Montag, 7. April 2014

Ungenutzte Potenziale? Die Facebook-Profile der Bundestagsabgeordneten

Dies ist ein Gastbeitrag des Jenaer Kommunikationswissenschaftlers Pablo Jost. Der vorliegende Text bezieht sich auf Teile seiner Masterarbeit.

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Spätestens seit dem (Online-)Wahlkampf von Barack Obama im Jahre 2008 wird das Potenzial des Internets für die politische Kommunikation und Kampagnenführung auch in Deutschland breit diskutiert. Insbesondere die sozialen Medien wie Facebook, Twitter oder YouTube erfahren diesbezüglich einen Bedeutungsgewinn in der öffentlichen Wahrnehmung. Auch unter politischen Akteuren selbst scheint die Einsicht in die Relevanz der sozialen Medien kontinuierlich zu wachsen: Aktuell pflegen  95% der Bundestagsabgeordneten mindestens ein Profil in den sozialen Medien. Mit dieser Entwicklung verbunden ist die Frage, wie sich die politischen Akteure in den sozialen Netzwerken präsentieren. 

Erwartet wird, dass Bürger über soziale Medien substanzielle Informationen über politische Inhalte und Akteure gewinnen können; andererseits zählen Authentizität und Darstellung von Privatheit zu den Leitprinzipien sozialer Netzwerke. Ein Abgeordneter sollte demnach nicht ausschließlich als Mandatsträger sondern gleichsam als Privatperson überzeugen können, um so die Voraussetzung für einen Dialog auf Augenhöhe zu schaffen. Um herauszufinden, ob und wie dieser Spagat gelingt, wurden die Profile von 95 Bundestagsabgeordneten untersucht. [1]

Private Angaben der Bundestagsabgeordneten


Zunächst wurde ermittelt, in welchem Maße die Abgeordneten ihre Profile nutzen, um sich mit rollenfernen Angaben als Privatpersonen darzustellen. Insgesamt erhalten die Bürger auf den Profilen der Bundestagsabgeordneten einige Informationen, die nicht in direktem Zusammenhang mit dem politischen Amt stehen. Jedoch werden auf Profilebene kaum allzu tiefe Einblicke ins Privatleben gewährt; vielmehr werden Informationen veröffentlicht, die größtenteils auch auf der Website der Abgeordneten oder auf Wikipedia zu finden sind. So bekennen sich die Abgeordneten am Häufigsten zu ihrer Heimat, ihren religiösen Einstellungen oder machen ihren Beziehungsstatus öffentlich, wobei diese Angabe deutlich häufiger von Abgeordneten mit Privatprofil gemacht wird.

 
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Abb.1: Private Profilangaben der Bundestagsabgeordneten



Angaben, welche explizit auf die Freizeitgestaltung und persönliche Vorlieben der Abgeordneten abzielen (bspw. Interesse, Aktivitäten, Lieblingsfilmen und -büchern sowie zu Lieblingsfernsehsendungen) werden selten gemacht. Die Kategorien Lieblingsspiel, Lieblingssportler, Lieblingsmannschaft, Lieblingssportarten sowie inspirierende Personen wurden von keinem der Abgeordneten im Sample angegeben bzw. waren nicht öffentlich einsehbar.

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Abb. 2: Rollennahe Profilangaben der Bundestagsabgeordneten
Neben der Vielfalt an privaten bzw. rollenfernen Angaben steht den Abgeordneten eine recht überschaubare Anzahl an standardisierten Möglichkeiten zur Verfügung, Angaben mit mehr oder weniger direktem Bezug zu ihrer politischen Tätigkeit zu machen. 

Die überwiegende Mehrheit der Abgeordneten macht Angaben zu ihrem aktuellen Arbeitsplatz sowie gut die Hälfte zur Ausbildung, wobei diese Information deutlich häufiger auf Privatprofilen zu finden ist. Berufliche Angaben wurden nur von knapp einem Viertel der Abgeordneten gemacht, was vermutlich der inhaltlichen Überschneidung mit der Angabe zum Arbeitsplatz geschuldet ist. Knapp ein Drittel der Abgeordneten mit Fanpage macht Angaben zu ihrem aktuellen politischen Amt – für Privatprofile ist diese Angabe nicht möglich. Die Darstellung substanzieller politischer Inhalte oder Positionen sieht die Profil-Architektur von Facebook nicht vor. 

