    Hätten Sie denn einmal Lust eine "Frequenzanalyse von Postings" (im bestenfall natürlich über alle relevanten Netzwerke) für die wichtigsten Politiker oder die größten 10 - 15 Parteien in Deutschland zu erstellen.

    Das wäre wirklich ein spannende Analyse für die mir an diesr Stelle leider die Zeit fehlt.

    Lust auf einen Gastbeitrag?

    Beste Grüße
    Martin Fuchs

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  5. Danke für die Info bezüglich der gekauften FDP-Follower. Mir war neu, dass Pluragraph da eine so große Rolle gespielt hat. Herr Lochmann hat grundsätzlich Recht damit, dass es Tools gibt, die wesentlich dezidierte Analysen erstellen und auch Benchmarks ermöglichen. Spontan fallen mir dort SocialBench und Fanpagekarma ein. Der Service von Pluragraph leistet jedoch etwas, das die anderen per se nicht haben: Er aggregiert die Daten und erstellt die Benchmarks für uns. Ich möchte quantitativen KPIs auch nicht ihre Aussagekraft absprechen. Allerdings ist sie eingeschränkt und diese Kennzahlen sollten niemals isoliert betrachtet werden. Machen leider zu viele so, wenn sie mich fragen.

    Viele Grüße

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  6. Lieber Herr Barth,

    wie hinter vielen anderen Recherchen und Artikeln im Social-Media-Bereich steckt Pluragraph auch 100% hinter der FDP-Recherche. Die Medien mussten es nur noch aufschreiben ;)

    Mit qualitativen Analystools beschäftigen ich/wir uns seit es diese gibt: Problem, es hakt auch dort an vielen Stellen. So gibt es m.E.noch kein Tool das verschiedene Netzwerke sinnvoll in einer Analyse mit einbezieht, immer nur isolierte auf einzelne Netzwerke bezogene Tools. Leider! Und über Klout habe ich an dieser Stelle ja auch schon lang und breit gebloggt.

    Aber schlagen Sie doch gerne eine Analysemethode vor. Ich bin für Gastbeiträge immer offen.

    Beste Grüße
    Martin Fuchs

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  7. Lieber Herr Fuchs,

    über Klout müssen wir gar nicht weiter diskutieren ;) Spannender ist da Googles Authorrank, der sich jedoch nicht auf Parteien/Unternehmen/Organisationen, sondern auf Einzelpersonen bezieht:

    http://www.seo-united.de/blog/seo/kriterien-fur-einen-hohen-authorrank.htm

    Auch die App von UDL Digital finde ich sehr hilfreich, um sich einen Überblick über die Aktivitäten einzelner Personen zu verschaffen:

    https://itunes.apple.com/tr/app/udl-digital/id470938202?mt=8

    Obwohl die politische Willensbildung sehr stark von Personen abhängt, ist die Personalisierung der Kommunikation m.E. etwas, woran es noch hapert. Gerade darin liegt vielleicht der Grund, dass Parteien im Social Web kaum Wähler wirklich erreichen. Was meinen Sie?

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  8. Ergänzend dazu noch ein kleines Beispiel, wie etwa Fraktionszwänge den persönlichen Austausch beeinträchtigen können: https://www.facebook.com/Marcus.Weinberg/posts/281800601950847

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  9. Die NPD keine Stimme? nun gut....

    Nicht, dass ich die NPD befürworte. Aber social-media-technisch sind sie sehr gut aufgestellt. Nur hat sich wohl niemand in der Umfrage getraut, die NPD auszuwählen.

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