Visuelle Selbstdarstellung


Neben den textlichen Möglichkeiten der Selbstdarstellung bietet Facebook seinen Nutzern die Möglichkeit, das Profil mit Bildern zu komplettieren. Besonders Bilder eignen sich dazu, den Eindruck von Authentizität und Privatheit zu transportieren. Andererseits können inszenierte Bilder schnell als solche entlarvt werden und damit die nutzerseitigen Authentizitätserwartungen enttäuschen.[2]

Insgesamt halten sich die natürlichen und inszenierten Bilder in etwa die Waage. Auf Fanseiten ist der Anteil der Inszenierung etwas größer als auf Privatprofilen. Dies gilt gleicher Maßen für Profil- und Titelbilder.

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Abb. 3: Visuelle Inszenierung auf Profil- und Titelbildern der Bundestagsabgeordneten







 

 

Formale Voraussetzung für Kontaktaufnahme und Dialog


Weiter wurde untersucht, in welchem Ausmaß die Abgeordneten den Bürgern die formale Möglichkeit zum Dialog auf ihren Profilen einräumen. Die entsprechenden Profileinstellungen sind die notwendige Voraussetzung, dass überhaupt Dialog zwischen Bürgern und Mandatsträgern entstehen kann.

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Abb. 4: Formale Möglichkeiten zu Kontaktaufnahme und Dialog mit Bundestagsabgeordneten




















Insgesamt veröffentlicht nur rund ein Drittel der Abgeordneten eine Telefonnummer. Etwas größer ist die Bereitschaft der Abgeordneten, ihre Mailadresse anzugeben. Die Abgeordneten zeigen sich prinzipiell offen für die direkte persönliche Kontaktaufnahme: Nahezu alle der Abgeordneten bieten den Nutzern die Möglichkeit, sie mit einer Facebook-Nachricht zu kontaktieren. Die Möglichkeiten zum öffentlichen Dialog durch Kommentierung räumen deutlich über die Hälfte der Abgeordneten ein; wobei diese Option in den Profileinstellungen von Fanseiten nicht untersagt werden kann, die Abgeordneten also ihre Statusnachrichten quasi unter Zwang der Kommentierung preisgeben. 

Auf das Dialogangebot mit dem größten nutzerseitigen Mitbestimmungspotenzial – nämlich Nutzern das Erstellen öffentlich einsehbarer Posts auf der eigenen Pinnwand zu gestatten – lässt sich immerhin gut ein Drittel der Abgeordneten ein, wobei besonders Abgeordnete mit Fanpage diese freie Form des öffentlichen Dialogs einräumen.


Fazit


Insgesamt präsentieren sich die Abgeordneten vor allem in ihrer Rolle als Politiker und geben wenig private Informationen preis. Damit wird der Anspruch auf Darstellung von Privatheit (und dem damit erhofften Abbau des hierarchischen Gefälles zwischen Mandatsträgern und Bürgern) nur bedingt erfüllt. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass mögliche relevante politische Inhalte nicht durch die Privatisierung der Profile überlagert werden. 

Positiv ist die überwiegende Offenheit für eine Kontaktaufnahme oder gar den Dialog mit den Bürgern. Die formale Offenheit sollte jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass dessen tatsächliche Umsetzung vielmals hinter den (optimistischen) Erwartungen zurückbleibt.



Autor: 
Pablo Jost
Pablo Jost ist seit September 2013 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Kommunikationswissenschaft der Universität Jena und forscht zur politischen Kommunikation insbesondere in sozialen Onlinenetzwerken.
Auf Twitter: @pbjost











[1] Die Untersuchung ist Teil der Masterarbeit des Verfassers mit dem Titel „Politiker im #Neuland – Untersuchung zur Kommunikation von Bundestagsabgeordneten auf Facebook“. Die Ergebnisse beziehen sich auf eine Zufallsstichprobe von 49 Fanseiten (52%) und 46 Privatprofilen (48%) von Bundestagsabgeordneten im Mai 2013. Berücksichtig wurden alle öffentlich einsehbaren Profilangaben.

[2] Zu den Attributen einer Inszenierung zählen bspw. der Eindruck, der Politiker und andere Personen widmen ihre Aufmerksamkeit primär der Kamera oder bestimmte Bildelemente, die darauf schließen lassen, dass es sich um ein professionelles Fotoshooting handelt - also ein Ereignis, das ausschließlich zur Produktion von Fotomaterial herbeigeführt wurde.



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